J. Berry, Handbuch für Detektive

Erst einmal recht herzlichen Dank an C.H.Beck für diesen Gewinn! Das Handbuch für Detektive war laut interner Verlagsstatistik wohl das meist gestohlene Buch des Verlages während der Frankfurter Buchmesse.

Und hier nun meine Rezension:

In einer großen Stadt im Irgendwo werden alle Häuser überragt von dem riesigen Gebäude der „Agentur“. Die Detektive dieser Firma kümmern sich um die Kriminalfälle der Stadt. Dabei arbeiten sie eng mit den Schreibern zusammen, deren Aufgabe es ist die Fallakten anzulegen. Arbeitet ein Detektiv an einem Fall, muss er regelmäßig Berichte verfassen, die auch Überlegungen und persönliche Anmerkungen enthalten. Der jeweilige Schreiber bereinigt diese Berichte, hebt wichtige Aspekte hervor, streicht unwichtige Details, versucht alles zu systematisieren und verfasst eine stringente Fallgeschichte. Anschließend gibt er diese Akte an die Archivare weiter. Da ein direkter Kontakt zwischen den Schreibern, Detektiven und anderen Angestellten untersagt ist, findet die Kommunikation innerhalb der einzelnen Abteilungen über Boten statt.
Charles Unwin ist unter den Schreibern eine kleine Berühmtheit. Er ist Detektiv Sivarts Schreiber und war mit seinen Fallgeschichten maßgeblich an dem steilen Aufstieg Sivarts beteiligt. Als Unwin eines Tages viel zu früh aufsteht und sich am Bahnhof noch einen Kaffee kauft, trifft er mit einer wunderschönen unbekannten Frau zusammen. Er findet heraus, dass sie täglich am Bahnhof auf einen bestimmten Zug wartet, jedoch nie einsteigt oder jemanden abholt. Dies weckt sein Interesse und er beginnt nun jeden Tag und zu derselben Zeit vor der Arbeit zum Bahnhof zu gehen. Eines Tages wird er dort jedoch von einem Agenturmitarbeiter abgefangen. Dieser teilt ihm mit, dass er vom Schreiber zum Detektiv befördert wurde, händigt ihm ein Exemplar des Handbuches für Detektive aus und verschwindet wieder.
Unwin glaubt verwechselt worden zu sein und will in der Agentur alles klären. Doch damit gerät er schon in einen Strudel von Intrigen, Mord und Rätseln. Er erhält indirekt die Aufgabe den verschwundenen Meisterdetektiv Sivart zu finden und ihn wieder in den Schoß der Agentur zu bringen. Dabei lernt er eine verworrene Traumwelt kennen, die ihn an der Wahrheit des eigenen Lebens zweifeln lässt. Wer ist eigentlich Mitglied der Agentur? Welche Macht hat die Agentur wirklich? Und ist alles so wie es scheint?

Die Sprünge zwischen verschiedenen Traumwelten und das Eingreifen der Personen in die verschiedenen Sphären scheinen zunächst das Lesen und vor allen Dingen das Verstehen der Geschichte zu erschweren, fügen sich aber im Verlauf der Handlung zu einem komplexen und interessanten Gedankengebäude zusammen. Dem steht eine klare Sprache gegenüber, die teilweise schon etwas zu eindeutig ist. Sie wirkt so steif und ordentlich wie Unwin, der doch lieber Schreiber sein möchte. Durch seine erzwungene berufliche Veränderung wirkt er hilflos und verwirrt. Er hat ein wenig etwas von Monk, bei dem alles eine gewisse Ordnung haben muss. Auf der anderen Seite hat man manchmal das Gefühl, dass er ein kleiner Columbo ist, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Diese Traumwelten erinnern ein wenig an Kafka, doch fehlte mir persönlich die geniale Idee dahinter. Vielleicht habe ich diese jedoch auch einfach nicht entdeckt. Klar, die Agentur können wir einfach in unsere heutige Zeit versetzen und mit staatlichen und nicht staatlichen Einrichtungen vergleichen. Wir können über das Verhältnis zwischen Gut und Böse nachdenken und uns überlegen wie groß der Einfluss einzelner „Agenturen“ in unserem Leben ist. Aber soll es das gewesen sein?
Und letztendlich fehlt mir ein wenig die Spannung in der Kriminalgeschichte. Es war nur in sehr seltenen Fällen so, dass ich unbedingt weiterlesen wollte. Zum großen Teil tropfte die Geschichte einfach vor sich hin.

Ein riesiges Lob muss ich Michaela Kneißl aussprechen. Sie hat den Umschlag gestaltet und wahrscheinlich dazu beigetragen, dass das Buch so häufig entwendet wurde. Das ist wirklich als Lob zu verstehen! Die Gestaltung passt einfach hervorragend zu der Geschichte und ist auch noch wunderschön.

Fazit: Die Idee der Verknüpfung von Traumwelten und der Wirklichkeit,  sowie die Komplikationen, die entstehen, wenn man nicht mehr weiß wo man sich gerade befindet, wurden gut in dem Buch dargestellt. Es fehlt aber eindeutig an Spannung. Auch sprachlich könnte der Autor, der übrigens auch Lektor ist, etwas mutiger werden.

Erschienen: 21.07.2010

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3 Kommentare zu “J. Berry, Handbuch für Detektive

  1. Du hast es geschafft! :-DDieses Buch scheint alle ein bisschen zu verwirren und ich weiß auch nicht, ob ich es ein zweites Mal lesen würde, aber es hat mich persönlich schon beeindruckt.Aber deine Interpretation Columbos, von wegen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, kann ich ja so gaaaar nicht unterschreiben – der Inspektor ist genial! 😀 Alle denken nur, er sei verwirrt, dabei weiß er doch ganz genau, was er tut! 😀 😉

  2. Ja, mich hat auch beeindruckt, dass der Autor nicht mal selbst vergessen hat wo sich seine Figuren befinden. Ich fand es nicht richtig schlecht, aber leider auch nicht mitreißend.Ja, Columbo. Mein Mann sieht das genauso wie du. Ich habe eher den Eindruck, dass er die Fälle nur per Zufall löst 😀

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