Karin Schneider-Ferber, Heinrich in Canossa gedemütigt! (Wendepunkte der Geschichte)

Nach vergeblich verlaufenden Vorverhandlungen erschien Heinrich IV. am 25. Jan. 1077 (…) barfuß im Büßergewand Einlass heischend vor dem inneren Burgtor von Canossa. Auch an den beiden folgenden Tagen wiederholte er diesen Aufzug.
(Artikel Canossa, LexMA, Bd. II, 1442)

Heinrich IV. soll drei Tage lang nur mit einem dünnen Hemd bekleidet im Schnee gesessen und gewartet haben. Er wartete auf eine Antwort von Gregor VII., der den König von seinen Ämter enthoben, ihn gebannt und seine Untertanen vom Treueid entbunden hatte. Dieser Bußgang wird als einer der wichtigsten Wegmarken im Investiturstreit angesehen und stellt gleichzeitig einen Wendepunkt in der Geschichte dar. 

Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Theiss-Verlag in seiner Reihe „Wendepunkte der Geschichte“ einen Band herausgegeben hat, der genau diese Thematik behandelt. Die „Wendepunkte“ sind vor allen Dingen für ein junges Lesepublikum gedacht und weichen daher in Aufmachung und Sprache von den üblichen historischen Einführungs- oder Überblickswerken ab. Ein szenischer Abriss bildet immer einen Einstieg in die Texte. Zudem sind alle Bände mit Karten, Literaturhinweisen und wichtigen Exkursen ausgestattet. Bereits erschienen bzw. in Planung sind die folgenden Themen:

Caesar im Senat niedergestochen
Perser bei Salamis besiegt
Jeanne d’Arc besiegt Engländer
Römischer Kaiser gestürzt- Das Aus für Westrom
Land in Sicht- Kolumbus entdeckt Amerika

Die Geschichte rund um den Investiturstreit wird von der Historikerin Karin Schneider-Ferber beschrieben. Schneider-Ferber war im vergangenen Jahr mit ihrem Werk „Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter“ in aller Munde und ist auch als freie Journalistin tätig.
In dem vorliegenden Werk spannt die Autorin einen Bogen von den Ursprüngen der Salier und den Anfängen des Reformpapsttums bis hin zu den langfristigen Folgen, die aus Canossa erwachsen sind. Um einen näheren Einblick in das Vorgehen der Autorin zu geben, möchte ich den Aufbau des Buches ein wenig näher erläutern.
Es beginnt, wie oben beschrieben, mit einem szenischen Einstieg, in dem beschrieben wird wie sich Heinrich IV. und Gregor VII. gefühlt haben könnten, welche Gedanken sie hegten und wie sie dem jeweils anderen gegenüber aufgetreten sind. Ich muss zugeben, dass mich dieser Textabschnitt sehr irritiert hat. Ich wusste nicht recht was ich mit den Aussagen anfangen sollte und hatte die leise Befürchtung, dass das gesamte Buch in dieser Form geschrieben sein könnte. Für mich stellte dies keine legitime Auseinandersetzung mit dem Thema dar. Doch schon das erste Kapitel lies mich aufatmen. Es wird ein kleiner Überblick über das 11. Jahrhundert gegeben und danach gefragt wie man Canossa bewerten könnte. In einem ersten Exkurs werden wichtige Chronisten der Salierzeit vorgestellt, die auch in ihren eigenen Kontext eingebettet und ansatzweise bewertet werden. Somit erhält man einen wichtigen Hinweis auf die Glaubwürdigkeit der einzelnen Personen. 
In anschließenden Abschnitt analysiert die Autorin die Zeit vor dem Bußgang. Hier ist eine Dreiteilung in Kirche, Reich und Herrschaft zu erkennen. Und doch werden alle drei Aspekte miteinander verbunden, da ja der Investiturstreit aus der Beziehung aller drei Strukturen zueinander entstanden ist. So geht es nicht nur um den Aufstieg des Papsttums und seine Reformbestrebungen, sondern auch um die Investitur wichtiger Ämter und die Ernennung politischer Herrscher. Gleichzeitig werden das Problem der Simonie und die Einmischung der Könige in die Handlungsbereiche der kirchlichen Würdenträger behandelt. Wer war aber eigentlich für welche Bereiche zuständig und wie standen die Fürsten den einzelnen Parteien gegenüber? Schneider-Ferber gibt auf alle Fragen klare Antworten ohne sie als absolut darzustellen. Sie weist auf wichtige Forschungsergebnisse hin und verschweigt dabei nicht ungeklärte Fragen. Weiterhin werden alle wichtigen Begriffe einfach erklärt und gut in den eigentlichen Text eingebettet. 
Diese Vorgehen behält sie auch in den folgenden Kapiteln bei, in denen es um den eigentlichen Bußakt, die Zeit bis zum Wormser Konkordat und den Nachwirkungen des Investiturstreits geht. Die einzelnen Themenabschnitte sind so gut ausgewählt und werden so klar und gleichzeitig umfangreich beschrieben, dass man nach Beendigung der Lektüre einen umfangreichen Einblick in das Thema gewonnen und sich das entsprechende Wissen ganz nebenbei angeeignet hat. 
Der Anhang, bestehend aus Zeittafel, Papstliste, Überblick über die Salier und Quellen- und Literaturhinweise rundet das Buch wunderbar ab.
Fazit: Aus meiner Sicht handelt es sich um ein hervorragendes Einführungswerk, dass für interessierte Laien, Leistungskursschüler und Bachelorstudenten zu empfehlen ist. Es werden zwar keine neuen Forschungsfelder oder -fragen entwickelt, aber der aktuelle Stand der Forschung wird in verständlicher Weise und interessant wiedergegeben. Zudem wirkt die gesamte Aufbereitung sehr ansprechend und man erhält einen wunderbaren Ein- und Überblick.

2010. 1. Auflage
144 Seiten. 14 x 21 cm. Kartoniert
ISBN 978-3-8062-2338-5

EURO 14,90

Link zur Verlagsseite 

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