Marie-Sabine Roger, Das Labyrinth der Wörter

– Wenn man unkultiviert ist, heißt das nicht, dass man nicht kultivierbar ist. Man muss nur an einen guten Gärtner geraten. – 

Kann man sein Leben als schön betrachten, wenn man von der Mutter vernachlässigt und bisher immer als eher dumm abgestempelt wurde?
Germain hat bisher eigentlich nie darüber nachgedacht. Er ist ein sehr großer und kräftiger Mann, der nie einen richtigen Beruf erlernt hat und sich mit Gelegenheitsjobs die Zeit vertreibt. Er lebt in einem Wohnwagen, der im Garten des mütterlichen Hauses steht, in dem Germain auch Gemüse anbaut. Häufig hält er sich auch in der örtlichen Kneipe auf und sitzt mit seinen „Freunden“ zusammen oder er beobachtet die Tauben im Park.
Eines Tages trifft er im Park auf eine ältere Dame, die in einem Buch versunken auf einer Parkbank sitzt. Beide kommen ins Gespräch und die Leserin stellt  sich als Margueritte vor. Dieses Gespräch ist der Beginn einer sehr innigen Lesefreundschaft. Germain fällt es schwer zu lesen und er kennt die Bedeutung vieler Wörter nicht. Margueritte liest im aus vielen verschiedenen Büchern vor, unterhält sich mit ihm über den Inhalt und schenkt ihm ein Wörterbuch. Als Germain gesteht, dass er mit dem Wörterbuch nicht zurecht kommt, beginnt Margueritte ihm Merkzettel zu schreiben, die ihm beim Suchen bestimmter Wörter helfen.
Doch für Germain bedeutet dies nicht nur einen Zuwachs an Wörtern. Er beginnt auch über sich, sein Leben und die Welt nachzudenken. Zitat: „Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen  eine Brille gibt. Alles ringsherum kam einem immer ganz okay vor- einfach weil es unscharf war. Und dann plötzlich sieht man die Risse, den Rost, die Mängel, alles, was bröckelt.“ (S.47)
Doch welche Konsequenzen zieht Germain daraus? Und verändert seine neue Sicht auch die Freundschaft zu Margueritte?

Marie-Sabine Roger schafft es diese Geschichte in einer unglaublichen Leichtigkeit zu erzählen. Sie analysiert die Ursachen für Germains Entwicklung, ohne dabei in scharfen Worten anzuklagen. Germain findet selbst heraus was vielleicht besser hätte laufen können. Gleichzeitig hat man aber nie das Gefühl, dass die neuen Erkenntnisse ihn schwer belasten. Man erkennt für sich selbst allerdings welche Bedeutung Wörter im Alltag haben und was es bedeutet, wenn man sie nicht immer versteht. Daraus können sogar Missverständnisse entstehen, die ein ganzes Leben prägen.
Sprachlich sind die beiden Hauptfiguren wunderbar aufeinander abgestimmt, obwohl sie sehr unterschiedliche Ausdrucksweisen und Wortschätze besitzen und nutzen.
Grafisch sind die Wörter, die Germain in seinem Wörterbuch nachschlägt, kursiv hervorgehoben. Dies unterbricht den Lesefluß jedoch nicht. Ich habe diese Hinweise als sehr bereichernd und interessant empfunden.

Fazit: Es handelt sich um ein leicht verständliches und nicht zu umfangreiches Buch, welches das Herz erwärmt.

Kleiner Tipp: Momentan läuft die Verfilmung des Buches in den deutschen Kinos!
Auf der offiziellen Filmseite könnt ihr euch den Trailer ansehen.

ISBN: 978-3-455-40254-4
Originalsprache: Französisch
Originaltitel: La tête en friche
Seiten: 208, gebunden<
18,00 EUR (D)
18,50 EUR (A)
31,90 SFR (CH)

Link zur Verlagsseite

Im Buch lesen

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2 Kommentare zu “Marie-Sabine Roger, Das Labyrinth der Wörter

  1. Ich kann den Film nur empfehlen, ich war und bin schlichtweg begeistert. Obwohl ich es eigentlich nicht mag, erst die Verfilmung zu sehen und dann das Buch zu lesen, werde ich dieses Mal eine Ausnahme machen! 😉 Ich bin schon wahnsinnig auf das Buch gespannt und erwarte jetzt einfach mal, dass es noch besser als der Film ist.

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