Michael Tsokos, Der Totenleser

– Zunächst einmal kann ich sie beruhigen: Die Tatsache, dass Sie dieses Buch gelesen haben, spricht statistisch gesehen dagegen, dass Sie irgendwann als Verbrechensopfer auf meinem Obduktionstisch oder dem eines Kollegen landen werden. –
(Aus dem Abschlusskapitel)
Selbstmörder, Vergewaltigungsopfer, verhungerte Kinder und Wasserleichen. Michael Tsokos hat als Leiter der Rechtsmedizin in der Charité Berlin schon einiges gesehen und erlebt. Doch sieht der Alltag eines Rechtsmediziners wirklich so aus, wie es uns häufig im Fernsehen berichtet wird? 
Tsokos beschreibt in seinem Buch Fälle, die sich wirklich so zugetragen haben und schildert dem Leser an entsprechenden Stellen die angewandten Methoden und Möglichkeiten der Rechtsmedizin. Dadurch erfährt man zum Beispiel wie genau die Todeszeit bestimmt werden kann und wann mikroskopische Untersuchungen hilfreich sein können. Gleichzeitig gewährt er auch an manchen Stellen einen kleinen Einblick in die Medizingeschichte.
Zweifellos hat Michael Tsokos ein umfangreiches medizinisches Wissen angesammelt. Und der geneigte Leser möchte das ein oder andere Häppchen davon mitgeteilt bekommen. Doch dies in einen 250 Seiten langen Text zu pressen, der auch noch in einer relativ großen Schrift gesetzt ist, scheitert an manchen Stellen. Man kann förmlich nachvollziehen wie dem Autor bei einer Fallbeschreibung noch eingefallen ist, was man alles erklären kann und teilweise auch muss. So kommt es zu Gedankensprüngen, die zwar einen Sinnzusammenhang haben, vom Leser aber teilweise als uninteressant eingestuft werden. Es ist ein hehres Ziel der lesenden Bevölkerung zu zeigen wie wichtig die Rechtsmedizin ist und wie sie wirklich funktioniert. Aber auch diese Art von Leser ist zum großen Teil „sensationslüstern“ und mehr an den Fällen interessiert, als an der Theorie.
Daher müssten die Grundlagen noch geschickter in den Text eingebunden werden. Diesbezüglich wirkt die Sprache von Michael Tsokos auch noch zu hölzern und enthält zu viele Mehrfachnennungen.
Fazit: Ein für mich interessantes Buch, das allerdings sprachlich nicht überzeugen kann.
Der wissenschaftlich weniger interessierte Leser wird damit wahrscheinlich kein Vergnügen haben.
 

Kartoniert
€ 8,95 [D], € 9,20 [A], sFr 14,90
ISBN-10: 3548373429
ISBN-13: 9783548373423

Link zur Verlagsseite

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3 Kommentare zu “Michael Tsokos, Der Totenleser

  1. Hm, thematisch interessiert mich so was ja immer sehr, aber ein Buch muss mich eben auch sprachlich überzeugen… Schade!Wäre auch ein tolles Geschenk für eine Freundin gewesen, die gerne solche Bücher liest, aber ich denke, so was legt man dann vielleicht doch sehr schnell weg.

  2. Ich schreibe auch so wie er, allerdings eher in geschichtswissenschaftlichen Arbeiten. 🙂 Ich persönlich fand das Buch ja insgesamt gut. Aber ich denke, dass man auf jeden Fall ein Interesse für die Theorie/Wissenschaft mitbringen muss. Bei Mark Benecke erfährt man noch mehr über die Fälle und es ist irgendwie spannender.

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