Stefan Moster, Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels

– Dann aber hörte ich mich. Ich war die Besucherin eines Konzertes, in dem ich selbst auftrat. Und außer uns beiden war niemand im Saal. Sobald ich mich hörte, verschwand Gaus unter den Tönen des Präludiums, in der Pause vor der Fuge störte kein Eindringling den angehaltenen Atem, den der erste Ton der Fuge dann mit zarter Hand erlöste. –
Almut ist studierte Psychologin und arbeitete seit einigen Wochen auf einem Luxusliner als Lebensberaterin. Eigentlich hasst sie solche Schiffe und die gut betuchten Reisenden werden von ihr eher abwertend betrachtet. Doch das Angebot kam zu einer sehr günstigen Zeit. Beruflich war eine Neuorientierung notwendig und privat ging auch alles in die Brüche. Almut lebte einige Jahre mit ihrem Sohn alleine. Aus ihrer Sicht schien alles in Ordnung zu sein. Doch plötzlich brach Sebastian das Abitur ab und zog Hals über Kopf aus. Wo er hin wollte und was er plante, wusste seine Mutter nicht. Der Leser des Buches hat diesbezüglich mehr Informationen. Sebastian befindet sich ebenfalls auf dem Kreuzfahrtschiff und arbeitet dort als Pianist. Mutter und Sohn befinden sich also für ca 150 Tage an demselben Ort, von dem man auch nicht so leicht fliehen kann, wissen aber nichts davon. 
So entsteht eine wundervolle Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Sebastian und Almut müssen sich auf dieser Reise nicht nur mit ihren beruflichen Aufgaben beschäftigen, sondern machen sich auch Gedanken über das eigene Leben und das des jeweils Anderen. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit, also die eigene persönliche Lebensgeschichte und die Handlungen, welche man in der Gegenwart eher kritisch betrachtet. Beide reflektieren auch immer wieder ihre gegenwärtige Position und ihre Gefühle. Und mit dem Fortschreiten der Handlung wird auch die Frage nach der Zukunft immer lauter.
Stefan Moster hat eine wunderbare dichte und umfangreiche Geschichte geschaffen. Auf knapp 440 Seiten schafft er es Familiengeschichte, DDR-Vergangenheit, Liebe, Frustration, Zukunftsangst, Hoffnung und Mut zu verbinden. Obwohl es sich um sehr viele und sehr breite Themen handelt, hat man nie das Gefühl, dass irgendetwas zu kurz kommt oder gedrängt dargestellt wird. Jeder Aspekt nimmt ausreichend Platz ein und wird sinnvoll und stilvoll mit anderen Teilen der Geschichte in einen Zusammenhang gebracht. Auch die beiden verschiedenen Perspektiven werden über kleine Details miteinander verbunden. Manchmal handelt es sich dabei nur um einen Begriff den Almut und Sebastian benutzen. Oder sie beschreiben dieselben Personen aus ihrer jeweiligen Sicht. 
Letztendlich kommen auch Humor und Spannung nicht zu kurz. Gerade wenn Almut ihre eigenen Methoden kritisch betrachtet oder dem Pfarrer Tipps gibt, wird aus einem Schmunzeln ein lautes Lachen.
Wenn es um die Vergangenheit geht, wird man eher nachdenklich und teilweise auch wütend. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob das Leben der Protagonisten nicht anders verlaufen wäre, wenn Almut nicht so naiv gehandelt hätte.
Fazit: Ein dicht gewebter literarischer Teppich, der mich sprachlich überzeugt hat. Endlich mal wieder ein Buch, dass auch intellektuelle Ansprüche an den Leser stellt.

 
 
ISBN 978-3-86648-111-4
22,00 € /  37,90 SFR  
 
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8 Kommentare zu “Stefan Moster, Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels

  1. Ich hätte es mir wahrscheinlich auch nicht gekauft. Und daher muss ich ganz lieb meiner Buchhändlerin danken, die mir das Buch zum Weihnachtsfest geschenkt hat 🙂

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