Jesper Juul, Elterncoaching. Gelassen erziehen

[Die heutige Rezension möchte ich etwas umfangreicher gestalten, da nicht jeder Jesper Juul und seine Arbeit kennt.]

– Ein absolutes Gefühl von Sicherheit wird sich nie einstellen, und warum sollte es auch? Als Eltern haben wir jeden einzelnen Tag die Verantwortung für das Leben, das Lernen und die Entwicklung eines neuen Menschen. Und dabei handelt es sich um wesentlich mehr als die Frage, wann das Kind schläft, was es isst und ob es die Hausaufgaben rechtzeitig fertig hat. Das sollte uns ein wenig bescheiden machen. –

Biographisches
Jesper Juul wurde im Jahr 1948 in Vordingborg (Dänemark) geboren. Mit sechzehn Jahren schloss er die Realschule ab und begab sich anschließend als Messejunge und Koch auf ein dänisches Schiff. Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Tellerwäscher, Erd- und Betonarbeiter und Barkeeper. Da es in Dänemark möglich ist ohne Abitur zu studieren, ließ er sich von 1966 bis 1970 zum Geschichts- und Religionslehrer ausbilden. Gleichzeitig besuchte er jedoch auch Kurse zur Ideengeschichte.
Während der darauf folgenden drei Jahre arbeitete er nicht nur als Lehrer, sondern auch als Sozialpädagoge. Dabei stellte er fest, dass er noch enger und intensiver mit Familien arbeiten möchte. Begegnungen mit Walter Kempler und Mogens A. Lund verstärkten diesen Wunsch und mündeten in eine Ausbildung als Familientherapeut. Mit Lund, dessen Frau Lis Keiser und in Zusammenarbeit mit Kempler gründete er 1979 das Kempler Institute of Scandinavia, welches seinen Sitz in Odder hat. Bis 2004 leitete Juul dieses Institut. Zudem lebt er in einem Penthouse, das sich auf dem Institutsdach befindet. Nach seinem Rücktritt aus der Leitungsebene gründete er das Projekt „FamilyLab international“. Es existiert mittlerweile in acht Ländern und dient der Elternberatung und -betreuung. Regelmäßig finden an den Instituten von Jesper Juul geleitete Seminare und Vorträge statt.
Seit 1991 engagiert sich der Familientherapeut auch in Kroatien.

Wie Jesper Juul Kinder sieht und was er Eltern empfiehlt
Juul geht zunächst davon aus, dass Kinder schon seit ihrer Geburt sozial und emotional ebenso kompetent sind wie erwachsene Menschen. Daraus ergibt sich ein besonderer Umgang mit den Kindern. „Erziehung bestehe darin, Kindern mit Respekt zu begegnen. Dann bekomme man auch Respekt zurück“ (ZEIT-Artikel vom 30.04.2009).
Das bedeutet jedoch nicht, dass das Kind auch für sich allein verantwortlich ist und Kindern den Eltern gegenüber gleichberechtigt sind. Eltern fungieren als Leuchttürme, die die Richtung vorgeben und Halt geben. In der Auseinandersetzung mit dem gleichwürdigen(!) Eltern treten immer wieder Konflikte auf, die Jesper Juul als wichtig für die Entwicklung von Kindern erachtet. Dabei dürfen jedoch nie Schuldgefühle erzeugt werden.
Um allerdings häufige Konflikte zu vermeiden, ist es aus seiner Sicht auch wichtig die eigene Position immer wieder zu behaupten und den Kindern darzulegen. Eltern sollten ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen dem Kind mitteilen und ihm sagen, dass es diese zu respektieren hat. Dabei sollte man auf eine freundliche aber bestimmende Art achten, die keine Diskussion zulässt. Dafür muss man natürlich selbst erst einmal die eigene Position erkennen.
Die darauf folgenden Reaktionen der Kinder sind immer auch ein Spiegel, der den Eltern vorgehalten wird. Man kann daraus schließen wie das Verhalten wahrgenommen wurde und ob man so seine Ziele erreichen kann.

Insgesamt kann man sagen, dass Jesper Juul versucht den Elterm einen angemessenen Umgang mit ihren Kindern beizubringen. Er gibt keine Programme mit zehn Schritten aus oder lehrt bestimmte Techniken. Eher lässt er die Eltern überlegen was sie wirklich wollen und ob diese Ziele auch für die Entwicklung des Kindes sinnvoll sind. Es geht aber nicht darum sein gesamtes Leben auf das Kind auszurichten. Ganz im Gegenteil: Eltern können immer nur dann für ihre Kinder da sein, wenn sie auch an sich selbst denken und mit ihren Ressourcen schonend umgehen.

Das Buch „Elterncoaching
Das schwedische Elternmagazin Vi föräldrar (Wir Eltern) bot gemeinsam mit Jesper Juul eine Elterncoaching-Serie an. Interessierte Familien konnten sich mit einem Brief bewerben. Von der Redaktion wurden dann einige Familien ausgewählt, die zu einem circa zweistündigen Coaching eingeladen wurden. Das jeweilige Zusammentreffen wurde dokumentiert und später in der Zeitschrift abgedruckt. Zudem fand eine Art Nachsprache statt, in der die Familien von ihren Fortschritten oder ihrem Scheitern berichteten.

In dem Buch werden 18 Fälle wiedergegeben, die sich in vier Kategorien einteilen lassen. Zunächst geht es um willensstarke Kinder, dann wird die Elternrolle genauer betrachtet. Daran schließen sich das Alltagschaos und die Elternbeziehungen an. Alle Abschnitte enden mit einem mehrseitigen Text von Jesper Juul. Darin geht er noch einmal auf die wichtigsten Aspekte des jeweiligen Themas ein.
Die einzelnen Berichte sind vom grundsätzlichen Aufbau alle gleich. Zunächst gibt es einen ganz knappen Überblick, der das Kernproblem definiert. Darauf folgt eine genauere Erklärung der gesamten Problematik, an die sich das Coaching-Gespräch anschließt. Innerhalb des Textes findet man zudem den Brief, der von den Eltern an die Redaktion geschickt wurde. Jedes Kapitel endet mit einem Infokasten, in dem noch einmal alle Tipps, die Jesper Juul den Eltern gegeben hat, zusammengefasst werden und der Nachsprache.

Meine Meinung
Grundsätzlich muss man sagen, dass es sich bei dem Werk nicht um ein Buch handelt, das Juul-Gegner bekehren wird. Es zeigt eher einen Einblick in seine Arbeit. Die ausgewählten Fälle sind dabei so vielfältig und auch vielschichtig, dass man sich aus jeder Geschichte ein kleines Stückchen für die eigene Familie herausnehmen kann. Zudem erkennt man worauf Juul insgesamt hinaus will. Eine Art Lebens- und Erziehungsgefühl wird mit Hilfe des Buches transportiert.

Leider gibt es aus meiner Sicht zwei Makel:
1. Die Struktur der einzelnen Fälle (Überblick, Problemdarlegung, Brief) erschien mir nicht sinnvoll. Einer der drei Abschnitte hätte völlig ausgereicht, um dem Leser das Problem der Familie zu vermitteln. In der jetzigen Situation liest man viele Dinge doppelt oder dreifach.
2. Die Übersetzung erschien mir an manchen Stellen sehr holprig und teilweise hölzern. In einem Brief steht z.B. „mein Typ“, wenn es um den Freund geht. Da ich aber das Original nicht lesen kann, ist dies nur eine Vermutung.

Fazit: Sehr empfehlenswert!
Trotz kleiner Mängel ein wunderbares Buch, um in den Kosmos „Jesper Juul“ einzusteigen und um frische Ideen für das eigene Familienleben zu bekommen.

ISBN 978-3-407-85920-4
EUR 17,95
Erschienen März 2011

Link zur Verlagsseite

Für die Rezension genutzte Artkel:
Im Buch lesen

 

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