Hong Kong Writers‘ Circle, Hotel China

– Die Zeit verging unmerklich: Stunden vergingen in einem Augenblick und der Mond ging über den Lichtern des Hotels in einem einzelnen Bogen auf. Ich verließ mein kleines Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab. –
Bei dem Buch „Hotel China“ handelt es sich um eine Anthologie, die Arbeiten verschiedener Mitglieder des Hong Kong Writers‘ Circle beinhaltet. Dieser wurde 1991 gegründet und dient als Anlaufstelle für viele Schreiber, die in Hong Kong leben. Kreative aus allen möglichen Bereichen (Film, Literatur, Theater), die auf völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen mit ihren Arbeiten stehen, treffen sich in Workshops, publizieren gemeinsam, kritisieren ihre Werke gegenseitig und führen Veranstaltungen durch.
Da Hong Kong bis 1997 eine britische Kronkolonie war und heute eine Sonderwirtschaftszone darstellt, gibt es auch viele englischsprachige Mitglieder, die sich zeitweise oder für immer in China niedergelassen haben. Ich hebe dies besonders hervor, weil man nicht davon ausgehen sollte, dass man beim Aufschlagen des Buches einen Einblick in DIE moderne Literatur Chinas erhält. Hong Kong ist eigentlich eine Welt für sich und hat nicht viel mit dem eigentlichen China zu tun.
Um was für eine Welt es sich dabei handelt, hat schon Richard Mason in den 50er Jahren in seinem Buch „Suzie Wong“ beschrieben. Die Liebesgeschichte eines Malers und einer Prostituierten prägte das Hong Kong-Bild vieler englischsprachiger Leser. 
Genau diese Geschichte bildet eine Art Aufhänger für die Kurzgeschichten, welche in „Hotel China“ versammelt sind. 
Das Hotel liegt in dem Finanzdistrikt Hong Kongs, den man vielleicht am besten mit einzelnen Bezirken in Frankfurter Main vergleichen kann. Auf der einen Seite finden sich gläserne Geschäftshäuser und eine Vielzahl von Brokern, Stararchitekten und Finanzberatern. Auf der anderen Seite gibt es Nachtclubs, Prostitution und Drogenhandel. Wobei natürlich alles eine Spur diskreter und in einem gehobenen Stil abläuft, als man sich das gemeinhin vorstellt. Diese beiden Welten treffen sich täglich in der Intimität der Hotelzimmer. Prostituierte befriedigen ihre Freier, Geschäftsleute übernachten dort, Familien gehen in das Hotelrestaurant und eine Vielzahl von Menschen arbeitet schlichtweg täglich in dem Haus. Schaut man hinter die Zimmertüren, entdeckt man wunderbare und verstörende Geschichten und man lernt die guten und die schlechten Seiten des Lebens kennen.
Der Leser betrachtet diese Welt durch die Augen fast aller Personengruppen, die im Hotel anzutreffen sind und erhält dadurch einen sehr differenzierten Blick, da die exemplarisch ausgewählten Personen wirklich sehr unterschiedlich sind. Es gibt zum Beispiel den Pagen, der mit dem Hotel verschmelzen möchte, das Zimmermädchen, das zu viel weiß, die Prostituierte, die zu sexuellen Handlungen gezwungen wird und den liebenden Ehemann, der in kriminelle Kreise gerät.
Der Stil der einzelnen Autoren ist sehr unterschiedlich und gerade das macht für mich den Reiz einer Anthologie aus. Es gibt Erzählungen, die auf verschiedenen Ebenen spielen und mich ein wenig an die Werke von Murakami erinnern. Gleichzeitig gibt es jedoch auch sehr einfach strukturierte Texte, die allein durch den interessanten Handlungsgang Spannung erzeugen und den Leser an sich fesseln.
Sehr interessant finde ich auch die Bezüge, die teilweise zwischen den einzelnen Geschichten hergestellt werden. Einzelne Personen, die zuvor eine Hauptrolle spielten, tauchen in Nebenrollen wieder auf, wirken aber nicht deplatziert oder störend. Zudem werden auch immer wieder Bilder aus dem Roman von Richard Mason erwähnt und den aktuellen Gegebenheiten gegenübergestellt.
Eine klare Sprache, die leicht verständlich ist udn einen guten Lesefluss erzeugt zeichnet alle Texte aus und stellt aus meiner Sicht einen weiteren Pluspunkt dar.
Fazit: Wer einen Einblick in die Welt Hong Kongs erhalten möchte und Kurzgeschichten mag, die zum Nachdenken anregen, witzig, aber auch skurril und erschreckend sind, sollte zu diesem Buch greifen.

Broschiert: 255 Seiten
Verlag: Epidu Verlag GmbH; Auflage: 1., Aufl. (1. Februar 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 394258400X
ISBN-13: 978-3942584005
€ 14,90

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Link zur Verlagsseite:







Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich bei EPIDU und


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