Josh Bazell, Einmal durch die Hölle und zurück

– Dass Problem ist, dass David Locano, ein ehemaliger Anwalt der sizilianischen und russischen Mafia, mit beiden Organisationen vereinbart hat, dass er sich weigert, gegen sie auszusagen, solange sie versuchen, mich zu finden und umzubringen (…) –
Dr. Lionel Azimuth arbeitet als Zahnarzt auf einem Kreuzfahrtschiff. Allerdings hat er sehr sonderbare Behandlungsmethoden und seine Kenntnisse der Zahnmedizin basieren zu einem großen Teil auf Schulungen per YouTube. Irgendetwas kann da nicht stimmen, meinen Sie? Und da haben sie verdammt Recht. Dr. Azimuth befand sich als ISMAEL im Zeugenschutzprogramm und hieß davor schlichtweg Pietro. Sein Beruf hatte in gewisser Weise auch einen minimalen medizinischen Hintergrund, da der Tod in fast täglich begleitete. Pietro war ein viel beschäftigter Auftragskiller. 
Nun befindet er sich also mit einem Decknamen versehen auf einem Kreuzfahrtschiff und analysiert diesen sonderbaren kleinen Kosmos, der hinter viel Glamour unaussprechliches Elend versteckt. Zum Glück muss er, gepeinigt von einer latenten Übelkeit, diese Umwelt nicht lange ertragen. Ein etwas schrulliger Milliardär bietet ihm einen sonderbaren Job an, der auf den ersten Blick recht einfach wirkt und mit einer sehr hübschen Partnerin ausgestattet ist.
Pietro soll, getarnt als Dr. Azimuth, zusammen mit der Paläontologin Violet herausfinden, ob eine skurrile Expedition in die Wälder Minnesotas wirklich hält was sie verspricht oder nur einen Schwindel darstellt. Völlig ungewollt geraten die beiden schnell in einen Strudel von Gewalt und Verbrechen, der seinen Ursprung in längst vergangenen Ereignissen hat und ewig nachzuwirken scheint.
Zunächst möchte ich allen potenziellen Lesern eine Entwarnung geben: Nein man muss nicht das erste Buch von Josh Bazell gelesen haben, um alles zu verstehen. Gespickt mit Fußnoten, die teilweise eine kleine Kürzung vertragen hätten, werden immer wieder notwendige Erklärungen gegeben, die sich teilweise auf das Vorleben der Hauptperson beziehen. Zudem spielt diese Geschichte in einem völlig anderen Umfeld und steht nicht in Beziehung zu den Ereignissen des „ersten“ Bandes.
Die Geschichte an sich mag sich vielleicht nicht so spektakulär anhören und sie startet auch sehr ruhig. Aber das Buch beinhaltet einen Prolog, in dem zwei Menschen auf mysteriöse Weise ums Leben kommen. Dieser Appetithappen sorgt gleich dafür, dass der Leser am Ball bleibt, auch wenn er nicht an den Schattenseiten der Kreuzfahrtindustrie und den Gedanken von Dr. Azimuth interessiert ist. 
Nachdem der Arzt das Schiff verlassen hat und sich auf den Weg zu seinem Auftraggeber macht, fragt man sich noch immer, ob es sich hier wirklich um einen Krimi handelt oder um eine Art Mysterieroman. Mit der Aufdeckung der ersten Verbrechen und dem Auftauchen der ersten Waffen werden aber auch die letzten Zweifel abgelegt und man steht sofort mitten im Geschehen. Obwohl dieser Weg zu den Verbrechen über 50 Seiten lang ist, kommt keine Langeweile auf. Aus meiner Sicht ist das der außergewöhnlichen Sprache und dem Stil Bazells zu verdanken. Er schreibt direkt, teilweise umgangssprachlich, aber trotzdem hoch spannend. Man spürt die Abgeklärtheit, die von Pietro alias Dr. Azimuth ausgeht, praktisch mit jedem Wort. Er berichtet beiläufig über Verbrechen und Morde, bleibt dabei aber trotzdem meist sachlich und gleichzeitig witzig. Der Humor und die sarkastische Art und Weise einfach unverwechselbar. Oder haben Sie in letzter Zeit etwa häufiger gelacht, wenn sie etwas über einen Mord gelesen haben?
Auch die anderen Figuren erscheinen dem Leser sehr klar vor dem inneren Auge und haben ihre ganz besonderen Charaktereigen-schaften, die teilweise erst im Laufe der Geschichte wirklich zum Tragen kommen. Sie entwickeln sich praktisch mit dem Geschehen und sorgen so dafür, dass der Leser noch stärker an den Ereignissen und ihren Folgen beteiligt wird. Zudem treten Personen auf, die man aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben kennt und mit denen man bestimmte Eigenschaften verbindet. Bazell greift diese Vorstellungen auf und überspitzt sie stark. Allerdings bleibt dies immer in einem interessanten und sehr amüsanten Rahmen, der dem Plot sehr dienlich ist.
In einem sehr umfangreichen Anhang lässt der Autor die Paläontologin Violet Hurst noch einmal auftreten und verschiedene Aspekte, Ereignisse und Personen herausgreifen, deren Realität in Bezug zu der Geschichte aufgearbeitet wird. Allerdings sind diese Seiten nur etwas für wirkliche Informationsfanatiker.
Fazit: Ein Roman, der durch Humor und eine gelungene Geschichte überzeugt. Auch wenn die kriminalistischen Aspekte zeitweise zu kurz kamen.
Roman

Hardcover

Preis € (D) 18,95 | € (A) 19,50 | SFR 27,50

ISBN: 978-3-10-003913-2
 

Danke an Vorablesen. de für dieses Exemplar!
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2 Kommentare zu “Josh Bazell, Einmal durch die Hölle und zurück

  1. Hihi, das stimmt wohl. Aber nach dem Schreiben der Rezension habe ich mir andere durchgelesen und festgestellt, dass ich dann doch zu denjenigen gehöre, die eher in der Minderheit sind und das Buch gut finden :-)Ich werde demnächst mal "Schneller als der Tod" lesen. Bazell wird janicht umsonst den Deutschen Krimipreis bekommen haben.

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