Alex Capus, Léon und Louise

– Das von animalischer Lüsternheit diesmal keine Rede sein konnte, trug Léon mit Fassung. Er war zu einem Mann von einiger Lebenserfahrung herangewachsen, und nach fünf Jahren Ehe war ihm bekannt, dass die Seele einer Frau auf geheimnisvolle Weise in Verbindung steht mit den Wanderungen der Gestirne, dem Wechselspiel der Gezeiten und den Zyklen des weiblichen Körpers, möglicherweise auch mit unterirdischen Vulkanströmen, den Flugbahnen der Zugvögel und dem Fahrplan der französischen Staatsbahn (…) –
16. April 1986
Die Familie Le Gall befindet sich in der Kathedrale Notre Dame und nimmt an einem Trauergottesdienst für ihren Verwandten Léon teil. Die Kirche ist viel zu groß für solch eine Runde, aber der eigentlich nicht gläubige Verstorbene hat sich einen Abschied in dieser Form gewünscht. Und wer würde schon einen testamentarisch festgelegten Wunsch ausschlagen? Die eher langweilige Trauerfeierlichkeit wird unterbrochen, als eine ältere und sehr elegant gekleidete Dame die heiligen Hallen betritt und direkt auf den offenen Sarg zusteuert. Sie küsst Léon kurz auf die Stirn, legt dann ihre Wange an seine und holt anschließend eine Fahrradklingel aus der Tasche, die sie zweimal betätigt und letztendlich in den Sarg legt. Sie schaut allen anwesend einzeln kurz in die Augen und verlässt die Kathedrale dann wieder. Alle fragen sich, ob diese Dame wirklich die Mademoiselle war, über die sie einiges wussten, aber deren Gesicht sie nicht kannten – Louise Janvier.
Ausgehend von diesem Tag, der eigentlich in gewisser Weise das Ende einer großen Liebe darstellt, beschreibt ein Enkel Léons die ganze Geschichte des Paares. Er beginnt im Jahr 1918 und berichtet wie sein Großvater mit 17 Jahren das Elternhaus verließ und was diesem Abschied vorausgegangen war. Nur mit einem Koffer auf dem Fahrrad begibt sich der Junge von Cherbourg nach Saint-Luc-sur-Marne, wo er als Morseassistent im dortigen Bahnhof arbeiten soll. Zum Glück weiß niemand, dass seine Morsekenntnisse aus einem Heft für Jugendliche stammen und er ständig auf einen Zettel schauen muss, um keine Fehler zu machen. Für ihn zählt aber nur die Flucht aus dem Elternhaus. Wohin es geht und welche Tätigkeit er dort ausüben muss, ist erst einmal zweitrangig.
Nach einer wunderschönen, aber auch anstrengenden Fahrt, die er in mehreren Etappen gemeistert hat, wird er kurz vor seinem Ziel von einem wunderschönen Mädchen auf einem Fahrrad überholt. Léon ist total fasziniert und bekommt sie nicht mehr aus seinem Kopf. Doch erst einmal muss er sich auf seine Arbeit konzentrieren und sich einleben. Jede freie Minute wird aber für die Suche nach diesem Mädchen genutzt. Auch wenn das manchmal nur heißt in einer Bar zu sitzen und auf ihr zufälliges Eintreffen zu hoffen.
Als sie sich wirklich kennen lernen, ist die Begegnung eher zögerlich. Louise denkt, dass Léon sie nur ins Bett bekommen möchte und Léon ist einfach nur auf eine kindlich-naive Weise fasziniert von der Angebeteten.
Ganz langsam gehen sie aufeinander zu und erzählen sich ihre Gedanken und Gefühle. Sie tauschen auch kleine Nettigkeiten aus. So findet der handwerklich talentierte und sammelwütige Léon immer wieder Teile, die er als kleine Geschenke an Louises Fahrrad verbauen kann. Zum Beispiel eine runde Fahrradklingel, die ein herrliches Rrri-Rring von sich gibt!
An einem herrlichen Sommertag begeben sich die beiden per Fahrrad an die Atlantikküste und verbringe dort unter freiem Himmel eine wunderbare Nacht. Beseelt von diesem Ereignis radeln sie, wie die Wilden zurück In Richtung Saint-Luc-sur-Marne, als ein Fliegerangriff sie plötzlich überrascht und auseinanderreißt. Beide können gerettet werden, halten sich aber einander für tot und tauchen bald schon in ein neues Leben ein.
Louise steckt voller Energie und geht als unabhängige Frau ihren beruflichen Weg. Léon heiratet, bekommt eine staatliche Anstellung und wird Vater. Beide leben und arbeiten gar nicht weit voneinander entfernt in Paris. Und so passiert es, dass sich ihre Wege nach zehn Jahren in der Métro kreuzen. Finden Sie nach so langer Zeit wieder richtig zueinander oder ist es nur eine Liebe, die man nicht ausleben kann und die ewig im Herzen eingeschlossen ist?
Alex Capus hat nicht nur einen Liebesroman über ein erstaunliches Paar geschrieben, der stark durch seine eigene Familiengeschichte beeinflusst wurde. Nein, er greift auch immer wieder die historischen Hintergründe auf und beschreibt anhand von Léon, Louise und ihren Angehörigen, wie bestimmte Verhaltensweisen in besonderen Kontexten entstanden sind. Damit versucht er ein ganzes Jahrhundert einzufangen und vielleicht auch in gewisser Weise die Menschen dieser Zeit zu verstehen.
Seine Sprache ist dabei sehr klar und doch poetisch. Gerade die ersten Kapitel haben mich überrascht und Hoffnung aufkommen lassen, das es sich hier um einen großen literarischen Glücksfall handelt. Leider konnte der Autor meine hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Trotzdem ist seine Ausdrucksweise sehr angenehm und ab und an wunderschön malerisch. Kleine philosophische Gedanken pflanzen sich beim Leser ein und wachsen erst ganz langsam zu leiblichen Ranken, die einen erfreuen und zum Lächeln bringen.
Aber auch mit traurigen und vielleicht sogar unverständlichen Situationen wird der Leser konfrontiert. Dabei darf man nie vergessen in welcher Zeit sich dieses Paar gefunden und wieder verloren hat. Was der ein oder andere Leser den Protagonisten daher als charakterliche Züge zuschreiben wird, ist aus meiner Sicht eine gelungene Darstellung der Handlungsspielräume in der damaligen Zeit. Das betrifft besonders Léons Frau, die aus meiner Sicht eher pragmatisch und zeitgemäß handelt und nicht offen und äußerst tolerant. In diesen Figurenbeschreibungen liegt auch eine Stärke des Romans. Man kann sich die Menschen exakt vorstellen und hat das Gefühl sie zu verstehen. Man geht nicht immer konform mit ihren Entscheidungen, kann sie aber nachvollziehen.
Als einzige Schwäche ist mir in diesem Werk eine gewisse Langatmigkeit aufgefallen. Man hat aber den Eindruck, das Capus dies auch bewusst geworden ist, und er versucht hat den Makel durch eine gewisse zusätzliche Konstruktion und Füllung der Geschichte auszugleichen.
Fazit: Ein toller Roman über eine wechselvolle Liebesgeschichte, die fast 70 Jahre andauerte.

Roman
Erscheinungsdatum:
07.02.2011

Fester Einband, 320 Seiten
Mit Lesebändchen

Preis: 19.90 € (D) / 27.90 sFR (CH) / 20.50 € (A)
ISBN 978-3-446-23630-1

 Auf den Spuren von Leon und Louise: Mit Alex Capus in Paris
Da ich das Buch im Rahmen einer Leserunde von Hanser erhalten habe, möchte ich mich hier noch einmal recht herzlich bedanken!!!
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Ein Kommentar zu “Alex Capus, Léon und Louise

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