Roberto Saviano, Das Gegenteil von Tod

– Sie kapieren nicht, dass das nicht Dinge sind, die sie selbst entscheiden können. Wo man die Soldaten hinschickt, was sie tun. Sie erhalten Befehle. Und sie können nicht über ihr Leben bestimmen. Wie soll ich das den Frauen sagen? Sie glauben, wenn sie  mir genau zuhören, könnten sie ihre Männer retten, und warum sollte ich sie nicht in dem Glauben lassen? –
Das Buch „Gomorrha“, und wahrscheinlich noch mehr der dazugehörige Film, haben Roberto Saviano über die italienischen Landesgrenzen berühmt gemacht. Doch viel schwerer wiegt seine umfassende literarische und aufrührende Tätigkeit, die sich in einer Vielzahl von Zeitungsartikeln und Essays widerspiegelt. Unablässig prangert er die mafiösen Strukturen und den politischen Dilettantismus in Italien und Europa an. Er beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Globaliserung, Europa, Wirtschaftskriminalität und Bevölkerungswachstum.
In dem vorliegenden kleinen Büchlein befinden sich auf 71 Seiten zwei Aufsätze, die sich mit dem Gegenteil von Tod beschäftigen. Doch was ist eigentlich das Gegenteil? Ganz lapidar das Leben? Oder vielleicht doch die Liebe? Gesundheit, Glück oder innere Ausgeglichenheit? Oder steht der Süden Italiens vielleicht für den Tod und der Norden für das Gegenteil?
Manchmal scheint der Leser während des Lesens, die Lösung klar vor den Augen zu haben und dann verschwindet sie wieder im Nebel von neuen Ereignissen und schmerzhaften Gefühlen.
Besonders Marias Geschichte, die in der ersten Hälfte erzählt wird, scheint zunächst glasklar und erfährt dann doch wieder einige unerwartete Wendungen, die zum Nachdenken anregen.
Der Verlobte der jungen Italienerin hatte sich freiwillig für die Armee gemeldet und ging aus finanziellen Gründen nach Afghanistan. Dort wurde er in einem Einsatz getötet. Seit diesem Tag scheint Marias Leben beendet zu sein. Gleichzeitig ist sie seitdem aber auch von dem Land wie besessen und möchte jede Einzelheit erfahren. Obwohl es schmerzt, will sie alles über die Einsätze wissen, sie möchte mit jedem Soldaten, der annähernd etwas mit ihrem Verlobten zu tun hatte, sprechen. Und dabei vergisst sie, dass sie eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich hat. 
In dem zweiten Aufsatz berichtet der Erzähler von seiner Jugendliebe, die aus dem Norden kam und so gar keine Vorstellung von dem Leben im Süden hatte. Sie kannte nicht die alltägliche Präsenz der Mafia und des Todes. Sie wusste nichts davon was es heißt, als unbesetztes menschliches Territorium angesehen zu werden. Und sie konnte nicht verstehen, warum sie wie ein Exot begafft wurde. Eine Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.
Fazit: Zwei wundervolle Aufsätze, die wieder einmal tief in die italienische Seele vordringen. Sicherlich nichts für Saviano-Einsteiger. Für Kenner ist das kleine Werk aber unverzichtbar.

übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Rita Seuß
Erscheinungsdatum:
04.02.2009
Fester Einband, 72 Seiten

Preis: 10.00 € (D) / 14.90 sFR (CH) / 
10.30 € (A)
ISBN 978-3-446-23335-5

Link zur Verlagsseite

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