Jesper Juul, Peter Høeg u.a., Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht

Tragfähigkeit, Authentizität und Bedeutsamkeit in der äußeren, sichtbaren Welt entstehen aus der inneren Klarheit, zu wissen, was wichtig ist. Wichtig für mich, wichtig für mein Leben, so wichtig, dass ich dafür Mitverantwortung übernehmen will. Ein tragfähiges und nachhaltiges Leben entspringt aus meiner Fähigkeit, Gefühle zu haben und sie zu spüren. Diese Gefühle sind das Fundament für meine Träume, Intentionen, Wünsche, Entscheidungen und Handlungen.

Seit mehreren Jahren ist Jesper Juul in aller Munde. Durch diverse Bücher, Fernsehauftritte, DVDs und die Gründung der FamilyLabs hat er Einzug in viele moderne Haushalte gehalten. Er ist die Ikone einer Elternbewegung, die nicht mehr länger auf Gehorsam setzt, sondern auf ein bestimmendes Miteinander, das nicht mehr viel Ähnlichkeiten hat mit der oft abwertend dargestellten Erziehungsmoral der 68er Generation. Es geht in seinen Bücher keineswegs um Kuschelpädagogik und völlig regelfreie Erziehung. Vielmehr steht ein Wertekanon im Mittelpunkt, der es Eltern ermöglicht ihre Kinder zu selbstbewussten und kompetenten Menschen zu erziehen, deren Leben sich durch Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Teilhabe auszeichnet.
Wahrlich ist Juul nicht der einzige Pädagoge, der dies propagiert. Aber er ist doch wohl der sympathischste Erzieher und Berater, den man momentan auf dem Markt findet. Dass sich in den letzten Jahren viele Mitstreiter gefunden haben und er ein großes Netzwerk aufbauen konnte, zeigt das gerade erschienene Buch „Miteinander“. Insgesamt sechs Autoren, die alle ähnliche Ziele verfolgen und aus den unterschiedlichsten pädagogischen und psychologischen Richtungen kommen, haben sich zusammengeschlossen und ein Konzept entwickelt, dass zur Stärkung der Empathie beitragen soll. Seit 2007 haben sich Jes Bertelsen, Steen Hildebrandt, Helle Jensen, Michael Stubberup, Peter Høeg und Jesper Juul regelmäßig getroffen. Sie haben Konferenzen organisiert, publiziert, Schulveruche durchgeführt und evaluiert. Das Buch ist eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse, die in die Thematik einführen und Interesse wecken soll.

Aufbau, Inhalt
Zu Beginn wird der Begriff Empathie definiert und die Autoren veranschaulichen sehr bildlich welchen Einfluss die eigene Empathiefähigkeit auf unser Handeln hat. Dabei wird aufgezeigt, dass Empathie der Samen für einen respektvollen Umgang und für das Einbringen der eigenen Kompetenzen in verschiedene Beziehungen ist. Ob daraus allerdings eine Pflanze wird, hängt von vielen Gegenbenheiten und besonders von dem Verinnerlichen der eigenen Stärken ab. Grundlegend hierfür sind nach Meinung der Autoren fünf Fähigkeiten, die trainiert oder geortet werden können und dafür sorgen, dass jeder den Kontakt zu sich selbst festigen kann. Dabei handelt es sich um das Herz, das Bewusstsein, die Kreativität, den Körper und die Atmung. Ist man sich dieser Fähigkeiten und ihrer Rollen bewusst, kann man empathisch handeln. Somit ist auch schon die Kernaussage des Buches erkennbar: Verstehe ich meine eigenen Gefühle und Handlungen, kann ich das Verhalten meines Gegenübers besser einschätzen und beurteilen. Daraus entstehen Beziehungen einer ganz neuen Qualität.

In dem zweiten Abschnitt wird Empathie in einem globaleren Kontext dargestellt und auf die emotionale Intelligenz bezogen. Die Autoren sind der Meinung, dass ein hoher Grad an emotionaler Intelligenz in allen Lebensbereichen und in den verschiedenen sozialen Gefügen hilfreich sein kann. Allerdings gehen sie davon aus, dass alle Leser, und das möchte ich stark bezweifeln, eine gleichbedeutende Definition von emotionaler Intelligenz haben. Was jedoch allen klar sein dürfte ist, dass Empathie einen großen Teil der emotionalen Intelligenz ausmacht.

Im dritten und letzten großen Abschnitt werden Übungen vorgestellt, die für Erwachsene gedacht sind. Sie beziehen sich auf die fünf Bereiche, verbinden sie aber auch miteinander.

Im Anhang finden sich Übungen, die mit Kindern durchgeführt werden können. Sie sind verständlich formuliert und enthalten an wichtigen Stellen Hinweise für denjenigen, der die Übungen anleitet.

Persönliche Meinung
Die klare und einfache Sprache und die guten Erklärungen, die völlig frei von wissenschaftlichen Begriffen sind, soll hier zunächst hervorgehoben werden. Sicherlich gibt es, wie oben bereits erwähnt, in einigen Fällen keine klare Definitionen, und Erläuterungen oder Anmerkungen wären hilfreich gewesen. Wenn man sich jedoch mit dem Thema Empathie beschäftigt, stolpert man zwangsläufig über diesbezügliche Diskussionen und wird sich umfangreicher mit den einzelnen Begriffen auseinandersetzen. Dies impliziert aber auch gewissermaßen, dass man in irgendeiner Weise pädagogisch tätig ist und sich nicht nur mit der Empathie des eignen Kindes beschäftigen möchte. Somit stellt sich die Frage, an wen das Buch gerichtet ist. Leider kann ich keine Antwort darauf geben. An vielen Stellen gibt es Bezüge zu der Vorbildrolle des Lehrers. Die Übungen für die Erwachsenen werden aber nicht ausführlich beschrieben. Sie werden nur angerissen und erscheinen in einem diffusen Licht. Wie durch einen Nebel tastet man sich voran. Und ganz zum Schluss knipst jemand ein Licht an und sagt: „Guten Tag! Ich bin ihr Trainer und sie können bei mir die im Buch angedeuteten Übungen erlernen. Das kostet sie auch nur ein paar Euro.“
Obwohl in den einführenden Kapiteln also die Rolle der Pädagogen und Eltern als besonders wichtig herausgehoben wird, werden die Übungen nur angerissen und am Ende des Kapitels wird ein Trainer empfohlen. Alles andere macht aus Sicht der Autoren keinen Sinn. Hier war ich doch etwas brüskiert und habe mich eine Weile über dieses Verhalten geärgert. Will man nicht zu viele Tipps geben, weil hier eine Einnahmequelle vermutet wird? Oder kann ich wirklich etwas falsch machen bei den Übungen und langfristige Schäden verursachen?

Ganz im Gegensatz dazu werden die Übungen der Kinder sehr ausführlich und verständlich beschrieben. Hat man sie einmal verinnerlicht, kann man wunderbare Reisen für die Schüler konstruieren und sie auf der Suche nach ihren eigenen Stärken begleiten.
Ein etwas zwiespältiges Buch, dass sich doch ein wenig von den üblichen Juul-Ratgebern abhebt. Die Theorien und Ideen sind hervorragend und man sollte sie sofort und alltäglich umsetzen. Die Beschreibung der Praxis ist allerdings in einigen Abschnitten unzureichend und kann nur Anregungen bieten.(Aber immerhin sind diese so anregend, dass ich sie in meiner zweiten Staatsexamensarbeit besprechen werde :-))

Idee

Sprache

 

Tipps und Aufmachung jeweils

Gesamturteil

 

 

EUR 14,95
Übersetzt aus dem Dänischen von Kerstin Schöps
ISBN 978-3-407-85942-6
1. Auflage 2012. 159 Seiten.
Gebunden.
 
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