Leymah R. Gbowee, Wir sind die Macht

– Frauen sind Schwämme, dachte ich. Wir nehmen alles in uns auf – das Trauma zerbrechender Familien, den Tod geliebter Personen. Wir hören den Berichten unserer Männer und unserer Kinder zu, wir erleben die Zerstörung unserer Gemeinden und unserer Glaubenssysteme und absorbieren auch diesen Schmerz. Wir behalten ihn in uns, weil wir stark sein müssen, und zu klagen – oder auch nur darüber zu sprechen – ist ein Zeichen von Schwäche. –

Leymah ist ein lebenslustiges Mädchen, das gerade ihren Schulabschluss gefeiert hat und nun davon träumt Kinderärztin zu werden. Doch plötzlich wird aus einem lange schwelenden Konflikt ein Bürgerkrieg, der Liberia in den Abgrund zieht. Für das junge Mädchen geht es nun nicht mehr um das Studium, sondern einzig und allein um das Überleben. Ihr Leben ist jetzt geprägt von Flucht, Gewalt, Verlust und einem ganz kleinen Fünkchen Hoffnung. Immer wieder scheint der Krieg dem Ende entgegen zu gehen und der Frieden steht schon vor den Landesgrenzen. Doch dann schert eine Gruppe aus und die Streitigkeiten beginnen von vorne. Leymah geht nicht nur durch ein politisches Auf und Ab. Auch persönlich gibt es Höhen und Tiefen. Nach sechs Jahren ist sie allerdings in einer Grube, aus der sie kaum schafft an das Tageslicht zu klettern. Sie ist in eine Beziehung geschlittert, die von Gewalt und sexueller Nötigung geprägt ist. Und aus dem offenen und strahlenden Mädchen wurde eine Frau, die vier Kinder hat, an Depressionen leidet, keine Ausbildung vorweisen kann und schon ganz vergessen hat, welche Ziele sie früher angespornt haben. Als sie über viele Ecken beginnt mit Kindersoldaten zu arbeiten, fragt sie sich oft schwankend zwischen Freude und Resignation, was sie wirklich interessiert und wie ihre Zukunft aussehen könnte. 

Die recht simple und sehr naheliegende Antwort lautet zunächst: Frieden. Doch wie kann man Frieden erreichen, wenn man sich nicht auf die Politiker verlassen will, die bereits in den zurückliegenden Jahren ihre Unfähigkeit und ihr Desinteresse gegenüber der Bevölkerung gezeigt haben? Aus Leymahs Sicht sind die Frauen in der Rolle der Ehefrauen und Mütter der Schlüssel. Sie müssen ihren Männern, Kindern und Enkelkindern sagen, dass sie Frieden wollen. Sie müssen sich einmischen und politisch aktiv werden. Mit viel Energie und einem enormen Arbeitspensum schafft sie es zunächst Seminare für Frauen anzubieten, in denen sie mit der Traumaverarbeitung beginnen können und ihre eigenen Stärken erkennen. Sie werden zu Friedensstifterin ausgebildet und organisieren die Frauen in ihrer Umgebung für politische und gemeinschaftliche Aktivitäten. Innerhalb weniger Jahre steigt Leymah damit zu einer der wichtigsten Frauen in der liberianischen Friedensbewegung auf und organisiert groß angelegte Demonstrationen und Sitzstreiks. Sie wird auf nationalen und internationalen Kongressen gehört und mischt sich aktiv in die Friedenspolitik ein. Auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus stärkt sie die Frauenbewegung und setzt sich in Krisenregionen für den Frieden ein. letztendlich schafft sie es sogar den Friedensprozess in Liberia maßgeblich zu beeinflussen.

Die Friedesnnobelpreisträgerin des Jahres 2011 zeichnet in ihrem Buch nicht nur ihren persönlichen und politischen Weg nach. Sie geht auch auf die Geschichte Liberias ein und benennt Hintergründe und Voraussetzungen, die sehr spezifisch sind un die immer wieder aufkommenden Konflikte kennzeichnen. Genau diese Punkte werden aber aus ihrer Sicht häufig missachtet, wenn ausländische Friedenstruppen in ein Land kommen. Ihre Geschichte ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Selbsthilfe in afrikanischen Ländern aussehen kann und wie mit finanzieller Unterstützung sinnvoll Aufbau betrieben werden kann. Sie macht zwar speziell den Frauen Mut sich stärker zu engagieren und ihre eigenen Ideen umzusetzen, spricht aber im Endeffekt alle Menschen an und fordert mehr Engagement. Gleichzeitig beschönigt sie aber auch nichts und beschreibt, welche Opfer man persönlich dafür bringen muss.

Aus sprachlicher Sicht kommt das Buch auf den ersten Seiten etwas gewöhnungsbedürftig daher, weil viele gedankliche Einschübe erfolgen. Nach wenigen Seiten ist man aber in dem Erzählfluß eingedrungen und hat das Gefühl, dass man gemütlich an einem Lagerfeuer sitzt und eine erstaunliche Geschichte hört, die nur verständlich ist, wenn einige Erläuterungen eingerückt werden. Zudem scheint sich der Stil mit dem Fortschreiten der Geschichte zu festigen. Ein wenig hat man den Eindruck, dass die Erzählerin zu Beginn mit sich selbst hadert und überlegt, was sie alles erzählen sollte. Kann man dem Zuhörer wirklich alle Details zumuten? Je sicherer sie selbst wird und je stärker sie auch in der jeweiligen Lebensphase ist, desto klarer erzählt sie. An manchen Stellen hat man regelrecht den Eindruck, dass sie ihre eigene Geschichte noch einmal durchlebt.

Dabei sind ihre Beschreibungen sehr eindrucksvoll und schaffen es auch einem unwissenden Europäer die Situation in Liberia deutlich darzustellen. 
Zudem strotzt ihre Erzählung, wenn es um die politischen Aktivitäten der Frauen geht, so vor Leidenschaft, dass man am liebsten sofort selbst aktiv werden möchte. Letztendlich fragt man sich aber auch gerade als Frau, woher Leymah diese Energie genommen hat und wie sie es überlebt hat die Arbeit für den Frieden so sehr über ihre Familie zu stellen. Da sie aber wie bereits gesagt nichts beschönigt, bleiben auch diese Fragen nicht unbeantwortet. Sie gibt einen tiefen Einblick in ihre Seele und lässt uns gleichzeitig ein wenig an ihrer Leidenschaft teilhaben.

Fazit: Ein ergreifendes Buch, dass einen tiefen Einblick in die liberianische Geschichte und Gesellschaft bietet und die Stärke einer ganz außergewöhnlich Frau zeigt, die nur ein Ziel hat: FRIEDEN!

1. Aufl. 2012, 
319 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag, 
Tafelteil mit 9 Farbabbildungen
ISBN: 978-3-608-94739-7 

21,95 EUR
gebunden mit Schutzumschlag  


Link zur Verlagsseite

 

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