Simon Mawer; Die Frau, die vom Himmel fiel

– In Beaulieu wurde kein Hehl mehr daraus gemacht, wozu sie einmal eingesetzt werden sollten: Hier bildete man sie gezielt für das Leben im Untergrund aus. Eine Schule für Spione, sagte jemand. Sie hatten ihr einen Decknamen gegeben, den sie auch im Einsatz tragen sollte. Alice. Sie fand ihn passend. –

Marian Sutro ist 19 Jahre alt, als sie von der Special Operations Executive (SOE) für spezielle Einsätze im Ausland angeworben wird. Sie soll in dem unter deutscher Herrschaft stehenden Frankreich verschiedene Operationen leiten oder an ihnen teilnehmen. Dabei geht es vorrangig gar nicht so sehr um Spionagetätigkeiten, sondern um gezielte Zerstörungsaktionen, Hilfsleistungen für Untergrundkämpfer und dem Anwerben wichtiger Persönlichkeiten.

Aufmerksam werden die Verantwortlichen auf Marian, weil sie als Mitglied der Women’s Auxiliary Air Force (WAAF, Wikipedia-Artikel) ihren Dienst absolviert. Da sie somit im militärischen Bereich tätig ist, und auch teilweise mit sensiblen Informationen hantiert, wurde sie vorher selbstverständlich eingehend überprüft. Dadurch erfuhren ihre Vorgesetzten von ihren hervorragenden Französischkenntnissen und stellten ebenfalls fest, dass sie lange Zeit engen Kontakt zu einem wichtigen Physiker hatte, der momentan in Paris lebt und den Engländern große Hilfe leisten könnte.

Da diese beiden Aspekte aber alleine für einen militärischen Untergrundeinsatz in Frankreich nicht ausreichend sind, muss Marian zunächst gedrillt werden und durchläuft eine harte Ausbildung, die sie auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereiten soll. Selbst die schwierigsten Passagen meistert sie gut und gewinnt dadurch auch den Respekt der meisten männlichen Teilnehmer. Das Training und die ungewohnte Anerkennung sorgen zudem dafür, dass sie langsam erwachsen wird und sich ihr Selbstbewusstsein steigert. Und obwohl sie das alles zunächst als eine Art Spiel sieht, fragt sie sich kurz vor dem Beginn der ersten Operation und dem dazugehörige Sprung aus einem Flugzeug doch, ob es sinnvoll war so schnell zuzustimmen. Denn bereits während der Vorbereitungsphase ist ihr bewusst geworden, dass es schwer ist während eines Einsatzes seine Gefühle zu verdrängen. Und besonders die Liebe kann ein zielführendes Denken blockieren.

Simon Mawer wurde in gewisser Weise von seiner Mutter zum Schreiben dieser Geschichte inspiriert. Sie war während des Zweiten Weltkrieges in der WAAF tätig und lernte in diesem Zusammenhang Ann-Marie Walters kennen, die ab 1943 für die SOE tätig war. Sie schrieb nach dem Kriegsende das Buch „Moondrops to Gascony“. Darin berichtet sie von Untergrunderfahrungen, die sie in Frankreich machte. Mawers bekam dieses Buch als zehnjähriger Junge geschenkt und hat es seit diesem Tag mehrfach gelesen. Aus seiner Sicht werden die circa 50 Frauen, die in französischen Gebieten eingesetzt waren, nicht ausreichend gewürdigt. Es gibt zwar ein paar Bücher und Filme über einzelne Frauen, die allerdings meist aufgrund ihrer Beteiligung an besonders spektakulären Fällen in den Mittelpunkt gerückt werden. Mawer strebt eher eine Art literarisches Denkmal für alle Frauen an, die in der WAAF tätig waren.

Auf jeder Seite spürt man, dass Herzblut und Recherchezeit investiert wurden und beides einem persönlichen Anliegen folgend geopfert wurde. Auf der einen Seite versucht er durch die Protagonistin eine Geschichte zu erzählen, auf der anderen Seite möchte er aber objektiv bleiben. Durch Nebenhandlungen und verschiedene Perspektiven, die meist in den Dialogen an den Leser herangetragen werden, kann er die verschiedenen Handlungen und Beweggründe gut darstellen und kommt seinem Ziel recht nahe. Da zudem die Informationen, die sich auf den Agentenapparat oder die einzelnen Operationen beziehen, nicht platt und überbordend vermittelt werden, entsteht ein gut strukturiertes nicht zu komplexes Gebilde, dass den Leser leicht in die Vergangenheit und die recht unbekannte Welt der weiblichen Sonderagenten entführt. Dabei werden die historischen Ereignisse bewusst ausgespart beziehungsweise das Wissen darüber vorausgesetzt. Trotz der handwerklich guten Struktur steigt die Spannung nur sehr langsam an und man fragt sich in der ersten Hälfte immer wieder, was so interessant an dieser recht gewöhnlichen und noch unerfahrenen Frau sein soll. Wenn man allerdings am Ball bleibt, erhält man die Chance mit der Protagonisten zu wachsen. Je selbstbewusster Marian wird, desto spannender wird auch die Handlung. Dadurch entwickelte die Handlung in der zweiten Hälfte endlich eine ganz eigene Dynamik, die bis zum Schluss anhält und den Leser fesselt.

Unterstützend wirkt dabei eine recht harmonische Sprache, die nicht zu verschachtelt strukturiert ist und beim Lesen einen guten Rhythmus vorgibt. Schnell ist man in Marians Gedankenwelt eingetaucht und kann ihre Handlungen nachvollziehen. Allerdings verzweifelt man an manchen Stellen nahezu und könnte laut aufschreien, weil sie so extrem naiv wirkt. Auf der anderen Seite ist es wohl gerade diese Naivität, die sie dazu veranlasst hat, an diesen Operationen teilzunehmen. Und man darf ebenso nicht vergessen, dass man heutige Frauen nicht mit denen der 40er-Jahre gleichsetzen kann.

In die beschrieben Haupthandlung sind Aspekte einer Liebesgeschichte eingeflochten, die nie für eine lange Zeit in den Vordergrund treten oder so ausufernd beschrieben werden, dass es abschreckend wirken könnte. Sie sind eher das Salz in der Abenteuergeschichte und werden hin und wieder mit warmen Worten beschrieben, die manchmal so wirken als wollen sie einen intimen Moment oder einen liebevollen Gedanken beschreiben, der sehr zerbrechlich ist und durch überflüssige Worte zerstört werden könnte. In anderen Abschnitten wird jedoch alles wieder recht kühl beschrieben. Dies kehrt aber in gewisser Weise Marians Innerstes nach außen.

Insgesamt handelt es sich um einen soliden Roman, der allerdings erst in der zweiten Hälfte richtig Fahrt aufnimmt. Sprachlich gesehen ist das Werk recht passabel, aber nichts für den anspruchsvollen Leser. Man gewinnt leider den Eindruck, dass der Autor endlich mal etwas über das Thema schreiben wollte und viel Energie aufgewendet hat, aber seine Fähigkeiten nicht komplett ausgeschöpft hat.

Originaltitel: The girl who fell from the sky
Originalverlag: Little Brown
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann Ulrike Wasel

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,  

384 Seiten, 

 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-421-04565-2
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis) 

 

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