Luc Brunschwig & Cécil, Holmes (1854–†1891?)

Inhalt
Bei einem Kampf mit Dr. Moriarty stürzt Sherlock Holmes am 04. Mai 1891 die Reichenbachfälle hinab und nimmt seinen Erzfeind mit in den Tod. Watson steckt daran anschließend in einer großen Krise und ist deprimiert. Da er den Tod seines Freundes nicht rückgängig machen kann, möchte er zumindest sein Andenken bewahren und schreibt über dessen letzte Stunden eine weitere Geschichte. Wie üblich wird er dabei von seinem  Literaturagenten Arthur Conan Doyle unterstützt und verkauft die Geschichte an das Strand Magazine. Der Chefredakteur verweigert das erste Mal den Abdruck einer Sherlock Holmes Geschichte. Grundlage für diese Entscheidung sind Hinweise darauf, dass Dr. Moriarty, so wie er in den Geschichten rund um den Detektiv dargestellt wird, nicht existiert hat. Holmes will  der Sache nachgehen und macht sich gemeinsam mit einigen Helfern auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei kommen ihnen mehrfach sonderbare und interessante Persönlichkeiten in die Quere. Zudem müssen sie tief in Sherlocks Familiengeschichte graben und fördern ungeahntes zutage.

Meinung
Die von Luc Brunschwig erzählte und von Cécil gezeichnete Geschichte erschien bereits 2008 in Frankreich und fügte sich damals in den allgemeinen Sherlock Holmes-Hype ein. Dieser hat mittlerweile zwar stark nachgelassen, das Interesse für den recht unnahbar wirkenden Detektiv besteht jedoch weiterhin. Die von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Geschichten werden aber meiner Meinung nach in abgewandelter Form in jeder Generation neue interessierte Leser, Zuhörer und Zuschauer finden. Das Anpassen an die jeweilige Generation und die Zielgruppe führte in den letzten Jahren dazu, dass sich viele Autoren mit einer eventuellen Vor- und Nachgeschichte zu den veröffentlichten ursprünglichen Holmes-Geschichten auseinandersetzten.  Besonders die Jugendjahre des Detektivs wurden in den Büchern beleuchtet. In den Filmprojekten ging es hingegen mehrfach um eine moderne Erzählung der ursprünglichen Geschichten. In der neuesten TV-Serie „Elementary“, die übrigens sehr empfehlenswert ist, wird Sherlock in das heutige New York versetzt und Watson ist eine Frau.

Brunschwig und Cécil beschäftigen sich hingegen mit Holmes Ende und greifen einige Aspekte auf, die aus ihrer Sicht vielleicht in den Doyle-Romanen zu kurz kamen oder sogar ansatzweise widersprüchlich erschienen. Dabei rücken sie, ebenso wie andere Roman- und Drehbuchautoren, die Figur des Dr. Moriarty in den Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Doyle, der den Doktor tot in den Reichenbachfällen zurücklässt und nur Sherlock eine zweite Chance gibt, lassen die Autoren den Leser im ersten Band weiter im Unklaren, ob Holmes überlebt hat. Sein Erzfeind ist ein ganz anderes Thema.
Auch die Beziehung zwischen Watson und seinem Freund wird in Ansätzen betrachtet. Viel intensiver setzt man sich allerdings mit Holmes Familiengeschichte auseinander und zeigt Verbindungen zu der Familie Moriarty auf.

Die Graphic Novel ist in drei Kapitel unterteilt, von denen zwei im Jahr 1891 spielen. Das mittlere Kapitel spielt 1844 und erzählt, welche Menschen Holmes Eltern waren und wie sie sich kennenlernten. Dieses Kapitel hebt sich nicht nur zeitlich von den anderen Teilen ab, sondern auch farbig. Währen die flankierenden Abschnitte in Grautönen gehalten sind, zeichnet sich der mittige Teil durch eine Sepiafärbung aus. In dem gesamten Band fällt zudem nur eine Zeichnung heraus, die farblich gestaltet ist. Dabei handelt es sich um ein Gemälde, welches ein Vorfahre von Sherlock gemalt hat und auf dem eine Schlacht dargestellt ist. In der Geschichte spielt dieses Bild auf allen Zeitebenen eine Rolle.

Innerhalb der einzelnen Kapitel gibt es auch Zeitsprünge, die in Form von Gedanken in die Geschichte eingebaut werden. Diese erkennt man an der nicht vorhandenen Panelrahmung. Für das Verständnis der zeitlichen Ebenen ist diese Vorgehensweise hervorragend. Schwierig für das Verständnis könnten hingegen die ersten Seiten sein, auf denen handschriftliche Briefauszüge abgedruckt sind. Sie sind auf keinen Fall unleserlich. Aber für Personen, die nur noch selten mit handschriftlichen Texten zu tun haben, ist das Lesen auf jeden Fall ein wenig schwerer.
Die Zeichnungen sind wiederum glasklar und die Gesichtszüge der einzelnen Figuren sind faszinierend deutlich. Auch wenn die Gesichter der Damen teilweise recht maskulin wirken. Weiterhin ist bei einigen Personen eine gewisse Ähnlichkeit zu älteren gezeichneten Figuren oder sogar Schauspielern erkennbar. Dies hindert aber nicht den Lesefluss oder stört den Handlungsverlauf. Sehr detailgetreu und historisch korrekt erfolgt zudem die Darstellung der Kleidung und er Umgebung. Cécil beherrscht in dieser Hinsicht das Spiel mit Licht und Schatten perfekt und macht damit die Graphic Novel zu einem wahren Genuss.

Brunschwigs Geschichte ist sehr logisch aufgebaut und verknüpft Details aus anderen Romanen mit neuen Aspekten und wirklich interessanten Ideen. Die Sprache ist dabei ansprechend und wirkt sehr realistisch. Einen ausgeprägten Humor, der schon fast übertrieben wirkt, den man aber aus den aktuelleren Filme kennt, sollte man hier allerdings nicht erwarten. Der Humor ist gut dosiert und rückt den eigentlich interessanten Aspekt der Geschichten wieder in den Mittelpunkt: Die analytischen Fähigkeiten und das umfangreiche Wissen einiger Figuren. Aus meiner Sicht schafft es Brunschwig auf eine wunderschöne und gleichzeitig sehr stringente Art und Weise eine spannende Geschichte voller Wendungen zu erzählen, die Holmes-Fans und unvoreingenommene Leser gleichermaßen begeistern wird. Er regt, natürlich stark unterstützt durch die Zeichnungen, seine Leser zum Mitdenken und Mitfiebern an. Wenn man das Buch schließt, hat man nur einen Gedanken im Kopf: Ich will mehr!

Fazit: Eine wunderbare Symbiose aus Meisterdetektiv und Graphic Novel. Auch empfehlenswert für Einsteiger in das Thema und/oder das Genre.

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Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
80 Seiten | 23 x 35 cm
geb. | durchgehend farbig
ISBN 978-3-941087-51-4
€ [D] 19,95 | € [A] 20,60 | SFr 28,50

Link zur Verlagsseite (mit Bestellmöglichkeit)

Hinweis: Der zweite Band erscheint im Herbst 2013

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