Kristin Harmel, Solange am Himmel Sterne stehen

Nach einer Trennung will man als Frau meist erst einmal nichts von Männern wissen, ist unempfänglich für irgendwelche Signale und bildet sich ein, dass die neue Unabhängigkeit etwas schönes ist und man endlich mal die Dinge tun kann, für die man sonst nicht die Zeit oder den Antrieb hatte. Aber nur die wenigsten Menschen halten den Tatendrang der ersten Tage aufrecht. Es ist eher ein Davonlaufen vor den üblichen Gedanken. Hope ist eine durchschnittliche Amerikanerin, die gerade eine Trennung hinter sich gebracht hat und auch erst einmal Ruhe in ihr Leben bringen möchte. Aber ihre Tochter, die zwischen den beiden Elternhäusern hin- und herpendelt, die eigene kleine Bäckerei mit Café und die neue Freundin des Ex-Mannes bringen sie ganz aus dem Konzept und sie weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. In dieser Situation besucht sie ihre Großmutter, die an Demenz erkrankt ist und in einer Pflegeinrichtung lebt. Wie üblich bei Demenzerkrankten, hat auch Rose klare Momente, in denen sich die Zeitebenen nicht vermischen. In einem solcher Momente gibt sie ihrer Enkelin eine Liste mit Namen. Sie sagt, dass dies ihre Familienmitglieder seien und Hope ihr einen großen Gefallen tun kann. Sie soll nach Paris reisen und herausfinden, was mit den Verwandten im Jahr 1942 geschah. Nach einigem Zögern stimmt Hope zu. Doch was sie in Paris herausfindet, sprengt ihren Vorstellungsrahmen. Sie erfährt von einer unglaublichen Liebesgeschichte, hört etwas über Freundschaft und über Leid. Und dabei findet sie nicht nur genealogische Puzzleteile, sondern entschlüsselt auch ein wenig sich selbst.

Was mir nach dem Lesen dieser Geschichte noch lange im Gedächtnis geblieben ist, ist die wunderbare Verstrickung von historischen Elementen, einer Familiengeschichte und einer Liebegeschichte, die auf der einen Seite so wundervoll und herzerwärmend ist, dabei auf der anderen Seite aber nie kitschig wirkt. Ich gebe zu, dass ich kein Freund von Liebesromanen bin und daher vorher sehr skeptisch war. Kristin Harmel hat es aber geschafft einen Roman zu schreiben, der zwar im Kern von einer Liebesgeschichte handelt, diese aber eigentlich nur selten in den Vordergrund stellt. Das mag paradox klingen, ist es aber gar nicht, wenn man dieses Buch gelesen hat. Ein Grund hierfür mag auch die schöne Sprachkomposition sein. Die Autorin schafft es selbst in beängstigenden Situationen eine sehr sanfte und ruhige Sprache zu benutzen, die den Leser wie eine Schutzhülle umgibt, ihn aber gleichzeitig an den Gefühlen der handelnden Personen teilhaben lässt. Dabei erscheinen die Dialoge jedoch nicht konstruiert. Die Sprache ist weder künstlich verschönert, noch driftete sich in die Umgangssprache ab. Sie ist einfach perfekt, wenn man ein Buch lesen möchte, das einen berühren, fesseln, zum Lachen, aber auch zum Weinen bringen soll.
Ein i-Tüpfelchen bilden die Rezepte, die immer einen Bezug zur Handlung haben. Die Geschichte einer kleinen Bäckerei ist eng mit Hopes Familiengeschichte verknüpft. Wie eng diese Verbindung ist, stellt sich aber erst im Verlauf des Buches heraus. Die abgedruckten Rezepte lassen einem schon das Wasser im Munde zerlaufen. Und ich kann auch eigener Erfahrung sagen, dass sie funktionieren und die Ergebnisse eine Gaumenfreude sind.

Fazit: Ein wundervoller Roman, der hoffentlich nicht das letzte Werk aus der Feder der  Autorin sein wird.

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Originaltitel: The Sweetness of Forgetting
Originalverlag: Gallery Books, New York 2012
Aus dem Amerikanischen von Veronika Dünninger

Deutsche Erstausgabe

Taschenbuch, Klappenbroschur, 480 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-38121-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,90*

Link zur Verlagsseite

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