Boulet & Pénélope Bagieu, Wie ein leeres Blatt

Eloïse sitzt an einem lauen Abend auf einer Parkbank in Paris. Das ist eine recht normale Situation, die sich allerdings schnell ins Gegenteil verkehrt als die junge Pariserin aus ihrem Tagtraum erwacht und nicht mehr weiß, wer sie ist und wo sie sich befindet. Was macht sie in dieser Gegend? Wo ist ihr Zuhause? Und vor allen Dingen: Wie ist ihr Name? Sie beginnt in der Umgebung Leute zu befragen und findet so ihre Tasche inklusive Ausweis, der ihr schon einmal den eigenen Namen und die Adresse verrät. Aber damit fängt das Abenteuer erst an. Wie ein leeres Blatt liegt ihr Leben vor ihren Füßen und sie muss es langsam ausfüllen. Die Frage ist nur, was in diesem Unbekannten Leben auf sie wartet.

Mit sehr viel Einfühlungsvermögen und einer gut dosierten Portion Humor erzählen Boulet und Pénélope Bagieu die Geschichte der jungen Frau. Im Vordergrund stehen dabei natürlich Eloïses Gedanken, wie den ihr Leben vorher ausgesehen haben könnte. Dabei entspinnen sich die lustigsten und tragischsten Geschichten, die meist als eine Art Blick in die Zukunft konzipiert sind, den sie kurz vor einer wichtigen Entscheidung in ihrem Kopf durchspielt. So entstehen zum Beispiel die eigentümlichsten Varianten darüber, was denn hinter ihrer eigenen Wohnungstür auf sie warten könnte. Je mehr Details dabei ans Tageslicht kommen, desto deutlicher wird, dass ihr Leben schlicht und ergreifend total durchschnittlich war.

Die farbenfrohen und gleichzeitig klaren Bilder lassen dies aber erst im Laufe der Zeit erkennen. Das Leben rund um die Protagonistin ist nämlich gar nicht so grau, wie es sich im Verlauf der Handlung darstellt. Sie hat nur nicht erkannt, was vielleicht wirklich wichtig ist. Aber jedes leere Blatt ist auch eine Chance etwas ganz Neues zu beginnen. Dieser Eindruck wird gegenüber dem Leser noch dadurch verstärkt, dass zwischen den einzelnen Kapiteln ein leeres Blatt eingefügt wurde. So setzen sich noch einmal die Ereignisse und Gedanken aus dem letzten Kapitel und man macht sich bereit für einen neuen Abschnitt, der neue Erlebnisse und Erkenntnisse bereithält.

Insgesamt erstreckt sich die Handlung über 12 Kapitel, die durch eine einleitende Zeichnung gekennzeichnet sind. Diese Zeichnung gibt stets einen Schwerpunkt der folgenden Seiten wieder. Auf den Seiten befinden sich ein bis neun Panels, die wie bereits erwähnt sehr farbenfroh gestaltet sind. Die Farbwahl orientiert sich aus meiner Sicht an der weiblichen Protagonistin. Zudem wird der Humor der Zeichnerin Pénélope Bagieu, den sie seit einigen Jahren auf ihrem Blog immer wieder fantastisch unter Beweis stellt, oft als sehr feminin bezeichnet. Das liegt sicherlich daran, dass in den meisten Geschichten Frauen und ihre Alltagsprobleme sowie ihre lustigen Erlebnisse im Mittelpunkt stehen. Dabei schwanken die Figuren zwischen dem Bild einer starken und selbständigen Frau und dem kleinen Mäuschen, das von einem Fettnapf in den nächsten tritt. Er kommt auch in „Wie ein leeres Blatt“ wundervoll ans Licht und passt nicht nur hervorragend zu der angesprochenen femininen Farbgebung, sondern auch perfekt zu den Texten von Boulet. So ergibt sich eine Graphic Novel, die zwar vordergründig weibliche Leser anspricht, aber ein Thema bearbeitet, dass nicht typisch weiblich ist. Das Leben, sein Sinn und die Möglichkeiten, die wir haben, betreffen uns ja alle. Und Eloïse zeigt uns, dass es immer die Möglichkeit gibt Änderungen vorzunehmen. Dafür bedarf es nicht erst einer Amnesie.

Fazit: Absoluter Tipp für Frauen, die sich bisher nicht an Graphic Novels wagen wollten. Und natürlich ein Genuss für alle Fans gut gezeichneter Geschichten.

 

9783551751096Flexocover mit Spot und Gummiband
Größe 17,50 x 24,60 cm
Seiten 208
ISBN 978-3-551-75109-6

D: 17,90 €
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