Die Frau ohne Zeit oder „Mein erstes Wort zum Sonntag“

Nachdem ich die Blog-Renovierung und die neue Ausrichtung angekündigt hatte, schwirrten mir viele Gedanken im Kopf herum und ich hatte Ideen für gefühlte tausend Artikel. Und dann gab es da wieder dieses eine Sache, die in der letzten Zeit um mich herum immer wieder auftaucht und dann plötzlich verschwindet: die Zeit. Bevor ihr mir jetzt mit Einstein und der Theorie von Raum und Zeit kommt, muss ich euch gleich stoppen. Es geht schlichtweg darum, dass mir Zeit fehlt. Wenn ich all die Dinge, die mir wichtig sind, machen würde, müsste ich meinen Job kündigen. Ich sehe schon die Fragezeichen über euren Köpfen und die hochgezogene Augenbraue. Ja, ich bin Lehrerin und nein ich habe nicht um 13 Uhr Feierabend.

Lehrer haben am Nachmittag frei

Zunächst sollte ich ein paar grundsätzliche Worte über die Berliner Situation verlieren. Hier gibt es nur noch zwei Schultypen: Gymnasium und Sekundarschule. Man kann also sagen, dass aus einer Vielklassengesellschaft eine Zweiklassengesellschaft entstanden ist. Beide Schultypen sind inklusive Schulen und nach der UN-Konvention von 2006 verpflichtet, Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. An den Schulen gibt es eine ganz unterschiedliche Anzahl von Sozialarbeitern und Sonderpädagogen. Meine Welt ist eine ganz solide Sekundarschule, die mir mit allen Schülern sehr schnell ans Herz gewachsen ist. Wir sind allerdings auch eine teilgebundene Ganztagsschule und daher verpflichtet recht lange Unterricht bzw. schulische Angebote zu betreuen. So ist es also eher die Regel, dass ich frühestens um 16 Uhr die Schule verlassen kann. Sicherlich habe ich manchmal auch Freistunden oder fange erst nach 8 Uhr an. Aber in meine Grundarbeitszeit von 26 Stunden sind keine Vorbereitung, Nachbereitung, Evaluationen, Fördergespräche und sonstige organisatorischen Arbeiten eingerechnet. Eine kleine Statistik, die ich in den letzten Woche mal geführt habe, bringt mich auf durchschnittliche 50 Stunden in der Woche. Und das liegt nicht daran, dass ich eine junge Lehrerin bin. Aus meiner Sicht ist meine Arbeit an vielen Stellen noch verbesserungswürdig und sie wird auch in den nächsten Jahren nicht besonders stark abnehmen, weil meine Schülerschaft einfach so heterogen ist, dass man sich immer wieder neue Dinge ausdenken muss. Und dabei bin ich nur Tutorin und nicht Klassenlehrerin (aka Kerngruppenleiterin). Nicht einberechnet sind auch die Konzeption und Auswertung von Klassenarbeiten, Klausuren und Abiturarbeiten. Meine Abende und Wochenenden sehen daher immer ähnlich aus und spielen sich meist am Schreibtisch ab. Und ich kann wirklich erst am Abend an den Schreibtisch.

Frauen und die Doppelbelastung

Ehrlich gesagt kann ich Frauen nicht mehr hören, die mir einreden wollen, dass das doch alles total super und entspannend ist. Schließlich werden die Kinder ja heutzutage super betreut. Natürlich bin ich froh, dass es ein gutes Betreuungsnetz gibt. Aber wenn ich mir mal meinen tag betrachte, werde ich doch nachdenklich. An den meisten Tagen in der Woche beginnt mein Unterricht um 8 Uhr. Da man nie in die Schule kommt und dann nur noch in den Unterricht geht, sondern vorher auch noch an den Kopierer will, Fehlzeiten kontrollieren muss und Vorbereitungen trifft, bin ich meistens gegen 07:20 in der Schule. Da ich mit dem Bus fahre, muss ich um 06:45 an der Haltestelle sein. Das bedeutet aber auch, dass ich meinen kleinen Erstklässler gegen 06:30 im Hort abliefern muss. Ergo: Ich stehe um 5 Uhr auf und der kleine Mann um 05:30.

Damit hätten wir den Morgen abgearbeitet. In der Schule geht es dann drunter und drüber. Manche Tage verfliegen einfach und an manchen möchte man schon nach der ersten Stunde nach hause. Aber das geht den Schülern sicherlich auch so. Nach der Schule flitze ich den Weg wieder zurück, hole das Kind ab, versuche mich noch ein wenig mit ihm zu beschäftigen, koche das Abendessen und plötzlich ist es 19 Uhr. Das Kind wird ins Bett gebracht und dann geht es wieder an den Schreibtisch.

Das Leben dazwischen

Sport, Kultur und Erholung haben in diesem ganzen Korsett nur noch wenig Platz. Mit dem Musikunterricht habe ich aufgehört, weil ich einfach keine Stunde irgendwo abzweigen konnte. Jeden gelaufenen Meter in der Schule oder jede überrannte Kreuzung, weil ich den Bus noch unbedingt bekommen muss, sehe ich mittlerweile als Fitnesstraining an. Freunde und Kultur werden hin und wieder mal eingequetscht, sorgen aber letztendlich dafür, dass ich an einem anderen Tag Nachtschichten am Computer einschieben muss oder meine Unterrichtsvorbereitung nicht so aussieht, wie ich es gerne hätte. Man sehnt sich dann förmlich nach den nächsten Ferien, stellt aber fest, dass man diese auch nur zur Hälfte nutzen kann, weil ja noch die Leistungskursklausuren nach einer Korrektur lechzen und die nächsten Unterrichtseinheiten grob vorbereitet werden müssen. Zwischenzeitlich fragt man sich dann noch, ob man nicht auch einmal ein Kind hatte und wo das abgeblieben ist. Ach, das ist ja auch in den Ferien für ein paar Tage im Hort. Und warum? Na damit ich Zeit zum Arbeiten habe. Ein Hoch auf die Betreuungsmöglichkeiten!

Und nu?

Ja, was will die meckernde Frau jetzt nur von uns? Ich möchte nicht bemitleidet werden. Schließlich hätte ich mich auch gegen ein Kind oder für einen anderen Job entscheiden können. Nein, ich möchte einfach nur eine Sache rausbrüllen: Ich bin gerne Lehrerin und ich mag meine Schüler, ich engagiere mich und ich versuche allen irgendwie gerecht zu werden. Ich versuche als Mutter und Freundin, die eine volle Stelle hat, Beruf und Familie zu managen. Aber auch meine Ressourcen sind nicht unendlich. Ich gebe ein Teil meines Lebens und einen großen Teil meiner Zeit, die mir und meiner Familie fehlt, für andere Kinder her. Dafür erwarte ich von der Gesellschaft einen gewissen Respekt. Ich will nicht als fauler und überbezahlter Mensch dargestellt werden. Meine Kollegen und ich stehen vor Herausforderungen, die sich viele gar nicht vorstellen können. Gerade in Berlin erhalten wir eine Reform nach der anderen, die nicht ausreichend vorbereitet wurde. Die Schüler kommen mit immer größeren sozialen und fachlichen Defiziten an die Oberschule, die wir irgendwie abfangen müssen. Auf der anderen Seite beeinflusst der Job das Privatleben enorm, weil man nie wirklich Feierabend hat. Und ich möchte nicht als Rabenmutter abgestempelt werden, weil ich mein Kind in den Hort gebe. Denn nur so kann ich meinen Pflichten nachkommen.

Dieser Spagat zwischen den beiden Welten und das Gefühl in keiner der beiden richtig wirken zu können, ist ja auch nur ein Effekt, den wir als Gesellschaft des 21. Jahrhunderts selbst hervorgerufen haben. Ich bin doch nur ein Spiegelbild der Forderungen, die aus meiner Sicht von der Gesellschaft gestellt werden. Und das gerade, weil ich praktisch für die Gesellschaft tätig bin. Ich möchte hier keine systemkritische Debatte aufwerfen, sondern einfach nur zum Denken anregen und zum Schluss allen Müttern, Vätern und LehrerInnen sagen: Ihr seid klasse!

 

 

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