Robert Löhr, Erika Mustermann

Eine genervte, frustrierte und traurige Frau, die beginnt an dem politischen Geschehen in Berlin zu zweifeln. So kann man Friederike knapp beschreiben. Aus ihrer Sicht graben die Piraten den Grünen das Wasser ab, obwohl sie inhaltlich und besonders umweltpolitisch gar nicht so viel zu bieten haben. Und einer der Hoffnungsträger der Piratenpartei, Volker Plauschenat, hat ihr auch noch eine äußerst interessante Idee geklaut, die auf Youtube immer mehr begeisterte Zuschauer gewinnt. Friederike kann das alles nicht länger ertragen und gräbt sich durch das Leben von Plauschenat. Um näher an ihn heranzukommen, engagiert sie sich in der Piratenpartei. Eigentlich ist sie aber Mitglied der Grünen und ist dort auch lokalpolitisch fest verankert beziehungsweise bekannt. Das ist ihr aber alles egal. Sie will das parteiinterne System der Piraten unterwandern, die Strukturen besser verstehen und ihren Gegner mit den eigenen Waffen schlagen. Es kann ja nicht so schwer sein diese unerfahrenen Trottel zu besiegen. In ihrem Wahn merkt Friederike gar nicht, dass es noch etwas anderes als diesen Kampf gibt. Sie vernachlässigt ihre Familie und Freunde. Und gleichzeitig verändert sie sich positiv. Das bemerkt sie aber erst viel später.

In vielen Artikeln wurde darüber geschrieben, dass Robert Löhr den ersten Roman über die Piratenpartei geschrieben hat und sich dafür, genauso wie es auch seine Protagonistin macht, in die Strukturen der Partei eingearbeitet hat. Diese Arbeit spürt man immer wieder, wenn man das Buch liest. Auf den ersten Blick geht es natürlich vorwiegend um die Piraten und vor allen Dingen um ihre Situation in Berlin. Hat man das Buch aber beendet, stellt man fest, dass der Schwerpunkt an einer ganz anderen Stelle liegt. Die beiden Parteien, die im Mittelpunkt stehen, und die Zerrissenheit der Protagonistin stehen stellvertretend für die politischen Veränderungen, die wir im letzten Jahr in Deutschland erlebt haben. Dass davon schon wieder ein gewisser Teil abgeflaut ist, ist ein ganz anderes Thema. Robert Löhr thematisiert auch die Sicht verschiedener Wählertypen auf die Parteien und macht deutlich, dass sich die Interessen der Wählerschaft in den letzten Jahren enorm verändert haben. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die politische aktuellen Themen und die Aspekte, die in einem Wahlkampf hervorgehoben werden. Und scheinbar haben die etablierten Parteien einige Probleme mit diesen Themen. Gleichzeitig schaffen es junge Politiker, trotz einer gewissen Unbedarftheit, gerade dadurch sonst uninteressierte Wähler zu gewinnen. Dieser Punkt trat zwar im Bundestagswahlkampf nicht mehr so stark in den Vordergrund, wird aber in dem Buch wunderbar analysiert, gleichzeitig humorvoll aufbereitet und in eine wundervolle Geschichte gepackt. Dabei ist die verwendete Sprache so leicht und erfrischend, dass man den Roman verschlingt und nach dem Lesen am liebsten gleich ein weiteres Werk des Autors beginnen möchte. Aber man denkt ebenso ernsthaft über die aktuelle politische Situation im eigenen Land nach und reflektiert die eigene Position sowie das gesellschaftliche und politische Engagement, das eine demokratische Gesellschaft eigentlich auszeichnet.

Somit hat der Autor aus meiner Sicht alles richtig gemacht und ich kann das Buch nur jedem halbwegs politisch interessierten Menschen empfehlen. Und auch völlig uninteressierte Leute sollten zu dem Roman greifen. Nach dieser amüsanten Lektüre kann man nicht mehr „unpolitisch“ sein.

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272 Seiten,
Klappenbroschur
ISBN: 978-3-492-05452-2
€ 16,99 [D], € 17,50 [A], sFr 24,90
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