Martin Baltscheit, Die besseren Wälder

Der kleine Ferdinand und seine Eltern sind Wölfe, denen es in ihrer Heimat nicht besonders gut geht. Die schlechte wirtschaftliche Lage führt zu einem Mangel in den verschiedenen Lebensbereichen. Schon lange reden die beiden Erwachsenen daher über eine eventuelle Flucht. Als es wieder nicht genug Nahrung gibt, macht sich die kleine Familie auf den Weg in die besseren Wälder, von denen sie schon so viel gehört haben. Zwischen dem alten Leben und dem hoffentlich besseren Leben liegen nicht nur einige Kilometer, sondern auch eine Grenze, die stark überwacht wird und teilweise aus einer Mauer besteht. Im Schutze des starken Schneefalls soll der Grenzübertritt gewagt werden. Doch Ferdinands Eltern erreichen das gelobte Land nie. Ferdinand schafft es in das andere Land, in dem er auf ein kinderloses und seltsam aussehendes Paar trifft, dessen Laute er nicht versteht. Es sind Schafe. In der ganzen Gegend leben nur Schafe. Das Paar diskutiert eine Weile, ob sie den kleinen Wolf nicht lieber töten sollten. Doch im Endeffekt siegen die Gefühle. Ferdinand wird durch die Erziehung der beiden und einige kosmetische Tricks zum Vorzeigeschaf, das über seine eigentliche Herkunft nichts mehr weiß. Als er fast erwachsen ist passiert jedoch ein schrecklicher Mord. Ferdinand wird direkt neben der Leiche gefunden und ist somit der Hauptverdächtige. Im Gefängnis erkennt er seine wahre Identität. Und somit beginnt eine Suche nach sich selbst und nach der Wahrheit.

Es gibt Bücher, bei denen man noch leichte Fragezeichen über dem Kopf hat, weil man sich nicht sicher ist, ob man die Intention des Autors richtig verstanden hat. Und ich muss zugeben, dass es Geschichten gibt, zu denen ich gar keinen Zugang finden kann.
Beim Lesen von „Die besseren Wälder“ fühlte ich von beiden Gegensätze ein wenig. Zunächst hatte ich auch ein paar Fragezeichen über dem Kopf, habe dann aber einfach während des Lesens meine eigene Interpretation eingebunden. Und genau das wollen doch die meisten (guten) Autoren. Sie geben eine Rahmenhandlung vor, die den Kopf des Lesers aber noch dazu veranlasst eigene Gedanken und Gefühle einzubinden. Das gelingt aber leider nicht allen Autoren. Doch Baltscheit schafft es eine klar abgegrenzte und in sich geschlossene Geschichte zu erzählen, die den Leser nicht überfordert, aber auch nicht langweilt. Gleichzeitig gibt er genau den Raum, den man benötigt, um die eigenen Gefühle und Gedanken einbinden zu können. Dies erreicht er einerseits durch eine sehr gelungene Konstruktion der Handlung, die immer wieder interessante und nachvollziehbare Wendungen aufweist. Andererseits führt die direkte und jugendliche Sprache dazu, dass man sich rasch in die Geschichte eingebunden fühlt. Es gibt nur eine geringe Distanz zwischen dem Leser und der Erzählung. Man kann praktisch die Gefühle und die Nachdenklichkeit der Protagonisten spüren. Ergänzt wird der sprachliche Teil durch moderne und kantige Zeichnungen, in denen immer wieder mit den verschiedenen Mensch- und Tierattributen gespielt wird. Dies ist übrigens ein Aspekt, der immer wieder im Buch auftaucht. Man bewegt sich praktisch, genauso wie Ferdinand, in zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.

Das ist auch eine Grundaussage des Buches, die den Leser dazu veranlasst eigene Gefühle und Gedanken noch einmal in einem neuen Kontext zu betrachten. Würde ich genauso handeln? Was würde solch ein Leben aus mir machen? Wer bin ich eigentlich wirklich? Bin ich nicht nur ein Produkt von Erziehung und Umwelt? Solche Fragen lässt der Text zu und mit solchen Fragen beschäftigt man sich auch nach dem Lesen. Ein bisschen hat mich die Lektüre daran erinnert, wie ich mich als Jugendliche nach dem Lesen diverser Bücher des Autors Hermann Hesse gefühlt habe. Obwohl die Geschichte auf den ersten Blick so simpel anmutet, spricht sie doch existenzielle Fragen und Ängste an, die jugendliche und erwachsene Leser beschäftigen.

Fazit: Ein Werk, das mit viel Liebe erstellt wurde und bei dem die Absatzzahlen wirklich nachranging sein sollten. Es ist spannend, regt zum Nachdenken an und ist auch optisch ein Genuss.

Cover Schutzumschlag_24.06.2013_final.indd

 

ISBN 978-3-407-82033-4

1. Auflage 2013. 240 Seiten.
Gebunden.
Ab 12 Jahre

Hinweis: Die Geschichte wurde zunächst als Theaterstück konzipiert. Schaut euch also mal um, ob es nicht vielleicht gerade in eurer Umgebung aufgeführt wird!

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