Michel Houellebecq, Gestalt des letzten Ufers (Gedichte)

Man sagt ja, dass mit einem erhöhten Alter den Menschen eine gewisse Einsicht eingehaucht wird und die zurückliegenden Lebensphasen kritisch reflektiert werden. Viele Dinge werden einerseits nicht mehr so verbissen gesehen. Aber andererseits schleicht sich doch bei vielen älteren Herrschaften eine recht mürrische Art ein. Nun geht es Autoren nicht viel anders und gerade bei den Vertreter der schreibenden Zunft, die sich auf die Gesellschaftskritik stürzten, erwartete man von Lebensjahr zu Lebensjahr ein Buch, das entweder den totalen Zerfall des Schriftstellers belegt oder das Gedankengerüst, welches mit den erfolgreichen Werken aufgebaut wurde, in einer kritischen und reflektierten Endversion erklärt.

Michel Houellebecqs literarische Leistung steht für mich außer Frage. Er hat in seinen Romanen sehr direkt und schonungslos beschrieben, wie unsere Gesellschaft und unsere Beziehungen zu einem großen Teil aussehen. Er hat bestehende Strukturen hinterfragt und den Finger immer wieder auf Wunden gelegt, von denen wir glaubten, dass sie nicht mehr schmerzen würden, wenn wir in eine andere Richtung schauen. Doch nach der Lektüre kehrte sich diese Haltung des Verdrängens und Ausblendes um. Man konnte nicht anders als immer hinzuschauen und zu beobachten. Wie bei einem Unfall, der erschreckend und faszinierend zugleich ist, betrachtete man Freunde und ihre Lebenswege, erörterte immer wieder die eigene Situation und blieb dann doch an dem Gedanken hängen, wie wohl wahre Lebensfreude und Glück in unserer heutigen Gesellschaft definiert werden können.

Da sich Houllebecq mit jedem Roman selbst übertraf, wurde gleichzeitig vor jeder Neuveröffentlichung der Abgesang des Autors prophezeit. Hatte er denn nicht schon alles seziert? War seine Wortwahl nicht schon drastisch genug? Und wird er nicht endlich einmal „erwachsen“? Diese Fragen stellten sich allerdings nur Menschen, die sich nicht mit dem litrarischen Anfang des Autors befasst hatten. Denn zum Romanschreiben kam er nur eher zufällig. Literarisch gesehen fühlt er sich in der lyrischen Welt sehr viel stärker verwurzelt. Und so verwundert es auch nicht, dass zwischen den Romanen immer wieder Gedichtbände veröffentlicht wurden.

Aus meiner Sicht dringt er in seinen Gedichten noch sehr viel tiefer in die menschliche Gefühlswelt vor, gibt aber auch augenscheinlich mehr von sich preis. Er vermischt häufig sehr analytische Texte mit simplen Beobachtungen, aus denen er Alltagsweisheiten ableitet. Diese führen dann wieder zu komplexen Überlegungen, die er mit wenigen Worten darstellt.  Wenn man also wissen will, ob Houellebecq seine Ansichten mit dem Alter verändert hat, muss man sich seine Gedichte anschauen. Die Romane sollte man aber im Hinterkopf haben.

Dass der neue Gedichtband den Titel „Gestalt des letzten Ufers“ trägt führt natürlich wieder zu den oben genannten Spekulationen und lässt vermuten, dass die Hochzeit des Autors dem Ende entgegen geht. Ich habe dies zunächst nicht stärker berücksichtigt. Schaut man sich jedoch neuere Filmaufnahmen an, die Michel Houellebecq zeigen und liest man die Gedichte sehr konzentriert, kann man leider den Eindruck gewinnen, dass es sich wirklich um eine Art Abschied handelt. Houellebecq hat immer über Krebs, den Freitod und das Alter geschrieben. Doch nie war der Eindruck von einem gewissen Verfall und einem Verabschieden so stark. Das bedeutet auf gar keinen Fall, dass die Gedichte keine literarische Kraft erzeugen! Nein, dies bezieht sich wirklich nur auf die Person und die dargestellten Gefühle. Die Kritik an der Liebe und an dem Umgang der Menschen miteinander ist noch immer da. Aber das Alter und die damit zusammenhängenden sexuellen Einschränkungen führen dazu, dass die literarischen Figuren noch stärker an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Der Wert einer Person wird tatsächlich noch stärker über die sexuelle Kraft bestimmt. Doch die biologischen Gegebenheiten sorgen für eine Reflexion des eigenen Handelns und ein Nachdenken über die Liebe. Man hat den Eindruck, dass man erst mit dem Alter und dem Ausschluss aus dem Kreis der sexuell aktiven Menschen überhaupt erkennt, was wahres Glück und wahre Liebe bedeuten. Gleichzeitig hat man aber generell einen gewissen Abstand zu der gerade aktivsten Generation und kann die Prioritäten noch einmal neu setzen. Man denkt ebenso über das eigene Ende nach und möchte nicht auch noch darüber die Macht verlieren.

Houellebecq fängt all diese Gedanken und Gefühle in wenigen Worten ein, die tief in das Bewusstsein des Lesers dringen. Teilweise hat man den Eindruck, dass hier jemand spricht, der schon am anderen Ufer steht und über eine Weisheit verfügt, die man nur erlangen kann, wenn man sein eigentliches Leben bereits hinter sich gelassen hat. Die Worte wirken noch viel länger nach als die Sätze der Romane. Schaut man sich zudem die französischen Originalzeilen an, die in dem Band von DuMont linksseitig abgedruckt sind, erfährt man nicht nur eine Berührung des Geistes, sondern auch eine Berüjhrung des Herzens. Derr Klang der Worte ist so wunderbar, dass man ihn ständig in den Ohren haben möchte. Französisch ist aus meiner Sicht schon eine Sprache, die eine wundervolle Melodie aufweist. Doch die Textstruktur verstärkt diese Wirkung noch. Sie entfaltets ich auch, wenn man die Worte nicht im Detail versteht.
Die Tiefe der Sprache wird durch einen gut gewählten Schriftsatz unterstützt. Seiten, die teilweise nur einen Satz aufweisen, verdeutlichen die Aussage der einzelnen Worte und sorgen für das konzentrierte Lesen.

Wenn dies wirklich das letzte Werk des Autors sein sollte, was ich nicht hoffe, dann hat er seinen Abschied grandios gestaltet. Er könnte würdevoll abtreten und im Gedächtnis vieler beeindruckter Leser zurückbleiben. Sollte aber noch ein Roman folgen, wird er hoffentlich auf den Gedanken dieser Gedichte beruhen.

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176 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm

Originaltitel: Configuration du dernier rivage
Originalverlag: Flammarion, 2013
EUR 18,00
ISBN 978-3-8321-9741-4

Link zur Verlagsseite
Lesen Sie im Buch: Houellebecq, Michel – Gestalt des letzten Ufers

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