Maël & Olivier Morel, Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet

Olivier Morel ist französischer und mittlerweile amerikanischer Staatsbüger gleichzeitig. Er hat sich mehrfach filmerisch mit dem Verhältnis von Trauma und Kreation auseinandergesetzt. Schriftstellerisch hat er sich aber auch mit den Themen Erster und Zweiter Weltkrieg sowie Shoa beschäftigt und legte sein besonderes Augenmerk auf das Gedächtnis und die Berichte der Überlebenden.

Von 2007-2010 arbeitete er an einem Film über die amerikanischen Veteranen des Irakkrieges. In seiner Dokumentation „Amerikas verletzte Seelen“, die in deutscher Übersetzung 2011 das erste Mal auf dem Sender ARTE lief, stellt er verschiedene Rückkehrer und ihr Leben nach dem Krieg vor. Wichtig sind ihm die Personen, die Schwierigkeiten haben. Diejenigen, die  seelisch erkrankt sind und keine oder nur geringe Hilfe erhalten. Dabei geht er detailliert darauf ein, wie der Krieg die Menschen noch heute im Griff hat. Wie relevant die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist, zeigen die Zahlen der Suizide amerikanischer Veteranen. Nach Schätzungen geht man von ca. 22 Suiziden pro Tag aus!*

Hier könnt ihr den Trailer sehen (Hinweis: Die Werbung kann nach einigen Sekunden oben rechts übersprungen werden!)

Auf der Grundlage der Vorarbeiten zum Film und dem Film selbst beruht die Graphic Novel „Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet“, welche nur ein Jahr nach Erscheinen des französischen Originals im Carlsen Verlag erschienen ist. Gemeinsam mit dem französischen Comizeichner und -autor Maël hat Morel ein tolles Werk erschaffen, das den Film vielleicht sogar noch in den Schatten stellt.

Die Graphic Novel besteht aus drei Kapiteln, in denen die Entstehung des Films erzählt wird. Dabei geht es aber nicht um das eigentliche Handwerk, sondern um die Arbeit mit den sieben Veteranen und die Gedanken Morels. Man erhält sozusagen Hintergrundwissen über die Gesprächspartner. Ihre Gefühle und ihr Alltag werden mit Hilfe der Zeichnungen noch viel intensiver transportiert.

Dabei sind die Handlungen und Gespräche, die in der Gegenwart stattfinden, ausnahmslos schwarz-weiß gehalten. Sobald sich aber Gegenwart und Vergangenheit mischen oder sich die einzelnen Personen an bestimmte Ereignisse erinnern, sind die Bilder in einem rotbraunen Ton gehalten. Gerade diese Bilder geben einen Einblick in die Gedanken der Veteranen, die in dem Film nicht ausreichend visualisiert werden konnten oder sollten. Dass diese Bilder den Betrachter in besonderer Weise berühren, liegt auch an der wundervollen Arbeit des Zeichners. Meiner Meinung nach schafft es Maël sehr gut die Stimmung der Situationen und die Gefühle der Protagonisten in den Bildern wiederzugeben. Die variierende Anzahl und Größe der Bilder auf den einzelnen Seiten sorgt für eine große Abwechslung, hebt aber auch wichtige Punkte innerhalb der Erzählung besonders hervor.
Auch in den Anmerkungen, die von Morel zusammengestellt wurden, werden wichtige Begriffe oder Ereignisse noch einmal berücksichtigt.

Da in der Graphic Novel auch die Perspektive Morels deutlich wird, ist die Auseinandersetzung mit dem Thema noch eindringlicher und die Botschaft ist noch direkter. Nun könnte man als deutscher Leser eine gewisse Distanz entwickeln und ignorant das Thema als amerikanisches Problem abhandeln. Aber das ist es nicht. Wenn wir uns die Geschichte der amerikanischen Veteranen anschauen, haben sie sich auf der einen Seite eine enorme Öffentlichkeit erarbeitet. Auf der anderen Seite reichen die Versorgungseinrichtungen für Veteranen noch nicht aus beziehungsweise ist das System intransparent und der Zugang zu Hilfen steht anscheinend nicht allen offen. In Deutschland haben wir bisher nur eine geringe Öffentlichkeit für die Veteranen des Afghanistan-Krieges. Dies liegt auch daran, dass offiziell nicht von einem Krieg gesprochen wird. Zudem gibt es innerhalb der deutschen Bevölkerung nicht so eine große Wertschätzung für die Arbeit der Soldaten wie das in den USA der Fall ist. Das führt einerseits zu einer gewissen Scham innerhalb der Veteranen und ein Verdrängen der Probleme. Andererseits wird der Bedarf nicht richtig erkannt. Die Probleme, die in dem Buch und dem Film aufgezeigt werden, betreffen aber Soldaten und ihre Familien aller Länder. Und das unabhängig davon, ob sie im Kosovo, Irak oder Afghanistan eingesetzt waren.

Die Graphic Novel spricht daher ein wichtiges internationales Thema an, das in einer demokratischen und auf Solidarität aufgebauten Gesellschaft noch stärker berücksichtigt werden sollte. Die sehr gute zeichnerische Umsetzung kann einen Anstoß dazu liefern und vielleicht gerade „jüngere Menschen“ zu einer Auseinandersetzung anregen.

Video zum Buch:

9783551736475_1Größe 17,50 x 24,60 cm
Seiten 128
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-73647-5
17,90€

Link zur Verlagsseite

*Berichte über die Suizide in den USA
http://www.tagesschau.de/ausland/veteranen104.html
http://www.stripes.com/report-suicide-rate-spikes-among-young-veterans-1.261283
http://www.va.gov/opa/docs/suicide-data-report-2012-final.pdf

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