M. Houellebecq, Interventionen

Zu Beginn des Jahres wurde in der Medienlandschaft viel über Houellebecq gesprochen, weil sein neuer Roman „Unterwerfung“ herauskam. In diesem Buch, dessen Rezension noch folgen wird, beschreibt der Autor ein Szenario, das von seinen bisherigen Entwürfen ein wenig abweicht. Der Text ist zwar einerseits wieder gesellschaftskritisch zu betrachten, beschäftigt sich aber andererseits nicht vordergründig mit dem Thema zwischenmenschliche Beziehungen, sondern mit dem Islam. Obwohl, eigentlich ist das schon ein Fehlschluss. Bisher wurden seine Werke häufig auf die sexuelle Komponenten reduziert. Und schaut man sich die Artikel an, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung erschienen sind, liest man vorwiegend, dass Houellebecq nun wirklich seine islamophobe Seite deutlich zeigt und die rechten Tendenzen in Europa mit dem Buch nur noch verstärken würde. Nun wird der Autor also auf die Religionskritik beschränkt.

Natürlich gibt es auch die Rezensenten, die das Buch tatsächlich gelesen haben und nicht einfach auf einen Zug aufspringen. Diese zeichnen ein ganz anderes Bild. Denn auch in „Unterwerfung“ geht es letztendlich doch irgendwie um zwischenmenschliche Beziehung und die Analyse gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Aber dazu mehr, wenn es wirklich um den Roman geht.

Denjenigen, die eher zu den Menschen gehören, die sich bisher noch nicht mit Michel Houellebecq auseinandergesetzt haben, empfahl ich bisher immer seine Gedichte parallel zu einem Roman zu lesen. Das hört sich vielleicht ein bisschen verquert an, hat aber den Hintergrund, dass ich in den Gedichten einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerkes sehe. Wer mit Lyrik eher nichts anfangen kann, kann sich jetzt mit Hilfe eines Essaybandes in die Gedankenwelt des Franzosen hineinarbeiten.

„Interventionen“ vereint 28 Texte unterschiedlicher Natur, die zwischen 1992 und 2008 erschienen sind. Dabei handelt es sich um Vorworte, Interviews, literarische und eher philosophische Aufsätze sowie Repliken. Die Themen stammen aus den Bereichen der Gesellschaftskritik, der Literaturgeschichte, der Philosophie und der Biologie. Diese Vielfältigkeit überrascht zunächst, wenn man Houellebecq nicht kennt und man könnte schnell den Gedanken entwickeln, dass eine einzelne Person sich doch nur sehr oberflächlich mit so unterschiedlichen Themen befassen und dann dazu äußern kann. Das ist aus meiner Sicht allerdings so faszinierend an dem französischen Autor: Er kann sich zu diesen Themen sehr kompetent äußern! Er hat in vielen Bereichen ein enormes Wissen und schafft es neuralgische Punkte in Debatten sehr schnell zu entdecken. Zudem ist er extrem ehrlich und offen gegenüber seinen Mitmenschen. Und das ist glaube ich der Punkt, der vielen Menschen aufstößt. Houellebecq sagt was er denkt, analysiert sehr exakt und erkennt gesellschaftliche Veränderungen sehr früh. Wenn er seine Beobachtungen in einem Roman verarbeitet und den Menschen den Spiegel vorhält, können das viele nicht ertragen und schlagen einen konfrontativen Kurs ein.

Die Texte, die in dem Band vereinigt sind, bieten einen tieferen Einblick in seine Denkweise und ermöglichen dem Leser so ein besseres Verständnis. Durch die große Zeitspanne lassen sich auch Veränderungen in seinen Ansichten erkennen und die unterschiedlichen Romane sowie Gedichte erscheinen vielleicht auch für den kundigen Leser in einem etwas anderen Licht.

Es handelt sich allerdings nicht um ein Buch, dass spannungsgeladen ist und an einem Abend ruckzuck ausgelesen ist. Aber das sind Essaybände in den seltensten Fällen. Nein, ich habe auch noch lange über einzelne Aussagen oder Ansichten nachgedacht. Dann habe ich eines seiner Bücher aus dem Regal genommen, nachgelesen und teilweise ein anderes Verständnis für die Zusammenhänge entwickelt. Und dabei dachte ich, dass ich ein klares Bild von der Aussage habe, die der Autor mit seinen Büchern in die Welt tragen will. So wie sich die Sicht auf literarische Texte mit dem Alter verändert, verändert sie sich natürlich auch, wenn wir neues Wissen erlangen. Das finde ich persönlich interessant und spannend. Daher hat mir die Lektüre eine Freude breitet, die nichts mit dem üblichen Lesespaß zu tun hatte, sondern auf einem anderen intellektuellen Niveau angesiedelt ist.

Danke lieber Michel Houellebecq! Danke lieber DuMont Verlag! Und Merci an Hella Faust für die sehr gelungene Übersetzung.

9783832163259.jpg.22437212 Seiten, Taschenbuch
H19,0 x B12,5 cm
Originaltitel: Interventions 2
EUR 9,99 [D]
ISBN 978-3-8321-6325-9

Link zur Verlagsseite

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