W. Möbius, Der Krankenflüsterer

Man kann den Körper nicht ohne die Seele heilen und die Seele nicht ohne den Körper. (Griechisches Sprichwort)

Walter Möbius ist sicherlich nicht vielen Menschen bekannt. Einige würden sich bei dem Namen vielleicht noch an einen Fotografen erinnern, der aber mit dem hier genannten Mann nichts gemein hat.

Dr. Walter Möbius war für viele Jahre der Leiter der „Inneren“ des Johanniter-Krankenhauses im Bonner Regierungsviertel. In diesem Zusammenhang hatte er sicherlich mit vielen prominenten Patienten zu tun. In seinem Buch „Der Krankenflüsterer“ geht es allerdings gar nicht um die besonders bekannten Menschen, sondern um Fälle, die den Mediziner geprägt haben. Gleichzeitig erzählt er auch Ereignisse, die aus seiner Biografie stammen und seine Arbeit und seinen Umgang mit erkrankten Menschen geprägt haben.

In Bezug auf seine Analysen wird er auch von einigen Medien der „deutsche Dr. House“ oder der „wahre Dr. House“ genannt. Ich fand diese Bezeichnungen von Anfang an sehr ungeschickt gewählt. Der uns bekannte Dr. House klärt spektakuläre Fälle mit Hilfe seines Teams und stellt dabei immer wieder seine exzentrische Art und Weise in den Mittelpunkt. Zudem scheinen seine Hinweise immer wieder aus dem Nichts zu kommen. Natürlich ist die Serie trotzdem amüsant und spannend. Das möchte ich hier gar nicht in Abrede stellen. Aber nach der Lektüre des Buches erscheint mir Dr. Möbius ganz anders.

Er kehrt bei seiner Arbeit schlicht zu einer Eigenschaft zurück, die viele Ärzte scheinbar in den letzten Jahren verloren haben und die Möbius häufig an seinem Vater, der selbst Mediziner war, beobachten konnte: Aufmerksames Zuhören. Dies ist ein elementarer Bestandteil seiner Vorgehensweise und legt die Grundlage dafür, dass der Patient von Möbius als eine Einheit gesehen wird. Sein familiäres und berufliches Umfeld interessieren den Arzt genauso wie Freizeitaktivitäten und Vorerkrankungen. Häufig steckt das Übel auch an einer ganz anderen Stelle, die man nur erreichen kann wenn man interdisziplinär denkt. Und da Möbius umfangreiche Erfahrungen in dem Bereich der Psychiatrie gesammelt hat, überschneiden sich gerade hier seine Analysen und letztendlich auch die Diagnosen. Wenn wir einen Patienten als Mensch betrachten, ist es doch eigentlich völlig unerklärlich, dass dies nicht alle Ärzte machen. Wir können doch schlichtweg den Geist nicht vom Körper trennen und daher beeinflussen beide sich immer wieder. Dies kann positive und negative Folgen haben. Daher betrachtet Möbius immer die psychische Komponente, nutzt sich aber auch für den Heilungsprozess. Alleine das Zuhören und Zusprechen durch einen Arzt kann nachweislich den Heilungsprozess beeinflussen. Und genau dies macht Möbius während seiner Arbeit.

Kritiker werden jetzt anbringen, dass Möbius als Chefarzt sicherlich nicht mit jedem Patienten ein dreistündiges Gespräch geführt hat. Das ist auch gar nicht notwendig und so stellt er sich auch gar nicht dar. Es geht darum jedem Patienten immer aufmerksam zuzuhören, egal wie lange das Gespräch dauert. Und bei eher kniffligen Fällen muss man tiefer bohren und mehr Informationen sammeln, die außerhalb der Krankenakte zu finden sind. Es geht also eher um eine innere Haltung und einen eigenen Anspruch, den Möbius vermitteln will. Dass er diese Haltung lebt, zeigen auch seine karitativen Unterstützungen außerhalb des Klinikalltags.

Dem Leser vermittelt er seine Haltung durch eine sehr angenehme und gut verständlich Sprache. Die Fälle werden mit den medizinisch notwendigen Aspekten beschrieben, lassen einen Laien aber nicht fragend zurück. Da fast jede Geschichte, die er in dem Buch erzählt, eine Art detektivischen Aspekt aufweist, liest man das Werk wirklich sehr rasch. Es enthält eigentlich alle Aspekte, die ein guter Roman beinhalten muss, zeigt aber trotzdem klar und deutlich, dass es sich nicht um Fiktion handelt. Man wird als Leser ein wenig in das Leben von Walter Möbius gelassen und erfährt recht persönliche Dinge. Da diese aber einen Bezug zu seinem Beruf aufweisen und er immer wieder eine Kurve zu einer Art moralischen Anregung findet, hat man nicht den Eindruck, dass er mit voyeuristischen Aspekten Punkten will.

Für mich war es ein kurzes Lesevergnügen, das wirklich wundervoll war. Möbius hat mich mit seinen Geschichten begeistert, berührt und zum Nachdenken angeregt. Ich beschäftige mich schon länger mit der Frage, ob die Fortschritte in der Diagnostik nicht vielleicht gleichzeitig einen Rückschritt in der Menschlichkeit darstellen. Und dieses Buch hat mich noch einmal darin bestärkt, dass wir uns wieder mehr auf die Zwischenmenschlichkeit konzentrieren und die Technisierung vielleicht ein wenig verlangsamen sollten.

Möbius

256 Seiten, Taschenbuch
H19,0 x B12,5 cm

EUR 9,99 
ISBN 978-3-8321-6331-0

Link zur Verlagsseite

 

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Ein Kommentar zu “W. Möbius, Der Krankenflüsterer

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