Marie-Sabine Roger, Die Küche ist zum Tanzen da

Marie-Sabine Roger ist aus meiner Sicht die literarische Expertin für Eigenbrötler, ältere Menschen und Personen, die irgendwie nicht in die Schublade „normal“ passen. Bereits in  ihren drei Romanen hat sie auf wundervolle Art und Weise einen Einblick in die Gedanken ihrer Protagonisten gewährt, der meiner Meinung nach schonungslos ehrlich, aber auch liebevoll und in gewisser Weise poetisch ist. Sicherlich kennen die meisten Germain Chasez, der von den Menschen in seiner Umgebung als Dummkopf wahrgenommen wird und mit Hilfe der alten Dame Margerite Escoffier in die literarische Welt eintauchen darf. Diese Geschichte wurde in  „Das Labyrinth der Wörter“ erzählt und anschließend mit  Gérard Depardieu sowie Gisele Casadesus verfilmt. Auch in den Werken „Der Poet der kleinen Dinge“ und „Das leben ist ein listiger Kater“ berichtete sie auf ähnliche Art und Weise von Menschen, die ihren ganz besonderen Lebensweg finden.

Bei dem neuen Buch handelt es sich nicht um einen zusammenhängenden Roman, sondern um einen Erzählband, der vierzehn Geschichten vereint. Auch hier bleibt Roger ihrer Linie treu und nimmt sich den Menschen an, die sonst nicht so häufig Protagonisten sind. Einerseits tauchen wieder vermehrt ältere Leute und Menschen mit geistigen Behinderungen auf, andererseits spielen auch Tiere eine sehr wichtige Rolle. Allen Kapitel ist gemein, dass sie zunächst den Leser in eine ganz besondere Richtung denken lassen und wirklich erst zum Schluss eine Aufklärung der Situation bieten. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist das natürlich dem Leser klar und er während der folgenden Leseabschnitte die Finte zu erahnen. Das gelingt einem aber nicht immer. Aber nicht nur dieser Aspekt macht den besonderen Reiz des Buches aus. Marie-Sabine Roger schafft es sehr rasch und mit sehr sanften und gleichzeitig direkten Worten den Leser für den Protagonisten und seine Gedankenwelt zu gewinnen. Sehr häufig schreibt sie so, wie eine Person auch wirklich denken oder erzählen würde. Es wirkt also nichts literarisch gekünstelt, sondern sehr natürlich und ansprechend.

Selbst bei den verrücktesten Gedanken, die einige Protagonisten haben, hat man den Eindruck der Sinnhaftigkeit. Natürlich sind viele Dinge nicht so wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Aber ehrlich gesagt kenne ich ja meinen Alttag auch gut, also warum sollte ich darüber etwas lesen? Andererseits scheinen die Erzählungen aber trotzdem Alltagsgeschichten zu sein, die so überall auf der Welt jederzeit ablaufen werden. Vermengt mit der typisch französischen Art, dass es kein gekünsteltes Happy End geben muss, sondern auch in einem Scheitern ein Neuanfang steckt, machen die Texte verdammt viel Spaß und lassen den Leser immer wieder lächeln und regen zum Nachdenken an.

Mit ihrer frischen Sprache und den sehr klaren Beschreibungen erschafft Roger eine umfassende Welt, die mit jedem Kapitel neu aufgebaut wird. Obwohl die Satzstruktur meist sehr einfach ist und die Satzlängen eher kürzer sind, hat man beim Lesen nicht das Gefühl von Langeweile. Nein, man scheint wie ein junges Kind durch die Zeilen zu hopsen und möchte unbedingt weiterlesen.

Die Kapitel sind in sich geschlossen und es gibt keine Überschneidungen der Geschichten. Aufgrund der nicht allzu starken Länge lesen sich die Erzählungen sehr rasch weg, wenn man das so sagen kann. Einzig bei einem Abschnitt verspürte ich eine Trägheit, die aufgrund vielfacher Wiederholungen und fehlender Spannung auftauchte.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine leichtes Buch, dass aufgrund der Kapitel auch auf dem Tisch neben dem Lesesessel liegen kann und bei einer Tasse Tee oder Kaffee zwischendurch gegriffen wird. Die Protagonisten berühren das Herz und den Verstand. Dabei lassen sie den Leser lächeln und gleichzeitig träumen.

9783455600285

ISBN 978-3-455-60028-5
192 Seiten
Übersetzung Claudia Kalscheuer
18,00€ (D)
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