Hilary Mantel, Jeder Tag ist Muttertag

Bevor ich zu der eigentlichen Besprechung des Buches komme, muss ich auf die folgenden Dinge hinweisen:

  • Ich mag Roald Dahl
  • Ich finde englischen Humor fantastisch
  • Ich mag Bücher, in denen immer wieder der Finger in offene Wunden gelegt wird
  • Figuren, die jenseits der politischen oder gesellschaftlichen Korrektheit handeln, sind mir sehr sympathisch

Diese Punkte waren glaube ich die Grundvoraussetzung dafür, dass ich mit dem Werk von Hilary Mantel wirklich etwas anfangen konnte und die Fragezeichen nicht Überhand nahmen. Obwohl ich zugeben muss, dass sie immerhin ein paar Mal auftauchten.

„Jeder Tag ist Muttertag“ erschien bereits 1985 in England und war das Erstlingswerk der Autorin. Obwohl das eigentlich so nicht ganz korrekt ist. Hilary Mantel hatte bereits ein anderes Buch geschrieben, welches aber von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde. In einer gewissen Regelmäßigkeit veröffentlichte sie weitere Werke, wurde aber erst 2002 für den deutschen Markt entdeckt bzw. erstmals in Deutschland veröffentlicht. Nachdem sie 2009 und (!) 2012 den Booker Prize erhielt, ist nun wirklich den meisten Literaturmenschen ein Begriff. Dabei ist ihr Œu­v­re aus meiner Sicht nicht so einseitig wie bei anderen AutorInnen. Natürlich sind viele ihrer Werke sozialkritisch. Aber dabei verändert sie immer wieder den Blickwinkel und lässt auch ihre Auslandserfahrungen einfließen. Zudem geht sie ihrer ursprünglichen Leidenschaft nach und veröffentlicht historische Romane. In allen Büchern ist ihre Eigenart zu erkennen und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit jeder Geschichte ein wenig neu entdeckt und auch erfindet.

In dem vorliegenden Buch, dessen Geschichte übrigens in „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ fortgesetzt wird und gerade veröffentlicht wurde, erhält man einen Einblick in zwei Familien, deren Wege sich mehrfach leicht berühren und schlussendlich kreuzen. Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? Das sie gefördert wird? Was soll das für einen Sinn haben? Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.

Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude. Manchmal hält man kurz an und denkt, dass das jetzt vielleicht doch etwas zu abgedreht dargestellt wird. Aber nach wenigen Sekunden wird einem klar, dass das vielleicht ein nach außen transportiertes Bild ist. Und wenn man Mäuschen spielen könnte, würde man ähnliche Geschichten in diversen Haushalten wiederfinden.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine humorvolle und gnadenlose Gesellschaftsstudie, die dem deutschen Markt viel zu lange vorenthalten wurde. Hilary Mantel betrachtet zwar keinen Bereich, der gerade up to date ist, sondern wirft einfach den Blick auf das normale Leben, aber gerade das macht den Reiz aus. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Hilary Mantel

256 Seiten
ISBN 978-3-8321-9823-7

22,99€

Link zur Verlagsseite

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