Arne Jysch, Der nasse Fisch

Einige Freunde von Kriminalromanen werden die Geschichten von Volker Kutscher, der seinen Kommissar Gereon Rath im Berlin der 20er und 30er Jahre ermitteln lässt, bereits in Romanform kennen. Mittlerweile sind sechs Bände der Reihe erschienen, die insgesamt aus acht Bänden bestehen wird. Da das Umfeld äußerst gut recherchiert wurde, die Figuren toll dargestellt werden und die Geschichten äußerst spannend sind, kann man auch denjenigen die Werke empfehlen, die bisher nichts von Gereon Rath gehört haben.

Die Geschichten werden momentan von Tom Tykwer in eine 16-teilige Serie umgesetzt, die 2018 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Zudem wurde der erste Band im März bei Carlsen als Graphic Novel herausgebracht. Dass Arne Jyrsch die Umsetzung übernommen hat, ist ein wahrere Glücksfall, da er für seine gute Recherche und seinen klaren Stil bekannt ist. Bereits 2009 hatte er bezüglich der Umsetzung erstmals Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Da der Autor natürlich zeitlich stark in die Arbeit an der Romanreihe eingebunden ist, konnte er das Comicszenario nicht selbst schreiben. Er war aber durch diverse Kontakte mit Arne Jysch immer auf dem Laufenden und die abschließende Kontrolle lag natürlich auch in seinen Händen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu diversen Terminen gemeinsam erschienen und das Buch vorstellten.

In den letzten Monaten und Jahren sind viele Graphic Novels erschienen, die einfach nur eine gekürzte Version der Romanvorlage darstellten. Für Leser, die mit Graphic Novels vorher kaum Berührungspunkte hatten, mag das ein interessanter Einstieg sein. Aus meiner Sicht werden dadurch aber die Möglichkeiten, die eine Graphic Novel bietet, nicht ausgeschöpft. Hier sind die Verlage einfach auf einen Zug gesprungen und wollten möglichst hohe Gewinne erzielen, haben dabei aber die Qualität aus den Augen verloren. Aber das hier soll nicht der Rahmen für solch eine Diskussion sein, da wir sonst zunächst einmal über den Begriff Graphic Novel reden müssten. 🙂

„Der nasse Fisch“ ist zum Glück nicht einfach nur eine neue Darstellung des Romans. Arne Jysch hat bewusst Änderungen vorgenommen und dabei keine Verluste eingefahren. Die Grundstruktur der Figuren bleibt erhalten, auch wenn einige Personen fehlen, die aus dem Roman bekannt sind. Die Geschichte entspricht auch weitestgehend dem Roman, allerdings wurden dramaturgische Veränderungen vorgenommen, die mir persönlich sehr gut gefallen, weil mir genau diese Aspekte in dem Roman etwas zufällig erschienen. Zudem erzählt hier Kommissar Rath selbst auf knapp über 200 Seiten von seinem Einstieg bei der Berliner Kriminalpolizei und dem erster Fall. Dabei geht es auch um eigene Verfehlungen und andere private Aspekte. nebenbei erhält man einen umfangreichen Einblick in das Berlin der 20er Jahre und die damalige Polizeiarbeit, die stark von „dem Dicken“ (Kommissar Gennat) geprägt war.

Arne Jysch nutzt hauptsächlich drei bis sieben Panels und fügt hin und wieder eine Splash Page ein. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit wenigen Grauschattierungen, die zunächst mit Tusche gezeichnet und dann am Computer bearbeitet wurden. Die Linienführung ist recht klar und eher kantig, zeigt aber auch in den kleinsten Bildern sehr gut die entsprechende Mimik. Teilweise fühlt man sich an die alten DC-Comics erinnert. Das Lettering (Minou Zaribaf) ist ebenfalls klar und deutlich. Aussagen und Gedanken werden voneinander abgegrenzt, Lautstärken treten deutlich hervor. Sehr angenehm fallen die wenigen Soundwords auf. Die Dynamik der Handlung wird überwiegend durch die Schattierungen deutlich.

Trotz aller Kürzungen und kleinen Veränderungen ist die Geschichte verdammt spannend geblieben und man hadert ein wenig mit seinen Gefühlen gegenüber Gereon Rath. Irgendwie ist er ja sympathisch, aber muss er denn immer wieder gegen die Regeln verstoßen? Dadurch denkt man auch ein wenig über die eigenen moralischen Vorstellungen nach und überlegt, wie man selbst in der jeweiligen Situation gehandelt hätte.

Fazit: Es handelt sich um eine tolle Umsetzung der Vorlage, die technisch und erzählerisch gelungen ist. Wer die Kutscher-Bücher nicht kennt, wird danach auf jeden Fall einige lesen wollen. Wer über die Kutscher-Werke zur Graphic Novel gelangt ist, wird begeistert sein und vielleicht häufiger zu einer Graphic Novel greifen. Man kann hier also von einer win-win-Situation im Literaturbetrieb sprechen 🙂

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Größe 20,00 x 26,50 cm
Seiten 216
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-78248-9
17,99€

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Hier gibt es mehr Infos über die Kriminalpolizei in den 20er Jahren

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Reinhard Kleist, Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Wer sich ein bisschen im Bereich der Graphic Novels auskennt, wird sicherlich schon einmal über Reinhard Kleist gestolpert sein. Mit „Castro“ und „Der Boxer“ hat er gezeigt, dass er sich auch schwierigen Themen annehmen kann und dabei sehr gut die historischen Fakten recherchiert. Eine Kombination aus Alltagswissen und historischem Wissen zeigt er in „Berliner Mythen“. Aber auch Plakate und DVD-Cover gestaltet er wundervoll. Wer sich dann noch Reiseskizzen aus seiner Feder anschaut, kann einfach nur begeistert sein.

Bereits im letzten Jahr erschien im Carlsen Verlag das Buch „Ein Traum von Olympia“. In diesem Buch erzählt Kleist die wahre Geschichte von Samia Yusuf Omar, die vielleicht einigen Sportfreunden noch im Gedächtnis sein wird, da sie bei den Olympischen Spielen in Peking als ein heimliche Heldin gefeiert wurde. Sie kam beim 200m-Lauf fast zehn Sekunden später in das Ziel, wurde aber frenetisch bejubelt. Doch warum wurde sie überhaupt für Olympia ausgewählt, wenn sie gar nicht die entsprechende Zeit laufen kann? Wer sich die Situation in den afrikanischen Staaten ein wenig genauer anschaut und sein Augenmerk auf Somalia legt, verliert sich schnell in diversen Konfliktherden, unterschiedlichen politischen sowie religiösen Gruppen und wird erkennen, dass diverse Bereiche des öffentlichen Lebens weit von unseren Strukturen entfernt liegen. Dies betrifft natürlich auch den Sportbereich. So gab es für Samia keine vernünftigen Trainingsmöglichkeiten, nur wenige Unterstützungen und keine eigentliche Sportförderung. Da aber jedes Land zwei Teilnehmer ohne Qualifikation zu den Olympischen Spielen schicken kann, hatte Samoa vielleicht einfach Glück, weil sie von Sportfunktionären ausgewählt wurde. Sie ist schlecht ernährt, wurde kaum trainiert und kommt fast zehn Sekunden später ins Ziel. Aber das ist ihr egal. Sie hat ihr Land bei den Olympischen Spielen vertreten! Der Stolz, die Aufmerksamkeit der Presse und die Zusprache von anderen Sportlern wecken in ihr einen enormen Ehrgeiz. Sie möchte hart trainieren und 2012 in London erneut an den Olympischen Spielen teilnehmen. Doch in ihrer Heimat wird ihr Erfolg nicht so positiv aufgenommen. Sie wird von Fundamentalisten bedroht und am Trainieren gehindert. Daraufhin flieht sie nach Äthiopien. Aber dort scheitert sie nicht nur an den Beamten, sondern auch an den Trainingsergebnissen, die den Funktionären nicht ausreichen. Da sie ihren Traum aber nicht aufgeben will, nimmt sie alles Geld, welches sie irgendwie auftreiben kann, in die Hand und bezahlt einen Schmuggler, der sie nach Europa bringen soll. Dort wird sie leider nie ankommen.

Reinhard Kleist erzählt Samias Geschichte von 2008 bis 2012. Dabei stützt er sich ich auf Facebook-Einträge der Sportlerin, Gespräche mit ihrer Schwester sowie Weggefährten, ergänzt aber auch Informationen, die man nachträglich nicht mehr erhalten konnte mit Wissen anderer Flüchtlinge. Die Bilder sind in Grautönen gehalten und wirken dadurch besonders eindringlich. Die Anzahl der Panels variiert zwar, aber Kleist konzentriert sich eher auf kleine und sehr klare Panels mit sehr verständlichen Aussagen. Seine Stärke, mit wenigen Strichen Stimmungen einfangen zu können, kommt auch in diesem Buch zum Tragen. Erstaunlicherweise hat man aber den Eindruck, dass trotzdem eine gewisse Distanz gewahrt wird. Kleist dringt nicht so nah in Samias Seelenleben ein, dass es unangenehm wird. Gleichzeitig erzählt er aber schonungslos die Geschichte der Flucht und ermöglicht es dem Leser dadurch ein sehr umfängliches und berührendes Bild zu erhalten, welches Raum für eigene Interpretationen beinhaltet. Dies sorgt wiederum dafür, dass man sich sofort in der Geschichte befindet und mit dem Lesen nicht mehr aufhören möchte.

Viel eindringlicher als irgendwelche Fotos oder Nachrichtensendungen haben mir Kleists Bilder noch einmal das Schicksal der Menschen in Afrika vor Augen geführt und den Hintergrund der Flüchtlingswellen, aber auch die enormen Strapazen deutlich gemacht. Das gesamte Fluchtsystem hat zahlreiche Profiteure unter denen nur selten die eigentlichen Flüchtlinge zu finden sind. In dem Buch wird zwar nur in Ansätzen auf die diversen Ursachen der Flucht eingegangen, aber nach dem Lesen setzt man sich noch einmal mit der Thematik auseinander und erkennt eventuell auch die eigene (europäische) Rolle an der Problematik.

Fazit: Ein wunderbares Buch, das man auch Lesern ans Herz legen kann, die bisher noch nicht Interesse an Graphic Novels hatten. Die Geschichte wird sehr eindringlich und persönlich, aber trotzdem überwiegend objektiv erzählt. Die Bilder sind klar, aber ebenso tiefgründig. Es passt einfach alles zusammen!

9783551736390
152 Seiten
ISBN 978-3551736390
17,90€

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Geschichten aus dem Grandhotel – Kurzrezension

Kurzrezension? Ja, ich habe mich entschlossen euch ein Buch vorzustellen, das mir sehr gut gefallen hat, aber über das ich gar nicht so viele Worte verlieren möchte. Das mag auf den ersten Blick recht ungewöhnlich sein, aber ich finde, dass diese Arbeit für sich alleine steht und gar nicht so viele Worte benötigt. Besorgt euch einfach das Buch und lasst euch die Geschichten erzählen.

In den letzten Jahren war das Kunst-, Kultur- und Flüchtlingsprojekt „Grandhotel Cosmopolis“ aus Augsburg immer wieder in den Medien vertreten. Dabei handelt es sich um ein Hotel, das gleichzeitig eine Flüchtlingsunterkunft ist und von den Bewohnern selbst erfolgreich betrieben wird. Hier findet ihr einen Artikel aus der Welt, der alles recht gut zusammenfasst.

Im Sommersemester 2015 beschäftige sich die Projektgruppe Comicwerkstatt der Hochschule Augsburg mit dem Thema Flucht und Asyl. Auf der Suche nach interessanten Menschen und ihren Geschichten sind die Studenten recht schnell im Grandhotel gelandet. Hier konnten sie gut Kontakte knüpfen und viele Erzähler waren sehr aufgeschlossen. So wurden die Arbeiten ganz unbewusst auch Erzählungen über das Hotelprojekt.

In dem Buch werden nun Arbeiten von acht Studentinnen und Studenten vereint, die sich mit dem oben genannten Thema beschäftigt haben. Ihre recht unterschiedlichen Geschichten werden durch kleine Zwischenseiten verbunden, die von Prof. Mike Loos gestaltet wurden. Die Erzählweise und die Arte der Zeichnungen unterscheidet sich sehr stark und entwickelt gerade dadurch einen großen Reiz. Zudem sind die Geschichten der Flüchtlingen und der ehrenamtlich Tätigen  so verschieden, dass man einen Eindruck von der Komplexität der Thematik gewinnt. Gleichzeitig sind sie aber auch schockierend oder aufmunternd. Und letztendlich sind sie auch sehr persönlich.

Daher möchte ich euch das Buch einfach ans Herz legen. Lernt dieses außergewöhnliche Projekt kennen, taucht in die Welt der dargestellten Menschen ein und lasst euch von der Vielfältigkeit der Comics überraschen!

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96 Seiten
12,80€
ISBN 978-3957860002
Link zur Projektseite mit Bestellmöglichkeit

Shaun Tan, Ein neues Land

Eine Graphic Novel, die ganz ohne Worte auskommt. Eine Geschichte, die von Auswanderung und einer neuen fremden Welt erzählt. Und eine Erzählung, die den Leser/Betrachter mit einer Portion Hoffnung zurücklässt. Können diese drei Aspekte in einem Buch aufeinandertreffen und den Leser/Betrachter nachhaltig berühren?

Da ich mich in den letzten Monaten vermehrt dem Genre der Graphic Novels gewidmet habe, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis ich auf Shaun Tan treffen würde. Ich war aber nicht darauf gefasst, dass er mich mit seinen Zeichnungen so faszinieren würde. In dem Buch „Ein neues Land“ erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der seine kleine Familie verlässt, um in der Ferne nach einem besseren, vielleicht sogar lebenswerteren Ort, für seine Liebsten zu suchen. Er landet dabei in einer unbekannten Welt, die ihn zunächst ein wenig verstört und Probleme bereitet. Da er aber neugierig und aufgeschlossen ist, kann er sich mit Hilfe anderer Menschen nach und nach seine Umgebung erschließen. Er lernt die fremden Symbole kennen und wird in Sitten und Gebräuche eingeführt. Die typischen Mahlzeiten lernt er ebenso schätzen wie die fantastischen Wesen, die in seiner neuen Umwelt anzutreffen sind. Und so wird die einstige Fremde nach und nach zu einer neuen Heimat, in der nur noch seine beiden liebsten Menschen fehlen.

Shaun Tan platziert seinen jungen Migranten, in eine Fantasiewelt, die auf den ersten Blick nur in Fragen der Kleidung einen Bezug zu der uns bekannten Welt aufweist. Aber natürlich ist die gesamte Geschichte etwas, das täglich überall auf der Welt passiert. Und gerade deshalb ist es wundervoll zu betrachten, wie Shaun Tan Fantasie und Wirklichkeit verbindet. Er schafft es Gefühle, Geschichten und Ereignisse, die Millionen Menschen erlebt haben oder erleben werden, mit Hilfe von fantastischen Symbolen, neckischen Tieren und futuristischen Gebäuden zu erzählen. Zudem ist einem schon nach der ersten Seite klar, dass Worte nicht gebraucht werden. Sie würden hier nur zerstörerisch wirken und die Momente der Ruhe und Nachdenklichkeit unterbrechen. Sie würden nicht zu den Geschichten passen, die dem jungen Migranten erzählt werden und sie würden die Gefühle der Handelnden nicht so transportieren können wie es die Bilder machen.

Das funktioniert aber nur, weil Tan ein grandioser Zeichner ist, der es versteht mit monochromen Farben zu arbeiten und ein Auge fürs Detail hat. Er schafft es die Distanz zwischen Betrachter und Zeichnung zu minimieren und zieht den „Leser“ in die Geschichte hinein. Hierfür nutzt er viele kleine Panels, die einen Handlungsverlauf besser darstellen können. Und so fühlt man sich ein bisschen wie in einem Film und ist trotzdem irgendwie ein Teil der Ereignisse.

Ich möchte auch nicht zu viele Worte über ein Buch verlieren, das ohne Worte auskommt. Für mich war es ein optischer Genuss, eine Abwechslung und eine herzerwärmende Geschichte, die ich schon mehrfach Interessierten in verschiedenen Altersklassen erfolgreich empfehlen konnte.

Fazit: Wer genießen möchte und dabei berührt werden will, künstlerisch anspruchsvolle Graphic Novels mag und eine Geschichte ohne Worte nicht scheut, sollte unbedingt „Ein neues Land“ kaufen.

Ein neues LandD: 29,90 €
A: 30,80 €
23,90 x 31,30 cm
Seiten 128
Alter ab 14 Jahren
ISBN978-3-551-73431-0

Mairowitz & Crumb, Kafka

Kafkaesk! Dieses Wort wird ja in manchen Kreisen und auch zu manchen Zeiten sehr inflationär gebraucht. Aber was meint man damit eigentlich und passt es eigentlich zu dem, was Kafka ausdrücken wollte? Viele (schlaue) Menschen haben versucht den Autor zu verstehen, haben ihn jahrelang analysiert und anschließend in eine schöne passende Box oder Schublade gepackt. Dabei haben sie natürlich immer einen bestimmten Aspekt oder Lebensaschnitt betrachtet und dadurch den Blick für den ganzen Menschen und seine Sozialisation verloren.

David Zane Mairowitz und Robert Crumb haben sich aber genau dies als Thema ihrer Arbeit ausgewählt. Sie versuchen Kafkas Leben, seine innere Zerrissenheit, seine literarischen Werke und die historischen Begebenheiten, die ihn beeinflusst haben, in einem Buch darzustellen, das nicht in ein bestimmtes Genre zu passen scheint. Auf der einen Seite handelt es sich um eine Graphic Novel, die nicht nur durch die verschiedene Anzahl der Panels, sondern auch durch großformatige und einfarbige Zeichnungen besticht. Andererseits bricht diese Form immer wieder ein wenig auf und man weiß nicht mehr recht, ob man sich noch in einer Graphic Novel befindet. In der Rückschau ist das Werk aber letztendlich unheimlich konsistent und dadurch extrem informativ.

Grundlage hierfür bilden die ganz verschiedenen Quellen, die die beiden herangezogen haben. Sie benutzten Tagebucheinträge, Briefe, Kafkas literarische Werke, Sekundärliteratur und ihre eigenen Leseerfahrungen und Interpretationen. Dadurch eintsteht ein wundervoller bildlicher Einblick in all diese Aspekte des Autorenlebens. Diese Bilder sind fantasievoll, düster und manchmal bestechend klar. Sie illustrieren die Werke Kafkas in einer unglaublich durchdringenden Art und Weise und haben mir gleichzeitig sein Seelenleben noch einmal sehr viel eindringlicher dargestellt. Das war für mich ein sehr paradoxes Erlebnis, da doch gerade Kafka immer dazu angehalten hat, dass es keine Illustrationen zu seinen Werken geben soll. Der Leser möge doch bitte seine eigenen gedanklichen Bilder erschaffen.

Einige Beispielbilder kann man (hier) auf der Verlagsseite einsehen.

Für wen ist dieses Buch also geeignet und warum sollte man es lesen?
Aus meiner Sicht ist das Buch für alle Altersklassen ab 14 Jahren geeignet, wenn man Graphic Novels gegenüber aufgeschlossen eingestellt ist. Es ermöglicht einen sehr angenehmen und gleichzeitig umfangreichen Zugang zu den Werken und dem Leben Kafkas. Es tauchen wirklich alle wichtigen literarischen Werke auf und man bekommt einen Überblick über den Inhalt, der durch die Zeichnungen ganz anders abgespeichert wird. Weiterhin kann man die Enstehung seiner Ergüsse besser nachvollziehen, lernt gleichzeitig wichtige biographische Aspekte kennen und kann die Sozialisation des Autors nachvollziehen. Selbst der Umgang mit dem Autor nach seinem Tod wird im Schlussteil sehr differenziert betrachtet. Und selbst wenn man sich überhaupt nicht für Kafka interessiert, sollte man zu dem Buch greifen, weil es sich um eine hervorragende Graphic Novel im weiteren Sinne handelt. Die Zeichnungen sind sehr gelungen und die Geschichte ist spannend zusammengesetzt worden.

9783943143546ISBN 978-3-943143-54-6
176 Seiten, schwarzweiss
14 x 21 cm
Klappenbroschur
EUR 17,00
Link zur Verlagsseite (mit Bestellmöglichkeit)

Maël & Olivier Morel, Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet

Olivier Morel ist französischer und mittlerweile amerikanischer Staatsbüger gleichzeitig. Er hat sich mehrfach filmerisch mit dem Verhältnis von Trauma und Kreation auseinandergesetzt. Schriftstellerisch hat er sich aber auch mit den Themen Erster und Zweiter Weltkrieg sowie Shoa beschäftigt und legte sein besonderes Augenmerk auf das Gedächtnis und die Berichte der Überlebenden.

Von 2007-2010 arbeitete er an einem Film über die amerikanischen Veteranen des Irakkrieges. In seiner Dokumentation „Amerikas verletzte Seelen“, die in deutscher Übersetzung 2011 das erste Mal auf dem Sender ARTE lief, stellt er verschiedene Rückkehrer und ihr Leben nach dem Krieg vor. Wichtig sind ihm die Personen, die Schwierigkeiten haben. Diejenigen, die  seelisch erkrankt sind und keine oder nur geringe Hilfe erhalten. Dabei geht er detailliert darauf ein, wie der Krieg die Menschen noch heute im Griff hat. Wie relevant die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist, zeigen die Zahlen der Suizide amerikanischer Veteranen. Nach Schätzungen geht man von ca. 22 Suiziden pro Tag aus!*

Hier könnt ihr den Trailer sehen (Hinweis: Die Werbung kann nach einigen Sekunden oben rechts übersprungen werden!)

Auf der Grundlage der Vorarbeiten zum Film und dem Film selbst beruht die Graphic Novel „Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet“, welche nur ein Jahr nach Erscheinen des französischen Originals im Carlsen Verlag erschienen ist. Gemeinsam mit dem französischen Comizeichner und -autor Maël hat Morel ein tolles Werk erschaffen, das den Film vielleicht sogar noch in den Schatten stellt.

Die Graphic Novel besteht aus drei Kapiteln, in denen die Entstehung des Films erzählt wird. Dabei geht es aber nicht um das eigentliche Handwerk, sondern um die Arbeit mit den sieben Veteranen und die Gedanken Morels. Man erhält sozusagen Hintergrundwissen über die Gesprächspartner. Ihre Gefühle und ihr Alltag werden mit Hilfe der Zeichnungen noch viel intensiver transportiert.

Dabei sind die Handlungen und Gespräche, die in der Gegenwart stattfinden, ausnahmslos schwarz-weiß gehalten. Sobald sich aber Gegenwart und Vergangenheit mischen oder sich die einzelnen Personen an bestimmte Ereignisse erinnern, sind die Bilder in einem rotbraunen Ton gehalten. Gerade diese Bilder geben einen Einblick in die Gedanken der Veteranen, die in dem Film nicht ausreichend visualisiert werden konnten oder sollten. Dass diese Bilder den Betrachter in besonderer Weise berühren, liegt auch an der wundervollen Arbeit des Zeichners. Meiner Meinung nach schafft es Maël sehr gut die Stimmung der Situationen und die Gefühle der Protagonisten in den Bildern wiederzugeben. Die variierende Anzahl und Größe der Bilder auf den einzelnen Seiten sorgt für eine große Abwechslung, hebt aber auch wichtige Punkte innerhalb der Erzählung besonders hervor.
Auch in den Anmerkungen, die von Morel zusammengestellt wurden, werden wichtige Begriffe oder Ereignisse noch einmal berücksichtigt.

Da in der Graphic Novel auch die Perspektive Morels deutlich wird, ist die Auseinandersetzung mit dem Thema noch eindringlicher und die Botschaft ist noch direkter. Nun könnte man als deutscher Leser eine gewisse Distanz entwickeln und ignorant das Thema als amerikanisches Problem abhandeln. Aber das ist es nicht. Wenn wir uns die Geschichte der amerikanischen Veteranen anschauen, haben sie sich auf der einen Seite eine enorme Öffentlichkeit erarbeitet. Auf der anderen Seite reichen die Versorgungseinrichtungen für Veteranen noch nicht aus beziehungsweise ist das System intransparent und der Zugang zu Hilfen steht anscheinend nicht allen offen. In Deutschland haben wir bisher nur eine geringe Öffentlichkeit für die Veteranen des Afghanistan-Krieges. Dies liegt auch daran, dass offiziell nicht von einem Krieg gesprochen wird. Zudem gibt es innerhalb der deutschen Bevölkerung nicht so eine große Wertschätzung für die Arbeit der Soldaten wie das in den USA der Fall ist. Das führt einerseits zu einer gewissen Scham innerhalb der Veteranen und ein Verdrängen der Probleme. Andererseits wird der Bedarf nicht richtig erkannt. Die Probleme, die in dem Buch und dem Film aufgezeigt werden, betreffen aber Soldaten und ihre Familien aller Länder. Und das unabhängig davon, ob sie im Kosovo, Irak oder Afghanistan eingesetzt waren.

Die Graphic Novel spricht daher ein wichtiges internationales Thema an, das in einer demokratischen und auf Solidarität aufgebauten Gesellschaft noch stärker berücksichtigt werden sollte. Die sehr gute zeichnerische Umsetzung kann einen Anstoß dazu liefern und vielleicht gerade „jüngere Menschen“ zu einer Auseinandersetzung anregen.

Video zum Buch:

9783551736475_1Größe 17,50 x 24,60 cm
Seiten 128
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-73647-5
17,90€

Link zur Verlagsseite

*Berichte über die Suizide in den USA
http://www.tagesschau.de/ausland/veteranen104.html
http://www.stripes.com/report-suicide-rate-spikes-among-young-veterans-1.261283
http://www.va.gov/opa/docs/suicide-data-report-2012-final.pdf

Peer Meter & David von Bassewitz, Vasmers Bruder

Inhalt

Martin Vasmer sitzt im polnischen Ziebice im Gefängnis. In den Befragungen, die regelmäßig durchgeführt werden, erzählt er seine Geschichte, die mit der Geschichte seines Bruders und dem Leben des Serienmörders Karl Denke eng verknüpft ist.

Karl Denke hat in den ersten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über 40 Menschen getötet. Über 30 seiner Opfer führte er genau Buch. Er notierte zum Beispiel ihre Namen, ihr Geschlecht und ihr Gewicht bei der Ermordung. Dies geschah vornehmlich in seiner Wohnung in der Stadt Münsterberg (heute: Ziebice). Dabei kamen die Taten nur durch einen Zufall ans Licht. In den anschließenden Ermittlungen fand man heraus, dass der Serienmörder seine Opfer gekocht hat und teilweise das Fleisch auf dem Markt verkaufte. Er bastelte aber auch Haushaltsgegenstände aus verschiedenen Körperteilen.

Hans-Georg Vasmer arbeitet für einen privaten Fernsehsender und möchte die Spuren Denkes nachzeichnen. Dafür begibt er sich nach Ziebice. Doch bald meldet er sich nicht mehr und sein Bruder begibt sich auf die Suche nach ihm. Dabei trifft Martin Vasmer auf Hanna Jablonska, die ein Treffen mit Adam Sadowski engagiert. Sadowski soll mit Hans-Georg Vasmer zusammengearbeitet haben. Doch anstatt Aufklärung in die verworrene Situation zu bringen, zieht Sadowski seinen Gesprächspartner immer stärker in die Geschichte von Karl Denke hinein. Martin Vasmer kann gar nicht anders. Er muss sich genauer mit dem Fall beschäftigen. Doch je tiefer er in die Welt des Serienmörders eindringt, desto stärker beeinflusst sie seine eigene Geschichte.

Meinung

Peer Meter hat als Comicszenarist bereits zwei andere Graphic Novels über Serienmörder verfasst. Vasmers Bruder stellt nach „Gift“ und „Haarmann“ das Ende der Trilogie dar. Gemeinsam mit David von Bassewitz hat er eine düstere Geschichte erschaffen, die trotz weniger Worte sehr vielschichtig ist. In großformatigen Einzelbildern und Seiten mit bis zu fünf Panels wird die Handlung ausschließlich in Schwarzweißbildern erzählt. Die sehr düster gehaltenen Bilder sind für erfahrene Leser von Graphic Novels ein bekanntes Instrument für dir Erzeugung von einer Stimmung, die im Einklang mit eher gefährlichen Situationen und zwielichtigen Personen steht. Aber auch Kenner der Bassewitz-Werke haben mit dieser Stilform bereits Berührung gehabt. Von Bassewitz ist ja eigentlich ein sehr vielschichtiger Illustrator, der viele verschiedene Techniken anwendet. Dabei stellt er immer eine gute Beziehung zwischen Textinhalt und Illustrationstechnik her. Trotzdem gefallen mir seine Zeichnungen, die auf den ersten Blick sehr ungenau und dunkel wirken, aber auf den zweiten Blick eine unglaubliche Detailliertheit aufweisen, immer wieder am besten. Da ich mittlerweile einige Graphic Novels gelesen habe und wie gesagt auch von Bassewitz vorher kannte, hatte ich keine Probleme in die Geschichte einzusteigen. Unerfahrene Leser des Genres könnten zunächst ein wenig Probleme mit der Darstellungsform haben. Aber auch sie werden ziemlich schnell von der Geschichte gefangen sein. Und spätestens wenn man die ersten wunderbaren Detail sin den Bildern entdeckt hat, blättert man auch noch einmal zurück und sieht das Werk mit anderen Augen.

Peer Meter sind die Geschichte des Serienmörders und die Verknüpfung mit der heutigen Zeit gut gelungen. Er schafft es die wichtigsten Aspekte mit wenigen Worten klar und deutlich darzustellen. Gleichzeitig wird eine Spannung erzeugt, die sich bis zu den letzten Seiten steigert. Auch die Vermischung der polnischen und deutschen Sprache fand ich sinnvoll. An manchen Stellen mag man sich zunächst eine Übersetzung wünschen. Doch dann fällt einem wieder ein, dass der Protagonist auch kein Wort der polnischen Sprache versteht. Somit sorgen diese „unverständlichen“ Abschnitte auch dafür, dass man sich in die Rolle von Martin Vasmer stärker hineinversetzen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass von Bassewitz und Meter eine gute Arbeit abgeliefert haben, die spannend ist und sich nicht im Dschungel der Graphic Novels verstecken muss. Allerdings ist diese düstere Darstellungsart nicht für jeden Leser geeignet.

Vasmers BruderEinband: Hardcover
Größe: 17,50 x 24,60 cm
Seiten: 176
Alter: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-72969-9
Preis: 17,90€

 

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Wikipedia-Artikel über Karl Denke