Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.

Insgesamt hat mich das Buch sofort gepackt. Die Figuren waren mir auf Anhieb sympathisch, die Entwicklung der Geschichte ist nachvollziehbar und gleichzeitig spannend. Man wächst ein wenig mit Calpurnia über bestehende gesellschaftliche Konstrukte hinaus und bezieht verschiedenste Gedankengänge auch auf die heutige Zeit. Unweigerlich kommt dabei natürlich der Gedanke auf, ob sie in der heutigen Zeit wohl glücklicher sein würde oder ob es nicht gewisse Zwänge gibt, die sie auch heute noch einengen würden. Letztendlich ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Großvater so eine liebevolle Angelegenheit, dass man beim Lesen auch solche Wohlfühlmomente hat, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

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Empfohlen vom Verlag ab 12 Jahren
Fester Einband
336 Seiten
16,90€
ISBN 978-3-446-24165-7

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Gunnar Cynybulk, Das halbe Haus

Dass das Schreiben ein Prozess der Reinigung und der Vergangenheitsbewältigung sein kann, haben wir schon anhand vieler Romane kennengelernt. In vielen Fällen reisen wir dafür gemeinsam mit einem Protagnoisten in die Vergangenheit der eigenen Familie oder erforschen diese zunächst. Dabei sorgt eine gewisse Nähe zwischen Autor und Protagonist häufig dafür, dass der Leser nicht zu sehr in eine kitschige Umgebung eines drittklassigen historischen Romans gelenkt wird. Die eigene Würde des Literaten bildet sozusagen eine innerliche Barriere.

Gleichzeitig kann aber der Bezug zum eigenen Leben auch zu einer Last werden. Man schweift ab und vergisst den Leser mitzunehmen. Dieser sucht daraufhin immer wieder nach einer Hand, die ihm gereicht wird und ihn durch den Gedankendschungel führt. Bleibt diese Hand aus, ist man schnell frustriert.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Gunnar Cynybulk mir seine Hand nie reichen wird. Ich verzweifelte fast an den stakkatoartigen Sätzen, die den wunderbaren Erzählfluss plötzlich unterbrachen. Ich konnte den Gedanken nicht immer folgen und verlor daraufhin den Faden. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Daher habe ich mich noch einmal ganz neu auf das Buch eingelassen und mich von der Familie, deren Geschichte erzählt wird, aufsaugen lassen. So wurde ich zu einem stummen Begleiter, der nicht jeden Gedanken nachvollziehen, aber das Gefühl, welches mit diesem Gedanken verbunden wurde, nachempfinden konnte. Schon war ich von der Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in den 80er Jahren spielt, gefangen. Im Mittelpunkt steht eine ostdeutsche Familie, die aus einer älteren Dame, ihrem Sohn und ihrem Enkel besteht. Ein kleines Haus, das sie gemeinsam bewohnen, bildet zunächst den Lebensmittelpunkt.

Der Autor erzählt seine Geschichte in vier großen Erzählsträngen, die fortlaufend miteinander verwoben sind. Zunächst geht es um Frank, der seine Ehefrau verloren hat und nun gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Mutter im elterlichen Haus lebt. Frank hat einen angesehenen Job als Ingenieur, sehnt sich aber nach der Freiheit, die er im Westen vermutet. Er fühlt sich eingeengt und bevormundet. Nachdem seiner Mutter als Rentnerin die Ausreise genehmigt wird, steigert sich sein Drang die DDR zu verlassen enorm. Die im Westen befindliche Mutter erzählt ihre Geschichte ebenfalls. Hier liegt aber der Schwerpunkt zunehmend auf dem Erzählstrang, in dem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Explizit geht es um die Ereignisse, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Dabei spielen Flucht, Vertreibung, Liebe und Tod eine große Rolle. Hier ergibt sich für den Leser ein Vorteil gegenüber Frank. Er hat anscheinend keine Kenntnisse über die Familiengeschichte. Sein pubertierender Sohn Jakob, der ein aufstrebender Sportler ist, hat allerdings schon einige Ungereimtheiten entdeckt. Seine eigene chaotische Geschichte lässt ihm jedoch keine Zeit für Nachforschungen. Jakob hat genug mit dem Wunsch des Vaters, einer neuen Stiefmutter, Schikanen in Schule und Sport sowie dem eigenen Erwachsenwerden zu tun.

Gunnar Cynybulk erschafft eine dichte Erzählung, die wundervolle Bezüge zu verschiedenen literarischen und musikalischen Werken herstellt, philosophisch angehaucht ist und immer wieder klar macht, dass es keinen geraden Weg gibt. Kein Leben ist vollkommen und niemand ist fehlerfrei. Man trifft Entscheidungen aus Liebe oder aus einer Überzeugung heraus. Dabei vergisst man hin und wieder die Menschen um sich herum, weil man auch mal selbstsüchtig handeln muss. Manchmal stehen die Prinzipien über allen Dingen und manchmal vergisst man alle Vorhaben, weil man pures Glück empfinden will. Häufig sorgt aber auch der Verlauf der Geschichte dafür, dass alles ganz anders kommt. Wenn man sich auf die Sprache des Autors einlässt und den Figuren ihre Abschweifungen nicht übel nimmt, sondern diese mit ihnen geht, wird man nach dem Lesen des Buches trotz aller Tragik glücklich sein. Man wird sich freuen, dass man mit dem Autor zurückgehen und die Vergangenheit betrachten konnte. Und man wird sich selbst fragen, was man nicht alles für die Freiheit, ein bisschen Liebe und eine Portion Glück machen würde.

9783832197230.jpg.20145576 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9723-0

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Kate Glanville, Das Bootshaus an den Klippen

Phoebe denkt, dass sie nach einem sehr unsteten Leben endlich einen Ruhepol gefunden hat. Sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden. Das einzige Problem ist, dass ihr Traummann verheiratet ist. Er versichert Phoebe aber, dass seine noch bestehende Ehe sehr unglücklich verläuft. Daher glaubt sie an ein Happy End, welches jedoch an einem Wintermorgen in unerreichbare Entfernung rückt, weil der Mann ihrer Träume bei einem Unfall stirbt.

Phoebe fällt in eine tiefe Trauer, die auch gleichzeitig Einsamkeit bedeutet. Da sie nur eine Affäre mit David hatte, kann sie natürlich mit keiner Person über ihre Gefühle reden.

Als sie nicht mehr weiter weiß, macht sie sich auf den Weg nach Irland. An der Westküste hatte ihre Großmutter ein kleines Bootshaus, in dem sie lebte und wo Phoebe unbeschwerte Kindheitstage verbracht hat.

An Tagen, die sie in dem kleinen Ort Carraigmore verbringt, schwelgt sie jedoch nicht nur in ihren Erinnerungen und kommt langsam zur Ruhe. Sie erfährt auch viele neue Dinge über ihre Familie und sich selbst. Dabei kommt sie dem Glück näher und näher.

Der Einband und der Klappentext des Buches wirkten auf mich zunächst sehr kitschig und ich begann das Lesen schon mit einer gewissen negativen Grundhaltung. Gleichzeitig hatte ich mir aber auch fest vorgenommen das Buch auf jeden Fall zu beenden, weil man sich ja auch täuschen und dadurch viel verpassen kann.

Schon nach den ersten Seiten hatte sich mein ungutes Gefühl aufgelöst. Die Sprache ist nicht übermäßig beladen, aber auch nicht glasklar und völlig schnörkellos. Es handelt sich einfach um eine gute Mischung, die zu einem angenehmen Lesefluss beiträgt. Gleichzeitig ist die Struktur der Sätze nicht so verschachtelt, dass man Verständnisprobleme hat. Man kann schlichtweg sagen, dass sich die Geschichte rasch weg liest. Dazu trägt auch die gute Handlungsstruktur bei, die eine gute Abwechslung zwischen Spannung und ruhigen Momenten darstellt. Natürlich gibt es bestimmte Aspekte, die voraussehbar sind. Aber auf der anderen Seite gibt es auch mehrere Punkte, die mir nicht so schnell klar waren und zu überraschenden Wendungen geführt haben.

Insgesamt habe ich mich sehr gut unterhalten geführt und war begeistert von der Geschichte.

Gerade in den kalten Monaten sollte man dieses Buch lesen. Ein tolle Liebesgeschichte, eine interessante Familie und vielschichtige Charaktere. Gepaart mit einer kuscheligen Decke, einem bequemen Sofa und einem warmen Getränk ergibt sich eine wundervolle Mischung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

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445 Seiten

ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-404-17079-1
9,99 €

Simon van Booy, Die Illusion des Getrenntseins

Martin ist ein älterer Herr, der in Kalifornien lebt und dort als Hausmeister in einem Altenheim tätig ist. Er ist ein guter Zuhörer und hat zu den Menschen einen guten Draht. Teilweise wird er allerdings selbst für einen Heimbewohner gehalten. Wie alt er allerding genau ist, kann er gar nicht sagen, da die Umstände seiner Geburt nicht geklärt sind. Angeblich hat ihn ein Mann in Paris bei sich gehabt. Als Gefahr drohte, legte er den Jungen in die Arme einer Frau. Da dies noch während des Zweiten Weltkrieges geschah, stellte sie keine Fragen. Sie rannte mit dem Kind davon. Als dieses Kind jedoch Hunger bekam und anfing zu schreien, ging die junge Frau in eine Bäckerei, die in den nächsten Jahren ihr zuhause sein sollte. Sie verliebte sich in den Inhaber und gründete mit ihm eine Familie. Zu dieser Familie gehörte Martin wie selbstverständlich. Diese Geschichte hinterfragte er nicht. Erst als er eine Freundin hatte und sie ihn auf seine Beschneidung ansprach, fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Martins Lebensgeschichte ist der Ausgangspunkt für eine Reihe von Erzählungen über die verschiedensten Menschen und ihre unterschiedlichen Erlebnisse. Und obwohl diese Menschen alle auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind sie doch miteinander verbunden. Diese Verbindungen werden aber erst sichtbar, wenn man alle Informationen kennt und von oben beziehungsweise im Rückblick auf das Leben aller Beteiligten schaut.

Simon van Booy gibt jeder Persönlichkeit und jeder Geschichte einen eigenen Raum, der nicht durch die Verbindung zu den anderen Abschnitten eingeengt wird. Die Zusammenhänge werden erst langsam und sehr einfühlsam angebracht. Sie legen sich wie eine leichte Sommerdecke über den Leser und umschmeicheln ihn. Sie greifen Gedanken, die jeder Leser unweigerlich haben wird, auf und gleichzeitig werden Aspekte eingebracht, die man bisher noch nicht kannte oder nicht berücksichtigt hat. Dass diese sehr einfühlsame Darstellung den Leser erreicht und nicht in kitschige Sphären hebt, liegt an der sehr klaren und eleganten Sprache, die den unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihren Lebensumständen gerecht wird. Dabei sorgt eine in sich stimmige Satzstruktur, die sich auch in einer angenehmen Satzlänge äußert, für ein flüssiges Leseerlebnis, das nicht zur Überforderung führt. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass man unbedingt herausfinden will, welche Beziehungen die Protagonisten zueinander haben. Zudem ist die Einbindung verschiedener Länder und Zeiten sehr ansprechend gelungen und macht den Leser neugierig.

Nach dem Lesen der knapp 200 Seiten hat man das Gefühl, dass die verschiedensten Schicksale auch auf 1000 Seiten nicht langweilig werden würden. Die Verbindungen, die zwischen den Menschen hergestellt werden, wirken in keiner Weise konstruiert und berühren den Leser. So ist man im Nachhinein sogar glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es sich der Autor erdacht hat.

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Gebunden, 207 Seiten
ISBN: 978-3-458-17592-6

18,95 €

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Lesen Sie im Buch: Van Booy, Simon – Die Illusion des Getrenntseins

Carla Federico, Die Rosen von Montevideo

Valeria Olivares ist einst mit ihrem Mann aus Spanien nach Montevideo gekommen. Allerdings ist sie nie wirklich mit dem Herzen in Südamerika angelangt. Selbst die Geburt des ersten Kindes konnte die Sehnsucht nach Europa nicht stillen. Und dass ihre geliebten Rosen in dem neuen Boden nicht gedeihen wollen, treibt sie fast in den Wahnsinn. Doch sie liebt ihren Mann über alles auf der Welt und hofft, dass das zweite Kind sie vielleicht endlich heimisch werden lässt.

Die Geschichte von Valeria ist der Ausgangspunkt für die gesamte Romanhandlung, welche das Schicksal dreier Frauen aufzeigt, deren Leben eng mit den Kontinenten Europa und Südamerika verbunden sind.

Allen drei Frauen ist gleich, dass sie sich für ihre große Liebe entschieden haben und ihr Leben dadurch eigentlich viel komplizierter wird. Doch sie sind auch alle sehr stark und kämpfen für ein Leben, das sie letztendlich glücklich macht.

Carla Federico erzählt auf fast 800 Seiten eine fünfzigjährige Geschichte, die neben den Schicksalen der Frauen auch von kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen im 19. Jahrhundert handelt. Zudem geht die Autorin auf verschiedene Unabhängigkeitsbewegungen auf dem südamerikanischen Kontinent ein.

Hierfür nutzt sie eine gut verständliche Sprache, die teilweise sehr ausführliche Bilder im Kopf des Lesers erzeugt. An vielen Stellen hat man sogar den Eindruck, dass einem die südamerikanische Sonne auf den Kopf scheint oder der Hessische Regen durch die Kleidung dringt. Dabei behält sich weitgehend eine angemessene Satzlänge bei, die das Lesetempo sehr angenehm gestaltet. Werden die Sätze doch einmal länger, bleiben sie durch die klare Sprache sehr verständlich. Durch diese handwerklich gute Arbeit baut der Leser schnell eine Verbindung zum personalen Erzähler auf und erlangt das Gefühl, gemeinsam mit ihm über der Handlung zu schweben. An manchen Stellen mischt sich aber nach meinem Verständnis das Wissen des Erzählers mit dem der Protagonistinnen. So kommt es zu Gedanken, die die handelnden Personen aus dem Geschehen heraus nur schlecht haben können. An diesen Stellen stockt man zwar ein wenig, aber die Geschichte wird dadurch nicht nachhaltig beschädigt.

Trotzdem muss man ein gutes Durchhaltevermögen als Leser mitbringen, weil man hin und wieder das Gefühl hat, dass sich die Handlung stark dehnt. Mein Eindruck ist allerdings, dass in der zweiten Hälfte des Buches der Verlauf rasanter ist und mehr interessante Dinge passieren. Es wird schlicht abenteuerlicher und damit auch gefährlicher.

Durchweg merkt man jedoch, dass die Autorin gut recherchiert hat.

Fazit: Es handelt sich hierbei um einen solide literarische Arbeit, die ihre Längen und kleinen Schwächen hat, aber für jeden Fan von Familiensagen und historischen Romanen eine Lesefreude sein dürfte.

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784 S.
ISBN: 978-3-426-51023-0

9,99€

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Nataša Dragnić, Immer wieder das Meer

Es wird behauptet, er sei schwerhörig. Kann sein. Er aber hat sie gehört, hat ihre schwindende Stimme gehört und ist zu ihre geeilt. Er hat sich auf das Bett gesetzt, seine Hand auf ihre gelegt, und einen Augenblick lang ist er glücklich gewesen. Fast euphorisch.

Normalerweise beginne ich eine Rezension immer mit einer klassischen Inhaltsangabe, um den Lesern so, einen Überblick über die Handlung zu ermöglichen. Doch bei diesem Buch fiel mir eine solche Vorgehensweise sehr schwer. Egal wie ich den Anfang gestaltete, ich hatte immer den Eindruck dem Werk nicht gerecht zu werden. Und muss ich mich denn immer an diese „Konventionen“ halten? Nein, heute werde ich ganz anders vorgehen. Vielleicht kommt im Endeffekt ein etwas wirrer Text heraus. Oder ich schaffe es  meine Gefühle, die ich beim Lesen hatte, einmal in einer besseren Form zu transportieren.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Kommentar darüber, dass die Ich-Erzählerin den Dichter Alessandro Lang heiraten wird. Der aufgeregte Leser neigt natürlich dazu, sich über das vorgeschobene Happy End in gewisser Weise zu freuen. Dazu trägt bei, dass in dem kommenden Kapitel eine Frau vorgestellt wird, die just in dem Moment Alessandro Lang trifft. Wir haben es also hier mit einer Liebesgeschichte zu tun, deren Ende wir kennen, aber der Weg dorthin scheint spannend zu sein. Anders kann man sich die über 300 Seiten jedenfalls nicht erklären. Zumindest konnte ich mir dies nicht anders erklären, weil ich die Klappentexte und Presseinformationen der Bücher, die ich später rezensieren will, nur sehr selten vor dem Schreiben der Rezension lese. Also stellte ich mich auf eine längere Liebesgeschichte ein. Das nächste Kapitel zerstörte meine Vorstellungen und überraschte mich positiv. Ein gemeinsamer Spaziergang, der von einem kranken Mann und seiner Tochter begangen wird, steht im Mittelpunkt. Kaum war dieser erledigt, springt die Geschichte und es tauchen schon bekannte Figuren in einem neuen Zusammenhang auf, wir befinden uns in einer anderen Zeit. Dann folgen wieder die Hochzeitsbeschreibungen.

Ich war verwirrt. Namen, Zeiten, Orten schwirrten durcheinander und ich merkte, dass viel mehr in dem Werk steckt als eine simple Liebesgeschichte. Langsam tauchte ich in die Welt der deutsch-italienischen Familie Alessi ein und passte mich dem jeweiligen Lebenstempo an. Mal rasten wir durch die Zeit und mal bewegten wir uns mit leichten Wellen des Meeres. Aber immer schwang der Duft des toskanischen Sommers mit. Die drei Zeitebenen ließen sich nach und nach klarer erkennen und die gesamte Familiengeschichte mit der ganzen Freude, aber auch dem Leid und dem Schmerz, der durch Trennung und Tod verursacht wird, lag immer offener vor mir. So weit sich die einzelnen Familienmitglieder auch voneinander entfernten, verbunden waren sie immer über Alessandro. Denn nicht nur Roberta lernte ihn kennen. Nein, auch ihre Schwestern Lucia und Nannina kommen ihm näher. Und je weiter diese Beziehungen erläutert wurden, desto deutlicher wurde für mich, dass der Name der Braut ja völlig unklar blieb und es sich um jede der drei Schwestern handeln könnte. Der so erhellende Einstieg wird somit für den Leser ins Gegenteil verkehrt und sorgt dafür, dass man schier innerlich zerreißt und dazu neigt, sich das Ende zu Gemüte zu führen. Ich gebe zu, dass ich es wirklich nicht ausgehalten habe. Nataša Dragnić schaffte es mit ihrer klaren Sprache, den eindringlichen Beschreibungen und einem unnachahmlichen Stil solch eine innere Unruhe in mir zu erzeugen, dass ich nicht anders konnte. Die Figuren kamen mir so nahe, sie haben mich wütend gemacht, sie haben mich weinen lassen und mich verstoßen. Und in diesem Moment wollte ich mich rächen. Ich wollte nicht länger mit dieser Unwissenheit leben. Ich habe mich meiner Macht als Leser bedient und die letzten Seiten aufgeschlagen. Ich habe sie gelesen und mich ehrlich gesagt noch mehr über die Figuren aufgeregt. Nun musste ich aber natürlich auch wissen, wie es zu diesem Ende kommen konnte. Mir blieb also nichts anderes übrig. Ich musste weiterlesen. Glücklicherweise haben mir die Protagonisten verziehen und mich sofort wieder in ihren Kreis aufgenommen.

Da ich das Ende nun kannte, war ich weniger verkrampft beim Lesen und konnte mich auf die anderen Erzählstränge stärker einlassen. In diesen geht es, trotz der Verbindung zu Alessandro, um die Entwicklung der Mädchen und um die Geschichte ihrer Familie. Zentral ist dabei die fortschreitende Erkrankung der Mutter, die alle sehr stark belastet. Egal ob es sich um Phasen der Krankheit oder die Liebesgeschichten der Mädchen dreht, die Autorin findet immer sehr berührende Worte, die nicht in Floskeln oder überkommenen Lebensweisheiten münden. Sie lässt das Leben selbst sprechen, lässt alle Gefühle zu und benutzt Wörter, die in den jeweiligen Augenblicken jedem in den Sinn kommen würden. Dadurch wirken die handelnden Personen authentisch und man kann sich schnell in sie hineinversetzen. Zudem führen die klare Sprache und die angemessene Satzlänge zu einem angenehmen Lesetempo. Die Tiefe des Buches wird einem zwar mit dem Fortschreiten der Handlung immer bewusster, aber wirklich erkannt habe ich sie erst einige Zeit später. Die ganzen Gefühle, die durch das Buch ausgelöst wurden, mussten sich erst wieder legen. Und wenn ich jetzt an das Gelesene zurückdenke, stelle ich fest, dass mich die Geschichte ganz schön traurig gemacht hat. Sie hat mir aber auch vor Augen gehalten, dass es wichtig ist für das eigene Glück zu kämpfen, selbst wenn man damit auch einmal jemanden verletzten muss. Das bleibt nicht aus. Und außerdem ist unsere Zeit endlich. Also sollten wir ehrlich miteinander umgehen und füreinander da sein. Wir sollten denjenigen, die wir lieben, das selbige auch sagen und ihnen zeigen welche wichtige Rolle sie in unserem Leben spielen.

Fazit: Ein sehr berührendes Buch, das auch unterhaltsam ist und eine nachhaltige Kraft entwickelt.

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€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50
978-3-421-04582-9

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Noch ausstehende Lesungen in Deutschland:

Mo., 03. Juni   Eichstätt, Katholische Universität
So., 09. Juni     Tübingen, Pfleghof, 15 Uhr (Tübinger Bücherfest)

Kristin Harmel, Solange am Himmel Sterne stehen

Nach einer Trennung will man als Frau meist erst einmal nichts von Männern wissen, ist unempfänglich für irgendwelche Signale und bildet sich ein, dass die neue Unabhängigkeit etwas schönes ist und man endlich mal die Dinge tun kann, für die man sonst nicht die Zeit oder den Antrieb hatte. Aber nur die wenigsten Menschen halten den Tatendrang der ersten Tage aufrecht. Es ist eher ein Davonlaufen vor den üblichen Gedanken. Hope ist eine durchschnittliche Amerikanerin, die gerade eine Trennung hinter sich gebracht hat und auch erst einmal Ruhe in ihr Leben bringen möchte. Aber ihre Tochter, die zwischen den beiden Elternhäusern hin- und herpendelt, die eigene kleine Bäckerei mit Café und die neue Freundin des Ex-Mannes bringen sie ganz aus dem Konzept und sie weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. In dieser Situation besucht sie ihre Großmutter, die an Demenz erkrankt ist und in einer Pflegeinrichtung lebt. Wie üblich bei Demenzerkrankten, hat auch Rose klare Momente, in denen sich die Zeitebenen nicht vermischen. In einem solcher Momente gibt sie ihrer Enkelin eine Liste mit Namen. Sie sagt, dass dies ihre Familienmitglieder seien und Hope ihr einen großen Gefallen tun kann. Sie soll nach Paris reisen und herausfinden, was mit den Verwandten im Jahr 1942 geschah. Nach einigem Zögern stimmt Hope zu. Doch was sie in Paris herausfindet, sprengt ihren Vorstellungsrahmen. Sie erfährt von einer unglaublichen Liebesgeschichte, hört etwas über Freundschaft und über Leid. Und dabei findet sie nicht nur genealogische Puzzleteile, sondern entschlüsselt auch ein wenig sich selbst.

Was mir nach dem Lesen dieser Geschichte noch lange im Gedächtnis geblieben ist, ist die wunderbare Verstrickung von historischen Elementen, einer Familiengeschichte und einer Liebegeschichte, die auf der einen Seite so wundervoll und herzerwärmend ist, dabei auf der anderen Seite aber nie kitschig wirkt. Ich gebe zu, dass ich kein Freund von Liebesromanen bin und daher vorher sehr skeptisch war. Kristin Harmel hat es aber geschafft einen Roman zu schreiben, der zwar im Kern von einer Liebesgeschichte handelt, diese aber eigentlich nur selten in den Vordergrund stellt. Das mag paradox klingen, ist es aber gar nicht, wenn man dieses Buch gelesen hat. Ein Grund hierfür mag auch die schöne Sprachkomposition sein. Die Autorin schafft es selbst in beängstigenden Situationen eine sehr sanfte und ruhige Sprache zu benutzen, die den Leser wie eine Schutzhülle umgibt, ihn aber gleichzeitig an den Gefühlen der handelnden Personen teilhaben lässt. Dabei erscheinen die Dialoge jedoch nicht konstruiert. Die Sprache ist weder künstlich verschönert, noch driftete sich in die Umgangssprache ab. Sie ist einfach perfekt, wenn man ein Buch lesen möchte, das einen berühren, fesseln, zum Lachen, aber auch zum Weinen bringen soll.
Ein i-Tüpfelchen bilden die Rezepte, die immer einen Bezug zur Handlung haben. Die Geschichte einer kleinen Bäckerei ist eng mit Hopes Familiengeschichte verknüpft. Wie eng diese Verbindung ist, stellt sich aber erst im Verlauf des Buches heraus. Die abgedruckten Rezepte lassen einem schon das Wasser im Munde zerlaufen. Und ich kann auch eigener Erfahrung sagen, dass sie funktionieren und die Ergebnisse eine Gaumenfreude sind.

Fazit: Ein wundervoller Roman, der hoffentlich nicht das letzte Werk aus der Feder der  Autorin sein wird.

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Originaltitel: The Sweetness of Forgetting
Originalverlag: Gallery Books, New York 2012
Aus dem Amerikanischen von Veronika Dünninger

Deutsche Erstausgabe

Taschenbuch, Klappenbroschur, 480 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-38121-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,90*

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