Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.

Insgesamt hat mich das Buch sofort gepackt. Die Figuren waren mir auf Anhieb sympathisch, die Entwicklung der Geschichte ist nachvollziehbar und gleichzeitig spannend. Man wächst ein wenig mit Calpurnia über bestehende gesellschaftliche Konstrukte hinaus und bezieht verschiedenste Gedankengänge auch auf die heutige Zeit. Unweigerlich kommt dabei natürlich der Gedanke auf, ob sie in der heutigen Zeit wohl glücklicher sein würde oder ob es nicht gewisse Zwänge gibt, die sie auch heute noch einengen würden. Letztendlich ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Großvater so eine liebevolle Angelegenheit, dass man beim Lesen auch solche Wohlfühlmomente hat, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

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Empfohlen vom Verlag ab 12 Jahren
Fester Einband
336 Seiten
16,90€
ISBN 978-3-446-24165-7

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Inge Becher, Lautlose Stufen

Inge Becher, Lautlose Stufen

Hella Arnold, die in den 30er Jahren in Deutschland aufwächst, ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie wird in sehr einfachen Verhältnissen groß, die aber aufgrund ihrer sehr liebevollen Eltern eher in den Hintergrund treten. Viel stärker spürt Hella die Liebe und den Zusammenhalt, den ihre Eltern und ihre zwei größere Brüder, die im Jahr 1939 (fast) 18 und 13 Jahre alt sind, ausstrahlen. Eine andere Art von Gemeinschaft hat Hella auch mit ihren beiden Freundinnen Anneliese und Gerda, die beide recht verschieden sind und vielleicht gerade deshalb für Hella eine wundervolle Kombination ergeben. Gemeinsam freuen sich die drei Mädchen schon auf die kommende Aufnahme bei den Jungmädeln und versuchen bis dahin die Schule gut zu überstehen, was Hella nicht unbedingt leicht fällt. Das Leben der Zehnjährigen ist also eigentlich ganz normal und könnte leicht und leise weitergehen. Doch dann bricht Hella plötzlich zusammen und muss für eine lange Zeit in ein Krankenhaus. Niemand kann ihr und ihrer Familie sagen was sie hat. Aber schnell wird klar, dass sie immer wieder von Krampfanfällen und Fieberschüben geplagt wird. Die Aufenthalte in der Klinik werden immer länger und Hella kann nicht mehr richtig an dem Leben um sie herum teilnehmen. Kann ihr vielleicht ein anderer Arzt in einer Kinderfachklinik helfen?

Bevor ich mit dem Lesen des Buches begonnen habe, habe ich mich gefragt, wie die Autorin solch eine Geschichte auf knapp 100 Seiten erzählen will. Ich hatte mich schon auf eine sehr dichte und schwere Sprache eingestellt und dachte mir, dass das wieder ein Buch für Kinder bzw. Jugendliche sein wird, welches so komplex ist, dass es nur für sehr intelligente Leser_Innen geeignet ist.

Als ich dann aber die ersten Seiten gelesen habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Einfach und nicht zu lange Sätze, klare Beschreibungen, die aber trotzdem gefühlvoll sind und historisches Wissen verknüpft mit der eigentlichen Geschichte. Und schon kam der Gedanke, ob das nicht alles ein bisschen zu einfach dargestellt ist. Ich muss gleich sagen, dass es das nicht ist!

Inge Becher erzählt in 20 Kapiteln nicht nur die Geschichte von Hella, sondern auch die Geschichte von vielen anderen Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus lebten und unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. So kommen Kritiker vor, Mitläufer, Sadisten, aber auch Kinder, die gewollt oder ungewollt eine unterschiedliche Position in dem System einnahmen. Damit die Geschichte auch mit historischen Fakten verknüpft wird, hat sich die Autorin etwas geschicktes ausgedacht. Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt es ein paar historische Informationen, die das Verständnis für den folgenden Handlungsverlauf verbessern. Diese Abschnitte sind immer ungefähr eine halbe Seite lang und sind adressatengerecht formuliert. So können aus meiner Sicht auch schon Leser im Alter von 10 oder 11 Jahren die Zusammenhänge verstehen. Ich war fasziniert davon wie Inge Becher es schafft ganz komplexe Dinge herunterzubremsen und gleichzeitig den Leser nicht mit dem Wissen langweilt. Gleichzeitig ist die eigentliche Geschichte spannend und man möchte unbedingt wissen was aus Hella und ihrer Familie sowie den Freunden wird.

Ich habe das Buch auch auf einem Ausflug meinen Kids von der Lesecrew vorgestellt und ein wenig daraus vorgelesen. Manche Kinder haben auch einige Kapitel selbst gelesen. Ich war überrascht, dass es nicht nur denen gefiel, die eher noch nicht so gut lesen können und sich über die kurzen Kapitel sicherlich freuen. Nein, auch die Leseeulen, die dicke Fantasiewälzer verschlingen, waren von dem Aufbau des Buches und der Geschichte begeistert.

Aus meiner Sicht hat es Inge Becher also geschafft ein recht schwieriges Thema so zu bearbeiten, dass es für die verschiedensten Lesetypen geeignet ist und Lesefreude erzeugt. Ich kann es Kindern empfehlen, die historisch bereits ein gewisses Interesse haben und ganz unterschiedliche Stufen der Lesefähigkeit erreicht haben. Genauso kann ich es aber auch mit Schülern nutzen, die bisher nur wenig Interesse für Geschichten mit einem historischen Hintergrund gezeigt haben und eher eine nicht so gute Lesefähigkeit entwickelt haben. Und letztendlich muss man auch sagen, dass mir selbst das Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Der Hintergrund wurde von der Autorin sehr gut recherchiert, die Sprache ist sehr angenehm und die Kapitellänge ist so gut, dass ich auch zwischendurch mal in dem Buch lesen konnte.

Fazit: Kauft das Buch für interessierte kleine Leser in eurem Umfeld und besorgt es für diejenigen, die ihr für Geschichte begeistern wollt! Es regt zum Nachdenken, Nachfragen und Nachforschen an.

Hella_200
108 Seiten
12,5 x 20 cm  Paperback
Hildesheim 2016

ISBN 978-3-940078-39-1
8,95 EUR

John und Barnett, Miles & Niles. Hirnzellen im Hinterhalt

Von der Küste in ein kleines Kaff, dessen Hauptattraktionen die eigene Kuhzucht und die Milchbetriebe sind. Miles kann ich sich praktisch keine schönere Situation vorstellen. Seien Mutter versucht ihn damit zu trösten, dass sein neues Zimmer sehr viel größer ist. Aber was ist das schon im Verhältnis zu den Freunden, die er zurücklassen musste? Was ihm aber noch mehr Sorgen bereitet, ist sein Ruf, den er sich an der alten Schule erarbeitet hat. Er war dort nämlich der beste Trickser. Er hat sich die coolsten Streiche überlegt und den besten Unfug getrieben. Und nun muss er sich alles erneut aufbauen. Aber bei seiner Erfahrungen und den gesammelten Notizen über die alten Streiche sollte das kein Problem darstellen. Ja, er würde sich als bester Trickser zeigen und so im Handumdrehen der beliebteste Junge der Schule sein.

Doch bereits der erste Schultag zeigt ihm, dass das verdammt schwierig werden wird. Denn die Yawnee Valley Akademie für Wissenschaft und Kunst hat schon einen Trickser. Der Typ ist verdammt gut und gleichzeitig ein Phantom. Niemand weiß, wer diese grandiosen Streiche spielt. Es gibt noch nicht einmal den Ansatz eines Hinweises. Doch Miles wird ihm schon zeigen was ein echter Trickser ist. Blöd ist nur, dass der Direktor ihm diesen trotteligen Schulhelfer Niles an die Seite gestellt hat. Er soll ihm die Schule zeigen und die Eingewöhnungsphase nett gestalten. Allerdings scheint Niles auch ein Spion des Direktors zu sein. Wie soll man denn in solch einer Situation neue Streiche planen? Aber Miles hat da schon eine großartige Idee, die alle vom Hocker reißen wird.

Zunächst war ich bei dem Lesen des Buches etwas skeptisch, da es von mehreren Seiten schon für Fans der Greg-Reihe empfohlen wurde. Ich habe in der letzten Zeit mehrere Bücher gelesen, die wie die Tagebücher aufgebaut waren, aber qualitativ weit hinter den Büchern von Jeff Kinney zurückblieben. In Miles & Niles geht es auch um einen Schuljungen, der aus seinem Leben erzählt. Der Text ist aber nicht wie ein Tagebuch aufgebaut und die Struktur der Handlung ist ganz anders. Somit hebt es sich also recht gut von der bekannten Geschichte ab.

Jory John und Mac Barnett schaffen es in einer klaren und sehr humorvollen Sprache eine tolle Geschichte zu erzählen, die lustig und spannend gleichzeitig ist. Die Kapitel haben für Leser ab 10 Jahren eine angenehme Länge und sind so konstruiert, dass man eigentlich alles an einem Stück lesen möchte. Die Zeichnungen von Kevin Cornell sind recht klar strukturiert und passen sehr gut zu dem Text. Sie illustrieren kritische und sehr witzige Stellen hervorragend.

Was mir sehr gut gefallen hat ist die Tatsache, dass die Geschichte zwar in Amerika lokalisiert ist, aber nicht so extreme Eigenarten enthält, dass sie nicht auch in anderen Ländern der Erde spielen könnte. Zudem werden Aspekte, die sich vielleicht nicht jedem Kind erschließen, nett verpackt im Text durch die Protagonisten erläutert. Die einzelnen Charaktere werden zudem gut umschrieben und ausreichend tief dargestellt damit ein junger Leser sich mit ihnen identifizieren kann. Und werde würde nicht einmal gerne riesige Streiche planen und in die Tat umsetzen? Miles und der unbekannte Trickser sind also schon automatisch in den Leserherzen verankert. Natürlich kennt auch jeder so einen Mitschüler wie Niles, der permanent nervt, sich für total klug hält und alles macht, was die Lehrer wollen. Somit kann man sich also auch in die meisten Situation gut hineinversetzen.

Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert und musste es wirklich in einem Rutsch lesen, weil ich wissen wollte, ob Miles sein Ziel erreicht. Da der englische Originaltitel schon einen Hinweis darauf enthält, dass es wohl weitere Werke über den Trickser geben wird, freue ich mich schon auf die Fortsetzung.

Miles NilesAus dem Englischen von Alexandra Ernst
Mit Illustrationen von Kevin Cornell
Ab 10 Jahren
Gebundenes Buch
Pappband, 224 Seiten
15,5 x 21,0 cm
Mit s/w Illustrationen
ISBN: 978-3-570-16367-2
€ 12,99 [D] | € 13,40 [A]

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Patrick Hertweck, Maggie und die Stadt der Diebe

Maggie ist ein junges Mädchen, das eigentlich im Waisenhaus lebt. Sie weiß nicht wer ihre Eltern sind und ist natürlich auch nicht sonderlich glücklich im Waisenhaus. Als eines Tages ein Paar auftaucht und Maggie als ihre vermisste Tochter identifiziert, ist sie zunächst skeptisch, sieht aber in gewisser Weise auch eine Chance in dieser Begegnung. Endlich bietet sich eine Gelegenheit zum Verschwinden. Doch hätte sie auch nur anstazweise geahnt, was in der darauf folgenden Zeit auf sie zukommt, wäre sie wohl doch lieber im Waisenhaus geblieben. Sie lernt unfreiwillig und sehr schnell das harte Pflaster New Yorks im Jahr 1870 kennen. Und ihre einzige Chance ist ausgerechnet eine Diebsbande, die von einem komischen alten Zwerg angeführt wird, der bei ihrem Anblick erschaudert.

Patrick Hertweck nimmt seine Leser bereits auf der ersten Seite mit in ein rasantes Abenteuer. Maggie wird dem Leser zwar kurz vorgestellt und beschrieben, doch im nächsten Augenblick rennt man mit ihr schon durch die Straßen von New York und versucht gemeinsam mit ihr einigen finsteren Gesellen zu entkommen. Die Dynamik, die auf den ersten Seiten entsteht, bleibt während der gesamten Lesezeit erhalten und sorgt dafür, dass man nicht mehr aufhören kann. Nach der Flucht will man natürlich wissen, wie es mit Maggie weitergeht, dann will man wissen, wo sie herkommt und schließlich möchte man gemeinsam mit ihr dunkle Machenschaften aufdecken. Selbst in den ruhigen Momenten, die Maggie selbstverständlich auch erlebt, ist man stets konzentriert bei der Sache, weil immer wieder neue Informationen an das Tageslicht kommen.

Trotz dieser schnellen Abfolge von Ereignissen schafft es der Autor den einzelnen Figuren ausreichend Raum für ihre Persönlichkeit zu geben. Man erfährt über die wichtigsten Personen in Maggies Umfeld so viel, dass sich ein umfangreiches Bild ergibt, dass zu einer sehr plastischen Vorstellung der damaligen Zeit und der Lebensverhältnisse beim Leser führt.  Zudem wirken alle Handelnden authentisch und gleichzeitig kann man auch aus der heutigen Zeit heraus ihr Verhalten und ihre Gefühle nachvollziehen. Dieser Spagat gelingt leider nicht allen Jugendbuchautoren und daher muss man dem Newcomer hier ein dickes Lob aussprechen.

Zudem hat man an keiner Stelle den Eindruck, dass ein Erwachsener über Kinder und Jugendliche schreibt und sich dabei sehr anstrengen muss. Die Sprache ist sehr ausgewogen. Das heißt sie ist auf einem angemessenen Niveau und gleichzeitig gut verständlich. Es stellt sich sehr schnell ein guter Lesefluss ein und man bleibt nicht an einzelnen Wörtern hängen.

Fazit: Für mich war die Begegnung mit Maggie ein wahrer Lesegenuss. Und vielleicht gibt es ja irgendwann ein Wiedersehen?

Maggie_und_die_Stadt_der_Diebe_Patrick_HertweckAb 11 Jahre

304 Seiten
Format 148 x 210 mm
ISBN 978-3-522-18403-8
Preis: 14,99€ [D] 15,50€ [A]

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Reifenberg & Mayer, Die Schattenbande legt los!

Berlin ist nicht nur heute ein aufregendes Pflaster. Gerade in den 20er Jahren war in der Metropole einiges los und wer etwas auf sich hielt, zeigte sich und das, was er oder sie hatte, in den bekannten Etablissements der Stadt. Es war jedoch nicht alles so glänzend, wie es heute gerne dargestellt wird. Armut, Kriminalität und grauer Alltag waren ebenso vorhanden. Die Waisen Klara, Otto, Paule und Lina haben sich von der Tristesse des Waisenhauses verabschiedet und versuchen sich als Kleindiebe in der großen Stadt. Ihr Leben in dem Versteck ist nicht gerade luxuriös, aber immer noch angenehmer als im Waisenhaus. Zudem sind die vier Kinder als Schattenbande sehr erfolgreich und schaffen es selbst in brenzligen Situationen immer wieder der Polizei zu entwischen und erleben so das ein oder andere Abenteuer.

Als Otto eines Tages verhaftet wird, bricht jedoch alles zusammen. Eine russische Großfürstin wurde ermordet und Otto konnte noch am Tatort festgenommen werden. Doch hat er wirklich etwas damit zu tun? Die Schattenbande muss sofort handeln und herausfinden, wer diese Großfürstin eigentlich war, in welche Machenschaften sie verwickelt war und wie Otto in dieses Schlamassel geraten ist. Die Polizei ist ihnen natürlich keine Hilfe dabei. Aber wie sieht es mit dem Reporter Billy Barrakuda aus? Kann man ihm vertrauen?

Aus meiner Sicht war es keine einfache Aufgabe die Geschichte der Schattenbande zu erzählen. Denn natürlich gibt es in der Kinder- und Jugendliteratur bereits einige spannende Banden- und Detektivgeschichten, die teilweise absolute Klassiker geworden sind und von Lesern aller Altersgruppen verschlungen werden. Und zudem hat man den Eindruck, dass es in den letzten Jahren sehr viele Romane für junge Leser gab, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen. Warum sollte man also zu einem Werk greifen, das schon vielfach behandelte Aspekte aufgreift? Ich war also zu Beginn sehr skeptisch und habe mir keine großen Hoffnungen gemacht. Doch bereits nach wenigen Seiten hatten mich die Autoren schon am Wickel.

Frank Maria Reifenberg und Gina Mayer schaffen es mit sehr verständlichen Worten, die eine gute Balance zwischen der Gegenwart und der Zeit der 20er Jahre herstellen, eine wundervolle Geschichte zu erschaffen. Die Welt der Schattenbande ist auf der einen Seite durch korrekte historische Details geprägt und auf der anderen Seite werden universelle Aspekte der Kindheit und Freundschaft angesprochen, die auch dem heutigen Leser bekannt sind. So kann man sich schnell mit Teilaspekten der Charaktere identifizieren und ihre Handlungen nachvollziehen. Dazu trägt auch die Unterschiedlichkeit der vier Kinder bei. Es gibt die eher sportlichen Figuren, aber auch diejenigen, die eher mit dem Kopf arbeiten. Und dann gibt es aber auch Personen, die beide Dinge in sich vereinen. Ganz nebenbei bringen die vier Kinder dem Leser, der sich schnell als Teil der Schattenbande fühlt, auch etwas über die 20er Jahre und das damalige Berlin bei.

Was den Leser aber wirklich bei Laune hält, ist die Spannung, welche aufgebaut wird und praktisch bis zum Ende des Buches nicht abreißt. Es kommt immer wieder zu unvorhersehbaren Wendungen und Rätseln, die gelöst werden müssen. Häufig fragt man sich, wem man denn nun vertrauen kann und was man glauben sollte. Dabei wird man aber nicht verwirrt, sondern kann alles nachvollziehen und sich die Verbindungen auch merken.

Fazit: Das Autorenduo hat alles richtig gemacht! Das Buch ist spannend und interessant geschrieben, die Darstellung der Figuren erfolgt wunderbar bildlich und der Handlungsrahmen wird toll wiedergegeben.

Die-Schattenbande-legt-los--9783760799360_xxlAb 10 Jahren / 240 Seiten
21,4 cm x 15,5 cm
ISBN: 978-3-7607-9936-0
12,99 € [D]
Link zur Verlagsseite (mit Bestellmöglichkeit)
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Martin Baltscheit, Die besseren Wälder

Der kleine Ferdinand und seine Eltern sind Wölfe, denen es in ihrer Heimat nicht besonders gut geht. Die schlechte wirtschaftliche Lage führt zu einem Mangel in den verschiedenen Lebensbereichen. Schon lange reden die beiden Erwachsenen daher über eine eventuelle Flucht. Als es wieder nicht genug Nahrung gibt, macht sich die kleine Familie auf den Weg in die besseren Wälder, von denen sie schon so viel gehört haben. Zwischen dem alten Leben und dem hoffentlich besseren Leben liegen nicht nur einige Kilometer, sondern auch eine Grenze, die stark überwacht wird und teilweise aus einer Mauer besteht. Im Schutze des starken Schneefalls soll der Grenzübertritt gewagt werden. Doch Ferdinands Eltern erreichen das gelobte Land nie. Ferdinand schafft es in das andere Land, in dem er auf ein kinderloses und seltsam aussehendes Paar trifft, dessen Laute er nicht versteht. Es sind Schafe. In der ganzen Gegend leben nur Schafe. Das Paar diskutiert eine Weile, ob sie den kleinen Wolf nicht lieber töten sollten. Doch im Endeffekt siegen die Gefühle. Ferdinand wird durch die Erziehung der beiden und einige kosmetische Tricks zum Vorzeigeschaf, das über seine eigentliche Herkunft nichts mehr weiß. Als er fast erwachsen ist passiert jedoch ein schrecklicher Mord. Ferdinand wird direkt neben der Leiche gefunden und ist somit der Hauptverdächtige. Im Gefängnis erkennt er seine wahre Identität. Und somit beginnt eine Suche nach sich selbst und nach der Wahrheit.

Es gibt Bücher, bei denen man noch leichte Fragezeichen über dem Kopf hat, weil man sich nicht sicher ist, ob man die Intention des Autors richtig verstanden hat. Und ich muss zugeben, dass es Geschichten gibt, zu denen ich gar keinen Zugang finden kann.
Beim Lesen von „Die besseren Wälder“ fühlte ich von beiden Gegensätze ein wenig. Zunächst hatte ich auch ein paar Fragezeichen über dem Kopf, habe dann aber einfach während des Lesens meine eigene Interpretation eingebunden. Und genau das wollen doch die meisten (guten) Autoren. Sie geben eine Rahmenhandlung vor, die den Kopf des Lesers aber noch dazu veranlasst eigene Gedanken und Gefühle einzubinden. Das gelingt aber leider nicht allen Autoren. Doch Baltscheit schafft es eine klar abgegrenzte und in sich geschlossene Geschichte zu erzählen, die den Leser nicht überfordert, aber auch nicht langweilt. Gleichzeitig gibt er genau den Raum, den man benötigt, um die eigenen Gefühle und Gedanken einbinden zu können. Dies erreicht er einerseits durch eine sehr gelungene Konstruktion der Handlung, die immer wieder interessante und nachvollziehbare Wendungen aufweist. Andererseits führt die direkte und jugendliche Sprache dazu, dass man sich rasch in die Geschichte eingebunden fühlt. Es gibt nur eine geringe Distanz zwischen dem Leser und der Erzählung. Man kann praktisch die Gefühle und die Nachdenklichkeit der Protagonisten spüren. Ergänzt wird der sprachliche Teil durch moderne und kantige Zeichnungen, in denen immer wieder mit den verschiedenen Mensch- und Tierattributen gespielt wird. Dies ist übrigens ein Aspekt, der immer wieder im Buch auftaucht. Man bewegt sich praktisch, genauso wie Ferdinand, in zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.

Das ist auch eine Grundaussage des Buches, die den Leser dazu veranlasst eigene Gefühle und Gedanken noch einmal in einem neuen Kontext zu betrachten. Würde ich genauso handeln? Was würde solch ein Leben aus mir machen? Wer bin ich eigentlich wirklich? Bin ich nicht nur ein Produkt von Erziehung und Umwelt? Solche Fragen lässt der Text zu und mit solchen Fragen beschäftigt man sich auch nach dem Lesen. Ein bisschen hat mich die Lektüre daran erinnert, wie ich mich als Jugendliche nach dem Lesen diverser Bücher des Autors Hermann Hesse gefühlt habe. Obwohl die Geschichte auf den ersten Blick so simpel anmutet, spricht sie doch existenzielle Fragen und Ängste an, die jugendliche und erwachsene Leser beschäftigen.

Fazit: Ein Werk, das mit viel Liebe erstellt wurde und bei dem die Absatzzahlen wirklich nachranging sein sollten. Es ist spannend, regt zum Nachdenken an und ist auch optisch ein Genuss.

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ISBN 978-3-407-82033-4

1. Auflage 2013. 240 Seiten.
Gebunden.
Ab 12 Jahre

Hinweis: Die Geschichte wurde zunächst als Theaterstück konzipiert. Schaut euch also mal um, ob es nicht vielleicht gerade in eurer Umgebung aufgeführt wird!

Peter Laufmann, Wo kommst du denn her?

– Wie und warum Tiere und Pflanzen wandern und sich an anderen Orten niederlassen –

Bereits Ende Juni erschien im Hause Carlsen ein Buch, das sich ausführlich mit Tieren, Pflanzen und ihren Lebensräumen beschäftigt. Gleichzeitig werden mit dem Werk aber auch junge Forscher aufgefordert, sich ihre Umgebung genauer anzusehen und interessierte Fragen zu stellen. Wie dies genau aussieht, habe ich mir mit meinem 6-jährigen Tester ausführlich angeschaut.

Nach dem Auspacken des Buches, waren wir erst einmal über die Größe und die Aufmachung erstaunt. Mit 25,8 x 27,6 cm ist es nicht gerade für den kleinen Rucksack geeignet. Da man es aber auch als Forscherbuch benutzen soll, braucht man natürlich viel Platz zum Schreiben und nimmt das Format gerne in Kauf. Der Einband ist richtig stabil und die einzelnen Seiten sind als Ringbuch zusammengefasst. Neben den erwähnten Seiten für Notizen, die immer wieder zwischen den Kapiteln auftauchen, befindet sich am Ende auch eine stabile Folie, die das Sammeln und Aufbewahren von Fundstücken ermöglicht. Trotz der über 70 Seiten ist innerhalb der Deckel auch noch so viel Platz, dass man die Folie ordentlich befüllen kann. Mit Klammern kann man übrigens auch sehr gut weitere Zettel oder kleine Taschen befestigen sowie in die Spiralbindung einen Stift klemmen. Bezüglich der Outdoorfähigkeiten schnitt das Buch also schon einmal gut ab.

Auf der ersten Seite versucht der Autor auch gleich seine Leser für die exotischen Lebewesen in der eigenen Umgebung zu begeistern. Abgesehen von dem Satz „Mittlerweile gehören sie in Köln, Düsseldorf und Bonn zum Alltag“, der aus meiner Sicht nicht gerade weltmännisch und aufgeschlossen wirkt, wird auch wirklich Interesse geweckt. Das folgende Inhaltsverzeichnis zeigt dann, dass das Buch in zwei große Abschnitte und einen Glossar gegliedert ist. Zunächst geht es erst einmal darum wie die verschiedenen Arten in alle Ecken der Welt gelangen konnten und was es bedeutet, wenn neue Arten in einem Lebensraum auftauchen. In der zweiten Hälfte geht es um zehn verschiedene Lebensräume und ihre bekannten sowie weniger bekannten Bewohner.

Alle Kapitel sind wunderschön gestaltet und punkten mit einer guten Auswahl an Fotos. Die Texte sind kindgerecht verfasst und enthalten genau die Informationen, die Grundschulkinder interessieren. Zudem erhält man Informationen, die ein bisschen wie Insiderwissen wirken und den kleinen Forschern ein gutes Gefühl vermitteln. Gleichzeitig kann der Umfang der Informationen und die Fülle an Lebensräumen auch zu einer Überforderung führen. Denn nicht alle Orte kann man mit dem Buch sofort aufsuchen. In manchen Fällen führt dies dann sicher zu Enttäuschungen. Dem entgeht man aber, wenn man das Buch immer mal wieder zu einem geeigneten Zeitpunkt aufschlägt oder auf eine Reise mitnimmt und nicht als Liste sieht, die man abarbeiten muss.

Fazit: Wir hatten mit dem Buch viel Spaß und haben uns vorgenommen mehr über die Tiere und Pflanzen zu erfahren, die man in unserer Umgebung finden kann. Einen Notizblock, eine Becherlupe und Folien nehmen wir jetzt auch immer mit auf den Spaziergang. Der Autor hat uns also angesteckt 🙂

9783551251008Hardcover

Größe 25,80 x 27,60 cm
Seiten 76
Alter ab 8 Jahren
ISBN 978-3-551-25100-8

D: 16,90 € inkl. MwSt.

Ein dickes Danke an Carlsen für dieses Rezensionsexemplar!