Peter Goes, Die Zeitreise. Vom Urknall bis heute

Vor einiger Zeit habe ich HIER die Weltgeschichte in 70 Karten rezensiert. In meiner Rezension bin ich auch auf die sehr farbigen und modernen Abbildungen eingegangen. Das Buch von Peter Goes hat zwar theoretisch das gleiche Thema, hebt sich aber von dem gerade genannte Buch stark ab.

„Die Zeitreise“ hat ein recht großes Format (27,6 x 37,7 x 1,4 cm) mit dem es etwas an die Wimmelbücher erinnert. Und auch im Inneren wimmelt es freudig herum, allerdings nicht so einfach strukturiert wie in den Bilderbüchern. Auf 78 Seiten wird pro Doppelseite ein wichtiges Thema der Erd- und Menschheitsgeschichte angesprochen. Dabei stehen die grafischen Darstellungen stark im Mittelpunkt. Sie sind recht dunkel gehalten und haben einen klaren und auf den ersten Blick eher starren Stil, der allerdings viele Details bereit hält, welche man erst bei einem zweiten oder dritten Blick erfassen kann. Gleichzeitig wird den Betrachtern aber ausreichend Raum für eigene Interpretationen gelassen. Farbliche Akzente werden nur an wenigen Stellen gesetzt, springen dann aber sofort ins Auge.

Zu jedem Thema gibt es einen kurzen Einführungstext, der auch aufgrund des Darstellungsform heraussticht, weil er zusammenhängend und linksbündig abgedruckt wurde. Alle anderen Sätze, Erklärungen und Hinweise bewegen sich wie kleine Wellen um die Bilder. Sie schmiegen sich an, verstecken sich ein bisschen und bringen so eine Art Bewegung in das Bild. Sie geben übersichtliche Informationen und laden zu einem weiteren Entdecken ein, da sie sehr kurz gehalten sind und eher wie kleine Notizen wirken. Gleichzeitig sind diese wenigen Punkte aber auch sehr gehaltvoll und stellen keinesfalls unnützes Wissen dar. Interessant ist, dass die Anzahl der Informationen mit der Zeit zunimmt. Das heißt, dass eher modernere Themen in ihrer Darstellungen zunächst überladener wirken als zum Beispiel die Seiten über die ersten Menschen. Aber schließlich sind die Informationen, die wir aus den letzten Jahrhunderten haben, aufgrund der Sprache und der Schrift auch umfangreicher vorhanden. Gleichzeitig treten auch immer mehr Farben in den Darstellungen auf. Man kann also sagen, dass es sich hier um eine indirekte Spiegelung unserer Gesellschaft handelt, die immer mehr Informationen erzeugt, aber auch vielfältiger wird. Dies mag vielleicht nicht den jungen Betrachtern auffallen wird, aber eventuell in das Bewusstsein der großen „Mitleser“ dringen.

Man kann also zusammenfassend sagen, dass „Die Zeitreise“ ein wirklich interessantes Kinderbuch ist, das durch eine ästhetische Darstellung und prägnante Texte überzeugt. Es ist anders als viele „Erklärbücher“, die vielleicht auf den ersten Blick strukturierter erscheinen, aber doch alle gleich aussehen. Man kann es schon als Kunst für Kinder bezeichnen 🙂

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78 Seiten 
ISBN 978-3-407-82128-7
24,95€
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Was geschah wann? In 70 Karten durch die Weltgeschichte

Der Verlag DK (Dorling Kindersley) ist mittlerweile bekannt für großformatige und reich bebilderte Erklärbücher, die Leser der verschiedensten Altersklasse ansprechen. Dabei werden klassische und sehr aktuelle Themen gleichfalls beachtet.

Der in der Überschrift genannte Titel weist bereits sehr klar auf das Thema des vorliegenden Buches hin. In dem 160-seitigen Buch, welches eine stattliche Größe aufweist (ca. 25,7 cm/30,7 cm), werden über 70 großformatige Karten wichtige Aspekte aus vier historischen Epochen dargelegt. Unterschieden wird zwischen Frühzeit und Antike, Mittelalter, Neuzeit sowie 20. und 21. Jahrhundert. Die geringste Kartenanzahl entfällt auf das Mittelalter, wobei trotzdem die wichtigsten Ereignisse beziehungsweise Prozesse erwähnt werden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Zeitleiste, die sich über zwei Seiten schlängelt und einen guten Überblick über die jeweilige Epoche gibt. Anschließend beginnen gleich die Karten, welche zwar einen thematischen Schwerpunkt haben, aber natürlich auch wie bei klassischen Karten einen geografischen Bezug herstellen. Für jede Karte gibt es eine eigene Legende, die auch wirklich notwendig ist, da die digital erarbeiteten Karten teilweise recht stark gefüllt sind.Man muss aber ganz klar sagen, dass es hier sehr große Unterschiede gibt. Manche Karten wirken recht leer, andere sind sehr voll und zeichnen sich durch viel Text aus. Da die Redakteure sehr darauf bedacht waren, dass die Leserlichkeit trotzdem nicht eingeschränkt ist, fühlt man sich bei manchen Karten zunächst etwas erschlagen. Die Gestaltung ist generell aber sehr klar und farbig, auch sehr modern.

Als Zielgruppe sehe ich eher größere Leser (ab 8) mit Interesse an Geschichte und einem guten Denkvermögen, da manche Zusammenhänge recht komplex sind. Es handelt sich aufgrund der vielen Texte eher nicht um ein Buch, das man gemeinsam mit kleinen Lesern betrachtet. Trotzdem lädt es aber zum Entdecken ein und vermittelt auch wissen, wenn man nicht den gesamten Text liest.

Erwähnen möchte ich auch noch, dass es sich endlich mal um ein Buch mit historischen Themen handelt, welches nicht die rein europäische Perspektive zeigt. So gibt es zum Beispiel auch Karten die sich mit der Öffnung Japans oder Indiens Unabhängigkeit beschäftigen. Gerade solche Themen tauchen leider viel zu selten in anderen Kinderbüchern auf, wecken aber sehr schnell das Interesse von Kindern und Jugendlichen, da ihr Wissen in diesen Bereichen noch sehr oberflächlich ist.

Fazit: Das Buch wirkt zunächst etwas überladen, beinhaltet aber sehr interessante und wichtige Aspekte der Geschichte. Sie werden ziemlich bunt dargestellt, sprechen aber die Zielgruppe dadurch direkt an. Ich empfehle einen dringenden Blick in das Buch und ein Verschenken an interessierte Kinder im Verwandten- und Freundeskreis.

Cover_193419_GER.indd160 Seiten
70 farbige doppelseitige Karten und über 100 Farbfotos
gebunden
ISBN 978-3-8310-2915-0
EURO 16,95 [D] 17,50 [A]

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Mycielska u.a., Das funktioniert? Verblüffende Erfindungen

Natürlich klappt nicht alles, aber soll man deshalb gar nichts riskieren? Selbst etwas zu entwickeln, ist ja auch ein Heidenspaß und macht richtig Laune. Und außerdem: Je mehr Versuche, desto höher die Erfolgsaussichten.

In der Menschheitsgeschichte gab es viele Erfindungen, die sinnig und unsinnig waren. Die Bedeutung mancher Entwicklungen wurde den Menschen erst später bewusst oder die Erfindungen haben vielleicht nicht sofort funktioniert, aber andere Wissenschaftler beeinflusst und vorangebracht. Małgorzata Mycielska sowie Alexandra und Daniel Mizielińscy berichten in ihrem gemeinsamen Buch über genau solche Erfindungen. Sie haben sich dafür Entwicklungen herausgesucht, die spannend, lustig oder einfach gigantisch sind. Sie funktionierten nicht alle, haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie alle verdammt interessant sind.

Auf zwei Buchseiten wird jeweils die Erfindung mit ihrer kleinen Entstehungsgeschichte vorgestellt. Mit Hilfe von klaren und verständlichen Zeichnungen, denen ein wundervoller Humor innewohnt, wird die Konstruktion schon kleinen Interessenten vorgestellt. Die Länge der Texte und die großformatigen Darstellungen stehen in einem harmonischen Verhältnis, das für Leseinteresse sorgt. Zudem bieten sich die Seiten für eine kurze Leserunde an, laden aber auch zu längeren Betrachtungen ein, da man einerseits viel entdecken kann und andererseits nach Lust und Laune mehrere Erfindungen begutachtet werden können. An die 29 Erfindungen schließt sich jeweils eine Doppelseite an, die den jeweiligen historischen Kontext auf eine sehr witzige Weise darstellt und eine mögliche Verwendung der Gerätschaften im Alltag thematisiert. Hierdurch wird man zum Erzählen eigener erdachter Geschichten, die im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Entdeckungen stehen könnten, angeregt.
Alle Zeichnungen sind in einem angemessenen Farbspektrum gehalten und überfordern daher weder große noch kleine Leser und Betrachter.

Für meinen Testleser (9 Jahre) und mich handelt es ich um eine sehr lustiges und toll aufgebautes Buch, das den eigenen Horizont erweitert und vor allen Dingen Kinder dazu anregt, sich gedanklich über Grenzen hinwegzusetzen. Denn jeder noch so sinnlos erscheinenden Erfindung beruht auf Gedanken, die außerhalb der üblichen Bahnen verliefen. Und was wäre unsere Welt ohne Wissenschaft?

Hinweis: Das Buch wurde 2016 mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet!index-php

128 S.
Pappband in Fadenheftung
€ 14,95 D/ € 15,40 A
ISBN 978-3-89565-307-0

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Bormans, Glück für Kinder

Bereits in den 50er Jahren beschäftigte sich Maslow mit der positiven Psychologie und prägte diesen Begriff. Bis in die 90er Jahre hinein fristete die Auseinandersetzung mit den Stärken eines Menschen allerdings ein Nischendasein. Martin Seligman griff die Ideen von Maslow auf und entwickelte Programm für Kinder, die etwaige depressive Tendenzen verhindern sollten. Aus meiner Sicht hat sich das Konzept in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Rampenlicht getraut. Im Zuge der ständigen Professionalisierung und der Versteifung auf Leistungen, gibt es auch den Ansatz das eigene Glück und die Freude wieder verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Eigentlich ist das ja paradox. Wir lassen uns immer mehr das Leben durch die Arbeit diktieren und gleichzeitig suchen wir krampfhaft nach DEM Glück. Dass es eigentlich nur weniger simpler Schritte bedarf, langfristig glücklich zu sein, zeigt dasBuch „Glück für Kinder“.

Leo Bormans hat sich in den letzten Jahren mit Büchern über die Themen Glück, Hoffnung und Liebe einen Namen gemacht. Seine Erkenntnisse aus diesen Recherchen und seine daraus folgenden Erlebnisse kombinierte er mit Erkenntnissen von Richard Layard, der sich seit seiner Emeritierung verstärkt mit dem Thema Glück beschäftigt. Layard ist zudem einer der führenden Köpfe in der Action for Happiness-Bewegung, die ein glücklicheres Zusammenleben in der Gesellschaft anstrebt. Hierfür haben sie zehn Punkte erarbeitet, die bei einem selbst für mehr Zufriedenheit und für ein besseres Zusammenleben sorgen können:

  1. Geben, statt nehmen: etwas schönes für andere tun, denn um sich gut zu fühlen, kann man etwas gutes tun. Frage: Was tust du, um anderen zu helfen?
  2. Zusammenhalten: Beziehungen mit Freunden, Familie und in der weiteren Gesellschaft verschaffen uns eine Struktur der Zugehörigkeit und der Sinnhaftigkeit im Leben. Frage: Wer bedeutet dir am meisten?
  3. Aktiv und gesund bleiben: Körper und Geist gehören zusammen. Schlaf, Bewegung und Ernährung bestimmen über Körpergefühl und holistisches Wohlsein. Frage: Wie bleibst du aktiv und gesund?
  4. Wahrnehmen und Wertschätzen: All die Dinge um uns herum in der Natur und Kultur warten darauf, dass wir uns an ihnen erfreuen. Frage: Wann hältst du mal inne und nimmst die Welt bewusst wahr?
  5. Neues ausprobieren, lernen, Erfahrungen sammeln: Um nicht zu stagnieren, sich zu langweilen und eindimensional zu werden, hilft es neue Dinge zu tun. Frage: Was hast du kürzlich neues probiert?
  6. Ziele vor Augen: Ziele motivieren und stellen sicher, dass wir unser Leben nicht komplett fremdbestimmt vorbeiziehen lassen. Frage: Was sind deine wichtigsten Ziele?
  7. Widerstandsfähigkeit, Belastbarkeit, Elastizität: Nicht immer geht alles glatt, wir leben mit Fehlschlägen, Trauer und Verlust. Wir finden unsere Wege, damit umzugehen. Frage: Wie erholst du dich von Rückschlägen?
  8. Positive Emotionen: Im Angesicht des Auf und Ab unseres Lebens helfen uns Gefühle wie Freude, Dankbarkeit, Stolz und Inspiration, die Zukunft mit Optimismus anzunehmen. Frage: Worüber freust du dich?
  9. Akzeptanz: Wir sind alle nicht perfekt, machen Fehler und haben Schwächen. So ist es eben und so ist es gut. Andere und sich selbst mit Schwächen zu akzeptieren steigert Lebensfreude und Widerstandskraft. Frage: Wie sieht dein wahres Ich aus?
  10. Sinnhaftigkeit: Teil eines größeren Ganzen zu sein, auf der Arbeit, in Beziehungen, Sportclubs, Parteien usw., hilft uns dem Leben mehr abzugewinnen, Stress und Ängste abzubauen und einen Sinn im Leben zu sehen. Frage: Was erfüllt dein Leben mit Sinn?

Genau diese Punkte und Fragen hat sich Bormans herausgesucht und sie für Kinder aufbereitet. Hierfür hat er eine interessante Vorgehensweise gewählt. Jedes Kapitel beginnt mit einer Geschichte über einen bestimmten Vogel. Diese Geschichte erstreckt sich über zwei Seiten, die wunderbar und sehr umfangreich von Sebastiaan van Doninck illustriert wurden. Der eigentliche Text ist somit nicht allzu lang, ist aber als Text zum Vorlesen gedacht. Diesbezüglich gibt der Autor vor der ersten Geschichte den Vorlesern Tipps, die das Interesse, aber auch das Verständnis des Zuhörers stärken sollen.

In dem Text geht es natürlich schon, in einer leichten Verschlüsselung, um einen der zehn Aspekte. So wird den Kindern zum Beispiel mithilfe eines kleinen Vogels, der ein Nest bauen will, welches vor großen Vögeln sicher ist, die Thematik „Ziele“ näher gebracht. An den Text schließen sich zwei Seiten an,die immer einige Fragen zum Textverständnis beinhalten, Fragen an den Zuhörer, Informationen über die dargestellte Vogelart, Infos und Fragen, die sich mit dem jeweiligen Thema beschäftigen sowie Mitmach-Aufgaben.

Diese umfangreichen Möglichkeiten zur Nachbereitung der einzelnen Texte zeigen schon, dass es sich bei dem Buch nicht um ein übliches Vorlesebuch handelt, das man mal aus dem Regal zieht und ein bisschen daraus vorliest. Die Besprechung der Texte, die anschließende Besprechung der Glücksaspekte und das gemeinsame Betrachten des eigenen Lebens erfordern Zeit, Feingefühl und Aufrichtigkeit. Daher sollten sich Vorleser im Vorfeld mit den Texten beschäftigen und sich je nach Stimmung des Zuhörers für bestimmte Fragen und „Aufgaben“ entscheiden. Einfach die Geschichte lesen und dann die Punkte abzuarbeiten wäre für einen Zuhörer nicht nur extrem langweilig, sondern hätte auch keinen Effekt. Lässt man sich aber auf das Konzept ein und nimmt sich ausreichend Zeit, sind nicht nur die kleinen Geschichten ein Genuss, sondern die Umsetzung der Ideen zeigt auch ihre Wirkung. Kinder lernen einerseits, dass sie mit ihren Zweifeln und  Ängsten nicht alleine sind. Und andererseits wird ihnen bewusst, dass dies nichts schlimmes ist, sondern dass man nur die positiven Aspekte erkennen bzw. seine eigenen Stärken ermitteln muss. Zudem geht es auch darum zu teilen oder für andere einzustehen. Dadurch lernen die kleinen Zuhörer sehr viel über ein gerechtes und zufriedenes Miteinander.

Unterstützend wirken dabei auch immer wieder die schönen Illustrationen, die einzelne Aspekte eines Abschnittes sehr gut aufgreifen und darstellen. Sie sind sehr kindgerecht gestaltet und gleichzeitig haben sie einen großen künstlerischen Wert. Dadurch transportieren sie automatisch ein gutes Gefühl und laden zu den anschließenden Gesprächen besonders ein.

Fazit: Ich habe die Umsetzung, aber auch die Wirkung des Buches zunächst unterschätzt. Zu Beginn war ich einfach von den Ideen, die nach dem eigentlichen Text angeführt werden, erschlagen. Nachdem ich aber alleine das Buch gelesen und mir Gedanken dazu gemacht habe, wie und wann ich einzelne Geschichten meinem neunjährigen Sohn vorstellen kann, hat das Buch schnell erste Erfolge gezeigt. Die Gespräche im Anschluss waren wundervoll und man kann immer wieder auf sie zurückgreifen bzw. die entsprechende Geschichte erwähnen, wenn man eine Stärkung oder Aufmunterung benötigt. Ich habe immer wieder beobachtet, dass Kindern viel zu häufig Extreme vorgelebt werden. Entweder werden sie für jede Kleinigkeit gelobt oder man erwartet von ihnen eine bestimmte Leistung. Entweder nimmt man ihnen alles ab oder übergibt zu viel Verantwortung. Das Buch von Bormans zeigt wie man gemeinsam einen Weg finden kann, der Stärken und Schwächen aufgreift und wie man dabei mit sich selbst zufriedener ist. Gleichzeitig lernt man ein bisschen mehr Glück in die Gesellschaft zu tragen und gemeinschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

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64 Seiten
Originaltitel: ›GELUK voor kinderen‹
Übersetzung: Linda Marie Schulhof
ISBN 978-3-8321-9901-2
19,99€
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Inge Becher, Lautlose Stufen

Inge Becher, Lautlose Stufen

Hella Arnold, die in den 30er Jahren in Deutschland aufwächst, ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie wird in sehr einfachen Verhältnissen groß, die aber aufgrund ihrer sehr liebevollen Eltern eher in den Hintergrund treten. Viel stärker spürt Hella die Liebe und den Zusammenhalt, den ihre Eltern und ihre zwei größere Brüder, die im Jahr 1939 (fast) 18 und 13 Jahre alt sind, ausstrahlen. Eine andere Art von Gemeinschaft hat Hella auch mit ihren beiden Freundinnen Anneliese und Gerda, die beide recht verschieden sind und vielleicht gerade deshalb für Hella eine wundervolle Kombination ergeben. Gemeinsam freuen sich die drei Mädchen schon auf die kommende Aufnahme bei den Jungmädeln und versuchen bis dahin die Schule gut zu überstehen, was Hella nicht unbedingt leicht fällt. Das Leben der Zehnjährigen ist also eigentlich ganz normal und könnte leicht und leise weitergehen. Doch dann bricht Hella plötzlich zusammen und muss für eine lange Zeit in ein Krankenhaus. Niemand kann ihr und ihrer Familie sagen was sie hat. Aber schnell wird klar, dass sie immer wieder von Krampfanfällen und Fieberschüben geplagt wird. Die Aufenthalte in der Klinik werden immer länger und Hella kann nicht mehr richtig an dem Leben um sie herum teilnehmen. Kann ihr vielleicht ein anderer Arzt in einer Kinderfachklinik helfen?

Bevor ich mit dem Lesen des Buches begonnen habe, habe ich mich gefragt, wie die Autorin solch eine Geschichte auf knapp 100 Seiten erzählen will. Ich hatte mich schon auf eine sehr dichte und schwere Sprache eingestellt und dachte mir, dass das wieder ein Buch für Kinder bzw. Jugendliche sein wird, welches so komplex ist, dass es nur für sehr intelligente Leser_Innen geeignet ist.

Als ich dann aber die ersten Seiten gelesen habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Einfach und nicht zu lange Sätze, klare Beschreibungen, die aber trotzdem gefühlvoll sind und historisches Wissen verknüpft mit der eigentlichen Geschichte. Und schon kam der Gedanke, ob das nicht alles ein bisschen zu einfach dargestellt ist. Ich muss gleich sagen, dass es das nicht ist!

Inge Becher erzählt in 20 Kapiteln nicht nur die Geschichte von Hella, sondern auch die Geschichte von vielen anderen Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus lebten und unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. So kommen Kritiker vor, Mitläufer, Sadisten, aber auch Kinder, die gewollt oder ungewollt eine unterschiedliche Position in dem System einnahmen. Damit die Geschichte auch mit historischen Fakten verknüpft wird, hat sich die Autorin etwas geschicktes ausgedacht. Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt es ein paar historische Informationen, die das Verständnis für den folgenden Handlungsverlauf verbessern. Diese Abschnitte sind immer ungefähr eine halbe Seite lang und sind adressatengerecht formuliert. So können aus meiner Sicht auch schon Leser im Alter von 10 oder 11 Jahren die Zusammenhänge verstehen. Ich war fasziniert davon wie Inge Becher es schafft ganz komplexe Dinge herunterzubremsen und gleichzeitig den Leser nicht mit dem Wissen langweilt. Gleichzeitig ist die eigentliche Geschichte spannend und man möchte unbedingt wissen was aus Hella und ihrer Familie sowie den Freunden wird.

Ich habe das Buch auch auf einem Ausflug meinen Kids von der Lesecrew vorgestellt und ein wenig daraus vorgelesen. Manche Kinder haben auch einige Kapitel selbst gelesen. Ich war überrascht, dass es nicht nur denen gefiel, die eher noch nicht so gut lesen können und sich über die kurzen Kapitel sicherlich freuen. Nein, auch die Leseeulen, die dicke Fantasiewälzer verschlingen, waren von dem Aufbau des Buches und der Geschichte begeistert.

Aus meiner Sicht hat es Inge Becher also geschafft ein recht schwieriges Thema so zu bearbeiten, dass es für die verschiedensten Lesetypen geeignet ist und Lesefreude erzeugt. Ich kann es Kindern empfehlen, die historisch bereits ein gewisses Interesse haben und ganz unterschiedliche Stufen der Lesefähigkeit erreicht haben. Genauso kann ich es aber auch mit Schülern nutzen, die bisher nur wenig Interesse für Geschichten mit einem historischen Hintergrund gezeigt haben und eher eine nicht so gute Lesefähigkeit entwickelt haben. Und letztendlich muss man auch sagen, dass mir selbst das Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Der Hintergrund wurde von der Autorin sehr gut recherchiert, die Sprache ist sehr angenehm und die Kapitellänge ist so gut, dass ich auch zwischendurch mal in dem Buch lesen konnte.

Fazit: Kauft das Buch für interessierte kleine Leser in eurem Umfeld und besorgt es für diejenigen, die ihr für Geschichte begeistern wollt! Es regt zum Nachdenken, Nachfragen und Nachforschen an.

Hella_200
108 Seiten
12,5 x 20 cm  Paperback
Hildesheim 2016

ISBN 978-3-940078-39-1
8,95 EUR

John und Barnett, Miles & Niles. Hirnzellen im Hinterhalt

Von der Küste in ein kleines Kaff, dessen Hauptattraktionen die eigene Kuhzucht und die Milchbetriebe sind. Miles kann ich sich praktisch keine schönere Situation vorstellen. Seien Mutter versucht ihn damit zu trösten, dass sein neues Zimmer sehr viel größer ist. Aber was ist das schon im Verhältnis zu den Freunden, die er zurücklassen musste? Was ihm aber noch mehr Sorgen bereitet, ist sein Ruf, den er sich an der alten Schule erarbeitet hat. Er war dort nämlich der beste Trickser. Er hat sich die coolsten Streiche überlegt und den besten Unfug getrieben. Und nun muss er sich alles erneut aufbauen. Aber bei seiner Erfahrungen und den gesammelten Notizen über die alten Streiche sollte das kein Problem darstellen. Ja, er würde sich als bester Trickser zeigen und so im Handumdrehen der beliebteste Junge der Schule sein.

Doch bereits der erste Schultag zeigt ihm, dass das verdammt schwierig werden wird. Denn die Yawnee Valley Akademie für Wissenschaft und Kunst hat schon einen Trickser. Der Typ ist verdammt gut und gleichzeitig ein Phantom. Niemand weiß, wer diese grandiosen Streiche spielt. Es gibt noch nicht einmal den Ansatz eines Hinweises. Doch Miles wird ihm schon zeigen was ein echter Trickser ist. Blöd ist nur, dass der Direktor ihm diesen trotteligen Schulhelfer Niles an die Seite gestellt hat. Er soll ihm die Schule zeigen und die Eingewöhnungsphase nett gestalten. Allerdings scheint Niles auch ein Spion des Direktors zu sein. Wie soll man denn in solch einer Situation neue Streiche planen? Aber Miles hat da schon eine großartige Idee, die alle vom Hocker reißen wird.

Zunächst war ich bei dem Lesen des Buches etwas skeptisch, da es von mehreren Seiten schon für Fans der Greg-Reihe empfohlen wurde. Ich habe in der letzten Zeit mehrere Bücher gelesen, die wie die Tagebücher aufgebaut waren, aber qualitativ weit hinter den Büchern von Jeff Kinney zurückblieben. In Miles & Niles geht es auch um einen Schuljungen, der aus seinem Leben erzählt. Der Text ist aber nicht wie ein Tagebuch aufgebaut und die Struktur der Handlung ist ganz anders. Somit hebt es sich also recht gut von der bekannten Geschichte ab.

Jory John und Mac Barnett schaffen es in einer klaren und sehr humorvollen Sprache eine tolle Geschichte zu erzählen, die lustig und spannend gleichzeitig ist. Die Kapitel haben für Leser ab 10 Jahren eine angenehme Länge und sind so konstruiert, dass man eigentlich alles an einem Stück lesen möchte. Die Zeichnungen von Kevin Cornell sind recht klar strukturiert und passen sehr gut zu dem Text. Sie illustrieren kritische und sehr witzige Stellen hervorragend.

Was mir sehr gut gefallen hat ist die Tatsache, dass die Geschichte zwar in Amerika lokalisiert ist, aber nicht so extreme Eigenarten enthält, dass sie nicht auch in anderen Ländern der Erde spielen könnte. Zudem werden Aspekte, die sich vielleicht nicht jedem Kind erschließen, nett verpackt im Text durch die Protagonisten erläutert. Die einzelnen Charaktere werden zudem gut umschrieben und ausreichend tief dargestellt damit ein junger Leser sich mit ihnen identifizieren kann. Und werde würde nicht einmal gerne riesige Streiche planen und in die Tat umsetzen? Miles und der unbekannte Trickser sind also schon automatisch in den Leserherzen verankert. Natürlich kennt auch jeder so einen Mitschüler wie Niles, der permanent nervt, sich für total klug hält und alles macht, was die Lehrer wollen. Somit kann man sich also auch in die meisten Situation gut hineinversetzen.

Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert und musste es wirklich in einem Rutsch lesen, weil ich wissen wollte, ob Miles sein Ziel erreicht. Da der englische Originaltitel schon einen Hinweis darauf enthält, dass es wohl weitere Werke über den Trickser geben wird, freue ich mich schon auf die Fortsetzung.

Miles NilesAus dem Englischen von Alexandra Ernst
Mit Illustrationen von Kevin Cornell
Ab 10 Jahren
Gebundenes Buch
Pappband, 224 Seiten
15,5 x 21,0 cm
Mit s/w Illustrationen
ISBN: 978-3-570-16367-2
€ 12,99 [D] | € 13,40 [A]

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Patrick Hertweck, Maggie und die Stadt der Diebe

Maggie ist ein junges Mädchen, das eigentlich im Waisenhaus lebt. Sie weiß nicht wer ihre Eltern sind und ist natürlich auch nicht sonderlich glücklich im Waisenhaus. Als eines Tages ein Paar auftaucht und Maggie als ihre vermisste Tochter identifiziert, ist sie zunächst skeptisch, sieht aber in gewisser Weise auch eine Chance in dieser Begegnung. Endlich bietet sich eine Gelegenheit zum Verschwinden. Doch hätte sie auch nur anstazweise geahnt, was in der darauf folgenden Zeit auf sie zukommt, wäre sie wohl doch lieber im Waisenhaus geblieben. Sie lernt unfreiwillig und sehr schnell das harte Pflaster New Yorks im Jahr 1870 kennen. Und ihre einzige Chance ist ausgerechnet eine Diebsbande, die von einem komischen alten Zwerg angeführt wird, der bei ihrem Anblick erschaudert.

Patrick Hertweck nimmt seine Leser bereits auf der ersten Seite mit in ein rasantes Abenteuer. Maggie wird dem Leser zwar kurz vorgestellt und beschrieben, doch im nächsten Augenblick rennt man mit ihr schon durch die Straßen von New York und versucht gemeinsam mit ihr einigen finsteren Gesellen zu entkommen. Die Dynamik, die auf den ersten Seiten entsteht, bleibt während der gesamten Lesezeit erhalten und sorgt dafür, dass man nicht mehr aufhören kann. Nach der Flucht will man natürlich wissen, wie es mit Maggie weitergeht, dann will man wissen, wo sie herkommt und schließlich möchte man gemeinsam mit ihr dunkle Machenschaften aufdecken. Selbst in den ruhigen Momenten, die Maggie selbstverständlich auch erlebt, ist man stets konzentriert bei der Sache, weil immer wieder neue Informationen an das Tageslicht kommen.

Trotz dieser schnellen Abfolge von Ereignissen schafft es der Autor den einzelnen Figuren ausreichend Raum für ihre Persönlichkeit zu geben. Man erfährt über die wichtigsten Personen in Maggies Umfeld so viel, dass sich ein umfangreiches Bild ergibt, dass zu einer sehr plastischen Vorstellung der damaligen Zeit und der Lebensverhältnisse beim Leser führt.  Zudem wirken alle Handelnden authentisch und gleichzeitig kann man auch aus der heutigen Zeit heraus ihr Verhalten und ihre Gefühle nachvollziehen. Dieser Spagat gelingt leider nicht allen Jugendbuchautoren und daher muss man dem Newcomer hier ein dickes Lob aussprechen.

Zudem hat man an keiner Stelle den Eindruck, dass ein Erwachsener über Kinder und Jugendliche schreibt und sich dabei sehr anstrengen muss. Die Sprache ist sehr ausgewogen. Das heißt sie ist auf einem angemessenen Niveau und gleichzeitig gut verständlich. Es stellt sich sehr schnell ein guter Lesefluss ein und man bleibt nicht an einzelnen Wörtern hängen.

Fazit: Für mich war die Begegnung mit Maggie ein wahrer Lesegenuss. Und vielleicht gibt es ja irgendwann ein Wiedersehen?

Maggie_und_die_Stadt_der_Diebe_Patrick_HertweckAb 11 Jahre

304 Seiten
Format 148 x 210 mm
ISBN 978-3-522-18403-8
Preis: 14,99€ [D] 15,50€ [A]

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