Lydia Benecke, Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen

Welche „Schatten“ Ihre Mitmenschen in sich tragen, werden Sie nur selten wirklich erfahren. Umgekehrt werden die wenigsten Ihren „Schatten“ jemals wirklich kennenlernen.

Bei dem Namen Benecke denken viele Leser sicherlich an den so genannten Herr der Maden Mark Benecke, der auch regelmäßig auf RadioEins wissenschaftliche Ergebnisse für das durchschnittliche Publikum dargelegt. In diesem Zusammenhang habe ich auch das erste Mal von Lydia gehört, die immer mal wieder die psychologischen Aspekte bestimmter Forschungen beleuchtete. Irgendwann wurde sie dann auch Frau Benecke und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann an der ein oder anderen Publikation. Zu der damaligen Zeit konnte ich irgendwie noch nicht so richtig etwas mit ihr anfangen. Die Kombination der beiden traf bei mir keinen Nerv, weil ich mich zwar einerseits für den psychologischen Teil interessierte, andererseits aber immer den Eindruck hatte, dass zwei Bücher mit jeweils einem Autor mehr Gehalt hätten. Mittlerweile gehen die beiden getrennte Wege und Lydia hat sich unabhängig von ihrem Ex-Mann einen sehr guten Ruf erarbeitet. Zwar wird ihr immer wieder vorgeworfen den Namen für ihre Zwecke zu nutzen, aber wer sich ein bisschen mehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, sieht sehr schnell, dass das überhaupt nicht notwendig ist. Die Begründung für das Behalten des Namens ist schlichtweg die Einfachheit gegenüber ihrem Mädchennamen (Wawrzyniak).

Lydia Benecke beschäftigt sich sehr umfangreich mit verschiedenen Formen der Persönlichkeitsstörungen und arbeitet häufig therapeutisch mit Straftätern. Neben diversen anderen Interessengebieten, setzt sie sich auch mit dem Thema Psychopathen auseinander. Das Buch „Auf dünnem Eis“ beschäftigt sich genau mit diesen besonderen Menschen.

Lydia Benecke bietet dem Leser einen umfangreichen Einblick in das Wesen verschiedener Psychopathen. Dabei konzentriert sie sich nicht nur auf Straftäter, sondern beschreibt auch Menschen, die starke psychopathische Züge haben und nicht straffällig werden. Wer jetzt denkt, dass dies total langweilig ist und nur die spektakulären Fälle interessant wären, irrt sich gewaltig. Aufgrund ihrer strukturierten und gleichzeitig nicht zu wissenschaftlichen Vorgehensweise schafft es die Autorin, dass man die Mischung zwischen Sachbuch und reellen Kriminalfällen mit Spannung und Spaß liest. Lydia Benecke verbindet die Darstellung der Therapeuten- und Gutachterarbeit mit Geschichten von bekannten Psychopathen sowie Beschreibungen ihrer Patienten, die teilweise einen sehr intimen Einblick in ihr Leben gewähren. Gleichzeitig vermittelt sie aber auch noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir bisher über Psychopathen haben.

Aufgrund der klaren Ausdrucksweise, die den Leser direkt anspricht und auch immer wieder in bestimmte Gedankengänge einbezieht, hat man kein Problem dem Geschehen bzw. den Erläuterungen zu folgen. Die Satzstruktur ist sehr angenehm und sorgt für einen Lesefluss, der nicht durch langes Nachdenken unterbrochen wird. Gleichzeitig wird man aber auch nicht mit so kurzen Sätzen konfrontiert, dass man sich blöd vorkommt. Aus meiner Sicht schaffen dies nicht alle Autoren, die dem Laien ihr Arbeitsgebiet darlegen wollen. Der schmale Grat zwischen „Erklärungen für Dummies„ und „Wer das nicht versteht, ist mir als Leser nicht willkommen“ kann halt nur gemeistert werden, wenn man seine Arbeit mag und gleichzeitig nicht den Blick für die Welt drumherum verloren hat.

Wer sich die Interessen und Arbeitsfelder sowie das Leben von Lydia Benecke einmal anschaut, wird sofort fasziniert sein von der Komplexität, aber auch von dem Interesse für „das Andere“ oder „das Dunkle“. Ihr Buch spiegelt auch diese beiden Aspekte wieder und zeigt gleichzeitig einen unersättlichen Geist, dessen Offenheit und Interesse auf den Leser überspringt. Es wird mit Mythen aufgeräumt, Tatsachen werden dargelegt und man selbst denkt darüber nach, ob man nicht auch ein paar Persönlichkeitsmerkmale aufweist, die einen Psychopathen ausmachen.

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14,99 €
PAPERBACK
347 SEITEN
ISBN: 978-3-7857-6095-6

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Angela Marsons – Silent Scream

Angela Marsons hat mit Silent Scream ein fantastisches Krimidebüt in Großbritannien hingelegt. Sie hat mit der Figur von Kim Stone, die Mitte 30 ist, gerne Motorrad fährt und anscheinend ein leichtes Problem mit Beziehungen hat, so stark den Nerv der Zeit getroffen, dass mittlerweile drei Bände der Krimireihe herausgegeben wurden. In Deutschland kommen wir nun auch endlich in den Genuss des ersten Bandes.

Wie in einigen anderen Krimis ist unsere Protagonistin bei der Kriminalpolizei als Detektive Inspector tätig. Aber damit enden dann auch schon die Gemeinsamkeiten, die Kim Stone mit vielen anderen Ermittlern hat. Kim lebt alleine und schraubt in ihrer Freizeit gerne an alten Motorrädern rum. Sie restauriert sie mit viel Liebe zum Detail, fährt aber auch selbst mit dem Motorrad. Hier bevorzugt sie aber eher die neueren und recht schnellen Modelle. Mit ihrem Leben als Single hat sie sich eigentlich recht gut arrangiert und sie ist auch nicht darauf aus einen neuen Mann oder eine Frau kennen zu lernen. Woran das untern anderem liegt, soll der interessierte Leser lieber selbst herausfinden. Ich möchte diesbezüglich lieber nichts vorwegnehmen.
In ihrem Job ist DI Stone extrem fokussiert und verbissen. Sie bleibt eisern an einer Spur dran und verlässt sich häufig auf ihr Gespür. Dadurch gerät sie natürlich immer wieder in Konflikte mit ihren Vorgesetzten, die allerdings ihre Ergebnisse und die damit verbundene Aufklärungsquote sehr schätzen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass besonders ihr Boss eine schützende Hand über sie hält. Ihr Team ist bunt gewürfelt und im Grunde genommen ist niemand dabei, der ein ganz einfaches oder wenn man so will normales Leben hat. Das macht aber gerade den Reiz der Truppe aus, die im ersten Teil noch etwas blass herüberkommt. Hier hoffe ich in den kommenden Bänden einen genaueren Einblick zu erhalten.

In Silent Scream müssen sich Kim Stone und ihre Kolleg_Innen mit mehreren Todesfällen beschäftigen, die zunächst in keinem erkennbaren Zusammenhang stehen. Die Menschen sind ganz unterschiedliche Typen gewesen und hatten auch in verschiedenen Branchen gearbeitet. Doch bei ihrer Recherche stößt Kim plötzlich auf eine gemeinsame Vergangenheit, deren Dunkelheit man zunächst einmal entdecken muss.

Angela Marsons schafft es in verschiedenen Handlungssträngen, die sich an ganz unterschiedlichen Stellen berühren, eine packende Handlung zu erzählen, die den Leser ab der ersten Seite in den Bann zieht. Auf der einen Seite lernt man auf eine ruhige Art und Weise die Protagonisten kennen und erhält einen ersten Einblick in ihr Leben. Auf der anderen Seite ist man sofort bei dem Täter und kann noch vor den Ermittlern etwas über die Taten erfahren.
Viele Leser mögen ja eine Art Springen zwischen Erzählsprüngen nicht, aber ich finde so etwas fantastisch. Natürlich trifft das nur zu, wenn die Autorin es schafft die Stränge sprachlich ansprechend miteinander zu verknüpfen. Und das schafft Angela Marsons meiner Meinung nach sehr gut. Ihre Sprache ist sehr direkt und klar, sodass man schnell in einem guten Lesefluss ist. Zudem sind die einzelnen Handlungsabschnitte spannend und man erhält die Möglichkeit schnell in die Detektivarbeit einzusteigen. Man rätselt schon sehr früh in dem Buch gemeinsam mit den Ermittlern, hat aber nicht den Eindruck, dass man schon nach wenigen Seiten den Täter kennt. Natürlich ahnt man hin und wieder etwas, muss sich dann aber noch ein wenig gedulden. Und an einigen Stellen wird man auch total überrascht.

Somit weist dieser Krimi für mich eigentlich alles auf, was einen guten Krimi ausmacht: Die Protagonistin ist sympathisch und gleichzeitig interessant, die Handlung ist spannend und die Sprache ist so leichtgängig, dass man den Text locker in einem Stück lesen kann.
Wer also einen netten Krimi für lauschige Abende oder ein gemütliches Wochenende auf der Couch sucht, sollte zugreifen 🙂

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Übersetzt von: Elvira Willems
464 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-492-06034-9
€ 14,99 [D], € 15,50 [A]

 

Tony Parsons, Dein finsteres Herz

Detective Max Wolfe ist kein gewöhnlicher Mann. Er muss nach dem frühen Tod seiner Frau die gemeinsame Tochter alleine großziehen. Seine Leidenschaft ist starker Kaffee und er hat er einen niedlichen kleinen Hund, der ihn auf Trab hält. Natürlich treibt Wolfe Sport und achtet generell auf seine Fitness. Er zeigt aber auch immer wieder, dass er sehr einfühlsam ist und ebenso wie seine Tochter und dem gemeinsamen Verlust leidet. Sein Job passt auf der einen Seite genau zu seinem Charakter, macht das Leben aber auch nicht leichter. Nach einem spektakulären Fall, bei dem Wolfe in Bezug auf einen Attentäter sehr eigensinnig gehandelt hat, beschäftigt er sich nun mit Morden. Sein analytisches Denken, sein einfühlsames Wesen und sein strukturiertes Vorgehen sind bereits bei seinem ersten Fall, von dem in diesem Buch erzählt wird, eine große Hilfe.
Max Wolfe und seine Kollegen ermitteln zunächst in zwei Mordfällen, die zwar aufgrund derselben Tötungsart zusammenpassen, sonst aber zunächst keine Gemeinsamkeiten haben. Doch im Zusammenhang mit den Ermittlungen kommt heraus, dass die ersten beiden Opfer vor zwanzig Jahren gemeinsam eine elitäre Schule besucht haben und zu einer festen Clique gehörten, deren Mitglieder nun nacheinander sterben. Kann Max Wolfe die anderen potenziellen Opfer schützen und den Täter finden?Es ist schwer etwas über die Geschichte zu schreiben, weil die Handlung so rasant und spannend, aber gleichzeitig auch so unvorhersehbar ist und so grandiose Wendungen enthält. Mit jedem Wort, dass die Handlung oder den Aufbau des Buches näher beschreibt, würde man den Spaß am Lesen vermindern und das eigene Denken einschränken.
Tony Parsons schafft es gleich mit seinem Debüt ein furioses Werk abzuliefern, das einfach nur begeistern kann. Die Charaktere werden umfangreich, aber nicht zu aufdringlich dem Leser nähergebracht. Parsons schafft es sie in dem richtigen Ton, mit genau den passenden Worten und in geeigneten Momenten zu beschreiben. Gerade Max Wolfe wird nicht überzogen dargestellt, obwohl er doch nicht gerade ein Durchschnittstyp ist. Man mag ihn sofort und kann seine Handlungen nachvollziehen. Es macht Spaß seine Gedankengänge zu lesen und praktisch gemeinsam mit ihm den Fall zu lösen. Dies gelingt nur, weil Parsons (und sein Übersetzer Dietmar Schmidt) in einer so schönen Sprache schreiben, dass das Lesen ein wahrer Genuss ist. Man hängt nicht beim Lesen, man ärgert sich nicht über die Satzlänge und man hat nie den Eindruck, dass dem Autor die passenden Worte fehlen.

Ich bin einfach nur begeistert und kann das Buch jedem Krimifan ans Herz legen. Und jetzt warte ich ganz ungeduldig auf den zweiten Band…

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384 Seiten
ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-7857-6115-1
€ 14,99

Robert Galbraith, Der Ruf des Kuckucks

Das bekannte Model Luna Landry wurde tot vor einem Wohnhaus in London aufgefunden. Laut einer Zeugenaussage habe sie sich kurz vorher in ihrer Wohnung mit einem Mann gestritten. Vermutungen aus dem Umfeld legen nahe, dass sie selbst in den Tod gesprungen ist. Auch die ausführlichen Ermittlungen der Polizei kommen zu dem Schluss, dass sich die wunderschöne Frau von ihrem eigenen Balkon gestürzt hat. Doch ihr Bruder, der genauso wie sie adoptiert wurde, glaubt nicht an einen Selbstmord. Er engagiert einen Privatdetektiv, den er noch aus Kindertagen  flüchtig kennt. Und obwohl dieser keinen Anhaltspunkt für einen Mord sieht, nimmt er den Auftrag an, weil er in großer Not steckt. Er hat sich von seiner wohlhabenden Verlobten getrennt, die Kunden rennen ihm nicht gerade das Büro ein und ein Kredit muss auch ganz dringend abbezahlt werden. Obwohl die Voraussetzungen also nicht die besten sind, macht sich Cormoran Strike sehr gewissenhaft an die Aufklärung des Todes und wird dabei von seiner Sekretärin, die eigentlich nur als Aushilfe tätig sein sollte, tatkräftig unterstützt. Beide tauchen in die Welt der reichen und schönen Menschen ein und finden eine Menge schmutziger Wäsche, die sortiert ein ganz anderes Bild von Luna Laundry und ihrer Umgebung ergibt.

Unter dem Pseudonym Robert Galbraith wollte J. K. Rowling den Krimi veröffentlichen. Ein kleines Plappermaul hat aber schon lange vor dem Erscheinen den echten Namen der Autorin genannt. Und nun zerreißt man sich wiederum die Mäuler, ob die Qualität des Werkes nicht eher gegen das Können der Harry Potter-Erfinderin spricht. Ich muss zunächst gestehen, dass ich bisher kein einziges Buch aus ihrer Feder gelesen habe. Daher kann ich auch keinen Vergleich zu den älteren Werken anstellen. Ich habe mich aber trotzdem gefreut als ich das Buch in der Hand hielt, weil ich endlich mal wieder einen guten Krimi lesen wollte. Schon die ersten Seiten haben mich gepackt, weil die Autorin eine ganz kleine nette Welt erschafft, die nicht hundertprozentig unserer Realität entspricht aber nahe an sie herankommt. Sie versucht häufig über klare und angenehme Bilder eine Situation oder eine Umgebung zu beschreiben und so Assoziationen beim Leser zu wecken. Da ich für solche Vorgehensweisen sehr empfänglich bin und die Sprache sehr leicht verständlich ist, habe ich mich also gleich beim Lesen wohlgefühlt. Zudem mag ich die klassischen Detektivgeschichten und war neugierig, ob es Rowling schafft den Typ des Detektivs auf die heutige Zeit zu übertragen. Mit Cormoran Strike hat sie eine Figur erschaffen, die aus meiner Sicht nicht nur sympathisch ist, sondern gleichzeitig auch sehr überlegend handelt ohne dabei solch übertrieben geniale Züge wie Sherlock Holmes oder ähnliche Figuren an den Tag zu legen. Den anderen werden zwar sehr überspitze Charakterzüge zugeschrieben, die vielfach klischeebehaftet sind. Trotzdem wirken sie auf mich nicht unrealistisch oder zu überzogen. Die Biografien der Handelnden werden dem Leser recht langsam dargelegt und immer wieder hat man das Gefühl, dass noch nicht alles gesagt wurde. Genauso langsam entwickelt sich auch die Handlung. „Der Ruf des Kuckucks“ ist kein rasanter Krimi, dessen Spannung mit jedem Kapitel zunimmt. Es ist eher ein Buch, bei dem man mitdenken muss und gleichzeitig die Arbeit eines Detektivs begleiten kann. Dies erinnert wiederum an die klassischen Werke, lässt aber an manchen Stellen eine gewisse Raffinesse vermissen. Ein kleines weiteres Opfer hier oder eine völlig unerwartete Wendung da, würden bei manchen Lesern sicherlich für mehr Lesefreude und vor allen Dingen Leselust sorgen. Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung, in die solche Dinge eingearbeitet werden können.

Fazit: Da ich keine Erwartungen an das Buch hegte, wurde ich auch nicht enttäuscht. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und wieder Lust auf andere Detektivgeschichten bekommen. Wer allerdings eine super spannende und rasante Geschichte erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein.

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,
640 Seiten,
13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0510-3
€ 22,99 [D] | € 23,70 [A] | CHF 32,90* (* empf. VK-Preis)

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Håkan Nesser, Himmel über London

Leonard Vermin steht kurz vor seinem 70. Geburtstag und gleichzeitig ist er todkrank. Er hat nicht mehr viel Zeit, weiß aber nicht, wie viel Zeit im wirklich bleibt. Die Medikamenten lindern die Schmerzen, vernebeln aber auch seinen Geist. Und in der letzten Zeit passieren einige Dinge, die Anlass zur Sorge geben. Seine Mitmenschen finden sein Verhalten immer verwirrender und haben auch keine Ahnung, was er an seinem Geburtstag wirklich plant. Es ist nur klar, dass er mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und deren zwei Kinder aus der ersten Ehe, in London zusammentreffen und gemeinsam dort essen will. Im Laufe der Zeit stellt sich aber heraus, dass noch zwei weitere Gäste eingeladen wurden. Und irgendetwas hat anscheinend auch der Watch-Killer, der gerade in London sein Unwesen treibt, mit den Personen rund um Leonard zu tun.

Håkan Nesser gibt seinen Figuren viel Raum und beschreibt nicht nur ihre Tage kurz vor der Abreise nach London und ihre Erlebnisse in der englischen Metropole sowie ihre Ideen, was der reiche Leonard Vermin planen könnte. Nein, Nesser lässt sich gleichfalls in Erinnerungen schwelgen und manche der Erinnerungen aufschreiben. Zusätzlich wird von den Akteuren bereits geschriebener Text gelesen und kommentiert. Hinzu kommt noch ein Autor, der eine Kurzgeschichte über London schreibt und plötzlich über allen Dingen schwebt. Wem dies schon verwirrend erscheint, dem sei gesagt, dass die Biografien und Gedanken der einzelnen Charaktere ebenso verworren und sonderbar sind. Es gibt eigentlich keine Figur, die nicht in einer gewissen Art und Weise gescheitert ist. In diesem ganzen Trubel fragt man sich dann irgendwann, was jetzt eher der Kategorie Wahn zuzuordnen ist und was der Wirklichkeit entspricht.

Diese Komplexität wird durch eine sehr dichte und gleichzeitig angenehme Sprache zusammengehalten. Teilweise hat man aber das Gefühl, dass der Text sich in einer gewissen Langatmigkeit verliert. Das ist besonders schade, weil der Autor existenzielle Themen betrachtet und die Charaktere interessant und ein wenig skurril gestaltet sind. Trotz kleiner Durststrecken baut sich aber hintergründig eine Spannung auf, der man unbedingt nachgehen will. Wenn man sich von Nebenerzählungen, die im Sande verlaufen oder diffus bleiben, nicht abschrecken lässt, kann man ein stilistisch gutes und unterhaltsames Werk lesen. Allerdings sollte man, wenn es dem Buchende entgegen geht, keine fulminanten Wendungen erwarten.

Fazit: Ein gutes Buch, wenn man her philosophisch orientierte Bücher mit vielen Erzählperspektiven mag. Für meine Verhältnisse war der kriminalistische Anteil zu gering. Da habe ich mich sicherlich von dem Autorennamen blenden lassen.

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
576 Seiten
13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-75318-5
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis)

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Nele Neuhaus, Böser Wolf

Da der Kenntnisstand meiner Blogleser bezüglich der älteren Werke von Nele Neuhaus sicherlich sehr unterschiedlich ist, möchte ich die übliche Struktur meiner Rezensionen etwas aufbrechen und heute in drei Schritten vorgehen. Ich stelle euch zunächst die Autorin und ihren Werdegang vor, anschließend gehe ich auf die Reihe ein, in der „Böser Wolf“ erschienen ist und im letzten Abschnitt geht es um das Buch.

Nele Neuhaus wurde in Münster/Westfalen geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Paderborn. Doch in ihrer Kindheit verschlug es sie in den Taunus, wo sie heute noch stark verwurzelt ist. Schon recht früh schrieb sie ganze Schulhefte mit Geschichten voll und erklärte jedem nachfragenden Menschen, dass sie unbedingt Schriftstellerin werden möchte. Ihre Eltern kamen dem Wunsch insofern nach, dass sie ihr Anfang der 80er Jahre eine Reise- schreibmaschine schenkten, welche zu einem treuen Begleiter wurde. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete Nele Neuhaus zunächst als Sekretärin in einer Werbeagentur und versüßte sich ihre Freizeit mit Reittraining und Turnierteilnahmen. Auf einem solchen Turnier lernte sie ihren Mann kennen mit dem sie das Hobby und in den folgenden Jahren auch die Arbeitsstelle teilte. In dem Fleischereibetrieb der Familie gab es immer viel zu tun und das Schreiben rückte in den Hintergrund. Wenn sie im Urlaub oder in der Freizeit zum Schreiben kam, wurde sie von ihrem Mann stets nur belächelt. Selbst ihr Vorhaben ein eigenes Buch zu veröffentlichen, wird er wohl zunächst für einen Spaß gehalten haben. Und vielleicht hat er sich auch ein wenig gefreut als das erste Manuskript, welches 1000 Seiten umfasste, keinen Abnehmer fand. Doch seine Frau war von ihrer Geschichte einer New Yorker Investmentbankerin so überzeugt, dass sie nach alternativen Wegen suchte. Mit Hilfe des „Book on demand“- Verfahrens ließ sie eine überarbeitet Version des Buches „Unter Haien“ in einer Auflage von 500 Stück drucken. Durch harte Arbeit und Mundpropaganda schaffte sie alle Exemplare zu verkaufen. Daraufhin begann sie ein neues Buch zu schreiben, das eine lokale Prägung haben sollte. Mit „Eine unbeliebte Frau“ erblickte das Duo Kirchhoff & von Bodenstein das Licht der literarischen Welt und ermittelt seit diesem Tag gemeinsam im Taunus. Die Erstauflage von 1.000 Stück verkaufte sich wie warme Semmeln und machte eine Fortsetzung unausweichlich. Am 18.11.2006 erschien daher „Mordsfreunde“ in einer Auflage von 5.000 Stück. Bis zu der Übernahme von Ullstein verkaufte die Autorin sogar 10.000 Exemplare. Aufmerksam wurde der Verlag auf Nele Neuhaus durch einen Zufall. Eine Buchhändlerin wies eine Verlagsvertreterin auf das Werk hin. Diese las es, war begeistert, reichte es an die Lektoren des Hauses weiter. Diese setzten sich daraufhin mit Nele Neuhaus in Verbindung und boten ihr 2008 einen Vertrag an. Im Sommer 2009 erschien dann „Tiefe Wunden“ und auch die ersten beiden Romane wurden in das Verlagsprogramm aufgenommen. Mittlerweile ist Nele Neuhaus eine der wichtigsten Aushängeschilder des Verlages.
Gleichzeitig veröffentlichte sie aber auch sehr erfolgreich Jugendbücher, die vom Thienemann-Verlag herausgebracht werden.

Die Reihe
Im Mittelpunkt der Krimis stehen die beiden Kommissare Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein. Sie arbeiten im Hofheimer K11 und versuchen im Taunus-Gebiet Mordfälle aufzuklären. Im ersten Band arbeiten die beiden auch das erste Mal zusammen an einem Fall und der Leser bekommt einen  Einblick in die Arbeitsweise und den Charakter der beiden Protagonisten. In den folgenden Bänden kann man auf wunderbare Art und Weise ihre berufliche Entwicklung und privaten Irrwege miterleben. Zudem ist man hautnah dabei, wenn sie in ganz unterschiedlichen Bereichen ermitteln und die verschiedensten Fälle bearbeiten. Jeder Band wird von einem großen Thema umspannt, dass nicht unbedingt kriminalistischer Natur sein muss. So ging es zum Beispiel in „Wer Wind sät“ um einen geplanten Windpark und die damit zusammenhängenden Subventionen sowie Proteste der Bevölkerung. Ganz typisch für die Krimis ist zudem der Aufbau verschiedener Handlungsstränge, die gleich zu Beginn eingeführt werden. Weiterhin gibt es immer sehr viele Akteure, deren Identität teilweise erst im Verlauf der Handlung geklärt wird. Beide Aspekte werden von Kritikern immer wieder bemängelt und teilweise als amateurhafter Stil abgestempelt. Ich sehe das nicht so, da gerade das schrittweise Verbinden der Handlungsstränge und das langsame Hervorheben einzelner Personen für mich eine sehr reizvolle Art darstellt Spannung aufzubauen. Selbst Pia und Oliver stellen erst nach und nach fest, dass mehrere Fälle oder zurückliegende Ermittlungen mit dem aktuellen Fall zusammenhängen. Der Leser begleitet dadurch die beiden auf der Jagd nach Verbrechern und obwohl man teilweise als Außenstehender über mehr Informationen verfügt, kann man oft nur spekulieren wie alle Teilaspekte tatsächlich miteinander in Verbindung stehen.Die Wahrheit erfährt man wirklich erst gegen Ende eines jeden Bandes.

Das Buch
„Böser Wolf“ ist der sechste Band der Reihe und beginnt mit einer Szene, in der ein Kindesmissbrauch angedeutet wird. Für Pia und Oliver geht es aber zunächst erst einmal um die Leiche einer 16-Jährigen, die aus dem Main gezogen wurde. Man hat sie auf sehr grausame Weise misshandelt und ermordet. Allerdings wird sie nicht vermisst und aufgrund des schlechten Zahnstatus ist es nicht möglich sie zu identifizieren. Neben ihr wurde auch ein Junge gefunden. Dieser war zwar sturzbetrunken, aber noch am Leben. Er scheint nur in den Fluss gefallen zu sein und hat nichts mit dem toten Mädchen zu tun. Es handelt sich also um einen reinen Zufall, der allerdings erst auf die Leiche aufmerksam gemacht hat. Weitere Untersuchungen und öffentliche Aufrufe führen nicht zu neuen Erkenntnissen. Das K11 tappt im Dunkeln und stürzt sich daher erst einmal in einen neuen Fall. Eine Fernsehmoderatorin, die gerade an einem brisanten Thema arbeitete, wird brutal überwältigt und ähnlich schwer misshandelt, wie das aufgefundene Mädchen. handelt es sich etwa um denselben Täter?

Wie bereits erwähnt gibt es auch in dem aktuellen Band eine Vielzahl von Handlungssträngen und Personen. Das mag nicht jedem Leser gefallen, weil es eine gewisse Konzentration und im weiteren Verlauf Kombinationsgabe erfordert. Ich finde diese Form aber auch hier wieder sehr spannend, weil sie zum Mitdenken und Mitfiebern anregt. Wer das Ermittlerduo aber noch nicht kennt und Angst vor zu vielen Informationen hat, den kann ich trösten. Ganz sanft und irgendwie nebenbei bekommen die Leser wichtige Informationen serviert, die für die Handlungen relevant sind. Da dies eigentlich für alle Neuhaus-Bücher gilt, kann man auch immer irgendwo in die Reihe einsteigen. Hat man mehrere oder sogar alle Bände in der Reihenfolge der Erscheinung gelesen, kann man mit einer gewissen Freude feststellen, dass die Autorin ihren Stil immer wieder verbessert. Die Teilgeschichten werden raffinierter miteinander verstrickt und die sprachliche Qualität steigert sich von Buch zu Buch. Weiterhin habe ich den Eindruck gewonnen, dass auch die Satzstruktur positiv berarbeitet wurde. Hier haben sich anscheinend Autorin und Lektor(in) aufeinander zubewegt und gemeinsam bei jedem neuen Text Verbesserungen erarbeitet. Für den Leser bedeutet dies auch, dass der Lesefluss, welcher schon immer gut war, noch angenehmer wird. Alle Aspekte zusammen sorgen für eine gesteigerte Spannung und eine Geschichte, die sehr rund wirkt und den Leser rasch mitreißt.

Fazit: Absolute Leseempfehlung! Das Buch packt einen von der ersten Seite an, lässt einen während der ganzen Lesezeit nicht mehr los und die Geschichte wabert noch lange in dem Kopf des Lesers herum.

480 Seiten € 19,99 [D]

gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 27,90

ISBN-13: 9783550080166

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Andrea Tillmanns, Tod im Wasser

– Diesmal war ich besser auf die Kälte vorbereitet. Um meinen Kreislauf zumindest für die erste Zeit des Wartens in Schwung zu bringen, hatte ich vor dem Fernseher Turnübungen gemacht und war fleißig auf der Stelle gehüpft, bis ich den Mann unter mir etwas von „Unverschämtheit“ und „Ruhestörung“ brüllen hörte. –
Sirka Ehrenpreis hat eigentlich nur aus Spaß an der Freude ein Detektivseminar besucht, während ihr Mann als Rechtsanwalt gearbeitet hat. Doch nachdem dieser sich nun lieber mit seinen Studentinnen vergnügt und die Scheidung vollzogen wurde, muss Sirka für sich selbst sorgen. Daher macht sie kurzerhand aus ihrem Hobby einen Beruf und versucht als selbständige Detektivin auf eigenen Beinen zu stehen. Leider handelte es sich bei den ersten Fällen um entlaufene Tiere, die zwar schnell aufgefunden wurden, aber keine gute Einnahmequelle darstellen. Ist das liebste Tiere erst einmal wieder zurückgebracht, werden die Besitzer recht knauserig. Außerdem scheint sich die Nachricht über Sirkas „Talent“ unter den Tierliebhabern wie Feuer auszubreiten. An Aufträge aus anderen Bereichen ist gar nicht mehr zu denken. Das ändert sich schlagartig, als eine Nachbarin abends bei der Privatdetektivin klingelt und von einer sonderbaren Beobachtung spricht. Der im benachbarten Park befindliche Geldbrunnen soll durch eine männliche Leiche erweitert worden sein. Sirka verständigt natürlich sofort die Polizei und glaubt nicht, dass sie selbst solch einen Fall übernehmen könnte. Die Nachbarin ermutigt sie jedoch dazu und so beginnen, neben der eigentlichen Polizeiarbeit, die eigenwilligen Ermittlungen der Detektivin.
Andrea Tillmanns erzählt eine sehr ruhige Kriminalgeschichte, die teilweise wirklich nur leise plätschert und nicht durch schnelle Analysen oder rasante Verfolgungen besticht. Dies ist auch eine Art Spiegelung der Charaktereigenschaften, die die Protagonisten aufweist. Sie ist ein wenig langsamer und braucht erst eine gewisse Anlaufzeit bis ihre Arbeitstemperatur erreicht ist. Zudem ist sie sehr unbedarft in Bezug auf Ermittlungen und wirkt teilweise etwas tollpatschig. Aber gerade diese naive Art und Weise, das Denken in ungewohnten Bahnen und die nicht vorhandenen Denkmuster, die bei den Kommissaren zum Einsatz kommen,  ermöglichen ihr eine klare Sicht auf die Tatsachen. In einigen Situationen kommen hingegen ein gewisser Humor und eine Leichtigkeit ansatzweise zum Vorschein. Leider werden diese Eigenschaften nur knapp beschrieben oder tauchen mal zwischen den Zeilen auf. Gerade hier liegt aus meiner Sicht aber ein enormes Potenzial, dass die Arbeit der Detektivin für den Leser noch spannender und unterhaltsamer machen kann. Dieses Gefühl der Unvollkommenheit zieht sich latent durch das gesamte Buch. Immer wieder kommen Szenen, die einen guten Ansatz zeigen und dann ohne Wirkung verpuffen. Besonders stark fällt dies am Ende ins Gewicht. Die Wendungen sind sehr überraschend und gleichzeitig im Nachhinein für den Leser erklärbar. Sie erfolgen aber so plötzlich und werden so schnell abgehandelt, dass sie schon fast wie willkürlich aneinandergereihte Ereignisse wirken, die schnell noch untergebracht werden wollten. Und das ist so schade, weil wirklich eine hervorragende gedankliche Arbeit erkennbar ist, die aus irgendeinem Grund nicht ihre Wirkung entfalten kann. 
Trotz aller Kritikpunkte hat mir das Lesen sehr viel Spaß bereitet und das Ende lässt darauf hoffen, dass man noch mehr von Sirka Ehrenpreis hören wird.
Drei von fünf
Fazit: Die Ideen der Autorin sind hervorragend, aber die Umsetzung weißt hier und da noch Ecken und Kanten auf, die geschliffen werden müssen.
192 Seiten
Maße: 120 x 190 mm
Broschur
ISBN: 978-3-8313-2048-6 
Erschienen: 01.07.2009 
Preis: 9,95€