Hilary Mantel, Jeder Tag ist Muttertag

Bevor ich zu der eigentlichen Besprechung des Buches komme, muss ich auf die folgenden Dinge hinweisen:

  • Ich mag Roald Dahl
  • Ich finde englischen Humor fantastisch
  • Ich mag Bücher, in denen immer wieder der Finger in offene Wunden gelegt wird
  • Figuren, die jenseits der politischen oder gesellschaftlichen Korrektheit handeln, sind mir sehr sympathisch

Diese Punkte waren glaube ich die Grundvoraussetzung dafür, dass ich mit dem Werk von Hilary Mantel wirklich etwas anfangen konnte und die Fragezeichen nicht Überhand nahmen. Obwohl ich zugeben muss, dass sie immerhin ein paar Mal auftauchten.

„Jeder Tag ist Muttertag“ erschien bereits 1985 in England und war das Erstlingswerk der Autorin. Obwohl das eigentlich so nicht ganz korrekt ist. Hilary Mantel hatte bereits ein anderes Buch geschrieben, welches aber von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde. In einer gewissen Regelmäßigkeit veröffentlichte sie weitere Werke, wurde aber erst 2002 für den deutschen Markt entdeckt bzw. erstmals in Deutschland veröffentlicht. Nachdem sie 2009 und (!) 2012 den Booker Prize erhielt, ist nun wirklich den meisten Literaturmenschen ein Begriff. Dabei ist ihr Œu­v­re aus meiner Sicht nicht so einseitig wie bei anderen AutorInnen. Natürlich sind viele ihrer Werke sozialkritisch. Aber dabei verändert sie immer wieder den Blickwinkel und lässt auch ihre Auslandserfahrungen einfließen. Zudem geht sie ihrer ursprünglichen Leidenschaft nach und veröffentlicht historische Romane. In allen Büchern ist ihre Eigenart zu erkennen und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit jeder Geschichte ein wenig neu entdeckt und auch erfindet.

In dem vorliegenden Buch, dessen Geschichte übrigens in „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ fortgesetzt wird und gerade veröffentlicht wurde, erhält man einen Einblick in zwei Familien, deren Wege sich mehrfach leicht berühren und schlussendlich kreuzen. Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? Das sie gefördert wird? Was soll das für einen Sinn haben? Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.

Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude. Manchmal hält man kurz an und denkt, dass das jetzt vielleicht doch etwas zu abgedreht dargestellt wird. Aber nach wenigen Sekunden wird einem klar, dass das vielleicht ein nach außen transportiertes Bild ist. Und wenn man Mäuschen spielen könnte, würde man ähnliche Geschichten in diversen Haushalten wiederfinden.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine humorvolle und gnadenlose Gesellschaftsstudie, die dem deutschen Markt viel zu lange vorenthalten wurde. Hilary Mantel betrachtet zwar keinen Bereich, der gerade up to date ist, sondern wirft einfach den Blick auf das normale Leben, aber gerade das macht den Reiz aus. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Hilary Mantel

256 Seiten
ISBN 978-3-8321-9823-7

22,99€

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K. W. Flender, Greenwash, Inc.

Mars & Jung ist ein kreatives Unternehmen, welches sich auf ganz besondere Imagekampagnen spezialisiert hat. Firmen, die eigentlich ein schlechtes Bild in der Öffentlichkeit haben, weil sie zum Beispiel ihre Arbeiter ausbeuten oder die Umwelt verschmutzen, werden mit Hilfe von Thomas Hessel und seinen Kollegen zu astreinen Fair-Trade-Gesellschaften, die nur noch Bioprodukte produzieren.

Das ist natürlich harte Arbeit, die Opfer hinterlässt und eine außerordentliche Skrupellosigkeit erfordert. Doch Hessel ist überzeugt von seiner Arbeit und hat gelernt, dass man für das Image einer Firma auch über Leichen gehen muss. Und schließlich zählt nur die Erfüllung des Auftrages. Doch was passiert, wenn man plötzlich nicht mehr zu den ganz großen Köpfen in der Firma gehört und gleichzeitig noch das Privatleben den Bach runtergeht? Kann das auch eine Imagekampagne ausbügeln?

Nach der Lektüre des Klappentextes dachte ich mir zuerst, dass ich zwar schon an Wirtschaft interessiert bin, aber eine PR-Agentur vielleicht doch nicht in mein Interessengebiet fällt. Das Zitat von Jan Brandt

Greenwash Inc. ist der Roman für alle, die glauben, mit Slowfood und Biokonsum die Welt verbessern zu können.

weckte dann aber doch wieder meine Neugier. Und schon die erste Seite wirkte wie ein Anklage des Buches, warum ich nicht schon vorher mit dem Lesen begonnen hatte. Karl Wolfgang Flender erzählt mit einer Leichtigkeit aus dem Leben des PR-Managers Hessel, dass das Lesen eine wahre Freude ist. Dabei ist er detailliert, aber nicht langweilig. Er erzählt selbst die simpelsten Begebenheiten spannend und gleichzeitig verständlich. Dabei ist jeder Abschnitt gespickt mit einem Zynismus, den man lieben muss. Das führt zu einem Leserausch, der mich zu einem Lesetag veranlasste, der nur durch eine gelegentliche Nahrungsaufnahme und den notwendigen Toilettengang unterbrochen wurde. Ansonsten gehörte meine Zeit komplett den Hope Stories der Agentur Mars & Jung sowie den Problemen des Herrn Hessel. Dabei war ich immer wieder bestürzt von der Vorgehensweise und den Ideen der PR-Manager, fand aber alle Erklärungen immer so plausibel, dass ich ins Grübeln kam. Letztendlich waren die zunächst sehr obskuren Ideen gar nicht mehr so abwegig, sondern einfach nur durchdacht und zielführend.

Und dann diese Wendungen! Da möchte man einfach nur ein lautes Bravo in Richtung des Autors rufen. Und ich würde dann natürlich auch wie ein Duracell-Häschen vor ihm stehen und immer wieder fragen, ob er schon an einem neuen Buch schreibt. Damit grenze ich mich übrigens stark von vielen Kritikern der großen Zeitungen ab, die wohl mehr erwartet haben und leider nicht so ein Genusserlebnis hatten wie ich. Für mich muss ein Roman eine runde Geschichte sein, die mich packt und auch ein bisschen zum Nachdenken anregt. Will man sich weiter mit einem Thema beschäftigen, muss man zu einem Sachbuch greifen oder sich vor Ort informieren. Das ist zumindest meine Meinung. Daher habe ich auch nicht erwartet, dass ich das Buch schließe und plötzlich jede Minuten an meine Rolle als Konsument denke. Das würde dann auch den Genuss etwas dämmen. Nein, Flender hat mir eine unterhaltsame Geschichte erzählt, die mich darüber grübeln lässt, wo Fiktion aufhört und Realität anfängt. Und natürlich muss ich dann auch darüber nachdenken, ob ich in dem ganzen Wirrwarr nicht auch eine Position einnehme.

Fazit: Ein Leseerlebnis, dass sich in meinem Gedächtnis verankert hat. Daher kann ich das Buch nur empfehlen und hoffe, dass es unabhängig von den großen Kritiken noch viele Leser finden wird.

9783832197643

392 Seiten
ISBN 978-3-8321-9764-3
19,99€

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Cynthia Swanson, Als ich erwachte

Träume sind manchmal erschreckend und manchmal auch inspirierend. Sie können dafür sorgen, dass man am nächsten Morgen mit einem guten Gefühl erwacht, welches den ganzen Tag für gute Laune sorgt. Und man kann Ideen, die einem in der Nacht zugeflogen kamen, dank mancher Träume am nächsten Tag sogar umsetzen.

Da Katharyn, die sich selbst Kitty nennt, als Buchhändlerin und leseratte viel Welten kennt, sind ihre Träume sehr lebhaft. Sie verbleiben jedoch häufig in einem literarisch geprägten Umfeld.

Eines Morgens scheint Kitty wie immer zu erwachen. Doch das Zimmer, in dem sie sich befindet, ist nicht Teil ihrer Wohnung und der Mann neben ihr, der behauptet ihr Ehemann zu sein, kommt ihr auch nicht bekannt vor. Schließlich ist sie seit Jahren allein und fühlt sich augenscheinlich in dieser Situation wohl. Also kann es sich nur um einen Traum handeln. Da ihr Umfeld aber recht ansprechend ist, tastet sie sich weiter vor. Sie lernt ihre angeblichen Kinder kennen, begutachtet das wundervolle Haus und ist erstaunt über ihren Kleiderstil. Doch irgendwann erwachr sie tatsächlich wieder in ihrer eigenen Welt, in der sie gemeinsam mit ihrer guten Freundin einen kleinen Buchladen in New York führt. Der Traum beschäftigt sie aber den ganzen Tag  und sie freut sich als die nächste Nacht wieder mit Geschichten aus ihrem anderen Leben gefüllt wird, da sie eine Verbindung zwischen den vermeintlichen Träumen und ihrem eigentlichen Leben entdeckt hat. Je weieter sie in die Traumwelt und ihre Recherchen eindringt, desto unklarer wird, was nun Traum und was Realität ist.

Cynthia Swanson hat sich zumeiner Freude dazu entschieden, ihre Geschichte in den 50er und 60er Jahren spielen zu lassen. So entsteht, durch die Verbindung mit einer sehr frischen und lockeren Sprache, ein interessantes Bild der vergangenen Zeit. Da sie viele Aspekte des damaligen Lebens aufgreift und durch die verschiedenen Ebenen unterschiedliche Perspektiven zulässt, ist dieses Bild sehr bunt und man sich ständig in Bewegung. Die Sprache passt außerdem gut zum Handlungsverlauf und sorgt für einen guten Lesefluss, der nicht durch zu viel Kitsch unterbrochen wird.

Es handelt sich also um ein Buch, dass durch eine ansprechende und einfache, aber nicht langweilige, Sprache besticht und eine außergwöhnliche Geschichte erzählt, die nicht nur spannend ist, sondern auch Gefühl, historische Begebenheiten und Spaß zulässt. Ein richtiges Wohlfühlbuch!

Als ich erwachte von Cynthia SwansonPaperback
Klappenbroschur
432 Seiten
ISBN: 978-3-453-29166-9
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90
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Juliane Käppler, Von Herzen

Ein beliebter Berliner Arzt wird mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Nach den ersten Untersuchungen ahnt die Kommissarin Natalie Sperling bereits, dass es sich um ein Eifersuchtsdrama handeln muss. Doch je mehr Verdächtige auftauchen, desto undurchsichtiger wird der Fall. Und die Theorien von Natalie zerplatzen nach und nach wie Seifenblasen. Auch ihr treuer plüschiger Begleiter, ein Hase Namens Inspector Harvey, kann ihr da nicht weiterhelfen. Und dabei ist er sonst doch die Verkörperung ihrer inneren Stimme und lenkt sie immer wieder in die richtigen gedanklichen Bahnen. Während die beiden noch im Nebel stochern, geschieht ein weiterer Mord, der unglaubliche Parallelen aufweist. Doch nun müssen sich die Ermittler in ganz anderen Kreisen bewegen, da der Mord in einem SM-Studio geschah. Hat Natalie bei ihren ersten Recherchen einen wichtigen Punkt übersehen?

Ich muss zugeben, dass ich an dieses Buch mit einer doppelten Skepsis herangegangen bin. Ich lese zwar gerne Werke von mir unbekannten Autoren, schaue dann aber immer noch kritischer auf das Ergebnis. Außerdem habe ich den Eindruck, dass der Literaturmarkt mit Kriminalromanen überschwemmt wird, die in Berlin spielen. Und aus dieser Kategorie habe ich schon einige sehr fragwürdige Texte gelesen. Ich bin aber noch offen für Überraschungen und hoffe stets auf Ausnahmewerke, die mir wie zufällig in die Hände fallen.

Während ich die ersten Zeilen des Buches las, stieg meine Skepsis zunächst noch an, da mir der Einstieg einerseits sehr holprig vorkam und ich andererseits den Eindruck hatte, dass die Autorin ein paar klassische Bausteine unbedingt benutzen wollte. Diese wirkten aber eher deplatziert und sorgten dafür, dass ich kein großes Leseinteresse entwickelte. Mit dem Handlungsverlauf wurde die Sprache aber immer flüssiger und mit jeder neuen Person entwickelte sich die Spannung. Ich war ehrlich gesagt positiv überrascht und der Berlinbezug war auch nicht übermäßig stark. Ich freute mich also auf eine tolle Geschichte. Und dann tauchte plötzlich ein Plüschhase, der liebevoll Inspector Harvey genannt wird, auf. Harvey ist der treue Begleiter der Kommissarin und sozusagen die Verbildlichung ihrer inneren Stimme. Normalerweise habe ich keine Probleme, wenn die Ermittler irgendeine Besonderheit haben. Jeder hat ja in gewissermaßen eine Macke, die ihn oder sie kennzeichnet. Dieser Hase störte mich allerdings in zweifacher Hinsicht. Zunächst kommentiert er Überlegungen und Handlungen immer dann, wenn ein Wendepunkt erreicht wurde. Dies war mir zu platt, weil es wie ein notwendiger Kniff wirkte, um die Handlung in die richtige Richtung zu lenken. Ohne Inspector Harvey wäre man nicht weitergekommen. Er ist ja wie gesagt „nur“ eine Darstellung der inneren Stimme und die Kommissarin zieht selbst ihre Schlüsse. Trotzdem wirkte diese Idee nicht wirklich gut auf mich. Zweitens scheint der Hase die Rolle des Partners übernommen zu haben. Man lernt zwar den eigentlichen Kollegen kennen, aber er scheint nur eine nachrangige Rolle zu spielen. Da der Hase ja immer „mitdenkt“ braucht es den zweiten Ermittler nicht. Das fand ich sehr schade.

Das ist aber wirklich nur mein subjektiver Eindruck! Ich bin mir fast sicher, dass es viele LeserInnen geben wird, die gerade solch eine Vorgehensweise gut finden. Ich bin da wohl eher der klassische Leser von Kriminalromanen. Ich brauche einen starken und intelligenten Ermittler oder ein gut funktionierendes Team.

Irgendwann habe ich aber auch mit dem Hasen meinen Frieden geschlossen. Anschließend konnte ich mich ganz auf die Geschichte konzentrieren, die sich sprachlich immer weiter verbesserte und an Spannung zunahm. Zwar ahnte ich, wer der Täter ist, doch sicher war ich mir nie. Und gerade das macht doch einen guten Handlungsstrang aus, oder?

Obwohl es an manchen Stellen noch ein wenig klemmt, kann ich das Buch als nette Lektüre für zwischendurch empfehlen.

vh

 

eBook: 3,99€

Taschenbuch: 10,99€

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Gunnar Cynybulk, Das halbe Haus

Dass das Schreiben ein Prozess der Reinigung und der Vergangenheitsbewältigung sein kann, haben wir schon anhand vieler Romane kennengelernt. In vielen Fällen reisen wir dafür gemeinsam mit einem Protagnoisten in die Vergangenheit der eigenen Familie oder erforschen diese zunächst. Dabei sorgt eine gewisse Nähe zwischen Autor und Protagonist häufig dafür, dass der Leser nicht zu sehr in eine kitschige Umgebung eines drittklassigen historischen Romans gelenkt wird. Die eigene Würde des Literaten bildet sozusagen eine innerliche Barriere.

Gleichzeitig kann aber der Bezug zum eigenen Leben auch zu einer Last werden. Man schweift ab und vergisst den Leser mitzunehmen. Dieser sucht daraufhin immer wieder nach einer Hand, die ihm gereicht wird und ihn durch den Gedankendschungel führt. Bleibt diese Hand aus, ist man schnell frustriert.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Gunnar Cynybulk mir seine Hand nie reichen wird. Ich verzweifelte fast an den stakkatoartigen Sätzen, die den wunderbaren Erzählfluss plötzlich unterbrachen. Ich konnte den Gedanken nicht immer folgen und verlor daraufhin den Faden. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Daher habe ich mich noch einmal ganz neu auf das Buch eingelassen und mich von der Familie, deren Geschichte erzählt wird, aufsaugen lassen. So wurde ich zu einem stummen Begleiter, der nicht jeden Gedanken nachvollziehen, aber das Gefühl, welches mit diesem Gedanken verbunden wurde, nachempfinden konnte. Schon war ich von der Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in den 80er Jahren spielt, gefangen. Im Mittelpunkt steht eine ostdeutsche Familie, die aus einer älteren Dame, ihrem Sohn und ihrem Enkel besteht. Ein kleines Haus, das sie gemeinsam bewohnen, bildet zunächst den Lebensmittelpunkt.

Der Autor erzählt seine Geschichte in vier großen Erzählsträngen, die fortlaufend miteinander verwoben sind. Zunächst geht es um Frank, der seine Ehefrau verloren hat und nun gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Mutter im elterlichen Haus lebt. Frank hat einen angesehenen Job als Ingenieur, sehnt sich aber nach der Freiheit, die er im Westen vermutet. Er fühlt sich eingeengt und bevormundet. Nachdem seiner Mutter als Rentnerin die Ausreise genehmigt wird, steigert sich sein Drang die DDR zu verlassen enorm. Die im Westen befindliche Mutter erzählt ihre Geschichte ebenfalls. Hier liegt aber der Schwerpunkt zunehmend auf dem Erzählstrang, in dem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Explizit geht es um die Ereignisse, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Dabei spielen Flucht, Vertreibung, Liebe und Tod eine große Rolle. Hier ergibt sich für den Leser ein Vorteil gegenüber Frank. Er hat anscheinend keine Kenntnisse über die Familiengeschichte. Sein pubertierender Sohn Jakob, der ein aufstrebender Sportler ist, hat allerdings schon einige Ungereimtheiten entdeckt. Seine eigene chaotische Geschichte lässt ihm jedoch keine Zeit für Nachforschungen. Jakob hat genug mit dem Wunsch des Vaters, einer neuen Stiefmutter, Schikanen in Schule und Sport sowie dem eigenen Erwachsenwerden zu tun.

Gunnar Cynybulk erschafft eine dichte Erzählung, die wundervolle Bezüge zu verschiedenen literarischen und musikalischen Werken herstellt, philosophisch angehaucht ist und immer wieder klar macht, dass es keinen geraden Weg gibt. Kein Leben ist vollkommen und niemand ist fehlerfrei. Man trifft Entscheidungen aus Liebe oder aus einer Überzeugung heraus. Dabei vergisst man hin und wieder die Menschen um sich herum, weil man auch mal selbstsüchtig handeln muss. Manchmal stehen die Prinzipien über allen Dingen und manchmal vergisst man alle Vorhaben, weil man pures Glück empfinden will. Häufig sorgt aber auch der Verlauf der Geschichte dafür, dass alles ganz anders kommt. Wenn man sich auf die Sprache des Autors einlässt und den Figuren ihre Abschweifungen nicht übel nimmt, sondern diese mit ihnen geht, wird man nach dem Lesen des Buches trotz aller Tragik glücklich sein. Man wird sich freuen, dass man mit dem Autor zurückgehen und die Vergangenheit betrachten konnte. Und man wird sich selbst fragen, was man nicht alles für die Freiheit, ein bisschen Liebe und eine Portion Glück machen würde.

9783832197230.jpg.20145576 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9723-0

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Kate Glanville, Das Bootshaus an den Klippen

Phoebe denkt, dass sie nach einem sehr unsteten Leben endlich einen Ruhepol gefunden hat. Sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden. Das einzige Problem ist, dass ihr Traummann verheiratet ist. Er versichert Phoebe aber, dass seine noch bestehende Ehe sehr unglücklich verläuft. Daher glaubt sie an ein Happy End, welches jedoch an einem Wintermorgen in unerreichbare Entfernung rückt, weil der Mann ihrer Träume bei einem Unfall stirbt.

Phoebe fällt in eine tiefe Trauer, die auch gleichzeitig Einsamkeit bedeutet. Da sie nur eine Affäre mit David hatte, kann sie natürlich mit keiner Person über ihre Gefühle reden.

Als sie nicht mehr weiter weiß, macht sie sich auf den Weg nach Irland. An der Westküste hatte ihre Großmutter ein kleines Bootshaus, in dem sie lebte und wo Phoebe unbeschwerte Kindheitstage verbracht hat.

An Tagen, die sie in dem kleinen Ort Carraigmore verbringt, schwelgt sie jedoch nicht nur in ihren Erinnerungen und kommt langsam zur Ruhe. Sie erfährt auch viele neue Dinge über ihre Familie und sich selbst. Dabei kommt sie dem Glück näher und näher.

Der Einband und der Klappentext des Buches wirkten auf mich zunächst sehr kitschig und ich begann das Lesen schon mit einer gewissen negativen Grundhaltung. Gleichzeitig hatte ich mir aber auch fest vorgenommen das Buch auf jeden Fall zu beenden, weil man sich ja auch täuschen und dadurch viel verpassen kann.

Schon nach den ersten Seiten hatte sich mein ungutes Gefühl aufgelöst. Die Sprache ist nicht übermäßig beladen, aber auch nicht glasklar und völlig schnörkellos. Es handelt sich einfach um eine gute Mischung, die zu einem angenehmen Lesefluss beiträgt. Gleichzeitig ist die Struktur der Sätze nicht so verschachtelt, dass man Verständnisprobleme hat. Man kann schlichtweg sagen, dass sich die Geschichte rasch weg liest. Dazu trägt auch die gute Handlungsstruktur bei, die eine gute Abwechslung zwischen Spannung und ruhigen Momenten darstellt. Natürlich gibt es bestimmte Aspekte, die voraussehbar sind. Aber auf der anderen Seite gibt es auch mehrere Punkte, die mir nicht so schnell klar waren und zu überraschenden Wendungen geführt haben.

Insgesamt habe ich mich sehr gut unterhalten geführt und war begeistert von der Geschichte.

Gerade in den kalten Monaten sollte man dieses Buch lesen. Ein tolle Liebesgeschichte, eine interessante Familie und vielschichtige Charaktere. Gepaart mit einer kuscheligen Decke, einem bequemen Sofa und einem warmen Getränk ergibt sich eine wundervolle Mischung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

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445 Seiten

ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-404-17079-1
9,99 €

Zeit für die Liebe von Anna Herzig

Wer meinen Blog und meine Rezensionen kennt, der weiß sicherlich, dass Liebesromane eher selten zu meiner Lektüre gehören. Und über eBooks habe ich bisher auch kein Wort verloren, weil ich mich nicht mit diesem Minenfeld-Thema beschäftigen wollte. Obwohl dies sicherlich zu vielen Klicks und umfangreichen Diskussionen führen würde. Ich finde allerdings, dass die Diskussion über das Für und Wider etwas müßig ist.

Daher war ich zunächst etwas skeptisch als mir ein eBook und dann auch noch eine Liebesgeschichte zum Lesen angeboten wurde. Aber ich wollte dem Buch, der Autorin und dem Format eine Chance geben. Das laden auf meinem iPad verlief super schnell und ich muss sagen, dass das Lesen auch verdammt zügig verlief.

Einen langen Abend und einen kurzen Morgen lang habe ich mir die Geschichte von Sophie, Christopher und Adrian durchgelesen, viele Gefühle nachempfinden können und ein paar Tränen vergossen.

Sophie ist eine junge Frau, die eine verdammt gute Partie gemacht hat. Sie lernt den intelligenten und wohlhabenden Christopher kennen, der sich sehr in sie verliebt und sie fast schon vergöttert. Er versucht ihr alles zu geben, was sie braucht und will sie unbedingt glücklich machen. Sophie fühlt sich aber gar nicht wohl in der Beziehung und versucht einen Schlussstrich zu ziehen. Doch sie verpasst immer wieder den Absprung. In ihr Gefühlschaos bricht Adrian herein, der für sie wie gemacht ist. Aber meint er es wirklich ernst?

Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Das hat den Vorteil, dass man zwar weiß, dass Sophie zunächst lange mit Christopher zusammen sein wird und Adrian erst sehr viel später wieder in ihr Leben tritt. Die ganze Geschichte kennt man aber nicht, sie wird erst langsam durch die Erzählungen von Sophie aufgedeckt, die ihrem Sohn einmal die ganze Wahrheit erzählen will. Außerdem ist es auch eine Art Abschiedsgeschichte, da Adrian nur noch aufgrund medizinischer Technik lebt und Sophie sich langsam von ihm verabschieden muss.

Anna Herzig erzählt die Liebesgeschichte in einer frischen Art und Weise, die direkt ist, aber keineswegs obszön. Sie schafft es tiefe Gefühle, verwirrende Gedanken und entsetzliche Trauer dem Leser nahezubringen. Dabei hält sie sich nicht mit schwülstigen Worten auf, die vielleicht einigen Kritikern gefallen würden, aber von dem Leben des durchschnittlichen Lesers weit entfernt sind und mich persönlich eher abstoßen. Auch die Satzstruktur ist sehr angenehm und stört selbst bei einer eher verschachtelten Struktur den Lesefluss nicht. Zudem hat die Autorin geschickter Weise Sophie als junge Frau in unsere heutige Zeit versetzt und die alte Sophie in die Zukunft bewegt. Dadurch spielt die hauptsächliche Handlung in unserer Zeit und weist nette literarische Bezüge auf.

An manchen Stellen denkt man, dass aus der kleinen Geschichte ein richtig dicker Wälzer hätte werden können und man ist fast traurig, dass manche Ereignisse rasch abgehandelt werden. Nach dem Lesen dachte ich dann allerdings, dass genau dieser Aspekt das Buch noch besser macht. Es ist eine kurze, aber sehr schöne Geschichte, die man an einem kalten Sonntag eingekuschelt auf der Couch lesen kann, sich nachher an den Liebsten anschmiegt und einfach nur glücklich ist.

Mir hat das kleine Buch jedenfalls viel Freude bereitet und ich werde es umfangreich weiterempfehlen. Es passt zu Jung und Alt, ist berührend und fantastisch geschrieben. Für mich ist es deshalb auch unverständlich, dass es nicht noch umfangreicher vom Verlag beworben wird und dann auch noch zu so einem niedrigen Preis verkauft wird.

 

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192 Seiten
ISBN-13 9783958180093
Erscheint: 12.09.2014
€ 1,99

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