Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

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ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag

Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In der Geschichtswissenschaft gibt es immer wieder neue Perspektiven oder thematische Schwerpunkte, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Nach vielen Jahren, in denen es nur um die so genannten großen Männer der Geschichte ging, schaute man vermehrt auf das einfache Volk und beschäftigte sich mit Quellengattungen, die vorher etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Doch Statistiken und Tagebücher sowie Krankenakten und zunächst belanglos wirkende Notizen können wir nur verwenden, wenn wir eine große Anzahl davon zur Verfügung haben.

Bezogen auf die Neuzeit haben wir zum Glück eine Vielzahl der genannten Quellen, auch wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt. Und eine sehr großeMenge ist bereits erschlossen, so dass eine Arbeit mit ihnen recht einfach möglich ist. Dies ist für die multiperspektivische Herangehensweise, die in den letzten Jahren (zum Glück) stärker in den Mittelpunkt gerückt ist, eine hervorragende Voraussetzung. Allein die Multiperspektivität reicht aber nicht aus, um ein Thema gut zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die Sozialgeschichte hilft uns wiederum die Perspektiven in eine Relation zu stellen und die Positionen der Akteure zu definieren. Dabei wird leider oftmals das Alltägliche, was den historisch interessierten Menschen für ein Thema begeistern kann, ausgeblendet. Manfred Vasold versucht mit seinem Buch eine Brücke zwischen allen genannten Berichte zu erbauen.

In elf Kapiteln behandelt der Autor so unterschiedliche Themen wie Opferzahlen im Dreißigjährigen Krieg, die Geschichte der Unterhose und einen historischen Abriss über das Rauchen. Da die Inhalte sehr unterschiedlich sind, variieren die Kapitellängen auch stark. Das kürzeste Kapitel (Säuglingssterblichkeit) weist eine Länge von 15 Seiten auf und das längste Kapitel (Kausalkette Wetter, Armut, Hunger und Gewalt) ist dreimal so lang. Was allen Kapiteln gleich ist, ist der recht umfangreiche Literaturanhang. Dies zeigt die wirklich gute Recherche des Autors und bietet viele Möglichkeiten der weiteren Themenbearbeitung. Mir ist aber aufgefallen, dass wahrscheinlich gerade deshalb das Lesen der einzelnen Kapitel etwas erschwert ist. Vasold legt die Erkenntnisse aus den einzelnen Werken gut dar und verbindet die Tatsachen und Schlussfolgerungen auch stets miteinander. Aber bei einigen Kapiteln fehlte mir der eigene Anteil in gewisser Weise. Man hat mehrfach den Eindruck, dass es sich um eine Zusammenstellung der gelesenen Arbeiten handelt, aber eigene Gedanken kaum vertreten sind. Das finde ich bei dem Thema Sozialgeschichte schade, weil man recht gut Bezüge herstellen kann, ohne auf einen anderen Autor verweisen zu müssen. Hat man sich aber an diese Vorgehensweise gewöhnt, taucht man tief in die Sozialgeschichte des Alltags ab und ist fasziniert von den Darstellungen.

Die unterschiedlichen Themenbereiche sorgen für einen umfangreichen Überblick über die wichtigen Entwicklungen und treffen gleichzeitig den Nerv einer großen interessierten Leserschaft. Denn schließlich sind wir alle nicht nur an den Dingen interessiert, die wir schon aus den Geschichtsbüchern kennen. Wir wollen auch Informationen über die Aspekte haben, die sonst kaum oder nie auftauchen. Schließlich ist die Geschichte der Unterhose eine historische Begebenheit, die uns noch heute beeinflusst. Durch diese Auswahl und einige eingebettete Anekdoten kommt auch der Spaß beim Lesen nicht zu kurz. Dafür sorgen auch die Sprache des Autors, die leicht verständlich ist und der Satzbau, der einen angenehmen Lesefluss erzeugt.

Insgesamt handelt es sich also um ein Buch, dass man interessierten Laien und jungen Studenten ebenso empfehlen kann. Auch wenn dem Autor der Spagat zwischen wissenschaftlicher Literatur und dem gemeinen Sachbuch nicht so gut gelingt. Doch damit kann man als Leser nach einer gewissen Eingewöhnungsphase doch recht gut leben.

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424 S., 14 s/w Abb., 7 s/w Tab., 3 s/w Fotos.
Gebunden
ISBN 978-3-515-11190-4
EUR 29,00

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Recht herzlichen Dank an Literaturtest für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Was geschah wann? In 70 Karten durch die Weltgeschichte

Der Verlag DK (Dorling Kindersley) ist mittlerweile bekannt für großformatige und reich bebilderte Erklärbücher, die Leser der verschiedensten Altersklasse ansprechen. Dabei werden klassische und sehr aktuelle Themen gleichfalls beachtet.

Der in der Überschrift genannte Titel weist bereits sehr klar auf das Thema des vorliegenden Buches hin. In dem 160-seitigen Buch, welches eine stattliche Größe aufweist (ca. 25,7 cm/30,7 cm), werden über 70 großformatige Karten wichtige Aspekte aus vier historischen Epochen dargelegt. Unterschieden wird zwischen Frühzeit und Antike, Mittelalter, Neuzeit sowie 20. und 21. Jahrhundert. Die geringste Kartenanzahl entfällt auf das Mittelalter, wobei trotzdem die wichtigsten Ereignisse beziehungsweise Prozesse erwähnt werden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Zeitleiste, die sich über zwei Seiten schlängelt und einen guten Überblick über die jeweilige Epoche gibt. Anschließend beginnen gleich die Karten, welche zwar einen thematischen Schwerpunkt haben, aber natürlich auch wie bei klassischen Karten einen geografischen Bezug herstellen. Für jede Karte gibt es eine eigene Legende, die auch wirklich notwendig ist, da die digital erarbeiteten Karten teilweise recht stark gefüllt sind.Man muss aber ganz klar sagen, dass es hier sehr große Unterschiede gibt. Manche Karten wirken recht leer, andere sind sehr voll und zeichnen sich durch viel Text aus. Da die Redakteure sehr darauf bedacht waren, dass die Leserlichkeit trotzdem nicht eingeschränkt ist, fühlt man sich bei manchen Karten zunächst etwas erschlagen. Die Gestaltung ist generell aber sehr klar und farbig, auch sehr modern.

Als Zielgruppe sehe ich eher größere Leser (ab 8) mit Interesse an Geschichte und einem guten Denkvermögen, da manche Zusammenhänge recht komplex sind. Es handelt sich aufgrund der vielen Texte eher nicht um ein Buch, das man gemeinsam mit kleinen Lesern betrachtet. Trotzdem lädt es aber zum Entdecken ein und vermittelt auch wissen, wenn man nicht den gesamten Text liest.

Erwähnen möchte ich auch noch, dass es sich endlich mal um ein Buch mit historischen Themen handelt, welches nicht die rein europäische Perspektive zeigt. So gibt es zum Beispiel auch Karten die sich mit der Öffnung Japans oder Indiens Unabhängigkeit beschäftigen. Gerade solche Themen tauchen leider viel zu selten in anderen Kinderbüchern auf, wecken aber sehr schnell das Interesse von Kindern und Jugendlichen, da ihr Wissen in diesen Bereichen noch sehr oberflächlich ist.

Fazit: Das Buch wirkt zunächst etwas überladen, beinhaltet aber sehr interessante und wichtige Aspekte der Geschichte. Sie werden ziemlich bunt dargestellt, sprechen aber die Zielgruppe dadurch direkt an. Ich empfehle einen dringenden Blick in das Buch und ein Verschenken an interessierte Kinder im Verwandten- und Freundeskreis.

Cover_193419_GER.indd160 Seiten
70 farbige doppelseitige Karten und über 100 Farbfotos
gebunden
ISBN 978-3-8310-2915-0
EURO 16,95 [D] 17,50 [A]

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Mycielska u.a., Das funktioniert? Verblüffende Erfindungen

Natürlich klappt nicht alles, aber soll man deshalb gar nichts riskieren? Selbst etwas zu entwickeln, ist ja auch ein Heidenspaß und macht richtig Laune. Und außerdem: Je mehr Versuche, desto höher die Erfolgsaussichten.

In der Menschheitsgeschichte gab es viele Erfindungen, die sinnig und unsinnig waren. Die Bedeutung mancher Entwicklungen wurde den Menschen erst später bewusst oder die Erfindungen haben vielleicht nicht sofort funktioniert, aber andere Wissenschaftler beeinflusst und vorangebracht. Małgorzata Mycielska sowie Alexandra und Daniel Mizielińscy berichten in ihrem gemeinsamen Buch über genau solche Erfindungen. Sie haben sich dafür Entwicklungen herausgesucht, die spannend, lustig oder einfach gigantisch sind. Sie funktionierten nicht alle, haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie alle verdammt interessant sind.

Auf zwei Buchseiten wird jeweils die Erfindung mit ihrer kleinen Entstehungsgeschichte vorgestellt. Mit Hilfe von klaren und verständlichen Zeichnungen, denen ein wundervoller Humor innewohnt, wird die Konstruktion schon kleinen Interessenten vorgestellt. Die Länge der Texte und die großformatigen Darstellungen stehen in einem harmonischen Verhältnis, das für Leseinteresse sorgt. Zudem bieten sich die Seiten für eine kurze Leserunde an, laden aber auch zu längeren Betrachtungen ein, da man einerseits viel entdecken kann und andererseits nach Lust und Laune mehrere Erfindungen begutachtet werden können. An die 29 Erfindungen schließt sich jeweils eine Doppelseite an, die den jeweiligen historischen Kontext auf eine sehr witzige Weise darstellt und eine mögliche Verwendung der Gerätschaften im Alltag thematisiert. Hierdurch wird man zum Erzählen eigener erdachter Geschichten, die im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Entdeckungen stehen könnten, angeregt.
Alle Zeichnungen sind in einem angemessenen Farbspektrum gehalten und überfordern daher weder große noch kleine Leser und Betrachter.

Für meinen Testleser (9 Jahre) und mich handelt es ich um eine sehr lustiges und toll aufgebautes Buch, das den eigenen Horizont erweitert und vor allen Dingen Kinder dazu anregt, sich gedanklich über Grenzen hinwegzusetzen. Denn jeder noch so sinnlos erscheinenden Erfindung beruht auf Gedanken, die außerhalb der üblichen Bahnen verliefen. Und was wäre unsere Welt ohne Wissenschaft?

Hinweis: Das Buch wurde 2016 mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet!index-php

128 S.
Pappband in Fadenheftung
€ 14,95 D/ € 15,40 A
ISBN 978-3-89565-307-0

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Lydia Benecke, Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen

Welche „Schatten“ Ihre Mitmenschen in sich tragen, werden Sie nur selten wirklich erfahren. Umgekehrt werden die wenigsten Ihren „Schatten“ jemals wirklich kennenlernen.

Bei dem Namen Benecke denken viele Leser sicherlich an den so genannten Herr der Maden Mark Benecke, der auch regelmäßig auf RadioEins wissenschaftliche Ergebnisse für das durchschnittliche Publikum dargelegt. In diesem Zusammenhang habe ich auch das erste Mal von Lydia gehört, die immer mal wieder die psychologischen Aspekte bestimmter Forschungen beleuchtete. Irgendwann wurde sie dann auch Frau Benecke und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann an der ein oder anderen Publikation. Zu der damaligen Zeit konnte ich irgendwie noch nicht so richtig etwas mit ihr anfangen. Die Kombination der beiden traf bei mir keinen Nerv, weil ich mich zwar einerseits für den psychologischen Teil interessierte, andererseits aber immer den Eindruck hatte, dass zwei Bücher mit jeweils einem Autor mehr Gehalt hätten. Mittlerweile gehen die beiden getrennte Wege und Lydia hat sich unabhängig von ihrem Ex-Mann einen sehr guten Ruf erarbeitet. Zwar wird ihr immer wieder vorgeworfen den Namen für ihre Zwecke zu nutzen, aber wer sich ein bisschen mehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, sieht sehr schnell, dass das überhaupt nicht notwendig ist. Die Begründung für das Behalten des Namens ist schlichtweg die Einfachheit gegenüber ihrem Mädchennamen (Wawrzyniak).

Lydia Benecke beschäftigt sich sehr umfangreich mit verschiedenen Formen der Persönlichkeitsstörungen und arbeitet häufig therapeutisch mit Straftätern. Neben diversen anderen Interessengebieten, setzt sie sich auch mit dem Thema Psychopathen auseinander. Das Buch „Auf dünnem Eis“ beschäftigt sich genau mit diesen besonderen Menschen.

Lydia Benecke bietet dem Leser einen umfangreichen Einblick in das Wesen verschiedener Psychopathen. Dabei konzentriert sie sich nicht nur auf Straftäter, sondern beschreibt auch Menschen, die starke psychopathische Züge haben und nicht straffällig werden. Wer jetzt denkt, dass dies total langweilig ist und nur die spektakulären Fälle interessant wären, irrt sich gewaltig. Aufgrund ihrer strukturierten und gleichzeitig nicht zu wissenschaftlichen Vorgehensweise schafft es die Autorin, dass man die Mischung zwischen Sachbuch und reellen Kriminalfällen mit Spannung und Spaß liest. Lydia Benecke verbindet die Darstellung der Therapeuten- und Gutachterarbeit mit Geschichten von bekannten Psychopathen sowie Beschreibungen ihrer Patienten, die teilweise einen sehr intimen Einblick in ihr Leben gewähren. Gleichzeitig vermittelt sie aber auch noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir bisher über Psychopathen haben.

Aufgrund der klaren Ausdrucksweise, die den Leser direkt anspricht und auch immer wieder in bestimmte Gedankengänge einbezieht, hat man kein Problem dem Geschehen bzw. den Erläuterungen zu folgen. Die Satzstruktur ist sehr angenehm und sorgt für einen Lesefluss, der nicht durch langes Nachdenken unterbrochen wird. Gleichzeitig wird man aber auch nicht mit so kurzen Sätzen konfrontiert, dass man sich blöd vorkommt. Aus meiner Sicht schaffen dies nicht alle Autoren, die dem Laien ihr Arbeitsgebiet darlegen wollen. Der schmale Grat zwischen „Erklärungen für Dummies„ und „Wer das nicht versteht, ist mir als Leser nicht willkommen“ kann halt nur gemeistert werden, wenn man seine Arbeit mag und gleichzeitig nicht den Blick für die Welt drumherum verloren hat.

Wer sich die Interessen und Arbeitsfelder sowie das Leben von Lydia Benecke einmal anschaut, wird sofort fasziniert sein von der Komplexität, aber auch von dem Interesse für „das Andere“ oder „das Dunkle“. Ihr Buch spiegelt auch diese beiden Aspekte wieder und zeigt gleichzeitig einen unersättlichen Geist, dessen Offenheit und Interesse auf den Leser überspringt. Es wird mit Mythen aufgeräumt, Tatsachen werden dargelegt und man selbst denkt darüber nach, ob man nicht auch ein paar Persönlichkeitsmerkmale aufweist, die einen Psychopathen ausmachen.

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14,99 €
PAPERBACK
347 SEITEN
ISBN: 978-3-7857-6095-6

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W. Möbius, Der Krankenflüsterer

Man kann den Körper nicht ohne die Seele heilen und die Seele nicht ohne den Körper. (Griechisches Sprichwort)

Walter Möbius ist sicherlich nicht vielen Menschen bekannt. Einige würden sich bei dem Namen vielleicht noch an einen Fotografen erinnern, der aber mit dem hier genannten Mann nichts gemein hat.

Dr. Walter Möbius war für viele Jahre der Leiter der „Inneren“ des Johanniter-Krankenhauses im Bonner Regierungsviertel. In diesem Zusammenhang hatte er sicherlich mit vielen prominenten Patienten zu tun. In seinem Buch „Der Krankenflüsterer“ geht es allerdings gar nicht um die besonders bekannten Menschen, sondern um Fälle, die den Mediziner geprägt haben. Gleichzeitig erzählt er auch Ereignisse, die aus seiner Biografie stammen und seine Arbeit und seinen Umgang mit erkrankten Menschen geprägt haben.

In Bezug auf seine Analysen wird er auch von einigen Medien der „deutsche Dr. House“ oder der „wahre Dr. House“ genannt. Ich fand diese Bezeichnungen von Anfang an sehr ungeschickt gewählt. Der uns bekannte Dr. House klärt spektakuläre Fälle mit Hilfe seines Teams und stellt dabei immer wieder seine exzentrische Art und Weise in den Mittelpunkt. Zudem scheinen seine Hinweise immer wieder aus dem Nichts zu kommen. Natürlich ist die Serie trotzdem amüsant und spannend. Das möchte ich hier gar nicht in Abrede stellen. Aber nach der Lektüre des Buches erscheint mir Dr. Möbius ganz anders.

Er kehrt bei seiner Arbeit schlicht zu einer Eigenschaft zurück, die viele Ärzte scheinbar in den letzten Jahren verloren haben und die Möbius häufig an seinem Vater, der selbst Mediziner war, beobachten konnte: Aufmerksames Zuhören. Dies ist ein elementarer Bestandteil seiner Vorgehensweise und legt die Grundlage dafür, dass der Patient von Möbius als eine Einheit gesehen wird. Sein familiäres und berufliches Umfeld interessieren den Arzt genauso wie Freizeitaktivitäten und Vorerkrankungen. Häufig steckt das Übel auch an einer ganz anderen Stelle, die man nur erreichen kann wenn man interdisziplinär denkt. Und da Möbius umfangreiche Erfahrungen in dem Bereich der Psychiatrie gesammelt hat, überschneiden sich gerade hier seine Analysen und letztendlich auch die Diagnosen. Wenn wir einen Patienten als Mensch betrachten, ist es doch eigentlich völlig unerklärlich, dass dies nicht alle Ärzte machen. Wir können doch schlichtweg den Geist nicht vom Körper trennen und daher beeinflussen beide sich immer wieder. Dies kann positive und negative Folgen haben. Daher betrachtet Möbius immer die psychische Komponente, nutzt sich aber auch für den Heilungsprozess. Alleine das Zuhören und Zusprechen durch einen Arzt kann nachweislich den Heilungsprozess beeinflussen. Und genau dies macht Möbius während seiner Arbeit.

Kritiker werden jetzt anbringen, dass Möbius als Chefarzt sicherlich nicht mit jedem Patienten ein dreistündiges Gespräch geführt hat. Das ist auch gar nicht notwendig und so stellt er sich auch gar nicht dar. Es geht darum jedem Patienten immer aufmerksam zuzuhören, egal wie lange das Gespräch dauert. Und bei eher kniffligen Fällen muss man tiefer bohren und mehr Informationen sammeln, die außerhalb der Krankenakte zu finden sind. Es geht also eher um eine innere Haltung und einen eigenen Anspruch, den Möbius vermitteln will. Dass er diese Haltung lebt, zeigen auch seine karitativen Unterstützungen außerhalb des Klinikalltags.

Dem Leser vermittelt er seine Haltung durch eine sehr angenehme und gut verständlich Sprache. Die Fälle werden mit den medizinisch notwendigen Aspekten beschrieben, lassen einen Laien aber nicht fragend zurück. Da fast jede Geschichte, die er in dem Buch erzählt, eine Art detektivischen Aspekt aufweist, liest man das Werk wirklich sehr rasch. Es enthält eigentlich alle Aspekte, die ein guter Roman beinhalten muss, zeigt aber trotzdem klar und deutlich, dass es sich nicht um Fiktion handelt. Man wird als Leser ein wenig in das Leben von Walter Möbius gelassen und erfährt recht persönliche Dinge. Da diese aber einen Bezug zu seinem Beruf aufweisen und er immer wieder eine Kurve zu einer Art moralischen Anregung findet, hat man nicht den Eindruck, dass er mit voyeuristischen Aspekten Punkten will.

Für mich war es ein kurzes Lesevergnügen, das wirklich wundervoll war. Möbius hat mich mit seinen Geschichten begeistert, berührt und zum Nachdenken angeregt. Ich beschäftige mich schon länger mit der Frage, ob die Fortschritte in der Diagnostik nicht vielleicht gleichzeitig einen Rückschritt in der Menschlichkeit darstellen. Und dieses Buch hat mich noch einmal darin bestärkt, dass wir uns wieder mehr auf die Zwischenmenschlichkeit konzentrieren und die Technisierung vielleicht ein wenig verlangsamen sollten.

Möbius

256 Seiten, Taschenbuch
H19,0 x B12,5 cm

EUR 9,99 
ISBN 978-3-8321-6331-0

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M. Wiese, Schon immer anders. Hochsensibel leben

Vorweg muss ich sagen, dass ich dieses Buch schon lange Zeit auf dem Tisch habe und es jetzt noch einmal gelesen habe, um ein vernünftiges Urteil abgeben zu können. Vielleicht hängt die lange „Wartezeit“ damit zusammen, dass ich selbst nicht betroffen bin und es zunächst für mich schwer war, richtig in das Thema einzudringen. Da ich aber in der letzten Zeit von diversen Seiten immer wieder die (Selbst-)Diagnose „Hochsensibilität“ höre, musste ich dann doch noch einmal das Buch lesen.

Matthias Wiese betreibt seit einigen Jahren eine Webseite, auf der er über das Thema informiert, seine eigenen Projekte vorstellt und einen Test anbietet, welcher interessierten Menschen einen Hinweis geben kann, ob sie mit ihrer Vermutung richtig liegen. Mit Hilfe von 30 Fragen kann man herausfinden, ob eine Hochsensibilität vorliegen könnte. Für diejenigen, deren Testergebnis recht hoch ist, hat Matthias Weise Tipps und weitere Informationsangebote.

Über diese Seite steht er seit 2012 mit vielen hochsensiblen Menschen in Kontakt. Mit 20 von ihnen hat er Interviews geführt, die in dem Buch vorgestellt werden. Ergänz werden sie durch ein Gespräch mit Jutta Böttcher von „Aurum Cordis“, dem so genannten Kompetenzzentrum für Hochsensibilität. Weiterhin befinden sich in dem Buch der oben angesprochene Test, dem die Testergebnisse der Interviewpartner gegenübergestellt werden und Praxistipps.

Da die Interviews immer mit den gleichen Fragen durchgeführt wurden, hat man beim Lesen zeitweise den Eindruck, dass es zu langweilig wird. Die immer wiederkehrenden Fragen kann man irgendwann schon auswendig. Die Antworten sind aber teilweise recht unterschiedlich und daher doch sehr viel interessanter als es auf den ersten Blick scheint. Außerdem sind die Interviewpartner verdammt offen und ehrlich. Sie geben dem Leser einen sehr konkreten und umfangreichen Einblick in ihr Leben. Denn nur so kann man wirklich nachvollziehen, was es heißt hochsensibel zu sein. Und das erfährt man auf jeden Fall. Nach dem Lesen hat man als Betroffener sicherlich das Gefühl, dass man über Menschen gelesen hat, die einem sehr ähnlich sind und man kann Symptome oder Eigenschaften, die man vorher nicht einordnen konnte, eher annehmen und teilweise auch als positive Eigenart akzeptieren. Gleichzeitig erhält man auch Tipps, wie bestimmte Dinge bewältigt werden können. Als Außenstehender erhält man wie gesagt einen umfangreichen Einblick und kann verstehen, warum manche Menschen auf scheinbar alltägliche Dinge (Geräusche, Gerüche, Berührungen, Wahrnehmung von Gefühlen etc.) anders reagieren, aber auch welche Probleme diese Besonderheit den Menschen im Alltag bereitet. Hier geht es besonders um die sozialen Kontakte und aus der Hochsensibilität resultierenden Schwierigkeiten im Umgang.

Matthias Wiese hat die zwanzig Interviews sicherlich gut geführt und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er hochsensiblen Menschen eine Plattform bietet und versucht das Thema sozusagen in die Gesellschaft zu tragen. Die reine Wiedergabe der Interviews erschwert den Lesern allerdings ein wenig den Zugang. Wären die Interviews die Basis für zusammenhängende Texte gewesen, die jemand selbst verfasst hat, wäre der Lesefluss sicherlich angenehmer und das Buch würde mehr Interessenten außerhalb der eigenen Community finden. Es geht nicht darum reißerisch die Lebensgeschichten darzustellen. Nein, man muss schon auch bei der Wahrheit bleiben. Man kann aber die Fakten durchaus dramaturgisch anordnen und so das Leseinteresse wecken.

Trotzdem kann man das Buch jedem empfehlen, der selbst betroffen ist oder sich über das Leben mit Hochsensibilität interessiert. Abseits vom Fachjargon und den wissenschaftlichen Erklärungen bekommt man Einblicke und Tipps.

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14,95€
 ISBN 978-1500775308
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