Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In der Geschichtswissenschaft gibt es immer wieder neue Perspektiven oder thematische Schwerpunkte, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Nach vielen Jahren, in denen es nur um die so genannten großen Männer der Geschichte ging, schaute man vermehrt auf das einfache Volk und beschäftigte sich mit Quellengattungen, die vorher etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Doch Statistiken und Tagebücher sowie Krankenakten und zunächst belanglos wirkende Notizen können wir nur verwenden, wenn wir eine große Anzahl davon zur Verfügung haben.

Bezogen auf die Neuzeit haben wir zum Glück eine Vielzahl der genannten Quellen, auch wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt. Und eine sehr großeMenge ist bereits erschlossen, so dass eine Arbeit mit ihnen recht einfach möglich ist. Dies ist für die multiperspektivische Herangehensweise, die in den letzten Jahren (zum Glück) stärker in den Mittelpunkt gerückt ist, eine hervorragende Voraussetzung. Allein die Multiperspektivität reicht aber nicht aus, um ein Thema gut zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die Sozialgeschichte hilft uns wiederum die Perspektiven in eine Relation zu stellen und die Positionen der Akteure zu definieren. Dabei wird leider oftmals das Alltägliche, was den historisch interessierten Menschen für ein Thema begeistern kann, ausgeblendet. Manfred Vasold versucht mit seinem Buch eine Brücke zwischen allen genannten Berichte zu erbauen.

In elf Kapiteln behandelt der Autor so unterschiedliche Themen wie Opferzahlen im Dreißigjährigen Krieg, die Geschichte der Unterhose und einen historischen Abriss über das Rauchen. Da die Inhalte sehr unterschiedlich sind, variieren die Kapitellängen auch stark. Das kürzeste Kapitel (Säuglingssterblichkeit) weist eine Länge von 15 Seiten auf und das längste Kapitel (Kausalkette Wetter, Armut, Hunger und Gewalt) ist dreimal so lang. Was allen Kapiteln gleich ist, ist der recht umfangreiche Literaturanhang. Dies zeigt die wirklich gute Recherche des Autors und bietet viele Möglichkeiten der weiteren Themenbearbeitung. Mir ist aber aufgefallen, dass wahrscheinlich gerade deshalb das Lesen der einzelnen Kapitel etwas erschwert ist. Vasold legt die Erkenntnisse aus den einzelnen Werken gut dar und verbindet die Tatsachen und Schlussfolgerungen auch stets miteinander. Aber bei einigen Kapiteln fehlte mir der eigene Anteil in gewisser Weise. Man hat mehrfach den Eindruck, dass es sich um eine Zusammenstellung der gelesenen Arbeiten handelt, aber eigene Gedanken kaum vertreten sind. Das finde ich bei dem Thema Sozialgeschichte schade, weil man recht gut Bezüge herstellen kann, ohne auf einen anderen Autor verweisen zu müssen. Hat man sich aber an diese Vorgehensweise gewöhnt, taucht man tief in die Sozialgeschichte des Alltags ab und ist fasziniert von den Darstellungen.

Die unterschiedlichen Themenbereiche sorgen für einen umfangreichen Überblick über die wichtigen Entwicklungen und treffen gleichzeitig den Nerv einer großen interessierten Leserschaft. Denn schließlich sind wir alle nicht nur an den Dingen interessiert, die wir schon aus den Geschichtsbüchern kennen. Wir wollen auch Informationen über die Aspekte haben, die sonst kaum oder nie auftauchen. Schließlich ist die Geschichte der Unterhose eine historische Begebenheit, die uns noch heute beeinflusst. Durch diese Auswahl und einige eingebettete Anekdoten kommt auch der Spaß beim Lesen nicht zu kurz. Dafür sorgen auch die Sprache des Autors, die leicht verständlich ist und der Satzbau, der einen angenehmen Lesefluss erzeugt.

Insgesamt handelt es sich also um ein Buch, dass man interessierten Laien und jungen Studenten ebenso empfehlen kann. Auch wenn dem Autor der Spagat zwischen wissenschaftlicher Literatur und dem gemeinen Sachbuch nicht so gut gelingt. Doch damit kann man als Leser nach einer gewissen Eingewöhnungsphase doch recht gut leben.

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424 S., 14 s/w Abb., 7 s/w Tab., 3 s/w Fotos.
Gebunden
ISBN 978-3-515-11190-4
EUR 29,00

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Recht herzlichen Dank an Literaturtest für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Marie-Sabine Roger, Die Küche ist zum Tanzen da

Marie-Sabine Roger ist aus meiner Sicht die literarische Expertin für Eigenbrötler, ältere Menschen und Personen, die irgendwie nicht in die Schublade „normal“ passen. Bereits in  ihren drei Romanen hat sie auf wundervolle Art und Weise einen Einblick in die Gedanken ihrer Protagonisten gewährt, der meiner Meinung nach schonungslos ehrlich, aber auch liebevoll und in gewisser Weise poetisch ist. Sicherlich kennen die meisten Germain Chasez, der von den Menschen in seiner Umgebung als Dummkopf wahrgenommen wird und mit Hilfe der alten Dame Margerite Escoffier in die literarische Welt eintauchen darf. Diese Geschichte wurde in  „Das Labyrinth der Wörter“ erzählt und anschließend mit  Gérard Depardieu sowie Gisele Casadesus verfilmt. Auch in den Werken „Der Poet der kleinen Dinge“ und „Das leben ist ein listiger Kater“ berichtete sie auf ähnliche Art und Weise von Menschen, die ihren ganz besonderen Lebensweg finden.

Bei dem neuen Buch handelt es sich nicht um einen zusammenhängenden Roman, sondern um einen Erzählband, der vierzehn Geschichten vereint. Auch hier bleibt Roger ihrer Linie treu und nimmt sich den Menschen an, die sonst nicht so häufig Protagonisten sind. Einerseits tauchen wieder vermehrt ältere Leute und Menschen mit geistigen Behinderungen auf, andererseits spielen auch Tiere eine sehr wichtige Rolle. Allen Kapitel ist gemein, dass sie zunächst den Leser in eine ganz besondere Richtung denken lassen und wirklich erst zum Schluss eine Aufklärung der Situation bieten. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist das natürlich dem Leser klar und er während der folgenden Leseabschnitte die Finte zu erahnen. Das gelingt einem aber nicht immer. Aber nicht nur dieser Aspekt macht den besonderen Reiz des Buches aus. Marie-Sabine Roger schafft es sehr rasch und mit sehr sanften und gleichzeitig direkten Worten den Leser für den Protagonisten und seine Gedankenwelt zu gewinnen. Sehr häufig schreibt sie so, wie eine Person auch wirklich denken oder erzählen würde. Es wirkt also nichts literarisch gekünstelt, sondern sehr natürlich und ansprechend.

Selbst bei den verrücktesten Gedanken, die einige Protagonisten haben, hat man den Eindruck der Sinnhaftigkeit. Natürlich sind viele Dinge nicht so wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Aber ehrlich gesagt kenne ich ja meinen Alttag auch gut, also warum sollte ich darüber etwas lesen? Andererseits scheinen die Erzählungen aber trotzdem Alltagsgeschichten zu sein, die so überall auf der Welt jederzeit ablaufen werden. Vermengt mit der typisch französischen Art, dass es kein gekünsteltes Happy End geben muss, sondern auch in einem Scheitern ein Neuanfang steckt, machen die Texte verdammt viel Spaß und lassen den Leser immer wieder lächeln und regen zum Nachdenken an.

Mit ihrer frischen Sprache und den sehr klaren Beschreibungen erschafft Roger eine umfassende Welt, die mit jedem Kapitel neu aufgebaut wird. Obwohl die Satzstruktur meist sehr einfach ist und die Satzlängen eher kürzer sind, hat man beim Lesen nicht das Gefühl von Langeweile. Nein, man scheint wie ein junges Kind durch die Zeilen zu hopsen und möchte unbedingt weiterlesen.

Die Kapitel sind in sich geschlossen und es gibt keine Überschneidungen der Geschichten. Aufgrund der nicht allzu starken Länge lesen sich die Erzählungen sehr rasch weg, wenn man das so sagen kann. Einzig bei einem Abschnitt verspürte ich eine Trägheit, die aufgrund vielfacher Wiederholungen und fehlender Spannung auftauchte.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine leichtes Buch, dass aufgrund der Kapitel auch auf dem Tisch neben dem Lesesessel liegen kann und bei einer Tasse Tee oder Kaffee zwischendurch gegriffen wird. Die Protagonisten berühren das Herz und den Verstand. Dabei lassen sie den Leser lächeln und gleichzeitig träumen.

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ISBN 978-3-455-60028-5
192 Seiten
Übersetzung Claudia Kalscheuer
18,00€ (D)

Bormans, Glück für Kinder

Bereits in den 50er Jahren beschäftigte sich Maslow mit der positiven Psychologie und prägte diesen Begriff. Bis in die 90er Jahre hinein fristete die Auseinandersetzung mit den Stärken eines Menschen allerdings ein Nischendasein. Martin Seligman griff die Ideen von Maslow auf und entwickelte Programm für Kinder, die etwaige depressive Tendenzen verhindern sollten. Aus meiner Sicht hat sich das Konzept in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Rampenlicht getraut. Im Zuge der ständigen Professionalisierung und der Versteifung auf Leistungen, gibt es auch den Ansatz das eigene Glück und die Freude wieder verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Eigentlich ist das ja paradox. Wir lassen uns immer mehr das Leben durch die Arbeit diktieren und gleichzeitig suchen wir krampfhaft nach DEM Glück. Dass es eigentlich nur weniger simpler Schritte bedarf, langfristig glücklich zu sein, zeigt dasBuch „Glück für Kinder“.

Leo Bormans hat sich in den letzten Jahren mit Büchern über die Themen Glück, Hoffnung und Liebe einen Namen gemacht. Seine Erkenntnisse aus diesen Recherchen und seine daraus folgenden Erlebnisse kombinierte er mit Erkenntnissen von Richard Layard, der sich seit seiner Emeritierung verstärkt mit dem Thema Glück beschäftigt. Layard ist zudem einer der führenden Köpfe in der Action for Happiness-Bewegung, die ein glücklicheres Zusammenleben in der Gesellschaft anstrebt. Hierfür haben sie zehn Punkte erarbeitet, die bei einem selbst für mehr Zufriedenheit und für ein besseres Zusammenleben sorgen können:

  1. Geben, statt nehmen: etwas schönes für andere tun, denn um sich gut zu fühlen, kann man etwas gutes tun. Frage: Was tust du, um anderen zu helfen?
  2. Zusammenhalten: Beziehungen mit Freunden, Familie und in der weiteren Gesellschaft verschaffen uns eine Struktur der Zugehörigkeit und der Sinnhaftigkeit im Leben. Frage: Wer bedeutet dir am meisten?
  3. Aktiv und gesund bleiben: Körper und Geist gehören zusammen. Schlaf, Bewegung und Ernährung bestimmen über Körpergefühl und holistisches Wohlsein. Frage: Wie bleibst du aktiv und gesund?
  4. Wahrnehmen und Wertschätzen: All die Dinge um uns herum in der Natur und Kultur warten darauf, dass wir uns an ihnen erfreuen. Frage: Wann hältst du mal inne und nimmst die Welt bewusst wahr?
  5. Neues ausprobieren, lernen, Erfahrungen sammeln: Um nicht zu stagnieren, sich zu langweilen und eindimensional zu werden, hilft es neue Dinge zu tun. Frage: Was hast du kürzlich neues probiert?
  6. Ziele vor Augen: Ziele motivieren und stellen sicher, dass wir unser Leben nicht komplett fremdbestimmt vorbeiziehen lassen. Frage: Was sind deine wichtigsten Ziele?
  7. Widerstandsfähigkeit, Belastbarkeit, Elastizität: Nicht immer geht alles glatt, wir leben mit Fehlschlägen, Trauer und Verlust. Wir finden unsere Wege, damit umzugehen. Frage: Wie erholst du dich von Rückschlägen?
  8. Positive Emotionen: Im Angesicht des Auf und Ab unseres Lebens helfen uns Gefühle wie Freude, Dankbarkeit, Stolz und Inspiration, die Zukunft mit Optimismus anzunehmen. Frage: Worüber freust du dich?
  9. Akzeptanz: Wir sind alle nicht perfekt, machen Fehler und haben Schwächen. So ist es eben und so ist es gut. Andere und sich selbst mit Schwächen zu akzeptieren steigert Lebensfreude und Widerstandskraft. Frage: Wie sieht dein wahres Ich aus?
  10. Sinnhaftigkeit: Teil eines größeren Ganzen zu sein, auf der Arbeit, in Beziehungen, Sportclubs, Parteien usw., hilft uns dem Leben mehr abzugewinnen, Stress und Ängste abzubauen und einen Sinn im Leben zu sehen. Frage: Was erfüllt dein Leben mit Sinn?

Genau diese Punkte und Fragen hat sich Bormans herausgesucht und sie für Kinder aufbereitet. Hierfür hat er eine interessante Vorgehensweise gewählt. Jedes Kapitel beginnt mit einer Geschichte über einen bestimmten Vogel. Diese Geschichte erstreckt sich über zwei Seiten, die wunderbar und sehr umfangreich von Sebastiaan van Doninck illustriert wurden. Der eigentliche Text ist somit nicht allzu lang, ist aber als Text zum Vorlesen gedacht. Diesbezüglich gibt der Autor vor der ersten Geschichte den Vorlesern Tipps, die das Interesse, aber auch das Verständnis des Zuhörers stärken sollen.

In dem Text geht es natürlich schon, in einer leichten Verschlüsselung, um einen der zehn Aspekte. So wird den Kindern zum Beispiel mithilfe eines kleinen Vogels, der ein Nest bauen will, welches vor großen Vögeln sicher ist, die Thematik „Ziele“ näher gebracht. An den Text schließen sich zwei Seiten an,die immer einige Fragen zum Textverständnis beinhalten, Fragen an den Zuhörer, Informationen über die dargestellte Vogelart, Infos und Fragen, die sich mit dem jeweiligen Thema beschäftigen sowie Mitmach-Aufgaben.

Diese umfangreichen Möglichkeiten zur Nachbereitung der einzelnen Texte zeigen schon, dass es sich bei dem Buch nicht um ein übliches Vorlesebuch handelt, das man mal aus dem Regal zieht und ein bisschen daraus vorliest. Die Besprechung der Texte, die anschließende Besprechung der Glücksaspekte und das gemeinsame Betrachten des eigenen Lebens erfordern Zeit, Feingefühl und Aufrichtigkeit. Daher sollten sich Vorleser im Vorfeld mit den Texten beschäftigen und sich je nach Stimmung des Zuhörers für bestimmte Fragen und „Aufgaben“ entscheiden. Einfach die Geschichte lesen und dann die Punkte abzuarbeiten wäre für einen Zuhörer nicht nur extrem langweilig, sondern hätte auch keinen Effekt. Lässt man sich aber auf das Konzept ein und nimmt sich ausreichend Zeit, sind nicht nur die kleinen Geschichten ein Genuss, sondern die Umsetzung der Ideen zeigt auch ihre Wirkung. Kinder lernen einerseits, dass sie mit ihren Zweifeln und  Ängsten nicht alleine sind. Und andererseits wird ihnen bewusst, dass dies nichts schlimmes ist, sondern dass man nur die positiven Aspekte erkennen bzw. seine eigenen Stärken ermitteln muss. Zudem geht es auch darum zu teilen oder für andere einzustehen. Dadurch lernen die kleinen Zuhörer sehr viel über ein gerechtes und zufriedenes Miteinander.

Unterstützend wirken dabei auch immer wieder die schönen Illustrationen, die einzelne Aspekte eines Abschnittes sehr gut aufgreifen und darstellen. Sie sind sehr kindgerecht gestaltet und gleichzeitig haben sie einen großen künstlerischen Wert. Dadurch transportieren sie automatisch ein gutes Gefühl und laden zu den anschließenden Gesprächen besonders ein.

Fazit: Ich habe die Umsetzung, aber auch die Wirkung des Buches zunächst unterschätzt. Zu Beginn war ich einfach von den Ideen, die nach dem eigentlichen Text angeführt werden, erschlagen. Nachdem ich aber alleine das Buch gelesen und mir Gedanken dazu gemacht habe, wie und wann ich einzelne Geschichten meinem neunjährigen Sohn vorstellen kann, hat das Buch schnell erste Erfolge gezeigt. Die Gespräche im Anschluss waren wundervoll und man kann immer wieder auf sie zurückgreifen bzw. die entsprechende Geschichte erwähnen, wenn man eine Stärkung oder Aufmunterung benötigt. Ich habe immer wieder beobachtet, dass Kindern viel zu häufig Extreme vorgelebt werden. Entweder werden sie für jede Kleinigkeit gelobt oder man erwartet von ihnen eine bestimmte Leistung. Entweder nimmt man ihnen alles ab oder übergibt zu viel Verantwortung. Das Buch von Bormans zeigt wie man gemeinsam einen Weg finden kann, der Stärken und Schwächen aufgreift und wie man dabei mit sich selbst zufriedener ist. Gleichzeitig lernt man ein bisschen mehr Glück in die Gesellschaft zu tragen und gemeinschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

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64 Seiten
Originaltitel: ›GELUK voor kinderen‹
Übersetzung: Linda Marie Schulhof
ISBN 978-3-8321-9901-2
19,99€
Link zur Verlagsseite

Crime. Wahre Verbrechen

Bereits am 08. August erschien die zweite Ausgabe eines neuen Magazins aus dem Haus der stern-Redaktion. Der Name „Crime“ zeigt schon, um welche Themen es geht: „Wahre Verbrechen und wahre Geschichten“. Die Erscheinungsweise ist zweimonatlich und ein Einzelheft kostet 4,80€. Ein Jahresabonnement kostet momentan 28,80€.

Da ich mich für Kriminalgeschichte, Rechtsmedizin und Forensik interessiere, konnte ich natürlich nicht an dem Heft vorbeigehen. Die erste Ausgabe habe ich leider verpasst, aber mit der zweiten hat es dann zum Glück geklappt.

Die zweite Crime-Ausgabe besteht aus 140 Seiten auf denen ganz unterschiedliche Formen von Artikeln zu finden sind. Alle haben aber in irgendeiner Art und Weise mit Verbrechen zu tun. Eingeleitet wird das Heft nach dem Editorial mit einem Essay über das Warum. Eine Frage, die sich so gut wie alle Menschen nach einem Verbrechen stellen. Anschließend wird ein finnischer Fall aus den 60er Jahren beschrieben und die teilweise bis heute anhaltenden Ermittlungen werden dargelegt. Der forensische Entomologe Jens Amendt und seine Arbeit werden in einem kurzen Artikel vorgestellt. Neben weiteren internationalen Fällen gibt es ein Interview mit Jo Nesbø, Film- und Literaturtipps und Geschichten zu Bildern, die mit Verbrechen in Verbindung stehen.

Die Themenauswahl ist also sehr vielfältig und in den einzelnen Artikeln werden verschiedene Schwerpunkte deutlich. So geht es zum Beispiel einmal um die Ermittlungsarbeit und ein anderes Mal um die Mutter eines Opfers sowie die Mutter des Täters. Im Zusammenhang mit der Themenvielfalt steht natürlich auch eine Journalistenvielfalt, die aus meiner Sicht dazu führt, dass die Artikel qualitativ sehr unterschiedlich sind. Grundsätzlich fand ich alle Texte okay. Die Sprache ist sehr angenehm, man kann dem Geschehen gut folgen, Empfindungen nachvollziehen und erhält einen guten Einblick in das jeweilige Thema. Zudem sind die Fotos zu einem großen Teil sehr gut gelungen und ausgewählt worden. Ganz fantastisch wurden die Bilder von Watabe Yukichi arrangiert. Bei einigen Artikeln hatte ich jedoch den Eindruck, dass es an Tiefe fehlte und vielleicht noch eine Lücke gefüllt werden musste. Das war besonders bei den eher kurzen Texten der Fall. Teilweise fehlte mir glaube ich auch ein Hauch Wissenschaft.

Insgesamt muss man aber sagen, dass es sich um ein gut gemachtes Magazin mit interessanten Artikeln handelt, die dem interessierten Leser einen kleinen voyeuristischen Blick in die Welt der Verbrechen erlauben. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe.

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Ca. 140 Seiten
Erscheint alle zwei Monate
Link zur Abo-Seite

 

M. Houellebecq, Interventionen

Zu Beginn des Jahres wurde in der Medienlandschaft viel über Houellebecq gesprochen, weil sein neuer Roman „Unterwerfung“ herauskam. In diesem Buch, dessen Rezension noch folgen wird, beschreibt der Autor ein Szenario, das von seinen bisherigen Entwürfen ein wenig abweicht. Der Text ist zwar einerseits wieder gesellschaftskritisch zu betrachten, beschäftigt sich aber andererseits nicht vordergründig mit dem Thema zwischenmenschliche Beziehungen, sondern mit dem Islam. Obwohl, eigentlich ist das schon ein Fehlschluss. Bisher wurden seine Werke häufig auf die sexuelle Komponenten reduziert. Und schaut man sich die Artikel an, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung erschienen sind, liest man vorwiegend, dass Houellebecq nun wirklich seine islamophobe Seite deutlich zeigt und die rechten Tendenzen in Europa mit dem Buch nur noch verstärken würde. Nun wird der Autor also auf die Religionskritik beschränkt.

Natürlich gibt es auch die Rezensenten, die das Buch tatsächlich gelesen haben und nicht einfach auf einen Zug aufspringen. Diese zeichnen ein ganz anderes Bild. Denn auch in „Unterwerfung“ geht es letztendlich doch irgendwie um zwischenmenschliche Beziehung und die Analyse gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Aber dazu mehr, wenn es wirklich um den Roman geht.

Denjenigen, die eher zu den Menschen gehören, die sich bisher noch nicht mit Michel Houellebecq auseinandergesetzt haben, empfahl ich bisher immer seine Gedichte parallel zu einem Roman zu lesen. Das hört sich vielleicht ein bisschen verquert an, hat aber den Hintergrund, dass ich in den Gedichten einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerkes sehe. Wer mit Lyrik eher nichts anfangen kann, kann sich jetzt mit Hilfe eines Essaybandes in die Gedankenwelt des Franzosen hineinarbeiten.

„Interventionen“ vereint 28 Texte unterschiedlicher Natur, die zwischen 1992 und 2008 erschienen sind. Dabei handelt es sich um Vorworte, Interviews, literarische und eher philosophische Aufsätze sowie Repliken. Die Themen stammen aus den Bereichen der Gesellschaftskritik, der Literaturgeschichte, der Philosophie und der Biologie. Diese Vielfältigkeit überrascht zunächst, wenn man Houellebecq nicht kennt und man könnte schnell den Gedanken entwickeln, dass eine einzelne Person sich doch nur sehr oberflächlich mit so unterschiedlichen Themen befassen und dann dazu äußern kann. Das ist aus meiner Sicht allerdings so faszinierend an dem französischen Autor: Er kann sich zu diesen Themen sehr kompetent äußern! Er hat in vielen Bereichen ein enormes Wissen und schafft es neuralgische Punkte in Debatten sehr schnell zu entdecken. Zudem ist er extrem ehrlich und offen gegenüber seinen Mitmenschen. Und das ist glaube ich der Punkt, der vielen Menschen aufstößt. Houellebecq sagt was er denkt, analysiert sehr exakt und erkennt gesellschaftliche Veränderungen sehr früh. Wenn er seine Beobachtungen in einem Roman verarbeitet und den Menschen den Spiegel vorhält, können das viele nicht ertragen und schlagen einen konfrontativen Kurs ein.

Die Texte, die in dem Band vereinigt sind, bieten einen tieferen Einblick in seine Denkweise und ermöglichen dem Leser so ein besseres Verständnis. Durch die große Zeitspanne lassen sich auch Veränderungen in seinen Ansichten erkennen und die unterschiedlichen Romane sowie Gedichte erscheinen vielleicht auch für den kundigen Leser in einem etwas anderen Licht.

Es handelt sich allerdings nicht um ein Buch, dass spannungsgeladen ist und an einem Abend ruckzuck ausgelesen ist. Aber das sind Essaybände in den seltensten Fällen. Nein, ich habe auch noch lange über einzelne Aussagen oder Ansichten nachgedacht. Dann habe ich eines seiner Bücher aus dem Regal genommen, nachgelesen und teilweise ein anderes Verständnis für die Zusammenhänge entwickelt. Und dabei dachte ich, dass ich ein klares Bild von der Aussage habe, die der Autor mit seinen Büchern in die Welt tragen will. So wie sich die Sicht auf literarische Texte mit dem Alter verändert, verändert sie sich natürlich auch, wenn wir neues Wissen erlangen. Das finde ich persönlich interessant und spannend. Daher hat mir die Lektüre eine Freude breitet, die nichts mit dem üblichen Lesespaß zu tun hatte, sondern auf einem anderen intellektuellen Niveau angesiedelt ist.

Danke lieber Michel Houellebecq! Danke lieber DuMont Verlag! Und Merci an Hella Faust für die sehr gelungene Übersetzung.

9783832163259.jpg.22437212 Seiten, Taschenbuch
H19,0 x B12,5 cm
Originaltitel: Interventions 2
EUR 9,99 [D]
ISBN 978-3-8321-6325-9

Link zur Verlagsseite

Entdeckung YouTube-Kanal „Literaturfilm“

Ja, für einige von euch ist der YouTube-Kanal „Literaturfilm“ sicher keine Neuentdeckung. Aber ich bin tatsächlich erst vor ein paar Tagen durch einen Hinweis darauf gestoßen. Und nun klicke ich mich durch diverse Videos über bekannte und weniger bekannte Bücher, Interviews mit Autoren und Videoportraits.

Dabei habe ich schon viele interessante Details erfahren, Hintergundinfos erhalten und teilweise das erste Mal das Gesicht einer Autorin bzw. einem Autor gesehen, da ich mich häufig gar nicht mit solchen Dingen beschäftige. Als Beispiel möchte ich euch ein Kinderinterview vorstellen, das mir besonders gefällt, weil ich die Reihe mag und weil ich die Stimme von Stefan Kaminski einfach wundervoll finde!

Wenn ihr euch mal bei Literaturfilm umschauen wollt, klickt einfach HIER.

Habt ihr vielleicht Tipps für andere YouTube-Kanäle, die nicht zu einem Blog gehören, sich aber mit Literatur beschäftigen? Dann postet sie einfach als Kommentar!

DIE besten Literaturblogs

Vor einigen Tagen hat Stefan Mesch, der auch hin und wieder für den Tagesspiegel und die ZEIT schreibt, eine Liste mit 50 Literaturblogs veröffentlicht, die er empfehlen möchte.

Ich schaue mir solche Listen aus zwei Gründen eigentlich gar nicht erst an. Der eine Grund ist, das ich mit meinem eigenen Blog viel zu unbedeutend bin, um überhaupt einmal auf solch einer Liste aufzutauchen. Das ist mir mittlerweile aber auch ziemlich egal, weil ich mir sage, dass dies nur mein Hobby ist. Ich arbeite nicht in einem Buchladen, sondern habe einen ziemlich zeitintensiven Job in der Schule, der mich auch noch Zuhause stark beansprucht. Daher habe ich an einem normalen Arbeitstag kaum Kontakt mit den Neuerscheinungen und mir fehlt schlichtweg die Zeit für umfangreiches Lesen. Zudem habe ich auch ein Kind, einen Ehemann und möchte auch noch etwas unternehmen. Da mir diese Dinge wichtig sind, bleibt oft nur wenig Zeit zum Bloggen und meine Seite ist daher nicht immer aktuell. Und letztendlich verdiene ich auch keinen Cent mit dem Schreiben und die meisten Bücher kaufe ich mir auch selbst. Also freue ich mich über jeden (treuen) Leser und über jede Erwähnung außerhalb von Listen. In den ersten Jahren hat mich so etwas aber ziemlich gewurmt. Der zweite Punkt ist, dass ich in den letzten fünf Jahren mal mehr und mal weniger in den bloggenden Literaturbetrieb eingetaucht bin und dann irgendwann entschieden habe, dass ich zu dem Zirkus nur bedingt gehören möchte. Dies hat mehrere Gründe, von denen ich nur einen kurz anreißen möchte. Mir ist mehrfach aufgefallen, dass der Erfolg eines Blogs damit zusammenhängt, wie stark man sich bei bestimmten Schlüsselpersonen einschleimen kann. Da gibt es Blogs, die haben enorme Publikumszahlen, aber wenn ich mir die Seite anschaue, bekomme ich schon durch die Farbgestaltung Angszustände und die Qualität der Artikel ist nicht gerade gut. Man sieht aber, dass die Betreiber mit bestimmten Personen befreundet sind und in den sozialen Netzwerken bei jeder Gelegenheit den Schoßhund spielen. Dieses (negative) Netzwerken geht sogar soweit, dass Personen, die sich kritisch äußern, von einem fingierten Shitstorm erfasst werden. Und ich habe da Dinge erlebt, die ich Menschen aus der Literaturszene nie zugetraut hätte. Letztendlich haben es solche Leute sogar geschafft, dass Bekannte, die ihre Brötchen in dem Bereich verdienen, wichtige Aufträge verloren haben und nicht mehr weiter wussten. Es tut mir leid, aber da mache ich nicht mit. Das ist nicht mein Niveau. Dann habe ich lieber geringe Besucherzahlen und tauche nirgendwo auf, kann aber ruhig schlafen, weil man mir nichts vorwerfen kann. Und leider tauchen von der Sorte auch einige Personen in der Liste von Stefan Mesch auf. Die ein oder andere Person hat ihr Spiel sogar so gut beruflich nutzen können, dass sie jetzt eine gute und bezahlte Position in der Verlagswelt besitzt. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf!

Na gut, aber auf der Liste tauchen auch einige sehr wundervolle Blogs auf, deren Betreiber viel Zeit und Herzblut in ihre Arbeit stecken. Daher möchte ich euch die Liste nicht vorenthalten.

Ihr findet sie direkt mit einer Verlinkung und Infos zu dem jeweiligen Betreiber auf der Seite von Stefan Mesch

https://stefanmesch.wordpress.com/

Entschuldigt bitte, dass der Artikel, der eigentlich sehr viel Gesprächsstoff enthält, so kurz ausgefallen ist. Aber zwischen Frühstück und einem Termin war nicht mehr Zeit 🙂