Mycielska u.a., Das funktioniert? Verblüffende Erfindungen

Natürlich klappt nicht alles, aber soll man deshalb gar nichts riskieren? Selbst etwas zu entwickeln, ist ja auch ein Heidenspaß und macht richtig Laune. Und außerdem: Je mehr Versuche, desto höher die Erfolgsaussichten.

In der Menschheitsgeschichte gab es viele Erfindungen, die sinnig und unsinnig waren. Die Bedeutung mancher Entwicklungen wurde den Menschen erst später bewusst oder die Erfindungen haben vielleicht nicht sofort funktioniert, aber andere Wissenschaftler beeinflusst und vorangebracht. Małgorzata Mycielska sowie Alexandra und Daniel Mizielińscy berichten in ihrem gemeinsamen Buch über genau solche Erfindungen. Sie haben sich dafür Entwicklungen herausgesucht, die spannend, lustig oder einfach gigantisch sind. Sie funktionierten nicht alle, haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie alle verdammt interessant sind.

Auf zwei Buchseiten wird jeweils die Erfindung mit ihrer kleinen Entstehungsgeschichte vorgestellt. Mit Hilfe von klaren und verständlichen Zeichnungen, denen ein wundervoller Humor innewohnt, wird die Konstruktion schon kleinen Interessenten vorgestellt. Die Länge der Texte und die großformatigen Darstellungen stehen in einem harmonischen Verhältnis, das für Leseinteresse sorgt. Zudem bieten sich die Seiten für eine kurze Leserunde an, laden aber auch zu längeren Betrachtungen ein, da man einerseits viel entdecken kann und andererseits nach Lust und Laune mehrere Erfindungen begutachtet werden können. An die 29 Erfindungen schließt sich jeweils eine Doppelseite an, die den jeweiligen historischen Kontext auf eine sehr witzige Weise darstellt und eine mögliche Verwendung der Gerätschaften im Alltag thematisiert. Hierdurch wird man zum Erzählen eigener erdachter Geschichten, die im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Entdeckungen stehen könnten, angeregt.
Alle Zeichnungen sind in einem angemessenen Farbspektrum gehalten und überfordern daher weder große noch kleine Leser und Betrachter.

Für meinen Testleser (9 Jahre) und mich handelt es ich um eine sehr lustiges und toll aufgebautes Buch, das den eigenen Horizont erweitert und vor allen Dingen Kinder dazu anregt, sich gedanklich über Grenzen hinwegzusetzen. Denn jeder noch so sinnlos erscheinenden Erfindung beruht auf Gedanken, die außerhalb der üblichen Bahnen verliefen. Und was wäre unsere Welt ohne Wissenschaft?

Hinweis: Das Buch wurde 2016 mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet!index-php

128 S.
Pappband in Fadenheftung
€ 14,95 D/ € 15,40 A
ISBN 978-3-89565-307-0

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Ferien = Zeit für Bücher

Zwischen den Ferien ist es ja hier immer ziemlich ruhig, weil mich der Arbeits- und Familienalltag vollkommen vereinnahmt. Aber sobald die Ferien beginnen, habe ich auch meist mehr Zeit zum Lesen und Rezensieren.

Dieses Jahr wollte ich sogar extra eine Woche Urlaub in einem Kloster machen und nur entspannen und lesen. Leider war dies dann noch nicht möglich und ich komme schon wieder nicht so recht vom Schreibtisch weg. Aber ich bemühe mich 🙂

Morgen fahre ich endlich mal wieder zur Buchmesse nach Frankfurt und werde euch anschließend davon berichten. Habt ihr Vorschläge für Veranstaltungen oder Orte? Soll ich für diejenigen, die leider nicht da sein können, bestimmte Verlage besuchen? Schreibt einfach eure „Wünsche“ in die Kommentare. Ich versuche sie zu erfüllen.

Und nach dem Messebericht folgen hoffentlich auch wieder neue Rezensionen.

 

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Hilary Mantel, Jeder Tag ist Muttertag

Bevor ich zu der eigentlichen Besprechung des Buches komme, muss ich auf die folgenden Dinge hinweisen:

  • Ich mag Roald Dahl
  • Ich finde englischen Humor fantastisch
  • Ich mag Bücher, in denen immer wieder der Finger in offene Wunden gelegt wird
  • Figuren, die jenseits der politischen oder gesellschaftlichen Korrektheit handeln, sind mir sehr sympathisch

Diese Punkte waren glaube ich die Grundvoraussetzung dafür, dass ich mit dem Werk von Hilary Mantel wirklich etwas anfangen konnte und die Fragezeichen nicht Überhand nahmen. Obwohl ich zugeben muss, dass sie immerhin ein paar Mal auftauchten.

„Jeder Tag ist Muttertag“ erschien bereits 1985 in England und war das Erstlingswerk der Autorin. Obwohl das eigentlich so nicht ganz korrekt ist. Hilary Mantel hatte bereits ein anderes Buch geschrieben, welches aber von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde. In einer gewissen Regelmäßigkeit veröffentlichte sie weitere Werke, wurde aber erst 2002 für den deutschen Markt entdeckt bzw. erstmals in Deutschland veröffentlicht. Nachdem sie 2009 und (!) 2012 den Booker Prize erhielt, ist nun wirklich den meisten Literaturmenschen ein Begriff. Dabei ist ihr Œu­v­re aus meiner Sicht nicht so einseitig wie bei anderen AutorInnen. Natürlich sind viele ihrer Werke sozialkritisch. Aber dabei verändert sie immer wieder den Blickwinkel und lässt auch ihre Auslandserfahrungen einfließen. Zudem geht sie ihrer ursprünglichen Leidenschaft nach und veröffentlicht historische Romane. In allen Büchern ist ihre Eigenart zu erkennen und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit jeder Geschichte ein wenig neu entdeckt und auch erfindet.

In dem vorliegenden Buch, dessen Geschichte übrigens in „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ fortgesetzt wird und gerade veröffentlicht wurde, erhält man einen Einblick in zwei Familien, deren Wege sich mehrfach leicht berühren und schlussendlich kreuzen. Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? Das sie gefördert wird? Was soll das für einen Sinn haben? Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.

Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude. Manchmal hält man kurz an und denkt, dass das jetzt vielleicht doch etwas zu abgedreht dargestellt wird. Aber nach wenigen Sekunden wird einem klar, dass das vielleicht ein nach außen transportiertes Bild ist. Und wenn man Mäuschen spielen könnte, würde man ähnliche Geschichten in diversen Haushalten wiederfinden.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine humorvolle und gnadenlose Gesellschaftsstudie, die dem deutschen Markt viel zu lange vorenthalten wurde. Hilary Mantel betrachtet zwar keinen Bereich, der gerade up to date ist, sondern wirft einfach den Blick auf das normale Leben, aber gerade das macht den Reiz aus. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Hilary Mantel

256 Seiten
ISBN 978-3-8321-9823-7

22,99€

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Reinhard Kleist, Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Wer sich ein bisschen im Bereich der Graphic Novels auskennt, wird sicherlich schon einmal über Reinhard Kleist gestolpert sein. Mit „Castro“ und „Der Boxer“ hat er gezeigt, dass er sich auch schwierigen Themen annehmen kann und dabei sehr gut die historischen Fakten recherchiert. Eine Kombination aus Alltagswissen und historischem Wissen zeigt er in „Berliner Mythen“. Aber auch Plakate und DVD-Cover gestaltet er wundervoll. Wer sich dann noch Reiseskizzen aus seiner Feder anschaut, kann einfach nur begeistert sein.

Bereits im letzten Jahr erschien im Carlsen Verlag das Buch „Ein Traum von Olympia“. In diesem Buch erzählt Kleist die wahre Geschichte von Samia Yusuf Omar, die vielleicht einigen Sportfreunden noch im Gedächtnis sein wird, da sie bei den Olympischen Spielen in Peking als ein heimliche Heldin gefeiert wurde. Sie kam beim 200m-Lauf fast zehn Sekunden später in das Ziel, wurde aber frenetisch bejubelt. Doch warum wurde sie überhaupt für Olympia ausgewählt, wenn sie gar nicht die entsprechende Zeit laufen kann? Wer sich die Situation in den afrikanischen Staaten ein wenig genauer anschaut und sein Augenmerk auf Somalia legt, verliert sich schnell in diversen Konfliktherden, unterschiedlichen politischen sowie religiösen Gruppen und wird erkennen, dass diverse Bereiche des öffentlichen Lebens weit von unseren Strukturen entfernt liegen. Dies betrifft natürlich auch den Sportbereich. So gab es für Samia keine vernünftigen Trainingsmöglichkeiten, nur wenige Unterstützungen und keine eigentliche Sportförderung. Da aber jedes Land zwei Teilnehmer ohne Qualifikation zu den Olympischen Spielen schicken kann, hatte Samoa vielleicht einfach Glück, weil sie von Sportfunktionären ausgewählt wurde. Sie ist schlecht ernährt, wurde kaum trainiert und kommt fast zehn Sekunden später ins Ziel. Aber das ist ihr egal. Sie hat ihr Land bei den Olympischen Spielen vertreten! Der Stolz, die Aufmerksamkeit der Presse und die Zusprache von anderen Sportlern wecken in ihr einen enormen Ehrgeiz. Sie möchte hart trainieren und 2012 in London erneut an den Olympischen Spielen teilnehmen. Doch in ihrer Heimat wird ihr Erfolg nicht so positiv aufgenommen. Sie wird von Fundamentalisten bedroht und am Trainieren gehindert. Daraufhin flieht sie nach Äthiopien. Aber dort scheitert sie nicht nur an den Beamten, sondern auch an den Trainingsergebnissen, die den Funktionären nicht ausreichen. Da sie ihren Traum aber nicht aufgeben will, nimmt sie alles Geld, welches sie irgendwie auftreiben kann, in die Hand und bezahlt einen Schmuggler, der sie nach Europa bringen soll. Dort wird sie leider nie ankommen.

Reinhard Kleist erzählt Samias Geschichte von 2008 bis 2012. Dabei stützt er sich ich auf Facebook-Einträge der Sportlerin, Gespräche mit ihrer Schwester sowie Weggefährten, ergänzt aber auch Informationen, die man nachträglich nicht mehr erhalten konnte mit Wissen anderer Flüchtlinge. Die Bilder sind in Grautönen gehalten und wirken dadurch besonders eindringlich. Die Anzahl der Panels variiert zwar, aber Kleist konzentriert sich eher auf kleine und sehr klare Panels mit sehr verständlichen Aussagen. Seine Stärke, mit wenigen Strichen Stimmungen einfangen zu können, kommt auch in diesem Buch zum Tragen. Erstaunlicherweise hat man aber den Eindruck, dass trotzdem eine gewisse Distanz gewahrt wird. Kleist dringt nicht so nah in Samias Seelenleben ein, dass es unangenehm wird. Gleichzeitig erzählt er aber schonungslos die Geschichte der Flucht und ermöglicht es dem Leser dadurch ein sehr umfängliches und berührendes Bild zu erhalten, welches Raum für eigene Interpretationen beinhaltet. Dies sorgt wiederum dafür, dass man sich sofort in der Geschichte befindet und mit dem Lesen nicht mehr aufhören möchte.

Viel eindringlicher als irgendwelche Fotos oder Nachrichtensendungen haben mir Kleists Bilder noch einmal das Schicksal der Menschen in Afrika vor Augen geführt und den Hintergrund der Flüchtlingswellen, aber auch die enormen Strapazen deutlich gemacht. Das gesamte Fluchtsystem hat zahlreiche Profiteure unter denen nur selten die eigentlichen Flüchtlinge zu finden sind. In dem Buch wird zwar nur in Ansätzen auf die diversen Ursachen der Flucht eingegangen, aber nach dem Lesen setzt man sich noch einmal mit der Thematik auseinander und erkennt eventuell auch die eigene (europäische) Rolle an der Problematik.

Fazit: Ein wunderbares Buch, das man auch Lesern ans Herz legen kann, die bisher noch nicht Interesse an Graphic Novels hatten. Die Geschichte wird sehr eindringlich und persönlich, aber trotzdem überwiegend objektiv erzählt. Die Bilder sind klar, aber ebenso tiefgründig. Es passt einfach alles zusammen!

9783551736390
152 Seiten
ISBN 978-3551736390
17,90€

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Marie-Sabine Roger, Die Küche ist zum Tanzen da

Marie-Sabine Roger ist aus meiner Sicht die literarische Expertin für Eigenbrötler, ältere Menschen und Personen, die irgendwie nicht in die Schublade „normal“ passen. Bereits in  ihren drei Romanen hat sie auf wundervolle Art und Weise einen Einblick in die Gedanken ihrer Protagonisten gewährt, der meiner Meinung nach schonungslos ehrlich, aber auch liebevoll und in gewisser Weise poetisch ist. Sicherlich kennen die meisten Germain Chasez, der von den Menschen in seiner Umgebung als Dummkopf wahrgenommen wird und mit Hilfe der alten Dame Margerite Escoffier in die literarische Welt eintauchen darf. Diese Geschichte wurde in  „Das Labyrinth der Wörter“ erzählt und anschließend mit  Gérard Depardieu sowie Gisele Casadesus verfilmt. Auch in den Werken „Der Poet der kleinen Dinge“ und „Das leben ist ein listiger Kater“ berichtete sie auf ähnliche Art und Weise von Menschen, die ihren ganz besonderen Lebensweg finden.

Bei dem neuen Buch handelt es sich nicht um einen zusammenhängenden Roman, sondern um einen Erzählband, der vierzehn Geschichten vereint. Auch hier bleibt Roger ihrer Linie treu und nimmt sich den Menschen an, die sonst nicht so häufig Protagonisten sind. Einerseits tauchen wieder vermehrt ältere Leute und Menschen mit geistigen Behinderungen auf, andererseits spielen auch Tiere eine sehr wichtige Rolle. Allen Kapitel ist gemein, dass sie zunächst den Leser in eine ganz besondere Richtung denken lassen und wirklich erst zum Schluss eine Aufklärung der Situation bieten. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist das natürlich dem Leser klar und er während der folgenden Leseabschnitte die Finte zu erahnen. Das gelingt einem aber nicht immer. Aber nicht nur dieser Aspekt macht den besonderen Reiz des Buches aus. Marie-Sabine Roger schafft es sehr rasch und mit sehr sanften und gleichzeitig direkten Worten den Leser für den Protagonisten und seine Gedankenwelt zu gewinnen. Sehr häufig schreibt sie so, wie eine Person auch wirklich denken oder erzählen würde. Es wirkt also nichts literarisch gekünstelt, sondern sehr natürlich und ansprechend.

Selbst bei den verrücktesten Gedanken, die einige Protagonisten haben, hat man den Eindruck der Sinnhaftigkeit. Natürlich sind viele Dinge nicht so wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Aber ehrlich gesagt kenne ich ja meinen Alttag auch gut, also warum sollte ich darüber etwas lesen? Andererseits scheinen die Erzählungen aber trotzdem Alltagsgeschichten zu sein, die so überall auf der Welt jederzeit ablaufen werden. Vermengt mit der typisch französischen Art, dass es kein gekünsteltes Happy End geben muss, sondern auch in einem Scheitern ein Neuanfang steckt, machen die Texte verdammt viel Spaß und lassen den Leser immer wieder lächeln und regen zum Nachdenken an.

Mit ihrer frischen Sprache und den sehr klaren Beschreibungen erschafft Roger eine umfassende Welt, die mit jedem Kapitel neu aufgebaut wird. Obwohl die Satzstruktur meist sehr einfach ist und die Satzlängen eher kürzer sind, hat man beim Lesen nicht das Gefühl von Langeweile. Nein, man scheint wie ein junges Kind durch die Zeilen zu hopsen und möchte unbedingt weiterlesen.

Die Kapitel sind in sich geschlossen und es gibt keine Überschneidungen der Geschichten. Aufgrund der nicht allzu starken Länge lesen sich die Erzählungen sehr rasch weg, wenn man das so sagen kann. Einzig bei einem Abschnitt verspürte ich eine Trägheit, die aufgrund vielfacher Wiederholungen und fehlender Spannung auftauchte.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine leichtes Buch, dass aufgrund der Kapitel auch auf dem Tisch neben dem Lesesessel liegen kann und bei einer Tasse Tee oder Kaffee zwischendurch gegriffen wird. Die Protagonisten berühren das Herz und den Verstand. Dabei lassen sie den Leser lächeln und gleichzeitig träumen.

9783455600285

ISBN 978-3-455-60028-5
192 Seiten
Übersetzung Claudia Kalscheuer
18,00€ (D)

Geschichten aus dem Grandhotel – Kurzrezension

Kurzrezension? Ja, ich habe mich entschlossen euch ein Buch vorzustellen, das mir sehr gut gefallen hat, aber über das ich gar nicht so viele Worte verlieren möchte. Das mag auf den ersten Blick recht ungewöhnlich sein, aber ich finde, dass diese Arbeit für sich alleine steht und gar nicht so viele Worte benötigt. Besorgt euch einfach das Buch und lasst euch die Geschichten erzählen.

In den letzten Jahren war das Kunst-, Kultur- und Flüchtlingsprojekt „Grandhotel Cosmopolis“ aus Augsburg immer wieder in den Medien vertreten. Dabei handelt es sich um ein Hotel, das gleichzeitig eine Flüchtlingsunterkunft ist und von den Bewohnern selbst erfolgreich betrieben wird. Hier findet ihr einen Artikel aus der Welt, der alles recht gut zusammenfasst.

Im Sommersemester 2015 beschäftige sich die Projektgruppe Comicwerkstatt der Hochschule Augsburg mit dem Thema Flucht und Asyl. Auf der Suche nach interessanten Menschen und ihren Geschichten sind die Studenten recht schnell im Grandhotel gelandet. Hier konnten sie gut Kontakte knüpfen und viele Erzähler waren sehr aufgeschlossen. So wurden die Arbeiten ganz unbewusst auch Erzählungen über das Hotelprojekt.

In dem Buch werden nun Arbeiten von acht Studentinnen und Studenten vereint, die sich mit dem oben genannten Thema beschäftigt haben. Ihre recht unterschiedlichen Geschichten werden durch kleine Zwischenseiten verbunden, die von Prof. Mike Loos gestaltet wurden. Die Erzählweise und die Arte der Zeichnungen unterscheidet sich sehr stark und entwickelt gerade dadurch einen großen Reiz. Zudem sind die Geschichten der Flüchtlingen und der ehrenamtlich Tätigen  so verschieden, dass man einen Eindruck von der Komplexität der Thematik gewinnt. Gleichzeitig sind sie aber auch schockierend oder aufmunternd. Und letztendlich sind sie auch sehr persönlich.

Daher möchte ich euch das Buch einfach ans Herz legen. Lernt dieses außergewöhnliche Projekt kennen, taucht in die Welt der dargestellten Menschen ein und lasst euch von der Vielfältigkeit der Comics überraschen!

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96 Seiten
12,80€
ISBN 978-3957860002
Link zur Projektseite mit Bestellmöglichkeit

Caroline Eriksson, Die Vermissten

Mit Büchern ist es wie mit Autos oder Eiscreme. Hat ein neues Produkt Erfolg, entwickelt die Konkurrenz umgehend mehr oder weniger gelungene Kopien. Ein Nachahmerprodukt ist immer noch besser als ein schlechtes Original. Und im günstigsten Fall ist es vielleicht sogar eigenständig genug, dass es die Erwartungen der Käufer nach Neuem, aber Ähnlichem erfüllt. Auch der Buchmarkt funktioniert nach solchen Moden. Skandinavische Krimis sind eine sehr erfolgreiche Mode.  Joachim Kronsbein Spiegel 29/2010

Das Zitat von Joachim Kronsbein begleitet mich schon seit ein paar Jahren und hat mich ehrlich gesagt auch das ein oder andere Mal davon abgehalten ein Buch nicht zu lesen, nur weil es sich um einen skandinavischen Krimi handelt. Als ich nun den Psychothriller von Caroline Eriksson in der Hand hielt, war ich dementsprechend skeptisch. Aber rein haptisch war ich sofort ein Freund des Werkes, da der Buchumschlag toll gestaltet ist und der etwas raue Rand auf der einen Seite für Griffigkeit sorgt und auf der anderen Seite eine ganz kleine Gänsehaut erzeugt. Vielleicht sollte ich also doch nicht so skeptisch sein, wenn sich der Verlag schon solche Mühe gibt?

Um was geht es in dem Buch?
Greta ist anscheinend mit ihrem Mann und ihrer Tochter über das Wochenende in ihr kleines Haus an einem verwunschenen See gefahren, der angeblich dunkle Geheimnisse aufbewahrt. Davon erzählt Alex seiner Frau während einer Überfahrt auf eine kleine Insel, die sie gemeinsam erkunden wollen. Da sich Greta nicht so gut fühlt, bleibt sie auf dem kleinen Ruderboot zurück und lässt Mann und Kind alleine zu einem Mini-Abenteuer aufbrechen. Als die Sonne langsam untergeht, sind die beiden allerdings noch immer nicht zurückgekehrt und Greta macht sich große Sorgen. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass beide nicht nur die Zeit vergessen haben, sondern sich bereits auf den Rückweg begeben haben. Aber wie sollten sie das machen? Schließlich hat sie ja die ganze Zeit in dem Boot gesessen und geschlafen. Sie geht also an Land und beginnt mit der Suche, die völlig planlos verläuft, da ihr die Insel völlig unbekannt ist, das Licht langsam schwächer wird und zudem die ganzen gruseligen Geschichten über die Gegend in ihrem Kopf umherschwirren. Trotz einer gewissen Beharrlichkeit kann sie ihre kleine Familie allerdings nicht ausfindig machen. Was sie aber sonst auf der Insel findet, löst eine gewisse Verstörung aus. Greta muss unbedingt zurück zum Haus und ihr Handy holen. Schließlich hat Alex sein Telefon dabei und es sollte leicht sein ihn so zu erreichen. Irgendwo müssen die beiden ja sein.
Der Rückweg, die anschließende weitere Suche, die Fragen nach den Hintergründen und Gretas Rekonstruktion von unterschiedlichen Geschehnissen zehren an ihren Kräften und lassen sie an ihrer psychischen Konstitution zweifeln. Was ist wahr und was hat sie sich eingebildet? Wozu sind Menschen in der Lage und wie werden sie durch ihre Umgebung geformt? Hat Greta vielleicht etwas getan, was sie verdrängt?

Die Arbeit der Autorin
Die Sprache im Allgemeinen und die Konstruktion der Sätze sind durchweg klar und leicht verständlich. Es stellt sich schnell ein guter Lesefluss ein, der dem Leser einen Einstieg in die Geschichte erleichtert, was auch an den vielfachen kurzen Sätzen liegt. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu den verworrenen Gedanken der Protagonistin, ist aber notwendig, da man sonst schnell den Faden verlieren würde. Da dies aber in dem ganzen Buch beibehalten wird, leidet ein wenig die Spannung. Meiner Meinung nach kann man im Laufe der Geschichte dem Leser auf den Fall mehr zumuten. Man sollte dies sogar. Bei mir hat diese Art und Weise zum Beispiel bewirkt, dass ich auf mehr als 50 Seiten nicht recht wusste wann denn jetzt die Geschichte richtig beginnen sollte. Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin krampfhaft versucht eine ganz große Spannung aufzubauen. Da aber alles so klar und prägnant ist, kam keine richtige Stimmung auf. Die Konstruktion der Ereignisse wirkte recht unecht. Dies besserte sich allerdings im Verlauf der Geschichte und die Spannung war stärker zu spüren. Nach der Hälfte des Buches war ich so richtig von der Geschichte gepackt, legte das Buch nicht mehr aus der Hand und fieberte dem Ende entgegen. Bis dahin kamen allerdings noch ein paar absehbare Wendungen, die nicht unbedingt sinnvoll erscheinen bzw. auch hätten anders gelöst werden können.

Fazit
Schlussendlich hat mir das Buch dann zwar gut gefallen, aber es hat mich nicht vom Hocker gerissen. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass hier jemand ein Psychologieseminar besucht, zwei oder drei Fallgeschichten gehört hat und das nun in eine nette Geschichte packen wollte. Mir fehlt einfach das Unerwartete und das wirklich Böse sowie eine Prise Raffinesse. Wer allerdings einen Psychothriller sucht, der nicht zu „krass“ ist, sich leicht lesen lässt und zudem einen Einblick in kleine menschliche Abgründe liefert, kann mit diesem Buch glücklich werden.

Die Vermissten von Caroline Eriksson

€ 13,00 [D]
€ 13,40 [A] |
Paperback
ISBN: 978-3-328-10038-6
Danke an buecher.de für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Hier könnt ihr das Buch bestellen (Erscheinungstag: 08.08.2016).

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