Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.

Insgesamt hat mich das Buch sofort gepackt. Die Figuren waren mir auf Anhieb sympathisch, die Entwicklung der Geschichte ist nachvollziehbar und gleichzeitig spannend. Man wächst ein wenig mit Calpurnia über bestehende gesellschaftliche Konstrukte hinaus und bezieht verschiedenste Gedankengänge auch auf die heutige Zeit. Unweigerlich kommt dabei natürlich der Gedanke auf, ob sie in der heutigen Zeit wohl glücklicher sein würde oder ob es nicht gewisse Zwänge gibt, die sie auch heute noch einengen würden. Letztendlich ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Großvater so eine liebevolle Angelegenheit, dass man beim Lesen auch solche Wohlfühlmomente hat, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

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Empfohlen vom Verlag ab 12 Jahren
Fester Einband
336 Seiten
16,90€
ISBN 978-3-446-24165-7

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Klaus Kordon, Im Spinnennetz

„Wir glauben oft, dass wir uns von der Vergangenheit verabschieden können wie von einem alten, nicht mehr benötigten Möbelstück. Doch das klappt nicht. Je weiter wir glauben, uns von ihr entfernt zu haben, desto fester hält sie uns umklammert“ (Frieder zu David, S. 514)

Ich muss vorweg den Hinweis geben, dass ich erst sehr spät Klaus Kordon für mich entdeckt habe. Ich hatte gerade mein Abitur beendet und ein Praktikum in einer Pressestelle absolviert. Ein Arbeitskollege, der selbst einen Blog betreibt und sich sehr für Stadtgeschichte interessiert, schenkte mir eine wunderschöne Ausgabe der „Roten Marosen“. So tauchte ich ein in den Kordon-Kosmos und in das Berlin des vergangenen Jahrhunderts. Da ich damals bereits plante Geschichte zu studieren, kam mir das Themenfeld natürlich sehr entgegen. Allerdings faszinierten mich noch mehr die detaillierten Beschreibungen und die enorm gute Recherche. Ich war sofort gefangen von der Geschichte und lief in Gedanken dieselben Wege wie die Figuren. Ich hielt mir vor Augen wie die Schauplätze der Geschichten heute aussehen und was man über die Geschichte der einzelnen Orte weiß oder an den entsprechenden Stellen in Erfahrung bringen kann. Gleich nach der Beendigung des ersten Buches schaute ich mir die anderen Bücher an. Die Trilogie der Wendepunkte habe ich geliebt. Der autobiographische Roman „Krokodil im Nacken“ hat mich sehr berührt und mich auch ein wenig über meine eigenen Kindheitserfahrungen nachdenken lassen. „Auf der Sonnenseite“ war für mich hingegen ein Werk, das mir nicht gefallen hat. Es machte einen sehr gezwungenen Eindruck und hat sich nicht so flüssig und interessiert lesen lassen wie die anderen Geschichten. Neben einigen Einzelwerken, gab es dann noch die Jacobi-Saga. Der erste Band „1848- Die Geschichte von Jette und Frieder“ war einfach wunderbar. Die Revolution in Berlin und das beschrieben aus der Sicht eines Zimmermanns war einfach eine geniale Wort-Komposition. Der darauf folgende Band „Fünf Finger hat die Hand“ war nicht weniger spannend und liebevoll geschrieben. In diesem Jahr ist nun der dritte Band erschienen. Das Buch hat den Titel „Im Spinnennetz“ und spielt in der Zeit der so genannten Sozialistengesetze (1878-1890). Da sich die Familie Jacobi schon in den ersten beiden Bänden im politischen Bereich und in den sozialistischen Verbänden engagiert hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch sie davon betroffen sind. Frieder (siehe besonders Band 1) befindet sich im Gefängnis und die restlichen Familienmitglieder arbeiten überwiegend im Untergrund. Immer wieder sind sie von Schikanen betroffen und müssen mit einer Verhaftung rechnen. Alle Geschehnisse werden aus der Sicht von David beschrieben. Er ist der Sohn von Tore und Rieke, die besonders in dem zweiten Werk der Saga beschrieben werden. David ist 16 Jahre alt und Gymnasiast. Da er aus einer Arbeiterfamilie kommt, die auch noch wegen ihrer Beteiligung an der sozialistischen Politik sehr vielen Menschen bekannt ist, wird er von den anderen Schülern als Außenseiter wahrgenommen und von den Lehrern gemobbt. Er möchte auch viel lieber eine Ausbildung machen, möchte aber gleichzeitig seine Familie nicht enttäuschen und nimmt daher von solchen Ideen Abstand. Seine Teilnahme an politischen Aktionen und das Zusammentreffen mit der sehr frechen Anna verändern seinen Blickwinkel. Anna lebt in ärmlichen Verhältnissen und trägt ihr Herz auf der Zunge. Nach ihrem Zusammentreffen bilden beide den Mittelpunkt von „Im Spinnennetz“. Es ist die Geschichte ihrer Liebe und ihrer Entwicklung in einer ungerechten Welt, die sich stets in Veränderung befindet und immer wieder Überraschungen bereit hält.

Klaus Kordon schafft es mit diesem Werk erneut die Leser in die Vergangenheit zu entführen und berichtet von realen Begebenheiten, die er in die fiktive Geschichte von David und Anna einwebt. Seine Sprache ist, wie auch in den anderen Werken, zwar auf den jugendlichen Leser ausgerichtet, aber keineswegs flach. Sie ist liebevoll und melodisch, ungeheuer beschreibend und witzig. Man befindet sich schon während der ersten Sätze nicht mehr im heimischen Wohnzimmer, sondern im Berlin der 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Wichtige Begriffe sind mit einem Sternchen versehen und werden in einem Anhang erläutert. Zudem werden Ereignisse, die in den beiden anderen Werken ausführlicher behandelt werden, erwähnt und in notwendiger Länge erläutert. Es ist also kein Problem, wenn man die anderen Bände nicht gelesen hat oder sie in einer anderen Reihenfolge liest. Allerdings hatte ich an diesen Stellen das schöne Gefühl eine eingeweihte und wissende Leserin zu sein. Teilweise erhielt ich den Eindruck, dass ich durch mein Wissen stärker mit den Figuren verbunden bin.
Die Geschichte der beiden Liebenden und die politischen Wendungen werden insgesamt sehr spannend erzählt. Und da die Figuren nicht durchschaubar sind, ist man sich nicht sicher wie sie genau handeln werden. Zudem werden ihre Pläne immer wieder durch die Willkürlichkeit der Obrigkeit zerstört

Fazit: Ein absolut empfehlenswertes Buch für junge sowie alte Leser, die ihre Zeit nicht mit skurrilen historischen Romanen verschwenden wollen, sondern in die Geschichte des 19. Jahrhunderts eintauchen möchten.

ISBN 978-3-407-81071-7
1. Auflage 2010. 560 Seiten.
Gebunden im Schutzumschlag.
Ab 12 Jahre