Arne Jysch, Der nasse Fisch

Einige Freunde von Kriminalromanen werden die Geschichten von Volker Kutscher, der seinen Kommissar Gereon Rath im Berlin der 20er und 30er Jahre ermitteln lässt, bereits in Romanform kennen. Mittlerweile sind sechs Bände der Reihe erschienen, die insgesamt aus acht Bänden bestehen wird. Da das Umfeld äußerst gut recherchiert wurde, die Figuren toll dargestellt werden und die Geschichten äußerst spannend sind, kann man auch denjenigen die Werke empfehlen, die bisher nichts von Gereon Rath gehört haben.

Die Geschichten werden momentan von Tom Tykwer in eine 16-teilige Serie umgesetzt, die 2018 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Zudem wurde der erste Band im März bei Carlsen als Graphic Novel herausgebracht. Dass Arne Jyrsch die Umsetzung übernommen hat, ist ein wahrere Glücksfall, da er für seine gute Recherche und seinen klaren Stil bekannt ist. Bereits 2009 hatte er bezüglich der Umsetzung erstmals Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Da der Autor natürlich zeitlich stark in die Arbeit an der Romanreihe eingebunden ist, konnte er das Comicszenario nicht selbst schreiben. Er war aber durch diverse Kontakte mit Arne Jysch immer auf dem Laufenden und die abschließende Kontrolle lag natürlich auch in seinen Händen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu diversen Terminen gemeinsam erschienen und das Buch vorstellten.

In den letzten Monaten und Jahren sind viele Graphic Novels erschienen, die einfach nur eine gekürzte Version der Romanvorlage darstellten. Für Leser, die mit Graphic Novels vorher kaum Berührungspunkte hatten, mag das ein interessanter Einstieg sein. Aus meiner Sicht werden dadurch aber die Möglichkeiten, die eine Graphic Novel bietet, nicht ausgeschöpft. Hier sind die Verlage einfach auf einen Zug gesprungen und wollten möglichst hohe Gewinne erzielen, haben dabei aber die Qualität aus den Augen verloren. Aber das hier soll nicht der Rahmen für solch eine Diskussion sein, da wir sonst zunächst einmal über den Begriff Graphic Novel reden müssten. 🙂

„Der nasse Fisch“ ist zum Glück nicht einfach nur eine neue Darstellung des Romans. Arne Jysch hat bewusst Änderungen vorgenommen und dabei keine Verluste eingefahren. Die Grundstruktur der Figuren bleibt erhalten, auch wenn einige Personen fehlen, die aus dem Roman bekannt sind. Die Geschichte entspricht auch weitestgehend dem Roman, allerdings wurden dramaturgische Veränderungen vorgenommen, die mir persönlich sehr gut gefallen, weil mir genau diese Aspekte in dem Roman etwas zufällig erschienen. Zudem erzählt hier Kommissar Rath selbst auf knapp über 200 Seiten von seinem Einstieg bei der Berliner Kriminalpolizei und dem erster Fall. Dabei geht es auch um eigene Verfehlungen und andere private Aspekte. nebenbei erhält man einen umfangreichen Einblick in das Berlin der 20er Jahre und die damalige Polizeiarbeit, die stark von „dem Dicken“ (Kommissar Gennat) geprägt war.

Arne Jysch nutzt hauptsächlich drei bis sieben Panels und fügt hin und wieder eine Splash Page ein. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit wenigen Grauschattierungen, die zunächst mit Tusche gezeichnet und dann am Computer bearbeitet wurden. Die Linienführung ist recht klar und eher kantig, zeigt aber auch in den kleinsten Bildern sehr gut die entsprechende Mimik. Teilweise fühlt man sich an die alten DC-Comics erinnert. Das Lettering (Minou Zaribaf) ist ebenfalls klar und deutlich. Aussagen und Gedanken werden voneinander abgegrenzt, Lautstärken treten deutlich hervor. Sehr angenehm fallen die wenigen Soundwords auf. Die Dynamik der Handlung wird überwiegend durch die Schattierungen deutlich.

Trotz aller Kürzungen und kleinen Veränderungen ist die Geschichte verdammt spannend geblieben und man hadert ein wenig mit seinen Gefühlen gegenüber Gereon Rath. Irgendwie ist er ja sympathisch, aber muss er denn immer wieder gegen die Regeln verstoßen? Dadurch denkt man auch ein wenig über die eigenen moralischen Vorstellungen nach und überlegt, wie man selbst in der jeweiligen Situation gehandelt hätte.

Fazit: Es handelt sich um eine tolle Umsetzung der Vorlage, die technisch und erzählerisch gelungen ist. Wer die Kutscher-Bücher nicht kennt, wird danach auf jeden Fall einige lesen wollen. Wer über die Kutscher-Werke zur Graphic Novel gelangt ist, wird begeistert sein und vielleicht häufiger zu einer Graphic Novel greifen. Man kann hier also von einer win-win-Situation im Literaturbetrieb sprechen 🙂

der-nasse-fisch

 

Größe 20,00 x 26,50 cm
Seiten 216
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-78248-9
17,99€

Link zur Verlagsseite

Hier gibt es mehr Infos über die Kriminalpolizei in den 20er Jahren

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Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

kommissar_gennat_neu_cover_220
ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag