Arne Jysch, Der nasse Fisch

Einige Freunde von Kriminalromanen werden die Geschichten von Volker Kutscher, der seinen Kommissar Gereon Rath im Berlin der 20er und 30er Jahre ermitteln lässt, bereits in Romanform kennen. Mittlerweile sind sechs Bände der Reihe erschienen, die insgesamt aus acht Bänden bestehen wird. Da das Umfeld äußerst gut recherchiert wurde, die Figuren toll dargestellt werden und die Geschichten äußerst spannend sind, kann man auch denjenigen die Werke empfehlen, die bisher nichts von Gereon Rath gehört haben.

Die Geschichten werden momentan von Tom Tykwer in eine 16-teilige Serie umgesetzt, die 2018 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Zudem wurde der erste Band im März bei Carlsen als Graphic Novel herausgebracht. Dass Arne Jyrsch die Umsetzung übernommen hat, ist ein wahrere Glücksfall, da er für seine gute Recherche und seinen klaren Stil bekannt ist. Bereits 2009 hatte er bezüglich der Umsetzung erstmals Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Da der Autor natürlich zeitlich stark in die Arbeit an der Romanreihe eingebunden ist, konnte er das Comicszenario nicht selbst schreiben. Er war aber durch diverse Kontakte mit Arne Jysch immer auf dem Laufenden und die abschließende Kontrolle lag natürlich auch in seinen Händen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu diversen Terminen gemeinsam erschienen und das Buch vorstellten.

In den letzten Monaten und Jahren sind viele Graphic Novels erschienen, die einfach nur eine gekürzte Version der Romanvorlage darstellten. Für Leser, die mit Graphic Novels vorher kaum Berührungspunkte hatten, mag das ein interessanter Einstieg sein. Aus meiner Sicht werden dadurch aber die Möglichkeiten, die eine Graphic Novel bietet, nicht ausgeschöpft. Hier sind die Verlage einfach auf einen Zug gesprungen und wollten möglichst hohe Gewinne erzielen, haben dabei aber die Qualität aus den Augen verloren. Aber das hier soll nicht der Rahmen für solch eine Diskussion sein, da wir sonst zunächst einmal über den Begriff Graphic Novel reden müssten. 🙂

„Der nasse Fisch“ ist zum Glück nicht einfach nur eine neue Darstellung des Romans. Arne Jysch hat bewusst Änderungen vorgenommen und dabei keine Verluste eingefahren. Die Grundstruktur der Figuren bleibt erhalten, auch wenn einige Personen fehlen, die aus dem Roman bekannt sind. Die Geschichte entspricht auch weitestgehend dem Roman, allerdings wurden dramaturgische Veränderungen vorgenommen, die mir persönlich sehr gut gefallen, weil mir genau diese Aspekte in dem Roman etwas zufällig erschienen. Zudem erzählt hier Kommissar Rath selbst auf knapp über 200 Seiten von seinem Einstieg bei der Berliner Kriminalpolizei und dem erster Fall. Dabei geht es auch um eigene Verfehlungen und andere private Aspekte. nebenbei erhält man einen umfangreichen Einblick in das Berlin der 20er Jahre und die damalige Polizeiarbeit, die stark von „dem Dicken“ (Kommissar Gennat) geprägt war.

Arne Jysch nutzt hauptsächlich drei bis sieben Panels und fügt hin und wieder eine Splash Page ein. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit wenigen Grauschattierungen, die zunächst mit Tusche gezeichnet und dann am Computer bearbeitet wurden. Die Linienführung ist recht klar und eher kantig, zeigt aber auch in den kleinsten Bildern sehr gut die entsprechende Mimik. Teilweise fühlt man sich an die alten DC-Comics erinnert. Das Lettering (Minou Zaribaf) ist ebenfalls klar und deutlich. Aussagen und Gedanken werden voneinander abgegrenzt, Lautstärken treten deutlich hervor. Sehr angenehm fallen die wenigen Soundwords auf. Die Dynamik der Handlung wird überwiegend durch die Schattierungen deutlich.

Trotz aller Kürzungen und kleinen Veränderungen ist die Geschichte verdammt spannend geblieben und man hadert ein wenig mit seinen Gefühlen gegenüber Gereon Rath. Irgendwie ist er ja sympathisch, aber muss er denn immer wieder gegen die Regeln verstoßen? Dadurch denkt man auch ein wenig über die eigenen moralischen Vorstellungen nach und überlegt, wie man selbst in der jeweiligen Situation gehandelt hätte.

Fazit: Es handelt sich um eine tolle Umsetzung der Vorlage, die technisch und erzählerisch gelungen ist. Wer die Kutscher-Bücher nicht kennt, wird danach auf jeden Fall einige lesen wollen. Wer über die Kutscher-Werke zur Graphic Novel gelangt ist, wird begeistert sein und vielleicht häufiger zu einer Graphic Novel greifen. Man kann hier also von einer win-win-Situation im Literaturbetrieb sprechen 🙂

der-nasse-fisch

 

Größe 20,00 x 26,50 cm
Seiten 216
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-78248-9
17,99€

Link zur Verlagsseite

Hier gibt es mehr Infos über die Kriminalpolizei in den 20er Jahren

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Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

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ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag

Judith Drews, Berlin Wimmelbuch

Mittlerweile wimmelt es ja wirklich überall. Egal ob man auf eine Safari gehen möchte, Erdmännchen suchen will oder ein Freund von klassischen Wimmelbüchern (z.B. von Rotraut Susanne Berner) ist. Man findet eine Vielzahl von Werken in ganz unterschiedlichen Ausführungen.
Doch wie sieht es eigentlich mit der eigenen Nachbarschaft aus? Gibt es vielleicht auch Bücher, die direkt vor unserer Haustür spielen?
Für uns als Berliner, und natürlich auch für alle anderen Wimmelbuchfans, gibt es jetzt DAS Berlin-Wimmelbuch.
Nun ist Berlin eigentlich schon wimmelig, bunt und vielfältig genug. Aber in Judith Drews Buch sind zusätzlich eine ganze Menge Zootiere unterwegs, die dank der Vergesslichkeit des Zoowärters Gerd die Stadt erkunden können.
Und so sieht man die Zootiere nicht nur in ihrem eigentlichen Lebensraum, sondern auch im Pankower Kiez, am Alexanderplatz, im Museum, im Mauerpark und am Brandeburger Tor. Überall treffen sie auf interessante Menschen und machen allerlei lustige Dinge, die Berliner und Touristen mögen.

Rezensiert für Bücherkinder.de

Judith Drews ist eine bunte Berlincollage gelungen, die immer wieder zu neuen Entdeckungen einlädt und selbst nach dem zehnten Anschauen nicht langweilig wird. Die großen Betrachter mögen vielleicht eher die einzelnen Elemente erkennen, die zu neuen Bildern zusammengewürfelt wurden oder die lustigen verfremdeten Firmennamen mit den Originalen in Verbindung bringen. Die kleinen Betrachter hingegen entdecken, wenn sie Berliner sind oder schon einmal in der Stadt weilten, bekannte Dinge und erforschen eher die kleinen Geschichten, die hinter den Zeichnungen stecken. Wenn beide ihre Erkenntnisse austauschen wird es richtig spannend und unterhaltsam.
Aber selbst ohne Berlinkenntnisse kann man sich stundenlang über die Handlungen auf den Doppelseiten unterhalten und ganz belustigend verfolgen was die Zootiere auf ihrer Tour erleben.

Fazit: Ein tolles neues Wimmelbuch, das gerade durch seinen realen Bezug Interesse weckt und klasse Geschichten erzählt.

O-Ton Testleser (5): Die Zootiere sind echt verrückt. Und was die erleben ist soooo lustig.

12 Seiten 33,6 x 25,8 cm
Pappbilderbuch, fsc zertifiziert, ab 3 Jahren
EUR (D) 9.95
ISBN 978-3-942491-00-6 

Michael Römling, Schattenspieler

– Aus dem Wohnzimmer wehte ein kühler Abendhauch, der durch das Loch seinen Weg in die Wohnung gefunden hatte. In der Ferne grummelte es vernehmlich. Ein Gewitter, dachte Leo. Um diese Jahreszeit, merkwürdig. Und dann wurde ihm plötzlich klar, dass das kein Gewitter war. –
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges begann die Rote Armee mit Panzern, einen Belagerungskrieg um Berlin zu bilden. Wenn man allerdings eine ganz gehörige Portion Glück und Mut besaß, konnte man an einigen Stellen noch lange in die Stadt gelangen. Durch Dreistigkeit und Kraft schafft es auch ein Lastwagenfahrer mit seinem Gefährt in die damalige Reichshauptstadt zu gelangen. Beladen ist das Fahrzeug mit 28 Kisten voller Schätze. Bis diese jedoch wirklich an ihrem Bestimmungsort in Berlin ankommen, muss ihr Transporteuer einige Menschen aus dem Weg räumen. Zufällig wird er bei einer seiner Taten, vor den Toren Berlins, von einem jüdischen Jungen beobachtet, der als U-Boot die letzten Kriegsjahre überlebte. Leo musste nach einem Bombenangriff aus der Stadt fliehen. Damit wurde er nicht nur zum Zeugen einer schrecklichen Tat, sondern rannte auch seinen Befreiern direkt in die Arme. Gemeinsam mit einigen Soldaten kehrt er nach Berlin zurück und wird in eine Villa im Westend einquartiert. Dort begegnet er Friedrich, der sich als wundervoller Freund und kleiner Draufgänger entpuppt. Gemeinsam unternehmen sie Streifzüge durch die Stadt und versuchen das Rätsel der 28 Kisten zu lösen. Allerdings bringt sie ihr Forscherdrang mehr als einmal in Gefahr.

Schattenspieler ist eine erstaunlich gute Kombination aus realer Geschichte und Fiktionalität. In einer ansprechenden, aber nicht zu simplen jungen und frischen Sprache, die frei von Schnörkeln ist und sich trotzdem auf einem hohen Niveau bewegt, erzählt Römling eine Geschichte voller Abenteuer und Freundschaft, die den Leser sofort packt und zum Verschlingen des gesamten Buches führt.
In die eigentliche Handlung, welche rasant verläuft und einem nur selten eine Atempause gönnt, werden kleine Weisheiten eingebettet, die auf der einen Seite wichtige Informationen enthalten und auf der anderen Seite zum Nachdenken anregen. Schon kleine Äußerungen einer Person sorgen dafür, dass man sich bewusst wird, welche Taten in der damaligen Zeit verbrochen wurden und dass die handelnden Menschen einfach normal weiterlebten, während vielen anderen gar nicht mehr die Möglichkeit gegeben wurde zu existieren.
Gleichzeitig werden aber auch Dinge angesprochen, die nach Kriegsende passiert sind und teilweise ebenfalls Verbrechen darstellen. Hier schafft es der Autor wundervoll die verschiedenen Rollen der Alliierten darzustellen und gibt ein differenziertes Bild der damaligen Wirklichkeit. Man saugt dadurch quasi ganz nebenbei wissen auf, dass man durchaus auch einmal im Schulunterricht anbringen kann. Zum besseren Verständnis der damaligen Vorgänge gibt es am Ende des Buches einen kleinen Glossar, in dem wichtige Wörter und Fakten erklärt werden.

Sollte man doch einmal das Buch zuklappen, was eigentlich ein Frevel ist, fällt sofort die tolle Gestaltung des Einbandes und des Vorsatzes auf. Außen befindet sich eine alte Berlinkarte, die genau den Bereich zeigt, welcher in dem Buch eine tragende Rolle spielt. Innen befinden sich Fotos aus der damaligen Zeit, die meiner Meinung nach alle Szenen aus Berlin oder dem Umland zeigen. Da möchte man gleich wieder in die Geschichte eintauchen.

Fazit: Warum in aller Welt habe ich noch nie etwas von Michael Römling gehört? Diese Mann kann Jugendbücher schreiben, die fesseln, tolle Details enthalten, Wissen vermitteln und einfach Spaß bereiten.
Ein absolutes MUSS! Ein hervorragendes Jugendbuch, an dem es aus meiner Sicht nichts zu meckern gibt.

Bestellnummer: 5307
ISBN: 978-3-8157-5307-1
Coppenrath Verlag
Format: 14,2 cm x 21 cm
Seiten: 352
ab 14 Jahren

 

Klaus Kordon, Im Spinnennetz

„Wir glauben oft, dass wir uns von der Vergangenheit verabschieden können wie von einem alten, nicht mehr benötigten Möbelstück. Doch das klappt nicht. Je weiter wir glauben, uns von ihr entfernt zu haben, desto fester hält sie uns umklammert“ (Frieder zu David, S. 514)

Ich muss vorweg den Hinweis geben, dass ich erst sehr spät Klaus Kordon für mich entdeckt habe. Ich hatte gerade mein Abitur beendet und ein Praktikum in einer Pressestelle absolviert. Ein Arbeitskollege, der selbst einen Blog betreibt und sich sehr für Stadtgeschichte interessiert, schenkte mir eine wunderschöne Ausgabe der „Roten Marosen“. So tauchte ich ein in den Kordon-Kosmos und in das Berlin des vergangenen Jahrhunderts. Da ich damals bereits plante Geschichte zu studieren, kam mir das Themenfeld natürlich sehr entgegen. Allerdings faszinierten mich noch mehr die detaillierten Beschreibungen und die enorm gute Recherche. Ich war sofort gefangen von der Geschichte und lief in Gedanken dieselben Wege wie die Figuren. Ich hielt mir vor Augen wie die Schauplätze der Geschichten heute aussehen und was man über die Geschichte der einzelnen Orte weiß oder an den entsprechenden Stellen in Erfahrung bringen kann. Gleich nach der Beendigung des ersten Buches schaute ich mir die anderen Bücher an. Die Trilogie der Wendepunkte habe ich geliebt. Der autobiographische Roman „Krokodil im Nacken“ hat mich sehr berührt und mich auch ein wenig über meine eigenen Kindheitserfahrungen nachdenken lassen. „Auf der Sonnenseite“ war für mich hingegen ein Werk, das mir nicht gefallen hat. Es machte einen sehr gezwungenen Eindruck und hat sich nicht so flüssig und interessiert lesen lassen wie die anderen Geschichten. Neben einigen Einzelwerken, gab es dann noch die Jacobi-Saga. Der erste Band „1848- Die Geschichte von Jette und Frieder“ war einfach wunderbar. Die Revolution in Berlin und das beschrieben aus der Sicht eines Zimmermanns war einfach eine geniale Wort-Komposition. Der darauf folgende Band „Fünf Finger hat die Hand“ war nicht weniger spannend und liebevoll geschrieben. In diesem Jahr ist nun der dritte Band erschienen. Das Buch hat den Titel „Im Spinnennetz“ und spielt in der Zeit der so genannten Sozialistengesetze (1878-1890). Da sich die Familie Jacobi schon in den ersten beiden Bänden im politischen Bereich und in den sozialistischen Verbänden engagiert hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch sie davon betroffen sind. Frieder (siehe besonders Band 1) befindet sich im Gefängnis und die restlichen Familienmitglieder arbeiten überwiegend im Untergrund. Immer wieder sind sie von Schikanen betroffen und müssen mit einer Verhaftung rechnen. Alle Geschehnisse werden aus der Sicht von David beschrieben. Er ist der Sohn von Tore und Rieke, die besonders in dem zweiten Werk der Saga beschrieben werden. David ist 16 Jahre alt und Gymnasiast. Da er aus einer Arbeiterfamilie kommt, die auch noch wegen ihrer Beteiligung an der sozialistischen Politik sehr vielen Menschen bekannt ist, wird er von den anderen Schülern als Außenseiter wahrgenommen und von den Lehrern gemobbt. Er möchte auch viel lieber eine Ausbildung machen, möchte aber gleichzeitig seine Familie nicht enttäuschen und nimmt daher von solchen Ideen Abstand. Seine Teilnahme an politischen Aktionen und das Zusammentreffen mit der sehr frechen Anna verändern seinen Blickwinkel. Anna lebt in ärmlichen Verhältnissen und trägt ihr Herz auf der Zunge. Nach ihrem Zusammentreffen bilden beide den Mittelpunkt von „Im Spinnennetz“. Es ist die Geschichte ihrer Liebe und ihrer Entwicklung in einer ungerechten Welt, die sich stets in Veränderung befindet und immer wieder Überraschungen bereit hält.

Klaus Kordon schafft es mit diesem Werk erneut die Leser in die Vergangenheit zu entführen und berichtet von realen Begebenheiten, die er in die fiktive Geschichte von David und Anna einwebt. Seine Sprache ist, wie auch in den anderen Werken, zwar auf den jugendlichen Leser ausgerichtet, aber keineswegs flach. Sie ist liebevoll und melodisch, ungeheuer beschreibend und witzig. Man befindet sich schon während der ersten Sätze nicht mehr im heimischen Wohnzimmer, sondern im Berlin der 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Wichtige Begriffe sind mit einem Sternchen versehen und werden in einem Anhang erläutert. Zudem werden Ereignisse, die in den beiden anderen Werken ausführlicher behandelt werden, erwähnt und in notwendiger Länge erläutert. Es ist also kein Problem, wenn man die anderen Bände nicht gelesen hat oder sie in einer anderen Reihenfolge liest. Allerdings hatte ich an diesen Stellen das schöne Gefühl eine eingeweihte und wissende Leserin zu sein. Teilweise erhielt ich den Eindruck, dass ich durch mein Wissen stärker mit den Figuren verbunden bin.
Die Geschichte der beiden Liebenden und die politischen Wendungen werden insgesamt sehr spannend erzählt. Und da die Figuren nicht durchschaubar sind, ist man sich nicht sicher wie sie genau handeln werden. Zudem werden ihre Pläne immer wieder durch die Willkürlichkeit der Obrigkeit zerstört

Fazit: Ein absolut empfehlenswertes Buch für junge sowie alte Leser, die ihre Zeit nicht mit skurrilen historischen Romanen verschwenden wollen, sondern in die Geschichte des 19. Jahrhunderts eintauchen möchten.

ISBN 978-3-407-81071-7
1. Auflage 2010. 560 Seiten.
Gebunden im Schutzumschlag.
Ab 12 Jahre

Philip Sington, Das Einstein-Mädchen

Inhalt:
Dr. Martin Kirsch ist als Psychiater an der renommierten Berliner Charité tätig. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die in der Mehrheit eine stark medikamentös unterstützte Therapie befürworten, ist Kirsch eher im analytischen Sektor angesiedelt. Besonders abstoßend findet Kirsch die Insulinschock-Therapie, die sein Kollege Dr. Mehring durchführt. Martin Kirsch will zunächst wissen was seine Patienten antreibt. Über ihre persönliche Geschichte versucht er die Auslöser der psychischen Erkrankung zu finden und dann eine geeignete Therapie auszuwählen. Privat lebt der Arzt zurückgezogen im Prenzlauer Berg. Dieser gehörte damals noch nicht zu den guten Berliner Bezirken, sondern galt als heruntergekommener Arbeiterbezirk mit zwielichtigen Gestalten. Der Doktor fühlt sich dort wohl und stromert am Abend durch die Bars. Seine Verlobte kommt hingegen aus gutem Hause und lebt noch bei ihren Eltern in Oranienburg. Nach der Hochzeit will die zukünftige Frau Kirsch aber mit ihrem Ehemann in ein Haus ziehen, das  im südlichen Berlin stehen soll.  Martin Kirsch ist sich jedoch nicht sicher, ob es dazu kommen wird. Will er wirklich dieses Leben?
Noch unsicherer wird er, als eines Tages eine junge Frau in die Charité gebracht wird. Sie wurde nackt und bewusstlos in dem Wald von Caputh gefunden. Nachdem sie eine Zeit lang im Koma gelegen hat, erwacht sie zwar wieder, hat jedoch eine vollständige Amnesie. Der einzige Hinweis, den sie bei sich trug, war eine Vortragsankündigung. Diese lud ein interessiertes Publikum zu einem Vortrag von Albert Einstein ein. Dr. Kirsch nimmt das so genannte Einstein-Mädchen in seiner Abteilung auf und versucht mit einer Mischung aus Psychiatrie/Psychologie und kriminalistischer Arbeit ihre Herkunft zu ermitteln. Was hat sie mit Albert Einstein zu tun? Woher kommt sie? Warum vermisst sie niemand?
Diese Fragen möchte der Arzt unbedingt klären. Er versteift sich allerdings so in den Fall, dass er nicht merkt wie er in einen Strudel aus politischen Veränderungen, Intrigen und Krankheit stürzt.

Sprache und Stil:
Philip Sington erzählt die Geschichte des Einstein-Mädchens in verschiedenen Strängen. Teilweise wird ihre Geschichte durch Briefe und Erzählungen parallel zu Dr. Kirschs Fortschritten beschrieben. So begleitet der Leser zwar den Arzt auf seiner Suche, erhält aber auch immer eine gewisse Anzahl von Zusatzinformationen, die es ermöglichen das Puzzle noch einen kleinen Tick schneller zusammen zu setzen. Innerhalb dieser Stränge ist die Sprache recht unterschiedlich und entspricht den einzelnen Erzählerpersönlichkeiten. Insgesamt kann man aber in Bezug auf die Sprache sagen, dass der Text klar verständlich und nicht zu kompliziert konzipiert ist. Er lässt sich flüssig lesen und beschreibt die Situationen und Personen ausreichend. Teilweise hätte ich mir jedoch umfangreichere Beschreibungen gewünscht, um die jeweilige Stimmung besser einfangen zu können.
Innerhalb der Erzählung tauchen zwar viele historische Persönlichkeiten auf, die Geschichte kann aber auch ohne Hintergrundwissen verstanden werden. Wenn man nach der Lektüre allerdings noch ein wenig recherchiert erhält man sehr interessante Zusatzinformationen. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll gewissen darauf noch knapp in einem Nachwort einzugehen. Besonders wenn man bedenkt aus welcher Fachrichtung der Autor kommt.
Manchem Leser könnten auch die physikalischen Informationen zu komplex sein. Ich bin jedoch der Meinung, dass man die eigentliche Geschichte auch verstehen und sogar genießen kann, wenn man die wissenschaftlichen Aspekte nicht verstanden hat.

Fazit: Ich habe mich beim Lesen des Werkes gut unterhalten gefühlt. Es verbindet Geschichte, Medizin, Spurensuche und einen Hauch Physik gut miteinander. Zudem wird ein interessanter Spannungsbogen aufgebaut und man ist sich als Leser in manchen Situationen nicht mehr sicher, ob man wirklich die richtigen Schlüsse gezogen hat. Man grübelt mal in die eine Richtung, denkt man hat die Lösung gefunden und zweifelt dann doch wieder.
Allerdings hat mir ein wenig die sprachliche Raffinesse gefehlt.

Roman
dtv premium
Deutsch von Sophie Zeitz
Deutsche Erstausgabe
464 Seiten
ISBN 978-3-423-24783-2

€14,90

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Bild und Informationen von der Verlagsseite (s.o.)

Maxim Leo, Haltet euer Herz bereit

Inhalt:
Maxim Leo ist Politikwissenschaftler und seit 1997 Mitarbeiter der Berliner Zeitung. Er wurde 1970 in Ostberlin geboren und gehört somit zu der Generation, die sich gegen den Staat auflehnte und ihren Unmut öffentlich äußerte.
In seinem Buch beschreibt er die Geschichte seiner Familie und die verschiedenen Sichtweisen der Familienmitglieder auf die DDR. Seine beiden Großväter waren immer die stärksten Vertreter des sozialistischen Staates und duldeten keine Kritik am System. Besonders der Großvater mütterlicherseits wurde von Maxim immer als personifizierte DDR angesehen. Auch Maxims Mutter erschien ihm meist als linientreue DDR-Bürgerin. Sein Vater hingegen liebte seine künstlerische Arbeit und die Freiheit, die normalerweise damit verbunden ist. Beide Elternteile stritten sich regelmäßig über politische Themen. Und ein gemeinsamer Besuch bei den Großeltern endete stets im Fiasko.
Nach der Wende wagt der Autor einen Blick in die Vergangenheit und versucht zu verstehen, warum die Großväter zu solch glühenden Verfechtern wurden. Zudem rekonstruiert er das Verhalten der Eltern und erkennt, dass sie mit ihren Handlungen und Gedanken nicht einfach in bestimmte Schubladen passen. Sie haben sich in unterschiedlichen politischen Phasen anders verhalten. Zudem haben sich auch selbst persönliche Veränderungen durchgemacht. Als Quellen dienen ihm Interviews, Tagebücher, Bücher, die von den Familienmitgliedern veröffentlicht wurden und Archivdokumente. So erhält der Leser ein umfangreiches Bild einer komplexen Familienzusammensetzung. Die beiden Großväter haben aus ganz unterschiedlichen Motiven für diesen Staat gekämpft. Und manchmal war ein äußerlicher Zuspruch nur eine Form von Resignation.
Weiterhin schafft es Maxim Leo die Beziehungen der drei Generationen untereinander und ihre sehr unterschiedliche Sichtweise auf die DDR und die unterschiedlichen Vorstellungen, gut herauszuarbeiten.
Sprache und Stil:
Durch sehr knappe und stark zergliederte Sätze hat man zunächst den Eindruck, dass der Lesefluss holprig ist. Nach einigen Seiten hat man sich jedoch an den Stil gewöhnt und kommt besser voran. Obwohl der Text persönlich gefärbt ist, schafft es Maxim Leo nicht in eine Alltagssprache abzudriften. Seine Beschreibungen sind sehr analytisch und wirken teilweise wie eine Sezierung. Zudem erwähnt er selbst im Text, dass er bei den Interviews darauf geachtet hat Distanz zu waren. Er erzählt zwar auch seine eigene Geschichte, versucht aber trotzdem außen zu stehen. Aus meiner Sicht gelingt ihm das gut.
Eher positiv bewerte ich auch, dass das Werk einen Spannungsbogen aufweist und den Leser für die Geschichte begeistert. Viele andere Familiengeschichten wirken wie eine einfache Abhandlung in chronologischer Form.  Man fühlt sich selbst als Familienforscher und möchte Begründungen für ein bestimmtes Handeln finden. Dass auch der Autor manchmal nur spekulieren kann, ist kein negativer Aspekt. Gerade diese Stellen regen zum Lesen an. Man überlegt als Leser wie man sich selbst verhalten hätte.
Fazit:
Ein Buch, welches ich mit großem Interesse verschlungen habe. Es könnte aber sein, dass es sich mehr für Leser eignet, die in irgendeiner Weise einen „Ost-Bezug“ haben.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
mit Abb.

ISBN: 978-3-89667-401-2
€ 19,95 [D] | € 20,60 [A] | CHF 33,90* (empf. VK-Preis)empfohlener Verkaufspreis

Verlag: Blessing
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