Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.

Insgesamt hat mich das Buch sofort gepackt. Die Figuren waren mir auf Anhieb sympathisch, die Entwicklung der Geschichte ist nachvollziehbar und gleichzeitig spannend. Man wächst ein wenig mit Calpurnia über bestehende gesellschaftliche Konstrukte hinaus und bezieht verschiedenste Gedankengänge auch auf die heutige Zeit. Unweigerlich kommt dabei natürlich der Gedanke auf, ob sie in der heutigen Zeit wohl glücklicher sein würde oder ob es nicht gewisse Zwänge gibt, die sie auch heute noch einengen würden. Letztendlich ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Großvater so eine liebevolle Angelegenheit, dass man beim Lesen auch solche Wohlfühlmomente hat, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

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Empfohlen vom Verlag ab 12 Jahren
Fester Einband
336 Seiten
16,90€
ISBN 978-3-446-24165-7

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Hilary Mantel, Jeder Tag ist Muttertag

Bevor ich zu der eigentlichen Besprechung des Buches komme, muss ich auf die folgenden Dinge hinweisen:

  • Ich mag Roald Dahl
  • Ich finde englischen Humor fantastisch
  • Ich mag Bücher, in denen immer wieder der Finger in offene Wunden gelegt wird
  • Figuren, die jenseits der politischen oder gesellschaftlichen Korrektheit handeln, sind mir sehr sympathisch

Diese Punkte waren glaube ich die Grundvoraussetzung dafür, dass ich mit dem Werk von Hilary Mantel wirklich etwas anfangen konnte und die Fragezeichen nicht Überhand nahmen. Obwohl ich zugeben muss, dass sie immerhin ein paar Mal auftauchten.

„Jeder Tag ist Muttertag“ erschien bereits 1985 in England und war das Erstlingswerk der Autorin. Obwohl das eigentlich so nicht ganz korrekt ist. Hilary Mantel hatte bereits ein anderes Buch geschrieben, welches aber von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde. In einer gewissen Regelmäßigkeit veröffentlichte sie weitere Werke, wurde aber erst 2002 für den deutschen Markt entdeckt bzw. erstmals in Deutschland veröffentlicht. Nachdem sie 2009 und (!) 2012 den Booker Prize erhielt, ist nun wirklich den meisten Literaturmenschen ein Begriff. Dabei ist ihr Œu­v­re aus meiner Sicht nicht so einseitig wie bei anderen AutorInnen. Natürlich sind viele ihrer Werke sozialkritisch. Aber dabei verändert sie immer wieder den Blickwinkel und lässt auch ihre Auslandserfahrungen einfließen. Zudem geht sie ihrer ursprünglichen Leidenschaft nach und veröffentlicht historische Romane. In allen Büchern ist ihre Eigenart zu erkennen und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit jeder Geschichte ein wenig neu entdeckt und auch erfindet.

In dem vorliegenden Buch, dessen Geschichte übrigens in „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ fortgesetzt wird und gerade veröffentlicht wurde, erhält man einen Einblick in zwei Familien, deren Wege sich mehrfach leicht berühren und schlussendlich kreuzen. Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? Das sie gefördert wird? Was soll das für einen Sinn haben? Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.

Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude. Manchmal hält man kurz an und denkt, dass das jetzt vielleicht doch etwas zu abgedreht dargestellt wird. Aber nach wenigen Sekunden wird einem klar, dass das vielleicht ein nach außen transportiertes Bild ist. Und wenn man Mäuschen spielen könnte, würde man ähnliche Geschichten in diversen Haushalten wiederfinden.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine humorvolle und gnadenlose Gesellschaftsstudie, die dem deutschen Markt viel zu lange vorenthalten wurde. Hilary Mantel betrachtet zwar keinen Bereich, der gerade up to date ist, sondern wirft einfach den Blick auf das normale Leben, aber gerade das macht den Reiz aus. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Hilary Mantel

256 Seiten
ISBN 978-3-8321-9823-7

22,99€

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Marie-Sabine Roger, Die Küche ist zum Tanzen da

Marie-Sabine Roger ist aus meiner Sicht die literarische Expertin für Eigenbrötler, ältere Menschen und Personen, die irgendwie nicht in die Schublade „normal“ passen. Bereits in  ihren drei Romanen hat sie auf wundervolle Art und Weise einen Einblick in die Gedanken ihrer Protagonisten gewährt, der meiner Meinung nach schonungslos ehrlich, aber auch liebevoll und in gewisser Weise poetisch ist. Sicherlich kennen die meisten Germain Chasez, der von den Menschen in seiner Umgebung als Dummkopf wahrgenommen wird und mit Hilfe der alten Dame Margerite Escoffier in die literarische Welt eintauchen darf. Diese Geschichte wurde in  „Das Labyrinth der Wörter“ erzählt und anschließend mit  Gérard Depardieu sowie Gisele Casadesus verfilmt. Auch in den Werken „Der Poet der kleinen Dinge“ und „Das leben ist ein listiger Kater“ berichtete sie auf ähnliche Art und Weise von Menschen, die ihren ganz besonderen Lebensweg finden.

Bei dem neuen Buch handelt es sich nicht um einen zusammenhängenden Roman, sondern um einen Erzählband, der vierzehn Geschichten vereint. Auch hier bleibt Roger ihrer Linie treu und nimmt sich den Menschen an, die sonst nicht so häufig Protagonisten sind. Einerseits tauchen wieder vermehrt ältere Leute und Menschen mit geistigen Behinderungen auf, andererseits spielen auch Tiere eine sehr wichtige Rolle. Allen Kapitel ist gemein, dass sie zunächst den Leser in eine ganz besondere Richtung denken lassen und wirklich erst zum Schluss eine Aufklärung der Situation bieten. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist das natürlich dem Leser klar und er während der folgenden Leseabschnitte die Finte zu erahnen. Das gelingt einem aber nicht immer. Aber nicht nur dieser Aspekt macht den besonderen Reiz des Buches aus. Marie-Sabine Roger schafft es sehr rasch und mit sehr sanften und gleichzeitig direkten Worten den Leser für den Protagonisten und seine Gedankenwelt zu gewinnen. Sehr häufig schreibt sie so, wie eine Person auch wirklich denken oder erzählen würde. Es wirkt also nichts literarisch gekünstelt, sondern sehr natürlich und ansprechend.

Selbst bei den verrücktesten Gedanken, die einige Protagonisten haben, hat man den Eindruck der Sinnhaftigkeit. Natürlich sind viele Dinge nicht so wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Aber ehrlich gesagt kenne ich ja meinen Alttag auch gut, also warum sollte ich darüber etwas lesen? Andererseits scheinen die Erzählungen aber trotzdem Alltagsgeschichten zu sein, die so überall auf der Welt jederzeit ablaufen werden. Vermengt mit der typisch französischen Art, dass es kein gekünsteltes Happy End geben muss, sondern auch in einem Scheitern ein Neuanfang steckt, machen die Texte verdammt viel Spaß und lassen den Leser immer wieder lächeln und regen zum Nachdenken an.

Mit ihrer frischen Sprache und den sehr klaren Beschreibungen erschafft Roger eine umfassende Welt, die mit jedem Kapitel neu aufgebaut wird. Obwohl die Satzstruktur meist sehr einfach ist und die Satzlängen eher kürzer sind, hat man beim Lesen nicht das Gefühl von Langeweile. Nein, man scheint wie ein junges Kind durch die Zeilen zu hopsen und möchte unbedingt weiterlesen.

Die Kapitel sind in sich geschlossen und es gibt keine Überschneidungen der Geschichten. Aufgrund der nicht allzu starken Länge lesen sich die Erzählungen sehr rasch weg, wenn man das so sagen kann. Einzig bei einem Abschnitt verspürte ich eine Trägheit, die aufgrund vielfacher Wiederholungen und fehlender Spannung auftauchte.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine leichtes Buch, dass aufgrund der Kapitel auch auf dem Tisch neben dem Lesesessel liegen kann und bei einer Tasse Tee oder Kaffee zwischendurch gegriffen wird. Die Protagonisten berühren das Herz und den Verstand. Dabei lassen sie den Leser lächeln und gleichzeitig träumen.

9783455600285

ISBN 978-3-455-60028-5
192 Seiten
Übersetzung Claudia Kalscheuer
18,00€ (D)

Caroline Eriksson, Die Vermissten

Mit Büchern ist es wie mit Autos oder Eiscreme. Hat ein neues Produkt Erfolg, entwickelt die Konkurrenz umgehend mehr oder weniger gelungene Kopien. Ein Nachahmerprodukt ist immer noch besser als ein schlechtes Original. Und im günstigsten Fall ist es vielleicht sogar eigenständig genug, dass es die Erwartungen der Käufer nach Neuem, aber Ähnlichem erfüllt. Auch der Buchmarkt funktioniert nach solchen Moden. Skandinavische Krimis sind eine sehr erfolgreiche Mode.  Joachim Kronsbein Spiegel 29/2010

Das Zitat von Joachim Kronsbein begleitet mich schon seit ein paar Jahren und hat mich ehrlich gesagt auch das ein oder andere Mal davon abgehalten ein Buch nicht zu lesen, nur weil es sich um einen skandinavischen Krimi handelt. Als ich nun den Psychothriller von Caroline Eriksson in der Hand hielt, war ich dementsprechend skeptisch. Aber rein haptisch war ich sofort ein Freund des Werkes, da der Buchumschlag toll gestaltet ist und der etwas raue Rand auf der einen Seite für Griffigkeit sorgt und auf der anderen Seite eine ganz kleine Gänsehaut erzeugt. Vielleicht sollte ich also doch nicht so skeptisch sein, wenn sich der Verlag schon solche Mühe gibt?

Um was geht es in dem Buch?
Greta ist anscheinend mit ihrem Mann und ihrer Tochter über das Wochenende in ihr kleines Haus an einem verwunschenen See gefahren, der angeblich dunkle Geheimnisse aufbewahrt. Davon erzählt Alex seiner Frau während einer Überfahrt auf eine kleine Insel, die sie gemeinsam erkunden wollen. Da sich Greta nicht so gut fühlt, bleibt sie auf dem kleinen Ruderboot zurück und lässt Mann und Kind alleine zu einem Mini-Abenteuer aufbrechen. Als die Sonne langsam untergeht, sind die beiden allerdings noch immer nicht zurückgekehrt und Greta macht sich große Sorgen. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass beide nicht nur die Zeit vergessen haben, sondern sich bereits auf den Rückweg begeben haben. Aber wie sollten sie das machen? Schließlich hat sie ja die ganze Zeit in dem Boot gesessen und geschlafen. Sie geht also an Land und beginnt mit der Suche, die völlig planlos verläuft, da ihr die Insel völlig unbekannt ist, das Licht langsam schwächer wird und zudem die ganzen gruseligen Geschichten über die Gegend in ihrem Kopf umherschwirren. Trotz einer gewissen Beharrlichkeit kann sie ihre kleine Familie allerdings nicht ausfindig machen. Was sie aber sonst auf der Insel findet, löst eine gewisse Verstörung aus. Greta muss unbedingt zurück zum Haus und ihr Handy holen. Schließlich hat Alex sein Telefon dabei und es sollte leicht sein ihn so zu erreichen. Irgendwo müssen die beiden ja sein.
Der Rückweg, die anschließende weitere Suche, die Fragen nach den Hintergründen und Gretas Rekonstruktion von unterschiedlichen Geschehnissen zehren an ihren Kräften und lassen sie an ihrer psychischen Konstitution zweifeln. Was ist wahr und was hat sie sich eingebildet? Wozu sind Menschen in der Lage und wie werden sie durch ihre Umgebung geformt? Hat Greta vielleicht etwas getan, was sie verdrängt?

Die Arbeit der Autorin
Die Sprache im Allgemeinen und die Konstruktion der Sätze sind durchweg klar und leicht verständlich. Es stellt sich schnell ein guter Lesefluss ein, der dem Leser einen Einstieg in die Geschichte erleichtert, was auch an den vielfachen kurzen Sätzen liegt. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu den verworrenen Gedanken der Protagonistin, ist aber notwendig, da man sonst schnell den Faden verlieren würde. Da dies aber in dem ganzen Buch beibehalten wird, leidet ein wenig die Spannung. Meiner Meinung nach kann man im Laufe der Geschichte dem Leser auf den Fall mehr zumuten. Man sollte dies sogar. Bei mir hat diese Art und Weise zum Beispiel bewirkt, dass ich auf mehr als 50 Seiten nicht recht wusste wann denn jetzt die Geschichte richtig beginnen sollte. Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin krampfhaft versucht eine ganz große Spannung aufzubauen. Da aber alles so klar und prägnant ist, kam keine richtige Stimmung auf. Die Konstruktion der Ereignisse wirkte recht unecht. Dies besserte sich allerdings im Verlauf der Geschichte und die Spannung war stärker zu spüren. Nach der Hälfte des Buches war ich so richtig von der Geschichte gepackt, legte das Buch nicht mehr aus der Hand und fieberte dem Ende entgegen. Bis dahin kamen allerdings noch ein paar absehbare Wendungen, die nicht unbedingt sinnvoll erscheinen bzw. auch hätten anders gelöst werden können.

Fazit
Schlussendlich hat mir das Buch dann zwar gut gefallen, aber es hat mich nicht vom Hocker gerissen. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass hier jemand ein Psychologieseminar besucht, zwei oder drei Fallgeschichten gehört hat und das nun in eine nette Geschichte packen wollte. Mir fehlt einfach das Unerwartete und das wirklich Böse sowie eine Prise Raffinesse. Wer allerdings einen Psychothriller sucht, der nicht zu „krass“ ist, sich leicht lesen lässt und zudem einen Einblick in kleine menschliche Abgründe liefert, kann mit diesem Buch glücklich werden.

Die Vermissten von Caroline Eriksson

€ 13,00 [D]
€ 13,40 [A] |
Paperback
ISBN: 978-3-328-10038-6
Danke an buecher.de für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Hier könnt ihr das Buch bestellen (Erscheinungstag: 08.08.2016).

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Gunnar Cynybulk, Das halbe Haus

Dass das Schreiben ein Prozess der Reinigung und der Vergangenheitsbewältigung sein kann, haben wir schon anhand vieler Romane kennengelernt. In vielen Fällen reisen wir dafür gemeinsam mit einem Protagnoisten in die Vergangenheit der eigenen Familie oder erforschen diese zunächst. Dabei sorgt eine gewisse Nähe zwischen Autor und Protagonist häufig dafür, dass der Leser nicht zu sehr in eine kitschige Umgebung eines drittklassigen historischen Romans gelenkt wird. Die eigene Würde des Literaten bildet sozusagen eine innerliche Barriere.

Gleichzeitig kann aber der Bezug zum eigenen Leben auch zu einer Last werden. Man schweift ab und vergisst den Leser mitzunehmen. Dieser sucht daraufhin immer wieder nach einer Hand, die ihm gereicht wird und ihn durch den Gedankendschungel führt. Bleibt diese Hand aus, ist man schnell frustriert.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Gunnar Cynybulk mir seine Hand nie reichen wird. Ich verzweifelte fast an den stakkatoartigen Sätzen, die den wunderbaren Erzählfluss plötzlich unterbrachen. Ich konnte den Gedanken nicht immer folgen und verlor daraufhin den Faden. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Daher habe ich mich noch einmal ganz neu auf das Buch eingelassen und mich von der Familie, deren Geschichte erzählt wird, aufsaugen lassen. So wurde ich zu einem stummen Begleiter, der nicht jeden Gedanken nachvollziehen, aber das Gefühl, welches mit diesem Gedanken verbunden wurde, nachempfinden konnte. Schon war ich von der Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in den 80er Jahren spielt, gefangen. Im Mittelpunkt steht eine ostdeutsche Familie, die aus einer älteren Dame, ihrem Sohn und ihrem Enkel besteht. Ein kleines Haus, das sie gemeinsam bewohnen, bildet zunächst den Lebensmittelpunkt.

Der Autor erzählt seine Geschichte in vier großen Erzählsträngen, die fortlaufend miteinander verwoben sind. Zunächst geht es um Frank, der seine Ehefrau verloren hat und nun gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Mutter im elterlichen Haus lebt. Frank hat einen angesehenen Job als Ingenieur, sehnt sich aber nach der Freiheit, die er im Westen vermutet. Er fühlt sich eingeengt und bevormundet. Nachdem seiner Mutter als Rentnerin die Ausreise genehmigt wird, steigert sich sein Drang die DDR zu verlassen enorm. Die im Westen befindliche Mutter erzählt ihre Geschichte ebenfalls. Hier liegt aber der Schwerpunkt zunehmend auf dem Erzählstrang, in dem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Explizit geht es um die Ereignisse, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Dabei spielen Flucht, Vertreibung, Liebe und Tod eine große Rolle. Hier ergibt sich für den Leser ein Vorteil gegenüber Frank. Er hat anscheinend keine Kenntnisse über die Familiengeschichte. Sein pubertierender Sohn Jakob, der ein aufstrebender Sportler ist, hat allerdings schon einige Ungereimtheiten entdeckt. Seine eigene chaotische Geschichte lässt ihm jedoch keine Zeit für Nachforschungen. Jakob hat genug mit dem Wunsch des Vaters, einer neuen Stiefmutter, Schikanen in Schule und Sport sowie dem eigenen Erwachsenwerden zu tun.

Gunnar Cynybulk erschafft eine dichte Erzählung, die wundervolle Bezüge zu verschiedenen literarischen und musikalischen Werken herstellt, philosophisch angehaucht ist und immer wieder klar macht, dass es keinen geraden Weg gibt. Kein Leben ist vollkommen und niemand ist fehlerfrei. Man trifft Entscheidungen aus Liebe oder aus einer Überzeugung heraus. Dabei vergisst man hin und wieder die Menschen um sich herum, weil man auch mal selbstsüchtig handeln muss. Manchmal stehen die Prinzipien über allen Dingen und manchmal vergisst man alle Vorhaben, weil man pures Glück empfinden will. Häufig sorgt aber auch der Verlauf der Geschichte dafür, dass alles ganz anders kommt. Wenn man sich auf die Sprache des Autors einlässt und den Figuren ihre Abschweifungen nicht übel nimmt, sondern diese mit ihnen geht, wird man nach dem Lesen des Buches trotz aller Tragik glücklich sein. Man wird sich freuen, dass man mit dem Autor zurückgehen und die Vergangenheit betrachten konnte. Und man wird sich selbst fragen, was man nicht alles für die Freiheit, ein bisschen Liebe und eine Portion Glück machen würde.

9783832197230.jpg.20145576 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9723-0

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Simon van Booy, Die Illusion des Getrenntseins

Martin ist ein älterer Herr, der in Kalifornien lebt und dort als Hausmeister in einem Altenheim tätig ist. Er ist ein guter Zuhörer und hat zu den Menschen einen guten Draht. Teilweise wird er allerdings selbst für einen Heimbewohner gehalten. Wie alt er allerding genau ist, kann er gar nicht sagen, da die Umstände seiner Geburt nicht geklärt sind. Angeblich hat ihn ein Mann in Paris bei sich gehabt. Als Gefahr drohte, legte er den Jungen in die Arme einer Frau. Da dies noch während des Zweiten Weltkrieges geschah, stellte sie keine Fragen. Sie rannte mit dem Kind davon. Als dieses Kind jedoch Hunger bekam und anfing zu schreien, ging die junge Frau in eine Bäckerei, die in den nächsten Jahren ihr zuhause sein sollte. Sie verliebte sich in den Inhaber und gründete mit ihm eine Familie. Zu dieser Familie gehörte Martin wie selbstverständlich. Diese Geschichte hinterfragte er nicht. Erst als er eine Freundin hatte und sie ihn auf seine Beschneidung ansprach, fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Martins Lebensgeschichte ist der Ausgangspunkt für eine Reihe von Erzählungen über die verschiedensten Menschen und ihre unterschiedlichen Erlebnisse. Und obwohl diese Menschen alle auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind sie doch miteinander verbunden. Diese Verbindungen werden aber erst sichtbar, wenn man alle Informationen kennt und von oben beziehungsweise im Rückblick auf das Leben aller Beteiligten schaut.

Simon van Booy gibt jeder Persönlichkeit und jeder Geschichte einen eigenen Raum, der nicht durch die Verbindung zu den anderen Abschnitten eingeengt wird. Die Zusammenhänge werden erst langsam und sehr einfühlsam angebracht. Sie legen sich wie eine leichte Sommerdecke über den Leser und umschmeicheln ihn. Sie greifen Gedanken, die jeder Leser unweigerlich haben wird, auf und gleichzeitig werden Aspekte eingebracht, die man bisher noch nicht kannte oder nicht berücksichtigt hat. Dass diese sehr einfühlsame Darstellung den Leser erreicht und nicht in kitschige Sphären hebt, liegt an der sehr klaren und eleganten Sprache, die den unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihren Lebensumständen gerecht wird. Dabei sorgt eine in sich stimmige Satzstruktur, die sich auch in einer angenehmen Satzlänge äußert, für ein flüssiges Leseerlebnis, das nicht zur Überforderung führt. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass man unbedingt herausfinden will, welche Beziehungen die Protagonisten zueinander haben. Zudem ist die Einbindung verschiedener Länder und Zeiten sehr ansprechend gelungen und macht den Leser neugierig.

Nach dem Lesen der knapp 200 Seiten hat man das Gefühl, dass die verschiedensten Schicksale auch auf 1000 Seiten nicht langweilig werden würden. Die Verbindungen, die zwischen den Menschen hergestellt werden, wirken in keiner Weise konstruiert und berühren den Leser. So ist man im Nachhinein sogar glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es sich der Autor erdacht hat.

 17592Gepl. Erscheinung: 14.04.2014
Gebunden, 207 Seiten
ISBN: 978-3-458-17592-6

18,95 €

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Lesen Sie im Buch: Van Booy, Simon – Die Illusion des Getrenntseins

Monika Peetz, Sieben Tage ohne

– Ein Tor mit einem martialischen Fallgitter bildete den eigentlichen Zugang zur Burg. Die spitzen Holzbalken und die dicke Kette, die sie an ihrem Platz hielt, waren Zeichen von Wehrhaftigkeit und gelebtem Separatismus. Nach einer herzlichen Einladung an fremde Gäste sah das nicht aus. –
Fünf Freundinnen treffen sich seit einem gemeinsamen Französischkurs vor 16 Jahren einmal im Monat in einem französischen Restaurant. Da sie sich immer am ersten Dienstag im Monat dort einfinden, nennen sie sich selbst die „Dienstagsfrauen“. Und obwohl Caroline, Eva, Estelle, Kiki und Judith völlig unterschiedliche Charaktere sind und sehr verschiedene Lebensvorstellungen haben, halten sie immer zueinander und stehen füreinander ein. So war es auch im letzten Jahr, als Judiths Mann verstarb und sie ankündigte seine begonnene Pilgerreise nach Lourdes zu beenden. Die jährliche Erholungsreise, welche sie zu immer zu fünft unternehmen, wurde kurzerhand zur Pilgerreise.
In diesem Jahr ist es ganz überraschend Eva, die ein Reiseziel vorschlägt. Eva, die Frau, die endlich wieder als Ärztin arbeitet und in den letzten Jahren immer wieder damit gehadert hat ihre vier Kinder und den Ehemann für eine Woche alleine zu lassen. Ausgerechnet sie schlägt eine Fastenwoche im Altmühltal vor. Auf einer Burg wollen die Freundinnen abnehmen, entschleunigen und entschlacken. Und das ganz ohne feste Nahrung, Männer, Kinder und Telefone. Was sich zunächst recht ruhig und erholsam anhört, wird von der ersten Stunde an durch Greiztheit, Schlaflosigkeit und einen enormen Hunger überlagert. Die schlechten Launen sorgen dafür, dass alte Wunden aufgerissen werden und Geständnisse an den Tag kommen, die man lieber nicht gemacht hätte. Gleichzeitig finden aber in jeder einzelnen Dienstagsfrau ganz besondere reflektive und fortschrittliche Gedankenprozesse statt. Letztendlich klärt Eva auch ihre Freundinnen darüber auf, dass ihr das Fasten relativ egal ist. Ihr geht es darum ihren Vater zu finden, dessen Geschichte anscheinend mit der Burg verknüpft ist.

Vor einem Jahr stellte Monika Peetz dem literarischen Publikum erstmals die Dienstagsfrauen vor. Das Buch wurde in kürzester Zeit zu einem Bestseller und die Verfilmung ließ nicht lange auf sich warten. Der zweite Band weist zwar dieselben Protagonisten auf, kann aber ganz unabhängig von dem ersten Buch gelesen werden. In die einzelnen Charaktere findet man sich sehr schnell ein und die Geschichte packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Das liegt zu Beginn nicht so sehr an dem Handlunsgverlauf, sondern an der sehr leichtfüßigen und humorvollen Sprache der Autorin, welche bis zum letzten Satz aufrecht erhalten bleibt. Man fühlt sich außerdem fast von den Dienstagsfrauen in ihren Kreis aufgenommen und hat das Gefühl alle fünf schon seit einer halben Ewigkeit zu kennen. Der Ursprung hierfür liegt wiederum in den sehr ausgefeilten Personen, die Monika Peetz sehr liebevoll aber ohne große Schnörkel entwickelt hat. Auf den ersten Blick scheinen sie ganz kurz etwas künstlich und man meint, dass sie direkt aus einer Vorabendkomödie entsprungen sind. Aber im nächsten Moment wird einem klar, dass hier lebensechte Facetten aufgezeigt werden. Die Hintergründe aller Frauen sind sehr realistisch und doch kreativ entworfen. Peetz schafft es wahrscheinlich dadurch, dass sich wirklich jede Leserin in einer der fünf Figuren wiederentdeckt und sich gerne gemeinsam mit den Freundinnen auf den Fastenweg begibt. Belohnt wird man mit einer temporeichen Geschichte, die kleine Ruheinseln voller Lebensweisheiten bereithält und die Irrungen und Wirrungen des Lebens so schön erzählt, dass man die Frauen gleich noch einmal für eine Woche in den Urlaub schicken möchte.

Fazit: Ein schönes kurzweiliges Buch, das voller humorvoller Blüten ist und Lust auf mehr macht.

Erscheinungsdatum: 14. Mai 2012
336 Seiten, Paperback
KiWi 1260
Euro (D) 9,99 | sFr 13,90 | Euro (A) 10,30 

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