Peter Goes, Die Zeitreise. Vom Urknall bis heute

Vor einiger Zeit habe ich HIER die Weltgeschichte in 70 Karten rezensiert. In meiner Rezension bin ich auch auf die sehr farbigen und modernen Abbildungen eingegangen. Das Buch von Peter Goes hat zwar theoretisch das gleiche Thema, hebt sich aber von dem gerade genannte Buch stark ab.

„Die Zeitreise“ hat ein recht großes Format (27,6 x 37,7 x 1,4 cm) mit dem es etwas an die Wimmelbücher erinnert. Und auch im Inneren wimmelt es freudig herum, allerdings nicht so einfach strukturiert wie in den Bilderbüchern. Auf 78 Seiten wird pro Doppelseite ein wichtiges Thema der Erd- und Menschheitsgeschichte angesprochen. Dabei stehen die grafischen Darstellungen stark im Mittelpunkt. Sie sind recht dunkel gehalten und haben einen klaren und auf den ersten Blick eher starren Stil, der allerdings viele Details bereit hält, welche man erst bei einem zweiten oder dritten Blick erfassen kann. Gleichzeitig wird den Betrachtern aber ausreichend Raum für eigene Interpretationen gelassen. Farbliche Akzente werden nur an wenigen Stellen gesetzt, springen dann aber sofort ins Auge.

Zu jedem Thema gibt es einen kurzen Einführungstext, der auch aufgrund des Darstellungsform heraussticht, weil er zusammenhängend und linksbündig abgedruckt wurde. Alle anderen Sätze, Erklärungen und Hinweise bewegen sich wie kleine Wellen um die Bilder. Sie schmiegen sich an, verstecken sich ein bisschen und bringen so eine Art Bewegung in das Bild. Sie geben übersichtliche Informationen und laden zu einem weiteren Entdecken ein, da sie sehr kurz gehalten sind und eher wie kleine Notizen wirken. Gleichzeitig sind diese wenigen Punkte aber auch sehr gehaltvoll und stellen keinesfalls unnützes Wissen dar. Interessant ist, dass die Anzahl der Informationen mit der Zeit zunimmt. Das heißt, dass eher modernere Themen in ihrer Darstellungen zunächst überladener wirken als zum Beispiel die Seiten über die ersten Menschen. Aber schließlich sind die Informationen, die wir aus den letzten Jahrhunderten haben, aufgrund der Sprache und der Schrift auch umfangreicher vorhanden. Gleichzeitig treten auch immer mehr Farben in den Darstellungen auf. Man kann also sagen, dass es sich hier um eine indirekte Spiegelung unserer Gesellschaft handelt, die immer mehr Informationen erzeugt, aber auch vielfältiger wird. Dies mag vielleicht nicht den jungen Betrachtern auffallen wird, aber eventuell in das Bewusstsein der großen „Mitleser“ dringen.

Man kann also zusammenfassend sagen, dass „Die Zeitreise“ ein wirklich interessantes Kinderbuch ist, das durch eine ästhetische Darstellung und prägnante Texte überzeugt. Es ist anders als viele „Erklärbücher“, die vielleicht auf den ersten Blick strukturierter erscheinen, aber doch alle gleich aussehen. Man kann es schon als Kunst für Kinder bezeichnen 🙂

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78 Seiten 
ISBN 978-3-407-82128-7
24,95€
Link zur Verlagsseite (mit Vorschau)

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Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

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ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag

Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In der Geschichtswissenschaft gibt es immer wieder neue Perspektiven oder thematische Schwerpunkte, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Nach vielen Jahren, in denen es nur um die so genannten großen Männer der Geschichte ging, schaute man vermehrt auf das einfache Volk und beschäftigte sich mit Quellengattungen, die vorher etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Doch Statistiken und Tagebücher sowie Krankenakten und zunächst belanglos wirkende Notizen können wir nur verwenden, wenn wir eine große Anzahl davon zur Verfügung haben.

Bezogen auf die Neuzeit haben wir zum Glück eine Vielzahl der genannten Quellen, auch wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt. Und eine sehr großeMenge ist bereits erschlossen, so dass eine Arbeit mit ihnen recht einfach möglich ist. Dies ist für die multiperspektivische Herangehensweise, die in den letzten Jahren (zum Glück) stärker in den Mittelpunkt gerückt ist, eine hervorragende Voraussetzung. Allein die Multiperspektivität reicht aber nicht aus, um ein Thema gut zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die Sozialgeschichte hilft uns wiederum die Perspektiven in eine Relation zu stellen und die Positionen der Akteure zu definieren. Dabei wird leider oftmals das Alltägliche, was den historisch interessierten Menschen für ein Thema begeistern kann, ausgeblendet. Manfred Vasold versucht mit seinem Buch eine Brücke zwischen allen genannten Berichte zu erbauen.

In elf Kapiteln behandelt der Autor so unterschiedliche Themen wie Opferzahlen im Dreißigjährigen Krieg, die Geschichte der Unterhose und einen historischen Abriss über das Rauchen. Da die Inhalte sehr unterschiedlich sind, variieren die Kapitellängen auch stark. Das kürzeste Kapitel (Säuglingssterblichkeit) weist eine Länge von 15 Seiten auf und das längste Kapitel (Kausalkette Wetter, Armut, Hunger und Gewalt) ist dreimal so lang. Was allen Kapiteln gleich ist, ist der recht umfangreiche Literaturanhang. Dies zeigt die wirklich gute Recherche des Autors und bietet viele Möglichkeiten der weiteren Themenbearbeitung. Mir ist aber aufgefallen, dass wahrscheinlich gerade deshalb das Lesen der einzelnen Kapitel etwas erschwert ist. Vasold legt die Erkenntnisse aus den einzelnen Werken gut dar und verbindet die Tatsachen und Schlussfolgerungen auch stets miteinander. Aber bei einigen Kapiteln fehlte mir der eigene Anteil in gewisser Weise. Man hat mehrfach den Eindruck, dass es sich um eine Zusammenstellung der gelesenen Arbeiten handelt, aber eigene Gedanken kaum vertreten sind. Das finde ich bei dem Thema Sozialgeschichte schade, weil man recht gut Bezüge herstellen kann, ohne auf einen anderen Autor verweisen zu müssen. Hat man sich aber an diese Vorgehensweise gewöhnt, taucht man tief in die Sozialgeschichte des Alltags ab und ist fasziniert von den Darstellungen.

Die unterschiedlichen Themenbereiche sorgen für einen umfangreichen Überblick über die wichtigen Entwicklungen und treffen gleichzeitig den Nerv einer großen interessierten Leserschaft. Denn schließlich sind wir alle nicht nur an den Dingen interessiert, die wir schon aus den Geschichtsbüchern kennen. Wir wollen auch Informationen über die Aspekte haben, die sonst kaum oder nie auftauchen. Schließlich ist die Geschichte der Unterhose eine historische Begebenheit, die uns noch heute beeinflusst. Durch diese Auswahl und einige eingebettete Anekdoten kommt auch der Spaß beim Lesen nicht zu kurz. Dafür sorgen auch die Sprache des Autors, die leicht verständlich ist und der Satzbau, der einen angenehmen Lesefluss erzeugt.

Insgesamt handelt es sich also um ein Buch, dass man interessierten Laien und jungen Studenten ebenso empfehlen kann. Auch wenn dem Autor der Spagat zwischen wissenschaftlicher Literatur und dem gemeinen Sachbuch nicht so gut gelingt. Doch damit kann man als Leser nach einer gewissen Eingewöhnungsphase doch recht gut leben.

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424 S., 14 s/w Abb., 7 s/w Tab., 3 s/w Fotos.
Gebunden
ISBN 978-3-515-11190-4
EUR 29,00

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Recht herzlichen Dank an Literaturtest für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Was geschah wann? In 70 Karten durch die Weltgeschichte

Der Verlag DK (Dorling Kindersley) ist mittlerweile bekannt für großformatige und reich bebilderte Erklärbücher, die Leser der verschiedensten Altersklasse ansprechen. Dabei werden klassische und sehr aktuelle Themen gleichfalls beachtet.

Der in der Überschrift genannte Titel weist bereits sehr klar auf das Thema des vorliegenden Buches hin. In dem 160-seitigen Buch, welches eine stattliche Größe aufweist (ca. 25,7 cm/30,7 cm), werden über 70 großformatige Karten wichtige Aspekte aus vier historischen Epochen dargelegt. Unterschieden wird zwischen Frühzeit und Antike, Mittelalter, Neuzeit sowie 20. und 21. Jahrhundert. Die geringste Kartenanzahl entfällt auf das Mittelalter, wobei trotzdem die wichtigsten Ereignisse beziehungsweise Prozesse erwähnt werden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Zeitleiste, die sich über zwei Seiten schlängelt und einen guten Überblick über die jeweilige Epoche gibt. Anschließend beginnen gleich die Karten, welche zwar einen thematischen Schwerpunkt haben, aber natürlich auch wie bei klassischen Karten einen geografischen Bezug herstellen. Für jede Karte gibt es eine eigene Legende, die auch wirklich notwendig ist, da die digital erarbeiteten Karten teilweise recht stark gefüllt sind.Man muss aber ganz klar sagen, dass es hier sehr große Unterschiede gibt. Manche Karten wirken recht leer, andere sind sehr voll und zeichnen sich durch viel Text aus. Da die Redakteure sehr darauf bedacht waren, dass die Leserlichkeit trotzdem nicht eingeschränkt ist, fühlt man sich bei manchen Karten zunächst etwas erschlagen. Die Gestaltung ist generell aber sehr klar und farbig, auch sehr modern.

Als Zielgruppe sehe ich eher größere Leser (ab 8) mit Interesse an Geschichte und einem guten Denkvermögen, da manche Zusammenhänge recht komplex sind. Es handelt sich aufgrund der vielen Texte eher nicht um ein Buch, das man gemeinsam mit kleinen Lesern betrachtet. Trotzdem lädt es aber zum Entdecken ein und vermittelt auch wissen, wenn man nicht den gesamten Text liest.

Erwähnen möchte ich auch noch, dass es sich endlich mal um ein Buch mit historischen Themen handelt, welches nicht die rein europäische Perspektive zeigt. So gibt es zum Beispiel auch Karten die sich mit der Öffnung Japans oder Indiens Unabhängigkeit beschäftigen. Gerade solche Themen tauchen leider viel zu selten in anderen Kinderbüchern auf, wecken aber sehr schnell das Interesse von Kindern und Jugendlichen, da ihr Wissen in diesen Bereichen noch sehr oberflächlich ist.

Fazit: Das Buch wirkt zunächst etwas überladen, beinhaltet aber sehr interessante und wichtige Aspekte der Geschichte. Sie werden ziemlich bunt dargestellt, sprechen aber die Zielgruppe dadurch direkt an. Ich empfehle einen dringenden Blick in das Buch und ein Verschenken an interessierte Kinder im Verwandten- und Freundeskreis.

Cover_193419_GER.indd160 Seiten
70 farbige doppelseitige Karten und über 100 Farbfotos
gebunden
ISBN 978-3-8310-2915-0
EURO 16,95 [D] 17,50 [A]

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Mairowitz & Crumb, Kafka

Kafkaesk! Dieses Wort wird ja in manchen Kreisen und auch zu manchen Zeiten sehr inflationär gebraucht. Aber was meint man damit eigentlich und passt es eigentlich zu dem, was Kafka ausdrücken wollte? Viele (schlaue) Menschen haben versucht den Autor zu verstehen, haben ihn jahrelang analysiert und anschließend in eine schöne passende Box oder Schublade gepackt. Dabei haben sie natürlich immer einen bestimmten Aspekt oder Lebensaschnitt betrachtet und dadurch den Blick für den ganzen Menschen und seine Sozialisation verloren.

David Zane Mairowitz und Robert Crumb haben sich aber genau dies als Thema ihrer Arbeit ausgewählt. Sie versuchen Kafkas Leben, seine innere Zerrissenheit, seine literarischen Werke und die historischen Begebenheiten, die ihn beeinflusst haben, in einem Buch darzustellen, das nicht in ein bestimmtes Genre zu passen scheint. Auf der einen Seite handelt es sich um eine Graphic Novel, die nicht nur durch die verschiedene Anzahl der Panels, sondern auch durch großformatige und einfarbige Zeichnungen besticht. Andererseits bricht diese Form immer wieder ein wenig auf und man weiß nicht mehr recht, ob man sich noch in einer Graphic Novel befindet. In der Rückschau ist das Werk aber letztendlich unheimlich konsistent und dadurch extrem informativ.

Grundlage hierfür bilden die ganz verschiedenen Quellen, die die beiden herangezogen haben. Sie benutzten Tagebucheinträge, Briefe, Kafkas literarische Werke, Sekundärliteratur und ihre eigenen Leseerfahrungen und Interpretationen. Dadurch eintsteht ein wundervoller bildlicher Einblick in all diese Aspekte des Autorenlebens. Diese Bilder sind fantasievoll, düster und manchmal bestechend klar. Sie illustrieren die Werke Kafkas in einer unglaublich durchdringenden Art und Weise und haben mir gleichzeitig sein Seelenleben noch einmal sehr viel eindringlicher dargestellt. Das war für mich ein sehr paradoxes Erlebnis, da doch gerade Kafka immer dazu angehalten hat, dass es keine Illustrationen zu seinen Werken geben soll. Der Leser möge doch bitte seine eigenen gedanklichen Bilder erschaffen.

Einige Beispielbilder kann man (hier) auf der Verlagsseite einsehen.

Für wen ist dieses Buch also geeignet und warum sollte man es lesen?
Aus meiner Sicht ist das Buch für alle Altersklassen ab 14 Jahren geeignet, wenn man Graphic Novels gegenüber aufgeschlossen eingestellt ist. Es ermöglicht einen sehr angenehmen und gleichzeitig umfangreichen Zugang zu den Werken und dem Leben Kafkas. Es tauchen wirklich alle wichtigen literarischen Werke auf und man bekommt einen Überblick über den Inhalt, der durch die Zeichnungen ganz anders abgespeichert wird. Weiterhin kann man die Enstehung seiner Ergüsse besser nachvollziehen, lernt gleichzeitig wichtige biographische Aspekte kennen und kann die Sozialisation des Autors nachvollziehen. Selbst der Umgang mit dem Autor nach seinem Tod wird im Schlussteil sehr differenziert betrachtet. Und selbst wenn man sich überhaupt nicht für Kafka interessiert, sollte man zu dem Buch greifen, weil es sich um eine hervorragende Graphic Novel im weiteren Sinne handelt. Die Zeichnungen sind sehr gelungen und die Geschichte ist spannend zusammengesetzt worden.

9783943143546ISBN 978-3-943143-54-6
176 Seiten, schwarzweiss
14 x 21 cm
Klappenbroschur
EUR 17,00
Link zur Verlagsseite (mit Bestellmöglichkeit)

Gunnar Cynybulk, Das halbe Haus

Dass das Schreiben ein Prozess der Reinigung und der Vergangenheitsbewältigung sein kann, haben wir schon anhand vieler Romane kennengelernt. In vielen Fällen reisen wir dafür gemeinsam mit einem Protagnoisten in die Vergangenheit der eigenen Familie oder erforschen diese zunächst. Dabei sorgt eine gewisse Nähe zwischen Autor und Protagonist häufig dafür, dass der Leser nicht zu sehr in eine kitschige Umgebung eines drittklassigen historischen Romans gelenkt wird. Die eigene Würde des Literaten bildet sozusagen eine innerliche Barriere.

Gleichzeitig kann aber der Bezug zum eigenen Leben auch zu einer Last werden. Man schweift ab und vergisst den Leser mitzunehmen. Dieser sucht daraufhin immer wieder nach einer Hand, die ihm gereicht wird und ihn durch den Gedankendschungel führt. Bleibt diese Hand aus, ist man schnell frustriert.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Gunnar Cynybulk mir seine Hand nie reichen wird. Ich verzweifelte fast an den stakkatoartigen Sätzen, die den wunderbaren Erzählfluss plötzlich unterbrachen. Ich konnte den Gedanken nicht immer folgen und verlor daraufhin den Faden. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Daher habe ich mich noch einmal ganz neu auf das Buch eingelassen und mich von der Familie, deren Geschichte erzählt wird, aufsaugen lassen. So wurde ich zu einem stummen Begleiter, der nicht jeden Gedanken nachvollziehen, aber das Gefühl, welches mit diesem Gedanken verbunden wurde, nachempfinden konnte. Schon war ich von der Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in den 80er Jahren spielt, gefangen. Im Mittelpunkt steht eine ostdeutsche Familie, die aus einer älteren Dame, ihrem Sohn und ihrem Enkel besteht. Ein kleines Haus, das sie gemeinsam bewohnen, bildet zunächst den Lebensmittelpunkt.

Der Autor erzählt seine Geschichte in vier großen Erzählsträngen, die fortlaufend miteinander verwoben sind. Zunächst geht es um Frank, der seine Ehefrau verloren hat und nun gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Mutter im elterlichen Haus lebt. Frank hat einen angesehenen Job als Ingenieur, sehnt sich aber nach der Freiheit, die er im Westen vermutet. Er fühlt sich eingeengt und bevormundet. Nachdem seiner Mutter als Rentnerin die Ausreise genehmigt wird, steigert sich sein Drang die DDR zu verlassen enorm. Die im Westen befindliche Mutter erzählt ihre Geschichte ebenfalls. Hier liegt aber der Schwerpunkt zunehmend auf dem Erzählstrang, in dem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Explizit geht es um die Ereignisse, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Dabei spielen Flucht, Vertreibung, Liebe und Tod eine große Rolle. Hier ergibt sich für den Leser ein Vorteil gegenüber Frank. Er hat anscheinend keine Kenntnisse über die Familiengeschichte. Sein pubertierender Sohn Jakob, der ein aufstrebender Sportler ist, hat allerdings schon einige Ungereimtheiten entdeckt. Seine eigene chaotische Geschichte lässt ihm jedoch keine Zeit für Nachforschungen. Jakob hat genug mit dem Wunsch des Vaters, einer neuen Stiefmutter, Schikanen in Schule und Sport sowie dem eigenen Erwachsenwerden zu tun.

Gunnar Cynybulk erschafft eine dichte Erzählung, die wundervolle Bezüge zu verschiedenen literarischen und musikalischen Werken herstellt, philosophisch angehaucht ist und immer wieder klar macht, dass es keinen geraden Weg gibt. Kein Leben ist vollkommen und niemand ist fehlerfrei. Man trifft Entscheidungen aus Liebe oder aus einer Überzeugung heraus. Dabei vergisst man hin und wieder die Menschen um sich herum, weil man auch mal selbstsüchtig handeln muss. Manchmal stehen die Prinzipien über allen Dingen und manchmal vergisst man alle Vorhaben, weil man pures Glück empfinden will. Häufig sorgt aber auch der Verlauf der Geschichte dafür, dass alles ganz anders kommt. Wenn man sich auf die Sprache des Autors einlässt und den Figuren ihre Abschweifungen nicht übel nimmt, sondern diese mit ihnen geht, wird man nach dem Lesen des Buches trotz aller Tragik glücklich sein. Man wird sich freuen, dass man mit dem Autor zurückgehen und die Vergangenheit betrachten konnte. Und man wird sich selbst fragen, was man nicht alles für die Freiheit, ein bisschen Liebe und eine Portion Glück machen würde.

9783832197230.jpg.20145576 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9723-0

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Simon van Booy, Die Illusion des Getrenntseins

Martin ist ein älterer Herr, der in Kalifornien lebt und dort als Hausmeister in einem Altenheim tätig ist. Er ist ein guter Zuhörer und hat zu den Menschen einen guten Draht. Teilweise wird er allerdings selbst für einen Heimbewohner gehalten. Wie alt er allerding genau ist, kann er gar nicht sagen, da die Umstände seiner Geburt nicht geklärt sind. Angeblich hat ihn ein Mann in Paris bei sich gehabt. Als Gefahr drohte, legte er den Jungen in die Arme einer Frau. Da dies noch während des Zweiten Weltkrieges geschah, stellte sie keine Fragen. Sie rannte mit dem Kind davon. Als dieses Kind jedoch Hunger bekam und anfing zu schreien, ging die junge Frau in eine Bäckerei, die in den nächsten Jahren ihr zuhause sein sollte. Sie verliebte sich in den Inhaber und gründete mit ihm eine Familie. Zu dieser Familie gehörte Martin wie selbstverständlich. Diese Geschichte hinterfragte er nicht. Erst als er eine Freundin hatte und sie ihn auf seine Beschneidung ansprach, fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Martins Lebensgeschichte ist der Ausgangspunkt für eine Reihe von Erzählungen über die verschiedensten Menschen und ihre unterschiedlichen Erlebnisse. Und obwohl diese Menschen alle auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind sie doch miteinander verbunden. Diese Verbindungen werden aber erst sichtbar, wenn man alle Informationen kennt und von oben beziehungsweise im Rückblick auf das Leben aller Beteiligten schaut.

Simon van Booy gibt jeder Persönlichkeit und jeder Geschichte einen eigenen Raum, der nicht durch die Verbindung zu den anderen Abschnitten eingeengt wird. Die Zusammenhänge werden erst langsam und sehr einfühlsam angebracht. Sie legen sich wie eine leichte Sommerdecke über den Leser und umschmeicheln ihn. Sie greifen Gedanken, die jeder Leser unweigerlich haben wird, auf und gleichzeitig werden Aspekte eingebracht, die man bisher noch nicht kannte oder nicht berücksichtigt hat. Dass diese sehr einfühlsame Darstellung den Leser erreicht und nicht in kitschige Sphären hebt, liegt an der sehr klaren und eleganten Sprache, die den unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihren Lebensumständen gerecht wird. Dabei sorgt eine in sich stimmige Satzstruktur, die sich auch in einer angenehmen Satzlänge äußert, für ein flüssiges Leseerlebnis, das nicht zur Überforderung führt. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass man unbedingt herausfinden will, welche Beziehungen die Protagonisten zueinander haben. Zudem ist die Einbindung verschiedener Länder und Zeiten sehr ansprechend gelungen und macht den Leser neugierig.

Nach dem Lesen der knapp 200 Seiten hat man das Gefühl, dass die verschiedensten Schicksale auch auf 1000 Seiten nicht langweilig werden würden. Die Verbindungen, die zwischen den Menschen hergestellt werden, wirken in keiner Weise konstruiert und berühren den Leser. So ist man im Nachhinein sogar glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es sich der Autor erdacht hat.

 17592Gepl. Erscheinung: 14.04.2014
Gebunden, 207 Seiten
ISBN: 978-3-458-17592-6

18,95 €

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Lesen Sie im Buch: Van Booy, Simon – Die Illusion des Getrenntseins