Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.

Insgesamt hat mich das Buch sofort gepackt. Die Figuren waren mir auf Anhieb sympathisch, die Entwicklung der Geschichte ist nachvollziehbar und gleichzeitig spannend. Man wächst ein wenig mit Calpurnia über bestehende gesellschaftliche Konstrukte hinaus und bezieht verschiedenste Gedankengänge auch auf die heutige Zeit. Unweigerlich kommt dabei natürlich der Gedanke auf, ob sie in der heutigen Zeit wohl glücklicher sein würde oder ob es nicht gewisse Zwänge gibt, die sie auch heute noch einengen würden. Letztendlich ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Großvater so eine liebevolle Angelegenheit, dass man beim Lesen auch solche Wohlfühlmomente hat, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

KELLY_24165_MR.indd

 

Empfohlen vom Verlag ab 12 Jahren
Fester Einband
336 Seiten
16,90€
ISBN 978-3-446-24165-7

Link zur Verlagsseite

Hilary Mantel, Jeder Tag ist Muttertag

Bevor ich zu der eigentlichen Besprechung des Buches komme, muss ich auf die folgenden Dinge hinweisen:

  • Ich mag Roald Dahl
  • Ich finde englischen Humor fantastisch
  • Ich mag Bücher, in denen immer wieder der Finger in offene Wunden gelegt wird
  • Figuren, die jenseits der politischen oder gesellschaftlichen Korrektheit handeln, sind mir sehr sympathisch

Diese Punkte waren glaube ich die Grundvoraussetzung dafür, dass ich mit dem Werk von Hilary Mantel wirklich etwas anfangen konnte und die Fragezeichen nicht Überhand nahmen. Obwohl ich zugeben muss, dass sie immerhin ein paar Mal auftauchten.

„Jeder Tag ist Muttertag“ erschien bereits 1985 in England und war das Erstlingswerk der Autorin. Obwohl das eigentlich so nicht ganz korrekt ist. Hilary Mantel hatte bereits ein anderes Buch geschrieben, welches aber von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde. In einer gewissen Regelmäßigkeit veröffentlichte sie weitere Werke, wurde aber erst 2002 für den deutschen Markt entdeckt bzw. erstmals in Deutschland veröffentlicht. Nachdem sie 2009 und (!) 2012 den Booker Prize erhielt, ist nun wirklich den meisten Literaturmenschen ein Begriff. Dabei ist ihr Œu­v­re aus meiner Sicht nicht so einseitig wie bei anderen AutorInnen. Natürlich sind viele ihrer Werke sozialkritisch. Aber dabei verändert sie immer wieder den Blickwinkel und lässt auch ihre Auslandserfahrungen einfließen. Zudem geht sie ihrer ursprünglichen Leidenschaft nach und veröffentlicht historische Romane. In allen Büchern ist ihre Eigenart zu erkennen und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit jeder Geschichte ein wenig neu entdeckt und auch erfindet.

In dem vorliegenden Buch, dessen Geschichte übrigens in „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ fortgesetzt wird und gerade veröffentlicht wurde, erhält man einen Einblick in zwei Familien, deren Wege sich mehrfach leicht berühren und schlussendlich kreuzen. Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? Das sie gefördert wird? Was soll das für einen Sinn haben? Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.

Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude. Manchmal hält man kurz an und denkt, dass das jetzt vielleicht doch etwas zu abgedreht dargestellt wird. Aber nach wenigen Sekunden wird einem klar, dass das vielleicht ein nach außen transportiertes Bild ist. Und wenn man Mäuschen spielen könnte, würde man ähnliche Geschichten in diversen Haushalten wiederfinden.

Fazit: Für mich handelt es sich um eine humorvolle und gnadenlose Gesellschaftsstudie, die dem deutschen Markt viel zu lange vorenthalten wurde. Hilary Mantel betrachtet zwar keinen Bereich, der gerade up to date ist, sondern wirft einfach den Blick auf das normale Leben, aber gerade das macht den Reiz aus. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Hilary Mantel

256 Seiten
ISBN 978-3-8321-9823-7

22,99€

Link zur Verlagsseite

Michel Houellebecq, Gestalt des letzten Ufers (Gedichte)

Man sagt ja, dass mit einem erhöhten Alter den Menschen eine gewisse Einsicht eingehaucht wird und die zurückliegenden Lebensphasen kritisch reflektiert werden. Viele Dinge werden einerseits nicht mehr so verbissen gesehen. Aber andererseits schleicht sich doch bei vielen älteren Herrschaften eine recht mürrische Art ein. Nun geht es Autoren nicht viel anders und gerade bei den Vertreter der schreibenden Zunft, die sich auf die Gesellschaftskritik stürzten, erwartete man von Lebensjahr zu Lebensjahr ein Buch, das entweder den totalen Zerfall des Schriftstellers belegt oder das Gedankengerüst, welches mit den erfolgreichen Werken aufgebaut wurde, in einer kritischen und reflektierten Endversion erklärt.

Michel Houellebecqs literarische Leistung steht für mich außer Frage. Er hat in seinen Romanen sehr direkt und schonungslos beschrieben, wie unsere Gesellschaft und unsere Beziehungen zu einem großen Teil aussehen. Er hat bestehende Strukturen hinterfragt und den Finger immer wieder auf Wunden gelegt, von denen wir glaubten, dass sie nicht mehr schmerzen würden, wenn wir in eine andere Richtung schauen. Doch nach der Lektüre kehrte sich diese Haltung des Verdrängens und Ausblendes um. Man konnte nicht anders als immer hinzuschauen und zu beobachten. Wie bei einem Unfall, der erschreckend und faszinierend zugleich ist, betrachtete man Freunde und ihre Lebenswege, erörterte immer wieder die eigene Situation und blieb dann doch an dem Gedanken hängen, wie wohl wahre Lebensfreude und Glück in unserer heutigen Gesellschaft definiert werden können.

Da sich Houllebecq mit jedem Roman selbst übertraf, wurde gleichzeitig vor jeder Neuveröffentlichung der Abgesang des Autors prophezeit. Hatte er denn nicht schon alles seziert? War seine Wortwahl nicht schon drastisch genug? Und wird er nicht endlich einmal „erwachsen“? Diese Fragen stellten sich allerdings nur Menschen, die sich nicht mit dem litrarischen Anfang des Autors befasst hatten. Denn zum Romanschreiben kam er nur eher zufällig. Literarisch gesehen fühlt er sich in der lyrischen Welt sehr viel stärker verwurzelt. Und so verwundert es auch nicht, dass zwischen den Romanen immer wieder Gedichtbände veröffentlicht wurden.

Aus meiner Sicht dringt er in seinen Gedichten noch sehr viel tiefer in die menschliche Gefühlswelt vor, gibt aber auch augenscheinlich mehr von sich preis. Er vermischt häufig sehr analytische Texte mit simplen Beobachtungen, aus denen er Alltagsweisheiten ableitet. Diese führen dann wieder zu komplexen Überlegungen, die er mit wenigen Worten darstellt.  Wenn man also wissen will, ob Houellebecq seine Ansichten mit dem Alter verändert hat, muss man sich seine Gedichte anschauen. Die Romane sollte man aber im Hinterkopf haben.

Dass der neue Gedichtband den Titel „Gestalt des letzten Ufers“ trägt führt natürlich wieder zu den oben genannten Spekulationen und lässt vermuten, dass die Hochzeit des Autors dem Ende entgegen geht. Ich habe dies zunächst nicht stärker berücksichtigt. Schaut man sich jedoch neuere Filmaufnahmen an, die Michel Houellebecq zeigen und liest man die Gedichte sehr konzentriert, kann man leider den Eindruck gewinnen, dass es sich wirklich um eine Art Abschied handelt. Houellebecq hat immer über Krebs, den Freitod und das Alter geschrieben. Doch nie war der Eindruck von einem gewissen Verfall und einem Verabschieden so stark. Das bedeutet auf gar keinen Fall, dass die Gedichte keine literarische Kraft erzeugen! Nein, dies bezieht sich wirklich nur auf die Person und die dargestellten Gefühle. Die Kritik an der Liebe und an dem Umgang der Menschen miteinander ist noch immer da. Aber das Alter und die damit zusammenhängenden sexuellen Einschränkungen führen dazu, dass die literarischen Figuren noch stärker an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Der Wert einer Person wird tatsächlich noch stärker über die sexuelle Kraft bestimmt. Doch die biologischen Gegebenheiten sorgen für eine Reflexion des eigenen Handelns und ein Nachdenken über die Liebe. Man hat den Eindruck, dass man erst mit dem Alter und dem Ausschluss aus dem Kreis der sexuell aktiven Menschen überhaupt erkennt, was wahres Glück und wahre Liebe bedeuten. Gleichzeitig hat man aber generell einen gewissen Abstand zu der gerade aktivsten Generation und kann die Prioritäten noch einmal neu setzen. Man denkt ebenso über das eigene Ende nach und möchte nicht auch noch darüber die Macht verlieren.

Houellebecq fängt all diese Gedanken und Gefühle in wenigen Worten ein, die tief in das Bewusstsein des Lesers dringen. Teilweise hat man den Eindruck, dass hier jemand spricht, der schon am anderen Ufer steht und über eine Weisheit verfügt, die man nur erlangen kann, wenn man sein eigentliches Leben bereits hinter sich gelassen hat. Die Worte wirken noch viel länger nach als die Sätze der Romane. Schaut man sich zudem die französischen Originalzeilen an, die in dem Band von DuMont linksseitig abgedruckt sind, erfährt man nicht nur eine Berührung des Geistes, sondern auch eine Berüjhrung des Herzens. Derr Klang der Worte ist so wunderbar, dass man ihn ständig in den Ohren haben möchte. Französisch ist aus meiner Sicht schon eine Sprache, die eine wundervolle Melodie aufweist. Doch die Textstruktur verstärkt diese Wirkung noch. Sie entfaltets ich auch, wenn man die Worte nicht im Detail versteht.
Die Tiefe der Sprache wird durch einen gut gewählten Schriftsatz unterstützt. Seiten, die teilweise nur einen Satz aufweisen, verdeutlichen die Aussage der einzelnen Worte und sorgen für das konzentrierte Lesen.

Wenn dies wirklich das letzte Werk des Autors sein sollte, was ich nicht hoffe, dann hat er seinen Abschied grandios gestaltet. Er könnte würdevoll abtreten und im Gedächtnis vieler beeindruckter Leser zurückbleiben. Sollte aber noch ein Roman folgen, wird er hoffentlich auf den Gedanken dieser Gedichte beruhen.

Gestalt-des-letzten-Ufers-9783832197414_xxl

 

176 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm

Originaltitel: Configuration du dernier rivage
Originalverlag: Flammarion, 2013
EUR 18,00
ISBN 978-3-8321-9741-4

Link zur Verlagsseite
Lesen Sie im Buch: Houellebecq, Michel – Gestalt des letzten Ufers

Tilman Jens, Der Sündenfall des Rechtsstaats

Die Zirkumzision aus religiösen Motiven gehört noch immer zum Alltag vieler muslimischer und jüdischer Gemeinden. Interesse an diesem Thema zeigten bis zum Jahr 2012 weder die deutsche Bevölkerung noch die politische Führung des Landes. Erst ein Kölner Gerichtsurteil vom 07. Mai 2012, in welchem die Beschneidung als Körperverletzung eingestuft wurde, führte zu einer Debatte. Obwohl man gleich sagen muss, dass das Wort Debatte den Kern nicht wirklich trifft. Es gab ein sehr großes Medienecho und politische Konsequenzen, die übereilt wirkten. Eine konstruktive und ausreichende Diskussion kann man aber im Nachhinein nicht erkennen.

Diese Problematik greift Tilman Jens auf und stellt die wichtigsten Aussagen, die von religiöser, politischer und medizinischer Seite angebracht wurden gegenüber. Das Thema der Beschneidung sieht er als symptomatischen Ausdruck unseres modernen Verhältnisses zu den Religionen. In seinem Werk macht er von Beginn an keinen Hehl aus seiner Einstellung und sagt klar und deutlich, dass er die Beeinflussung der Gesellschaft und der damit zusammenhängenden Grundwerte durch die Religionen sehr bedenklich findet. Aus seiner Sicht werden religiöse Werte und Vorstellungen über Menschenrechte gestellt. Dabei bezieht er die drei großen monotheistischen Religionen ein und betrachtet die Vorgehensweise ihrer Vertreter genau. Er unterscheidet weiterhin liberale und konservative Strömungen und bringt verschiedene Betrachtungsweisen an. So entsteht ein sehr umfangreiches Bild und man kann sich ansatzweise ein eigenes Urteil über das Thema erlauben.

So sinnvoll sein Ansatz auch ist und so fruchtbar das Buch für eine kommende Diskussion sein kann, die sprachliche Qualität hebelt einige Argumente fast aus. Ich hatte bereits nach den ersten Seiten das Gefühl, dass ein aggressiver Grundton deutlich herausragt. Es ist verständlich, dass der Autor endlich seine Meinung preisgeben möchte und sein Wissen über das Thema weitergeben will. Aber er ist am Anfang zu aufgeregt. Der Leser hat den Eindruck, dass die Worte geradezu aus dem Mund des Verfassers stolpern und dabei an Klarheit verlieren. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn man in den ersten Kapiteln eine gewisse Stringenz vermisst. Es ist ein wenig so, als ob Tilman Jens uns im Kreis dreht und irgendwann anhält. Wir brauchen dann aber noch eine gewisse Zeit bis wir wieder vernünftig laufen können. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, fügen sich die ganzen Informationen zusammen und man fragt sich, warum der Autor nicht noch viel mehr aus seinem Werk gemacht hat. Sicherlich ist es nur als kurze Streitschrift gedacht. Aber wäre es nicht sinnvoll, wenn daraus ein Sachbuch erwächst, das in einer leicht verständlichen Sprache die Problematik in einem größeren Zusammenhang bespricht? Um ernsthaft wahrgenommen zu werden, müsste der Autor aber wie gesagt ein wenig seine Wut unterdrücken und die eigene Meinung geringfügig zurückstecken. Beziehungsweise glaube ich, dass abgeänderte Formulierungen schon einen großen Fortschritt darstellen würden. Der ein oder andere Satz erinnert einfach zu stark an ein bockiges Kind, das endlich einmal erhört werden will.

Insgesamt kann man sagen, dass das Werk einen guten Anstoß für eine neuerliche und notwendige Debatte bietet, da interessante und teilweise unbekannte Argumente vorgestellt werden. Die sprachliche Qualität und der Sinnzusammenhang konnten mich leider nicht vollkommen überzeugen.

023_06632_135828_xxl

 

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

127 Seiten

13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-579-06632-5
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90

Link zur Verlagsseite (mit Leseprobe)

Christine Lawens, Der gebrochene Zweig

– Verrücktes Weibstück. –
Sheila ist eine strebsame Londoner Anwältin, die eine kinderlose Ehe mit dem erfolgreichen Fußballer Elias Belfort führt. Sie sah ihr gesamtes Leben immer als gut durchgeplant, erfolgreich und glücklich. Doch ihr Mann zerstört alles völlig unerwartet indem er ihr mitteilt, dass er sich verliebt hat und die neue Frau an seiner Seite bereits ein gemeinsames Kind unter ihrem Herzen trägt.
Sheila ist am Boden zerstört und versucht ihre Trauer und Wut mit zusätzlicher Arbeit zu betäuben. Dies bringt sie jedoch an den Rand ihrer Kräfte. Gedrängt von ihrem guten Freund und Kollegen sowie ihrem Chef, gönnt sie sich ein paar Monate Auszeit, die sie auf einer Andalusischen Hazienda verbringen möchte. Bei ihrem letzten Besuch war sie noch ein junges Mädchen, das dort seine Ferien verbrachte und sich liebevoll um die Pferde kümmerte. Diesmal kehrt sie als erwachsene Frau zurück und möchte gemeinsam mit den Männern auf dem Land arbeiten und den gesamten Tag im Sattel verbringen. Sie will aber auch wieder zu sich finden und sich klar werden, wie ihre Zukunft ohne Mann aussehen soll. Der stolze und sture Vorarbeiter Rafael Márquez macht ihr die Eingewöhnung allerdings nicht leicht. Bald merken die beiden aber, dass die gegenseitige Antipathie nur eine Tarnung für die eigentlichen Gefühle darstellte. Zwischen den völlig verschiedenen Menschen entsteht eine brennende und unkontrollierbare Leidenschaft, die beiden gut tut und zunächst der Ausgangspunkt für eine gemeinsame Zukunft zu sein scheint. Die unterschiedlichen Lebenswelten sind aber immer wieder der Grund für Streit. Und dann verschwindet Rafael eines Tages ganz plötzlich.
Bisher habe ich mich nur an wenige Romane getraut, die in Ansätzen eine Liebesgeschichte beinhalten. Zu schmalzig, zu übertrieben und zu unecht. Daher bin ich auch an dieses Buch ein wenig voreingenommen herangegangen. Londoner Juristen und Profifußballer? Das kam mir etwas konstruiert vor. Doch die Trennung war ja bereits absehbar und ich wollte diesem Genre auch eine Chance geben. Darüber bin ich jetzt sehr froh. Ich habe während der ganzen Höhen und Tiefen mitgefiebert, musste unbedingt weiterlesen und ja, das muss ich leider zugeben, ich habe in der Mitte des Buches geschmult wie es ausgeht. Ich konnte es einfach nicht aushalten. 
Da die Geschichte so spannend geschrieben ist und die Charakter sehr stilvoll aufeinander abgestimmt sind, habe ich mich auch nicht an einigen wenigen Fehlern in dem Buch gestört. Es hat zum Beispiel ein „nicht“ gefehlt, was mich kurzfristig verwirrt hat. Oder es gab kleine Wortdreher. Aber das ist, zumindest aus meiner Sicht, alles nicht dramatisch. Viel wichtiger sind mir die Figuren und die Handlung. Und wie bereits gesagt passt beides. Sheila und Rafael sind sich eigentlich sehr ähnlich, doch ihr jeweiliger Stolz, lässt sie immer wieder aneinander abprallen. Zudem erschweren ihnen die verschiedenen Lebenswelten eine gemeinsame Zukunft. Dabei konstruieren beide in vielen Fällen lediglich Probleme, die man überwinden kann.
Christine Lawens schreibt in einer leicht verständlichen nicht zu säuseligen Sprache, die auch die Liebesszenen nicht kitschig wirken lässt. Die Leidenschaft, die zwischen den beiden Verliebten entbrannt ist, kann man fast greifen und die machohaftige Art von Rafael macht die ganze Sache noch spannender und reizvoller. Das gegenseitige Verlangen und die Phasen, in denen sie sich wieder abstoßen sind hervorragend aufeinander abgestimmt und ein wichtiger Baustein in der gesamten Handlung. Sie sind wirklich das Salz in der Suppe und sorgen für eine Spannung, die keine besonderen Ereignisse braucht, um an Tempo zu gewinnen.
Fazit: Ein toller Roman für kuschelige Sofastunden. Hoffentlich gibt es bald noch mehr von der Autorin!

ISBN:  978-3-8424-9521-0 
Preis:  15,90                      
Seiten: 356    

Link zur Autorenseite mit Lesprobe

Michael Tietz, Rattentanz

Die Geschichte:
Zwei Jungs wollen das Schreiben einer Klausur verhindern. Um das zu erreichen, programmieren sie einen Computervirus, der sich im gesamten Schulnetz ausbreiten soll. Dabei unterläuft ihnen ein schwerwiegender Fehler. Der Virus wird nicht, wie geplant, in 40 Tagen aktiv, sondern in 400. Bis zu diesem Zeitpunkt breitet sich der Virus über die ganze Welt aus. Er infiziert neben Schulnetzwerken wichtige Regierungsdateien, Internetportale usw. Am Tag der Aktivierung bricht das ganze „normale“ Leben der bisherigen Gesellschaft zusammen. Flugzeuge können nicht mehr navigieren und stürzen ab, Handys haben keinen Empfang mehr, das Radio sendet nur ein Rauschen, riesige Schiffe werden unlenkbar, Bankautomaten können nicht mehr genutzt werden, der Strom fällt aus und die Wasserversorgung existiert nicht mehr. Zunächst denkt die Bevölkerung der Gemeinde Wellendingen, das im Mittelpunkt des Buches steht, an ein vorübergehendes Problem. Doch nachdem mehrere Flugzeuge abgestürzt sind, Banken geplündert wurden und die rechtsstaatlichen Organisationen keine Kontrolle mehr über die Menschen haben, bricht das Chaos aus. Jeder denkt nur an seinen momentanen Vorteil und nicht nur bereits straffällig gewordene Personen ziehen mordend und plündernd durch die Straßen.
Die Protagonisten des Buches sind zu einem großen Teil die Einwohner von Wellendingen, sowie ihre Bekannten und Verwandten. Einen eigenen Teil bildet die Geschichte von Hans Seeger, der aus Wellendingen stammt, sich aber während de globalen Unglücks beruflich in Schweden aufhält. Der Autor beschreibt die neu entstandene Situation und der Umgang der Menschen damit und ihr Verhalten untereinander. Wie kommen wir an frisches Wasser? Wie bekämpfen wir Krankheiten? Wie kann die Nahrungsversorgung gesichert werde? Und natürlich stellt sich immer wieder die Frage, ob es sich bei der Katastrophe nur um ein lokales Phänomen handelt. Im Laufe einer Reorganisation kommt es zu offenen und verdeckten Straftaten, lange unterdrückte Ideen und Gefühle brechen hervor, da es keine gesellschaftlich auferlegten Schranken mehr gibt und einige sehen ihre Stunden gekommen endlich die Macht an sich ziehen zu können.

Die Sprache:
Der Autor findet für die Beschreibung der umfangreichen Katastrophe klare und einprägsame Worte. Er deutet Brutalität und Unrecht nicht nur an, sondern nennt sie offen und schonungslos. Die verschiedenen sprachlichen Akzente werden den Figuren gerecht und zeichnen ein klares Bild von der einzelnen Person. Die Sätze haben eine angenehme länge und lassen sich daher gut lesen. Begrifflichkeiten, die nicht geläufig sind werden gut erklärt. Aber auch die Gefühle, die die einzelnen Personen in den verschiedenen Situation empfinden können gut nachvollzogen werden.

Gesamteindruck:
Das Buch ist erschreckend und faszinierend zugleich. Ich musste einige Male eine Pause machen, um die Brutalität verdauen zu können. In diesen Momenten war ich aber noch schockierter, weil mir bewusst wurde, dass die Realität wahrscheinlich wirklich so aussehen würde. Wer hat heute noch Lebensmittel im Haus, die für einen Zeitraum von über sieben Tagen reichen? Welcher Städter kennt sich mit Anbautechniken aus? Was würde geschehen wenn jeder nur an seinen Vorteil denken würde?
Aus meiner Sicht beschreibt Michael Tietz die entstehenden Konflikte und notwendigen Erneuerungen der Gesellschaft sehr gut. Die klare Sprache unterstützt die Geschichte enorm. Außerdem sind die Figuren hervorragend. Es gibt den Bösewicht, den man auf jeder Seite am liebsten selbst eine runterhauen möchte, die aufopfernde Frau, die ihre Ideale nicht vergessen hat, die Mitläufer, die großspurigen Redner etc. All ihre Probleme, inneren Konflikte und Schicksalsschläge und Päne werden in dem Buch fantastisch beschrieben.
Und natürlich hat dieses Werk ein fantastisches Ende.

Fazit:
Aus meiner Sicht handelt es sich um ein rundherum gelungenes und sehr spannendes Buch, dass einen Vergleich mit den Romanen Schätzings nicht scheuen muss. Es ist absolut empfehlenswert.

Kartoniert
€ 14,95 [D], € 15,40 [A], sFr 25,50

ISBN-10: 3548282512
ISBN-13: 9783548282510

Verlagsseite zum Buch

Bild und Infos von der Verlagsseite (s.o.)