Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

In der Geschichtswissenschaft gibt es immer wieder neue Perspektiven oder thematische Schwerpunkte, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Nach vielen Jahren, in denen es nur um die so genannten großen Männer der Geschichte ging, schaute man vermehrt auf das einfache Volk und beschäftigte sich mit Quellengattungen, die vorher etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Doch Statistiken und Tagebücher sowie Krankenakten und zunächst belanglos wirkende Notizen können wir nur verwenden, wenn wir eine große Anzahl davon zur Verfügung haben.

Bezogen auf die Neuzeit haben wir zum Glück eine Vielzahl der genannten Quellen, auch wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt. Und eine sehr großeMenge ist bereits erschlossen, so dass eine Arbeit mit ihnen recht einfach möglich ist. Dies ist für die multiperspektivische Herangehensweise, die in den letzten Jahren (zum Glück) stärker in den Mittelpunkt gerückt ist, eine hervorragende Voraussetzung. Allein die Multiperspektivität reicht aber nicht aus, um ein Thema gut zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die Sozialgeschichte hilft uns wiederum die Perspektiven in eine Relation zu stellen und die Positionen der Akteure zu definieren. Dabei wird leider oftmals das Alltägliche, was den historisch interessierten Menschen für ein Thema begeistern kann, ausgeblendet. Manfred Vasold versucht mit seinem Buch eine Brücke zwischen allen genannten Berichte zu erbauen.

In elf Kapiteln behandelt der Autor so unterschiedliche Themen wie Opferzahlen im Dreißigjährigen Krieg, die Geschichte der Unterhose und einen historischen Abriss über das Rauchen. Da die Inhalte sehr unterschiedlich sind, variieren die Kapitellängen auch stark. Das kürzeste Kapitel (Säuglingssterblichkeit) weist eine Länge von 15 Seiten auf und das längste Kapitel (Kausalkette Wetter, Armut, Hunger und Gewalt) ist dreimal so lang. Was allen Kapiteln gleich ist, ist der recht umfangreiche Literaturanhang. Dies zeigt die wirklich gute Recherche des Autors und bietet viele Möglichkeiten der weiteren Themenbearbeitung. Mir ist aber aufgefallen, dass wahrscheinlich gerade deshalb das Lesen der einzelnen Kapitel etwas erschwert ist. Vasold legt die Erkenntnisse aus den einzelnen Werken gut dar und verbindet die Tatsachen und Schlussfolgerungen auch stets miteinander. Aber bei einigen Kapiteln fehlte mir der eigene Anteil in gewisser Weise. Man hat mehrfach den Eindruck, dass es sich um eine Zusammenstellung der gelesenen Arbeiten handelt, aber eigene Gedanken kaum vertreten sind. Das finde ich bei dem Thema Sozialgeschichte schade, weil man recht gut Bezüge herstellen kann, ohne auf einen anderen Autor verweisen zu müssen. Hat man sich aber an diese Vorgehensweise gewöhnt, taucht man tief in die Sozialgeschichte des Alltags ab und ist fasziniert von den Darstellungen.

Die unterschiedlichen Themenbereiche sorgen für einen umfangreichen Überblick über die wichtigen Entwicklungen und treffen gleichzeitig den Nerv einer großen interessierten Leserschaft. Denn schließlich sind wir alle nicht nur an den Dingen interessiert, die wir schon aus den Geschichtsbüchern kennen. Wir wollen auch Informationen über die Aspekte haben, die sonst kaum oder nie auftauchen. Schließlich ist die Geschichte der Unterhose eine historische Begebenheit, die uns noch heute beeinflusst. Durch diese Auswahl und einige eingebettete Anekdoten kommt auch der Spaß beim Lesen nicht zu kurz. Dafür sorgen auch die Sprache des Autors, die leicht verständlich ist und der Satzbau, der einen angenehmen Lesefluss erzeugt.

Insgesamt handelt es sich also um ein Buch, dass man interessierten Laien und jungen Studenten ebenso empfehlen kann. Auch wenn dem Autor der Spagat zwischen wissenschaftlicher Literatur und dem gemeinen Sachbuch nicht so gut gelingt. Doch damit kann man als Leser nach einer gewissen Eingewöhnungsphase doch recht gut leben.

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424 S., 14 s/w Abb., 7 s/w Tab., 3 s/w Fotos.
Gebunden
ISBN 978-3-515-11190-4
EUR 29,00

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Recht herzlichen Dank an Literaturtest für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Gunnar Cynybulk, Das halbe Haus

Dass das Schreiben ein Prozess der Reinigung und der Vergangenheitsbewältigung sein kann, haben wir schon anhand vieler Romane kennengelernt. In vielen Fällen reisen wir dafür gemeinsam mit einem Protagnoisten in die Vergangenheit der eigenen Familie oder erforschen diese zunächst. Dabei sorgt eine gewisse Nähe zwischen Autor und Protagonist häufig dafür, dass der Leser nicht zu sehr in eine kitschige Umgebung eines drittklassigen historischen Romans gelenkt wird. Die eigene Würde des Literaten bildet sozusagen eine innerliche Barriere.

Gleichzeitig kann aber der Bezug zum eigenen Leben auch zu einer Last werden. Man schweift ab und vergisst den Leser mitzunehmen. Dieser sucht daraufhin immer wieder nach einer Hand, die ihm gereicht wird und ihn durch den Gedankendschungel führt. Bleibt diese Hand aus, ist man schnell frustriert.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, dass Gunnar Cynybulk mir seine Hand nie reichen wird. Ich verzweifelte fast an den stakkatoartigen Sätzen, die den wunderbaren Erzählfluss plötzlich unterbrachen. Ich konnte den Gedanken nicht immer folgen und verlor daraufhin den Faden. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Daher habe ich mich noch einmal ganz neu auf das Buch eingelassen und mich von der Familie, deren Geschichte erzählt wird, aufsaugen lassen. So wurde ich zu einem stummen Begleiter, der nicht jeden Gedanken nachvollziehen, aber das Gefühl, welches mit diesem Gedanken verbunden wurde, nachempfinden konnte. Schon war ich von der Geschichte, die eigentlich hauptsächlich in den 80er Jahren spielt, gefangen. Im Mittelpunkt steht eine ostdeutsche Familie, die aus einer älteren Dame, ihrem Sohn und ihrem Enkel besteht. Ein kleines Haus, das sie gemeinsam bewohnen, bildet zunächst den Lebensmittelpunkt.

Der Autor erzählt seine Geschichte in vier großen Erzählsträngen, die fortlaufend miteinander verwoben sind. Zunächst geht es um Frank, der seine Ehefrau verloren hat und nun gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Mutter im elterlichen Haus lebt. Frank hat einen angesehenen Job als Ingenieur, sehnt sich aber nach der Freiheit, die er im Westen vermutet. Er fühlt sich eingeengt und bevormundet. Nachdem seiner Mutter als Rentnerin die Ausreise genehmigt wird, steigert sich sein Drang die DDR zu verlassen enorm. Die im Westen befindliche Mutter erzählt ihre Geschichte ebenfalls. Hier liegt aber der Schwerpunkt zunehmend auf dem Erzählstrang, in dem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Explizit geht es um die Ereignisse, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Dabei spielen Flucht, Vertreibung, Liebe und Tod eine große Rolle. Hier ergibt sich für den Leser ein Vorteil gegenüber Frank. Er hat anscheinend keine Kenntnisse über die Familiengeschichte. Sein pubertierender Sohn Jakob, der ein aufstrebender Sportler ist, hat allerdings schon einige Ungereimtheiten entdeckt. Seine eigene chaotische Geschichte lässt ihm jedoch keine Zeit für Nachforschungen. Jakob hat genug mit dem Wunsch des Vaters, einer neuen Stiefmutter, Schikanen in Schule und Sport sowie dem eigenen Erwachsenwerden zu tun.

Gunnar Cynybulk erschafft eine dichte Erzählung, die wundervolle Bezüge zu verschiedenen literarischen und musikalischen Werken herstellt, philosophisch angehaucht ist und immer wieder klar macht, dass es keinen geraden Weg gibt. Kein Leben ist vollkommen und niemand ist fehlerfrei. Man trifft Entscheidungen aus Liebe oder aus einer Überzeugung heraus. Dabei vergisst man hin und wieder die Menschen um sich herum, weil man auch mal selbstsüchtig handeln muss. Manchmal stehen die Prinzipien über allen Dingen und manchmal vergisst man alle Vorhaben, weil man pures Glück empfinden will. Häufig sorgt aber auch der Verlauf der Geschichte dafür, dass alles ganz anders kommt. Wenn man sich auf die Sprache des Autors einlässt und den Figuren ihre Abschweifungen nicht übel nimmt, sondern diese mit ihnen geht, wird man nach dem Lesen des Buches trotz aller Tragik glücklich sein. Man wird sich freuen, dass man mit dem Autor zurückgehen und die Vergangenheit betrachten konnte. Und man wird sich selbst fragen, was man nicht alles für die Freiheit, ein bisschen Liebe und eine Portion Glück machen würde.

9783832197230.jpg.20145576 Seiten, Hardcover
H21,0 x B13,5 cm
EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9723-0

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Maël & Olivier Morel, Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet

Olivier Morel ist französischer und mittlerweile amerikanischer Staatsbüger gleichzeitig. Er hat sich mehrfach filmerisch mit dem Verhältnis von Trauma und Kreation auseinandergesetzt. Schriftstellerisch hat er sich aber auch mit den Themen Erster und Zweiter Weltkrieg sowie Shoa beschäftigt und legte sein besonderes Augenmerk auf das Gedächtnis und die Berichte der Überlebenden.

Von 2007-2010 arbeitete er an einem Film über die amerikanischen Veteranen des Irakkrieges. In seiner Dokumentation „Amerikas verletzte Seelen“, die in deutscher Übersetzung 2011 das erste Mal auf dem Sender ARTE lief, stellt er verschiedene Rückkehrer und ihr Leben nach dem Krieg vor. Wichtig sind ihm die Personen, die Schwierigkeiten haben. Diejenigen, die  seelisch erkrankt sind und keine oder nur geringe Hilfe erhalten. Dabei geht er detailliert darauf ein, wie der Krieg die Menschen noch heute im Griff hat. Wie relevant die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist, zeigen die Zahlen der Suizide amerikanischer Veteranen. Nach Schätzungen geht man von ca. 22 Suiziden pro Tag aus!*

Hier könnt ihr den Trailer sehen (Hinweis: Die Werbung kann nach einigen Sekunden oben rechts übersprungen werden!)

Auf der Grundlage der Vorarbeiten zum Film und dem Film selbst beruht die Graphic Novel „Die Rückkehrer. Wenn der Krieg im Kopf nicht endet“, welche nur ein Jahr nach Erscheinen des französischen Originals im Carlsen Verlag erschienen ist. Gemeinsam mit dem französischen Comizeichner und -autor Maël hat Morel ein tolles Werk erschaffen, das den Film vielleicht sogar noch in den Schatten stellt.

Die Graphic Novel besteht aus drei Kapiteln, in denen die Entstehung des Films erzählt wird. Dabei geht es aber nicht um das eigentliche Handwerk, sondern um die Arbeit mit den sieben Veteranen und die Gedanken Morels. Man erhält sozusagen Hintergrundwissen über die Gesprächspartner. Ihre Gefühle und ihr Alltag werden mit Hilfe der Zeichnungen noch viel intensiver transportiert.

Dabei sind die Handlungen und Gespräche, die in der Gegenwart stattfinden, ausnahmslos schwarz-weiß gehalten. Sobald sich aber Gegenwart und Vergangenheit mischen oder sich die einzelnen Personen an bestimmte Ereignisse erinnern, sind die Bilder in einem rotbraunen Ton gehalten. Gerade diese Bilder geben einen Einblick in die Gedanken der Veteranen, die in dem Film nicht ausreichend visualisiert werden konnten oder sollten. Dass diese Bilder den Betrachter in besonderer Weise berühren, liegt auch an der wundervollen Arbeit des Zeichners. Meiner Meinung nach schafft es Maël sehr gut die Stimmung der Situationen und die Gefühle der Protagonisten in den Bildern wiederzugeben. Die variierende Anzahl und Größe der Bilder auf den einzelnen Seiten sorgt für eine große Abwechslung, hebt aber auch wichtige Punkte innerhalb der Erzählung besonders hervor.
Auch in den Anmerkungen, die von Morel zusammengestellt wurden, werden wichtige Begriffe oder Ereignisse noch einmal berücksichtigt.

Da in der Graphic Novel auch die Perspektive Morels deutlich wird, ist die Auseinandersetzung mit dem Thema noch eindringlicher und die Botschaft ist noch direkter. Nun könnte man als deutscher Leser eine gewisse Distanz entwickeln und ignorant das Thema als amerikanisches Problem abhandeln. Aber das ist es nicht. Wenn wir uns die Geschichte der amerikanischen Veteranen anschauen, haben sie sich auf der einen Seite eine enorme Öffentlichkeit erarbeitet. Auf der anderen Seite reichen die Versorgungseinrichtungen für Veteranen noch nicht aus beziehungsweise ist das System intransparent und der Zugang zu Hilfen steht anscheinend nicht allen offen. In Deutschland haben wir bisher nur eine geringe Öffentlichkeit für die Veteranen des Afghanistan-Krieges. Dies liegt auch daran, dass offiziell nicht von einem Krieg gesprochen wird. Zudem gibt es innerhalb der deutschen Bevölkerung nicht so eine große Wertschätzung für die Arbeit der Soldaten wie das in den USA der Fall ist. Das führt einerseits zu einer gewissen Scham innerhalb der Veteranen und ein Verdrängen der Probleme. Andererseits wird der Bedarf nicht richtig erkannt. Die Probleme, die in dem Buch und dem Film aufgezeigt werden, betreffen aber Soldaten und ihre Familien aller Länder. Und das unabhängig davon, ob sie im Kosovo, Irak oder Afghanistan eingesetzt waren.

Die Graphic Novel spricht daher ein wichtiges internationales Thema an, das in einer demokratischen und auf Solidarität aufgebauten Gesellschaft noch stärker berücksichtigt werden sollte. Die sehr gute zeichnerische Umsetzung kann einen Anstoß dazu liefern und vielleicht gerade „jüngere Menschen“ zu einer Auseinandersetzung anregen.

Video zum Buch:

9783551736475_1Größe 17,50 x 24,60 cm
Seiten 128
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-73647-5
17,90€

Link zur Verlagsseite

*Berichte über die Suizide in den USA
http://www.tagesschau.de/ausland/veteranen104.html
http://www.stripes.com/report-suicide-rate-spikes-among-young-veterans-1.261283
http://www.va.gov/opa/docs/suicide-data-report-2012-final.pdf

Simon van Booy, Die Illusion des Getrenntseins

Martin ist ein älterer Herr, der in Kalifornien lebt und dort als Hausmeister in einem Altenheim tätig ist. Er ist ein guter Zuhörer und hat zu den Menschen einen guten Draht. Teilweise wird er allerdings selbst für einen Heimbewohner gehalten. Wie alt er allerding genau ist, kann er gar nicht sagen, da die Umstände seiner Geburt nicht geklärt sind. Angeblich hat ihn ein Mann in Paris bei sich gehabt. Als Gefahr drohte, legte er den Jungen in die Arme einer Frau. Da dies noch während des Zweiten Weltkrieges geschah, stellte sie keine Fragen. Sie rannte mit dem Kind davon. Als dieses Kind jedoch Hunger bekam und anfing zu schreien, ging die junge Frau in eine Bäckerei, die in den nächsten Jahren ihr zuhause sein sollte. Sie verliebte sich in den Inhaber und gründete mit ihm eine Familie. Zu dieser Familie gehörte Martin wie selbstverständlich. Diese Geschichte hinterfragte er nicht. Erst als er eine Freundin hatte und sie ihn auf seine Beschneidung ansprach, fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Martins Lebensgeschichte ist der Ausgangspunkt für eine Reihe von Erzählungen über die verschiedensten Menschen und ihre unterschiedlichen Erlebnisse. Und obwohl diese Menschen alle auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind sie doch miteinander verbunden. Diese Verbindungen werden aber erst sichtbar, wenn man alle Informationen kennt und von oben beziehungsweise im Rückblick auf das Leben aller Beteiligten schaut.

Simon van Booy gibt jeder Persönlichkeit und jeder Geschichte einen eigenen Raum, der nicht durch die Verbindung zu den anderen Abschnitten eingeengt wird. Die Zusammenhänge werden erst langsam und sehr einfühlsam angebracht. Sie legen sich wie eine leichte Sommerdecke über den Leser und umschmeicheln ihn. Sie greifen Gedanken, die jeder Leser unweigerlich haben wird, auf und gleichzeitig werden Aspekte eingebracht, die man bisher noch nicht kannte oder nicht berücksichtigt hat. Dass diese sehr einfühlsame Darstellung den Leser erreicht und nicht in kitschige Sphären hebt, liegt an der sehr klaren und eleganten Sprache, die den unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihren Lebensumständen gerecht wird. Dabei sorgt eine in sich stimmige Satzstruktur, die sich auch in einer angenehmen Satzlänge äußert, für ein flüssiges Leseerlebnis, das nicht zur Überforderung führt. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass man unbedingt herausfinden will, welche Beziehungen die Protagonisten zueinander haben. Zudem ist die Einbindung verschiedener Länder und Zeiten sehr ansprechend gelungen und macht den Leser neugierig.

Nach dem Lesen der knapp 200 Seiten hat man das Gefühl, dass die verschiedensten Schicksale auch auf 1000 Seiten nicht langweilig werden würden. Die Verbindungen, die zwischen den Menschen hergestellt werden, wirken in keiner Weise konstruiert und berühren den Leser. So ist man im Nachhinein sogar glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es sich der Autor erdacht hat.

 17592Gepl. Erscheinung: 14.04.2014
Gebunden, 207 Seiten
ISBN: 978-3-458-17592-6

18,95 €

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Lesen Sie im Buch: Van Booy, Simon – Die Illusion des Getrenntseins

Little Bee zum zweiten Mal

Da nicht jeder Lust hatte meine Rezension auf der Seite meiner Lieblingsbuchhandlung zu lesen oder auch einfach den Post übersehen hatte, kommt hier noch einmal der gesamte Text.

Liebe Grüße
Charlene

– Am Anfang glaubt man, man könnte alle Bösen töten und die Welt retten. Dann wird man ein bisschen älter, vielleicht wie Little Bee, und begreift, dass etwas vom Bösen in der Welt in einem selbst steckt, dass man ein Teil davon ist. –

Krieg ist immer ein schreckliches Ereignis und der moderne Krieg um Öl ist in manchen Ländern noch schrecklicher, als es unsere Vorstellung erlaubt. Zu sehen, wie eine Horde bewaffneter Männer das eigene Dorf überfällt, in Brand steckt und die Frauen vergewaltigt, ist ein grausames Erlebnis. Solche Überfälle zu überleben ist Glück und Unglück zugleich. Niemals wird man die Bilder vergessen und niemals wird man wieder ein normales Leben führen können.
Little Bee stammt aus Nigeria und hat die beschriebenen Dinge als Kind erlebt. Doch mit 14 Jahren kann sie nur noch an eine weite Flucht denken und schmuggelt sich auf ein Containerschiff, das auf dem Weg nach England ist. Dort angekommen wird sie sofort in ein Abschiebegefängnis gebracht. Das so genannte „Ausreisezentrum Black Hill“ ist für die kommenden zwei Jahre ihre Heimat. Es ist der Ort, an dem sie ihre Erinnerungen einholen. Ein Ort, an dem sie noch schlimmere Geschichten hört und ein Ort voller Demütigungen.

Nach ihrer Entlassung möchte sie sofort zu den einzigen Menschen, die sie in England kennt und die ein Teil ihrer nigerianischen Geschichte sind. Die angekündigte Ankunft von Little Bee bereitet allerdings in der Journalistenfamilie von Sarah und Andrew nicht nur Freude. Es kommt zu dramatischen Ereignissen und tragischen Wendungen.

Chris Cleave erzählt die Geschichte des nigerianischen Mädchens aus zwei Perspektiven. Auf der einen Seite steht Little Bee selbst und beschreibt ihr Leben und ihre Gedanken. Sie berichtet von ihren Bemühungen Englisch zu lernen und ihren Verständigungsproblemen, weil sie die Wörter in einem falschen Zusammenhang benutzte. Sie gibt aber auch den Blick auf ihre Seele frei. Sie spricht über ihre Gefühle und ihre Hoffnungen. Dabei versucht sie ein Verständnis bei dem Leser aufzubauen, indem sie kulturelle Unterschiede zwischen der afrikanischen und der europäischen Welt aufzeigt. Auf der anderen Seite steht die Journalistin Sarah, die in einem englischen Vorort lebt und nicht nur Mutter, sondern auch erfolgreiche Geschäftsfrau ist. Sie erzählt ebenfalls über ihr eigenes Leben, spricht aber auch über Ereignisse, die sie gemeinsam mit Little Bee erlebt hat. Da beide Erzählerinnen in einzelnen Abschnitten über dieselben Erfahrungen sprechen, erhält der Leser ein sehr differenziertes Bild, das kulturelle Unterschiede und daraus entstehende Handlungen nachvollziehbar macht.

Dank der Übersetzerin Susanne Goga-Klingenberg ist der sprachliche Witz erhalten geblieben und die sprachlichen Unterschiede der beiden Protagonistinnen sind noch klar erkennbar. Hier mag der Leser teilweise etwas über die Sprache von Little Bee stolpern. Die wundervollen Gleichnisse und die farbintensiven Beschreibungen heben das aber wieder auf. Teilweise erinnert die Erzählung daher auch an die sehr poetischen Romane aus dem afrikanischen Raum. Zu Sarah passt ihr eher abgeklärter journalistischer Ton, der aber im Verlauf der Geschichte immer mehr Gefühle zulässt. Das ist zu einem großen Teil Little Bee zuzuschreiben und spiegelt die persönliche Entwicklung Sarahs wider.

Fazit: Es handelt sich um einen Roman, der aufrüttelt ohne direkt anzuklagen. Man fühlt mit den handelnden Personen und möchte am liebsten in den Text hineinspringen und die Sache in die Hand nehmen. Gleichzeitig erinnert Chris Cleave an die wichtigen Dinge des Lebens, die sich überall auf der Welt ähneln. Und das alles erfolgt in so einer angenehmen sprachlichen Atmosphäre, dass man dieses Buch unbedingt empfehlen muss.

  dtv premium
Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
Deutsche Erstausgabe
320 Seiten
ISBN 978-3-423-24819-8
2. Auflage, April 2011 
Link zur Verlagsseite (mit Leseprobe)

Maxime Chattam, Alterra II. Im Reich der Königin

– Zusammen waren sie ein eingeschworenes Team. Die Gemeinschaft der Drei. –

 

Kurzabriss Alterra I:
Ein Unwetter zog über das Land. Als es sich langsam verzog, war nichts mehr wie vorher. Die meisten Kinder hatten überlebt, aber die Erwachsenen hatten sich innerlich und teilweise auch äußerlich verwandelt. Metallgegenstände waren nur noch geschmolzene Klumpen und Strom wurde nicht mehr erzeugt. Die Natur beherrschte nun die Erde und wundersame Wesen tauchten auf. Tobias und Matt machten sich gemeinsam auf den Weg, um die Ursache für diese Veränderungen zu finden. Dabei trafen sie immer wieder auf Lebensgemeinschaften, die nur aus Kindern bestanden (Pans). Die Erwachsenen waren zu Feinden geworden, die die Kinder jagten und verschleppten. Angeblich gab es eine so genannte Hautjagd. Doch was hatte es damit auf sich? Und warum wurde anscheinend nach Matt gefahndet? Zu dritt, die beiden Jungen und ihre neue Freundin Ambre, machten sie sich auf den Weg die Antworten zu finden.

Kurzabriss Alterra II:
Die Gemeinschaft der Drei begibt sich auf die Reise in den Süden. Sie wollen zu der Königin und herausfinden welchen Plan sie verfolgt und warum Matt gesucht wird. Zunächst scheint, trotz aller Gefahren, der Weg begehbar zu sein. Doch dann erreichen sie den Blinden Wald, der aus unendlich hohen Bäumen besteht und sonderbare Kreaturen beherbergt. Kein Licht dringt durch das Blätterwerk und niemand weiß welche Ausmaße der Wald hat. Zudem scheint der Torvaderon, eine dunkle und mächtige Gestalt, gemeinsam mit seinen Spähern in der Nähe zu sein. Matt wird in seinen Träumen immer wieder von dem sonderbaren Wesen besucht und merkt wie sich etwas in seine Gedanken einschleicht. Können die drei den Wald durchqueren? Und wenn ja, was wird sie dahinter erwarten?

Zunächst möchte ich die wichtigste Frage beantworten: Ja, man kann den zweiten Teil der Trilogie lesen ohne den ersten Teil zu kennen. Auf den vordersten Seiten werden noch einmal kurz und knapp die wichtigsten Punkte erwähnt. Hat man den ersten Teil auch gelesen, fühlt man sich den Figuren und der Geschichte allerdings noch näher.

Mich hat auch der zweite Teil wieder gefesselt. Es geht jetzt zwar nur noch um die neue Welt, allerdings wird diese wunderbar beschrieben. Die Bezüge zu der uns bekannten Welt sind immer noch erkennbar und die fantastischen Figuren sind nicht so extravagant, dass man sich verschaukelt fühlt. Der Leser kann wirklich alles nachvollziehen.
Dabei ist die Sprache wieder wunderbar klar und verständlich. Sicherlich handelt es sich eher um ein Jugendbuch, aber das impliziert ja keine platte oder kindische Sprache. Ich denke, dass Satzbau und Wortwahl für viele Altersklassen ansprechend sind.
Die Dialoge wirken ebenfalls sehr natürlich und sorgen für klare Bilder im Kopf des Lesers.
Dazu tragen weiterhin auch die Beschreibungen der Figuren und der Umgebung bei. Sie sind nicht langweilig ausschweifend, aber auch nicht zu grob. Sie reichen genau aus, um leicht in die Welt der Pans und Zyniks eintauchen zu können.

Fazit: Mit dem Lesen der ersten Seite eröffnet sich eine wunderbare halb-fantastische Welt, die mit jeder Menge Abenteuer und interessanter Gestalten gefüllt ist.

Verlag PAN
Seitenzahl 400
Preis EUR (D) 16,99
ISBN 978-3-426-28306-6
Erscheinungstermin 20.08.2010

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Maxime Chattam, Alterra (I)

– Auf einmal stupste etwas von unten gegen den Boden des Bootes und warf die Rucksäcke um, ehe es genauso unvermittelt wieder verschwand. Die beiden Jungs klammerten sich an ihre Ruder, schauten sich in dem gespentischen Licht ängstlich an und begannen wie auf Kommando mit Höchtsgeschwindigkeit zu rudern. –

Die drei Freunde Matt, Tobias und Newton leben mit ihren Familien in New York. Sie sind ganz normale Teenager mit ganz üblichen Problemen. Die Eltern des einen Jungen wollen sich scheiden lassen, der andere stößt wegen seiner Hautfarbe immer wieder an Grenzen. Und alle zusammen erleben ihre kleinen Abenteuer in der großen Stadt, bestehen Mutproben und geben sich gegenseitig halt. Als sie alle unabhängig von einander ungewöhnliche Beobachtungen machen und zudem ein Unwetter in sonderbarer Form auf die Stadt zukommt, ahnen sie Schlimmes. Zunächst verschwinden viele Obdachlose Menschen und die drei Jungs beobachten immer wieder seltsame blaue Blitze. Zudem machen sie in einem skurrilen Laden Bekanntschaft mit einem Mann, der anscheinend körperliche Merkmale einer Schlange aufweist. Als der angekündigte Blizzard die Stadt erreicht brechen das Kommunikations- und Stromnetz komplett zusammen. Zudem tauchen die seltsamen Blitze, die von Matt und seinen Freunden schon vorher beobachtet wurden, in großen Mengen auf. Sie scheinen die Häuser abzutasten und zerstören die Fenster einzelner Wohnungen. Auch die Wohnung von Matt wird zerstört. Er wird von der energetischen Kraft des Blitze zu Boden geworfen und wird Bewusstlos. Als er am nächsten Tag aufwacht, scheint es so, als ob es keine Menschen mehr in seiner Umgebung gibt. Und ganz New York ist mit Schnee bedeckt. Ist Matt der einzige Überlebende? Wo sind alle anderen Menschen hin? was ist mit seinen Freunden passiert.
Maxime Chattam hat eine tolle Fantasiewelt erschaffen, die zwar durch Kinder geprägt wird, aber auch für Erwachsene die ein oder andere Überraschung bereithält. Die Sprache ist zwar klar, aber nicht zu einfach konzipiert. Man kann dem Textfluss leicht folgen und zudem ist die Geschichte auch noch sehr spannend. Man fühlt förmlich die Hilflosigkeit der Protagonisten. Hin und wieder ist der Leser aber auch überrascht wie mutig die einzelnen Figuren handeln und empfindet großen Respekt. Ein weiterer Pluspunkt ist die gute Nachvollziehbarkeit des Plots. Man wird nicht plötzlich mit Fantasiefiguren konfrontiert, sondern die fiktive Welt baut sich nach und nach auf. Und letztendlich ist auch das Layout wunderbar gestaltet. Hier möchte ich dem PAN-Verlag ein Lob aussprechen. Man möchte immer wieder über die Seiten streichen, weil man dann das Gefühl hat dadurch noch tiefer in die Geschichte einzutauchen.
Fazit: Eine schöne Geschichte, die jungen und alten Lesern Freude bereitet und in eine weitere wundervolle Fantasiewelt entführt.

Seitenzahl 400
Preis EUR (D) 16,95
ISBN 978-3-426-28300-4