Arne Jysch, Der nasse Fisch

Einige Freunde von Kriminalromanen werden die Geschichten von Volker Kutscher, der seinen Kommissar Gereon Rath im Berlin der 20er und 30er Jahre ermitteln lässt, bereits in Romanform kennen. Mittlerweile sind sechs Bände der Reihe erschienen, die insgesamt aus acht Bänden bestehen wird. Da das Umfeld äußerst gut recherchiert wurde, die Figuren toll dargestellt werden und die Geschichten äußerst spannend sind, kann man auch denjenigen die Werke empfehlen, die bisher nichts von Gereon Rath gehört haben.

Die Geschichten werden momentan von Tom Tykwer in eine 16-teilige Serie umgesetzt, die 2018 in der ARD ausgestrahlt werden soll. Zudem wurde der erste Band im März bei Carlsen als Graphic Novel herausgebracht. Dass Arne Jyrsch die Umsetzung übernommen hat, ist ein wahrere Glücksfall, da er für seine gute Recherche und seinen klaren Stil bekannt ist. Bereits 2009 hatte er bezüglich der Umsetzung erstmals Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Da der Autor natürlich zeitlich stark in die Arbeit an der Romanreihe eingebunden ist, konnte er das Comicszenario nicht selbst schreiben. Er war aber durch diverse Kontakte mit Arne Jysch immer auf dem Laufenden und die abschließende Kontrolle lag natürlich auch in seinen Händen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass beide zu diversen Terminen gemeinsam erschienen und das Buch vorstellten.

In den letzten Monaten und Jahren sind viele Graphic Novels erschienen, die einfach nur eine gekürzte Version der Romanvorlage darstellten. Für Leser, die mit Graphic Novels vorher kaum Berührungspunkte hatten, mag das ein interessanter Einstieg sein. Aus meiner Sicht werden dadurch aber die Möglichkeiten, die eine Graphic Novel bietet, nicht ausgeschöpft. Hier sind die Verlage einfach auf einen Zug gesprungen und wollten möglichst hohe Gewinne erzielen, haben dabei aber die Qualität aus den Augen verloren. Aber das hier soll nicht der Rahmen für solch eine Diskussion sein, da wir sonst zunächst einmal über den Begriff Graphic Novel reden müssten. 🙂

„Der nasse Fisch“ ist zum Glück nicht einfach nur eine neue Darstellung des Romans. Arne Jysch hat bewusst Änderungen vorgenommen und dabei keine Verluste eingefahren. Die Grundstruktur der Figuren bleibt erhalten, auch wenn einige Personen fehlen, die aus dem Roman bekannt sind. Die Geschichte entspricht auch weitestgehend dem Roman, allerdings wurden dramaturgische Veränderungen vorgenommen, die mir persönlich sehr gut gefallen, weil mir genau diese Aspekte in dem Roman etwas zufällig erschienen. Zudem erzählt hier Kommissar Rath selbst auf knapp über 200 Seiten von seinem Einstieg bei der Berliner Kriminalpolizei und dem erster Fall. Dabei geht es auch um eigene Verfehlungen und andere private Aspekte. nebenbei erhält man einen umfangreichen Einblick in das Berlin der 20er Jahre und die damalige Polizeiarbeit, die stark von „dem Dicken“ (Kommissar Gennat) geprägt war.

Arne Jysch nutzt hauptsächlich drei bis sieben Panels und fügt hin und wieder eine Splash Page ein. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit wenigen Grauschattierungen, die zunächst mit Tusche gezeichnet und dann am Computer bearbeitet wurden. Die Linienführung ist recht klar und eher kantig, zeigt aber auch in den kleinsten Bildern sehr gut die entsprechende Mimik. Teilweise fühlt man sich an die alten DC-Comics erinnert. Das Lettering (Minou Zaribaf) ist ebenfalls klar und deutlich. Aussagen und Gedanken werden voneinander abgegrenzt, Lautstärken treten deutlich hervor. Sehr angenehm fallen die wenigen Soundwords auf. Die Dynamik der Handlung wird überwiegend durch die Schattierungen deutlich.

Trotz aller Kürzungen und kleinen Veränderungen ist die Geschichte verdammt spannend geblieben und man hadert ein wenig mit seinen Gefühlen gegenüber Gereon Rath. Irgendwie ist er ja sympathisch, aber muss er denn immer wieder gegen die Regeln verstoßen? Dadurch denkt man auch ein wenig über die eigenen moralischen Vorstellungen nach und überlegt, wie man selbst in der jeweiligen Situation gehandelt hätte.

Fazit: Es handelt sich um eine tolle Umsetzung der Vorlage, die technisch und erzählerisch gelungen ist. Wer die Kutscher-Bücher nicht kennt, wird danach auf jeden Fall einige lesen wollen. Wer über die Kutscher-Werke zur Graphic Novel gelangt ist, wird begeistert sein und vielleicht häufiger zu einer Graphic Novel greifen. Man kann hier also von einer win-win-Situation im Literaturbetrieb sprechen 🙂

der-nasse-fisch

 

Größe 20,00 x 26,50 cm
Seiten 216
Alter ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-78248-9
17,99€

Link zur Verlagsseite

Hier gibt es mehr Infos über die Kriminalpolizei in den 20er Jahren

Peer Meter & David von Bassewitz, Vasmers Bruder

Inhalt

Martin Vasmer sitzt im polnischen Ziebice im Gefängnis. In den Befragungen, die regelmäßig durchgeführt werden, erzählt er seine Geschichte, die mit der Geschichte seines Bruders und dem Leben des Serienmörders Karl Denke eng verknüpft ist.

Karl Denke hat in den ersten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über 40 Menschen getötet. Über 30 seiner Opfer führte er genau Buch. Er notierte zum Beispiel ihre Namen, ihr Geschlecht und ihr Gewicht bei der Ermordung. Dies geschah vornehmlich in seiner Wohnung in der Stadt Münsterberg (heute: Ziebice). Dabei kamen die Taten nur durch einen Zufall ans Licht. In den anschließenden Ermittlungen fand man heraus, dass der Serienmörder seine Opfer gekocht hat und teilweise das Fleisch auf dem Markt verkaufte. Er bastelte aber auch Haushaltsgegenstände aus verschiedenen Körperteilen.

Hans-Georg Vasmer arbeitet für einen privaten Fernsehsender und möchte die Spuren Denkes nachzeichnen. Dafür begibt er sich nach Ziebice. Doch bald meldet er sich nicht mehr und sein Bruder begibt sich auf die Suche nach ihm. Dabei trifft Martin Vasmer auf Hanna Jablonska, die ein Treffen mit Adam Sadowski engagiert. Sadowski soll mit Hans-Georg Vasmer zusammengearbeitet haben. Doch anstatt Aufklärung in die verworrene Situation zu bringen, zieht Sadowski seinen Gesprächspartner immer stärker in die Geschichte von Karl Denke hinein. Martin Vasmer kann gar nicht anders. Er muss sich genauer mit dem Fall beschäftigen. Doch je tiefer er in die Welt des Serienmörders eindringt, desto stärker beeinflusst sie seine eigene Geschichte.

Meinung

Peer Meter hat als Comicszenarist bereits zwei andere Graphic Novels über Serienmörder verfasst. Vasmers Bruder stellt nach „Gift“ und „Haarmann“ das Ende der Trilogie dar. Gemeinsam mit David von Bassewitz hat er eine düstere Geschichte erschaffen, die trotz weniger Worte sehr vielschichtig ist. In großformatigen Einzelbildern und Seiten mit bis zu fünf Panels wird die Handlung ausschließlich in Schwarzweißbildern erzählt. Die sehr düster gehaltenen Bilder sind für erfahrene Leser von Graphic Novels ein bekanntes Instrument für dir Erzeugung von einer Stimmung, die im Einklang mit eher gefährlichen Situationen und zwielichtigen Personen steht. Aber auch Kenner der Bassewitz-Werke haben mit dieser Stilform bereits Berührung gehabt. Von Bassewitz ist ja eigentlich ein sehr vielschichtiger Illustrator, der viele verschiedene Techniken anwendet. Dabei stellt er immer eine gute Beziehung zwischen Textinhalt und Illustrationstechnik her. Trotzdem gefallen mir seine Zeichnungen, die auf den ersten Blick sehr ungenau und dunkel wirken, aber auf den zweiten Blick eine unglaubliche Detailliertheit aufweisen, immer wieder am besten. Da ich mittlerweile einige Graphic Novels gelesen habe und wie gesagt auch von Bassewitz vorher kannte, hatte ich keine Probleme in die Geschichte einzusteigen. Unerfahrene Leser des Genres könnten zunächst ein wenig Probleme mit der Darstellungsform haben. Aber auch sie werden ziemlich schnell von der Geschichte gefangen sein. Und spätestens wenn man die ersten wunderbaren Detail sin den Bildern entdeckt hat, blättert man auch noch einmal zurück und sieht das Werk mit anderen Augen.

Peer Meter sind die Geschichte des Serienmörders und die Verknüpfung mit der heutigen Zeit gut gelungen. Er schafft es die wichtigsten Aspekte mit wenigen Worten klar und deutlich darzustellen. Gleichzeitig wird eine Spannung erzeugt, die sich bis zu den letzten Seiten steigert. Auch die Vermischung der polnischen und deutschen Sprache fand ich sinnvoll. An manchen Stellen mag man sich zunächst eine Übersetzung wünschen. Doch dann fällt einem wieder ein, dass der Protagonist auch kein Wort der polnischen Sprache versteht. Somit sorgen diese „unverständlichen“ Abschnitte auch dafür, dass man sich in die Rolle von Martin Vasmer stärker hineinversetzen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass von Bassewitz und Meter eine gute Arbeit abgeliefert haben, die spannend ist und sich nicht im Dschungel der Graphic Novels verstecken muss. Allerdings ist diese düstere Darstellungsart nicht für jeden Leser geeignet.

Vasmers BruderEinband: Hardcover
Größe: 17,50 x 24,60 cm
Seiten: 176
Alter: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-72969-9
Preis: 17,90€

 

Link zur Verlagsseite mit Bestelloption
Wikipedia-Artikel über Karl Denke

 

 

Martin Baltscheit, Die besseren Wälder

Der kleine Ferdinand und seine Eltern sind Wölfe, denen es in ihrer Heimat nicht besonders gut geht. Die schlechte wirtschaftliche Lage führt zu einem Mangel in den verschiedenen Lebensbereichen. Schon lange reden die beiden Erwachsenen daher über eine eventuelle Flucht. Als es wieder nicht genug Nahrung gibt, macht sich die kleine Familie auf den Weg in die besseren Wälder, von denen sie schon so viel gehört haben. Zwischen dem alten Leben und dem hoffentlich besseren Leben liegen nicht nur einige Kilometer, sondern auch eine Grenze, die stark überwacht wird und teilweise aus einer Mauer besteht. Im Schutze des starken Schneefalls soll der Grenzübertritt gewagt werden. Doch Ferdinands Eltern erreichen das gelobte Land nie. Ferdinand schafft es in das andere Land, in dem er auf ein kinderloses und seltsam aussehendes Paar trifft, dessen Laute er nicht versteht. Es sind Schafe. In der ganzen Gegend leben nur Schafe. Das Paar diskutiert eine Weile, ob sie den kleinen Wolf nicht lieber töten sollten. Doch im Endeffekt siegen die Gefühle. Ferdinand wird durch die Erziehung der beiden und einige kosmetische Tricks zum Vorzeigeschaf, das über seine eigentliche Herkunft nichts mehr weiß. Als er fast erwachsen ist passiert jedoch ein schrecklicher Mord. Ferdinand wird direkt neben der Leiche gefunden und ist somit der Hauptverdächtige. Im Gefängnis erkennt er seine wahre Identität. Und somit beginnt eine Suche nach sich selbst und nach der Wahrheit.

Es gibt Bücher, bei denen man noch leichte Fragezeichen über dem Kopf hat, weil man sich nicht sicher ist, ob man die Intention des Autors richtig verstanden hat. Und ich muss zugeben, dass es Geschichten gibt, zu denen ich gar keinen Zugang finden kann.
Beim Lesen von „Die besseren Wälder“ fühlte ich von beiden Gegensätze ein wenig. Zunächst hatte ich auch ein paar Fragezeichen über dem Kopf, habe dann aber einfach während des Lesens meine eigene Interpretation eingebunden. Und genau das wollen doch die meisten (guten) Autoren. Sie geben eine Rahmenhandlung vor, die den Kopf des Lesers aber noch dazu veranlasst eigene Gedanken und Gefühle einzubinden. Das gelingt aber leider nicht allen Autoren. Doch Baltscheit schafft es eine klar abgegrenzte und in sich geschlossene Geschichte zu erzählen, die den Leser nicht überfordert, aber auch nicht langweilt. Gleichzeitig gibt er genau den Raum, den man benötigt, um die eigenen Gefühle und Gedanken einbinden zu können. Dies erreicht er einerseits durch eine sehr gelungene Konstruktion der Handlung, die immer wieder interessante und nachvollziehbare Wendungen aufweist. Andererseits führt die direkte und jugendliche Sprache dazu, dass man sich rasch in die Geschichte eingebunden fühlt. Es gibt nur eine geringe Distanz zwischen dem Leser und der Erzählung. Man kann praktisch die Gefühle und die Nachdenklichkeit der Protagonisten spüren. Ergänzt wird der sprachliche Teil durch moderne und kantige Zeichnungen, in denen immer wieder mit den verschiedenen Mensch- und Tierattributen gespielt wird. Dies ist übrigens ein Aspekt, der immer wieder im Buch auftaucht. Man bewegt sich praktisch, genauso wie Ferdinand, in zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.

Das ist auch eine Grundaussage des Buches, die den Leser dazu veranlasst eigene Gefühle und Gedanken noch einmal in einem neuen Kontext zu betrachten. Würde ich genauso handeln? Was würde solch ein Leben aus mir machen? Wer bin ich eigentlich wirklich? Bin ich nicht nur ein Produkt von Erziehung und Umwelt? Solche Fragen lässt der Text zu und mit solchen Fragen beschäftigt man sich auch nach dem Lesen. Ein bisschen hat mich die Lektüre daran erinnert, wie ich mich als Jugendliche nach dem Lesen diverser Bücher des Autors Hermann Hesse gefühlt habe. Obwohl die Geschichte auf den ersten Blick so simpel anmutet, spricht sie doch existenzielle Fragen und Ängste an, die jugendliche und erwachsene Leser beschäftigen.

Fazit: Ein Werk, das mit viel Liebe erstellt wurde und bei dem die Absatzzahlen wirklich nachranging sein sollten. Es ist spannend, regt zum Nachdenken an und ist auch optisch ein Genuss.

Cover Schutzumschlag_24.06.2013_final.indd

 

ISBN 978-3-407-82033-4

1. Auflage 2013. 240 Seiten.
Gebunden.
Ab 12 Jahre

Hinweis: Die Geschichte wurde zunächst als Theaterstück konzipiert. Schaut euch also mal um, ob es nicht vielleicht gerade in eurer Umgebung aufgeführt wird!

Peter Koebel, Fischmarie

Marie hat aus ihrem ganz durchschnittlichen Leben in einer typischen Kleinstadt etwas völlig Anderes und teilweise sehr Aufregendes gemacht. Dass sie aber eines Tages in einem Verhörraum sitzen wird, weil sie auf der Frankfurter Buchmesse einen Verleger tot aufgefunden hat, war nicht vorhersehbar. Und jetzt hat sie dem Polizisten auch noch den Ausweis gegeben, der sie als Gudrun Baader identifiziert. Wenn der Polizist da nicht stutzig wird, muss er ein ganz besonders dummes Exemplar seiner Gattung sein. Und es wird auch nicht lange dauern bis er auf die Beziehung beziehungsweise das Arrangement zu sprechen kommt, welches Marie und der Verleger hatten. Ihre Situation ist sicherlich nicht einfach, aber bisher hat sie so viele Klippen umschiffen müssen, dass sie an dieser jetzt wohl nicht zerschellen wird.
Aber wie kam sie überhaupt in diese Situation und welche dunklen Geheimnisse möchte sie lieber nicht aufdecken?

Die Geschichte der sehr schlagkräftigen Frau, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens wandelte und auch kein Kind von Traurigkeit ist, wird in zwei verschiedenen Strängen erzählt. Da gibt es zunächst die Vorkommnisse rund um den Leichenfund und die Befragung. Hier agiert sie sehr humorvoll und selbstbewusst, spricht aber mehr als einmal Dinge aus, die man in solch einer Situation lieber nur denken sollte. So manövriert sie sich ab und an mit ihren Kommentaren, die spitz wie eine Nadel sind, ins Abseits. Dabei bleibt sie allerdings bei der Wahrheit und nimmt einige Aspekte des Verlagswesens aufs Korn. Für Personen, die sich direkt angesprochen fühlen mag die Figur daher vielleicht etwas arrogant wirken. Für Leser, die den Literaturbetrieb aber gerade so kennengelernt haben oder „Laien“ sind, ist es einfach nur amüsant ihren Analysen zu lauschen. Sie kann sich bissige Kommentare auch erlauben, weil sie nicht Teil des ganzen Rummels ist. Marie ist sozusagen ein kritischer Zuschauer, der ja nicht auf die Gunst der Schauspieler angewiesen ist und daher seine ungeschönte Meinung abgeben kann.
In einem zweiten Erzählstrang berichtet die Protagonistin von ihrer Sozialisation und somit den wichtigsten Punkten ihrer Biografie. Sie zeichnet damit den Weg nach, den sie bis zum Zeitpunkt der Buchmesse gegangen ist.

Dieser kurze Überblick vermag jetzt noch nicht recht zu zeigen, dass es sich um eine runde und sehr witzige Geschichte handelt. Die wichtigste Zutat dieses Werkes habe ich nämlich noch nicht genannt. Verantwortlich für den letztendlich durchweg humorvollen Text, der den Literaturbetrieb auf der einen Seite mit einem Augenzwinkern betrachtet und auf der anderen Seite aus dem dann doch nicht so typischen Leben einer interessanten Frau berichtet, ist die junge und frische Sprache des Autors. Peter Koebel schafft es in dem Leser ein sehr ambivalentes Gefühl auszulösen.  Denn durch das Springen zwischen den Erzählebenen entsteht auch ein ständiges Hin und Her für den Leser. Gerade lacht man sich noch über einen schnippischen Kommentar schlapp und schon befindet man sich wieder in der tiefsten Tristesse, die nicht zu enden scheint. Hinzu kommt, dass die Geschichte einen geradezu perfekten Spannungsbogen beinhaltet, der den Leser am Zuklappen des Buches hindert. Man will nicht nur wissen, ob Marie jetzt den Verleger umgebracht hat. Nein, auch die Frage nach ihrer eigenen Geschichte treibt einen immer wieder um.

 Fazit: Ein kleiner feiner Roman voller Witz und Charme. Unbedingt lesen!

Roman
ISBN: 978-3-86286-024-1

184 Seiten
Hochwertige Klappenbroschur
12,80€ (D)     
Gerade erschienen!




Nele Neuhaus, Böser Wolf

Da der Kenntnisstand meiner Blogleser bezüglich der älteren Werke von Nele Neuhaus sicherlich sehr unterschiedlich ist, möchte ich die übliche Struktur meiner Rezensionen etwas aufbrechen und heute in drei Schritten vorgehen. Ich stelle euch zunächst die Autorin und ihren Werdegang vor, anschließend gehe ich auf die Reihe ein, in der „Böser Wolf“ erschienen ist und im letzten Abschnitt geht es um das Buch.

Nele Neuhaus wurde in Münster/Westfalen geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Paderborn. Doch in ihrer Kindheit verschlug es sie in den Taunus, wo sie heute noch stark verwurzelt ist. Schon recht früh schrieb sie ganze Schulhefte mit Geschichten voll und erklärte jedem nachfragenden Menschen, dass sie unbedingt Schriftstellerin werden möchte. Ihre Eltern kamen dem Wunsch insofern nach, dass sie ihr Anfang der 80er Jahre eine Reise- schreibmaschine schenkten, welche zu einem treuen Begleiter wurde. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete Nele Neuhaus zunächst als Sekretärin in einer Werbeagentur und versüßte sich ihre Freizeit mit Reittraining und Turnierteilnahmen. Auf einem solchen Turnier lernte sie ihren Mann kennen mit dem sie das Hobby und in den folgenden Jahren auch die Arbeitsstelle teilte. In dem Fleischereibetrieb der Familie gab es immer viel zu tun und das Schreiben rückte in den Hintergrund. Wenn sie im Urlaub oder in der Freizeit zum Schreiben kam, wurde sie von ihrem Mann stets nur belächelt. Selbst ihr Vorhaben ein eigenes Buch zu veröffentlichen, wird er wohl zunächst für einen Spaß gehalten haben. Und vielleicht hat er sich auch ein wenig gefreut als das erste Manuskript, welches 1000 Seiten umfasste, keinen Abnehmer fand. Doch seine Frau war von ihrer Geschichte einer New Yorker Investmentbankerin so überzeugt, dass sie nach alternativen Wegen suchte. Mit Hilfe des „Book on demand“- Verfahrens ließ sie eine überarbeitet Version des Buches „Unter Haien“ in einer Auflage von 500 Stück drucken. Durch harte Arbeit und Mundpropaganda schaffte sie alle Exemplare zu verkaufen. Daraufhin begann sie ein neues Buch zu schreiben, das eine lokale Prägung haben sollte. Mit „Eine unbeliebte Frau“ erblickte das Duo Kirchhoff & von Bodenstein das Licht der literarischen Welt und ermittelt seit diesem Tag gemeinsam im Taunus. Die Erstauflage von 1.000 Stück verkaufte sich wie warme Semmeln und machte eine Fortsetzung unausweichlich. Am 18.11.2006 erschien daher „Mordsfreunde“ in einer Auflage von 5.000 Stück. Bis zu der Übernahme von Ullstein verkaufte die Autorin sogar 10.000 Exemplare. Aufmerksam wurde der Verlag auf Nele Neuhaus durch einen Zufall. Eine Buchhändlerin wies eine Verlagsvertreterin auf das Werk hin. Diese las es, war begeistert, reichte es an die Lektoren des Hauses weiter. Diese setzten sich daraufhin mit Nele Neuhaus in Verbindung und boten ihr 2008 einen Vertrag an. Im Sommer 2009 erschien dann „Tiefe Wunden“ und auch die ersten beiden Romane wurden in das Verlagsprogramm aufgenommen. Mittlerweile ist Nele Neuhaus eine der wichtigsten Aushängeschilder des Verlages.
Gleichzeitig veröffentlichte sie aber auch sehr erfolgreich Jugendbücher, die vom Thienemann-Verlag herausgebracht werden.

Die Reihe
Im Mittelpunkt der Krimis stehen die beiden Kommissare Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein. Sie arbeiten im Hofheimer K11 und versuchen im Taunus-Gebiet Mordfälle aufzuklären. Im ersten Band arbeiten die beiden auch das erste Mal zusammen an einem Fall und der Leser bekommt einen  Einblick in die Arbeitsweise und den Charakter der beiden Protagonisten. In den folgenden Bänden kann man auf wunderbare Art und Weise ihre berufliche Entwicklung und privaten Irrwege miterleben. Zudem ist man hautnah dabei, wenn sie in ganz unterschiedlichen Bereichen ermitteln und die verschiedensten Fälle bearbeiten. Jeder Band wird von einem großen Thema umspannt, dass nicht unbedingt kriminalistischer Natur sein muss. So ging es zum Beispiel in „Wer Wind sät“ um einen geplanten Windpark und die damit zusammenhängenden Subventionen sowie Proteste der Bevölkerung. Ganz typisch für die Krimis ist zudem der Aufbau verschiedener Handlungsstränge, die gleich zu Beginn eingeführt werden. Weiterhin gibt es immer sehr viele Akteure, deren Identität teilweise erst im Verlauf der Handlung geklärt wird. Beide Aspekte werden von Kritikern immer wieder bemängelt und teilweise als amateurhafter Stil abgestempelt. Ich sehe das nicht so, da gerade das schrittweise Verbinden der Handlungsstränge und das langsame Hervorheben einzelner Personen für mich eine sehr reizvolle Art darstellt Spannung aufzubauen. Selbst Pia und Oliver stellen erst nach und nach fest, dass mehrere Fälle oder zurückliegende Ermittlungen mit dem aktuellen Fall zusammenhängen. Der Leser begleitet dadurch die beiden auf der Jagd nach Verbrechern und obwohl man teilweise als Außenstehender über mehr Informationen verfügt, kann man oft nur spekulieren wie alle Teilaspekte tatsächlich miteinander in Verbindung stehen.Die Wahrheit erfährt man wirklich erst gegen Ende eines jeden Bandes.

Das Buch
„Böser Wolf“ ist der sechste Band der Reihe und beginnt mit einer Szene, in der ein Kindesmissbrauch angedeutet wird. Für Pia und Oliver geht es aber zunächst erst einmal um die Leiche einer 16-Jährigen, die aus dem Main gezogen wurde. Man hat sie auf sehr grausame Weise misshandelt und ermordet. Allerdings wird sie nicht vermisst und aufgrund des schlechten Zahnstatus ist es nicht möglich sie zu identifizieren. Neben ihr wurde auch ein Junge gefunden. Dieser war zwar sturzbetrunken, aber noch am Leben. Er scheint nur in den Fluss gefallen zu sein und hat nichts mit dem toten Mädchen zu tun. Es handelt sich also um einen reinen Zufall, der allerdings erst auf die Leiche aufmerksam gemacht hat. Weitere Untersuchungen und öffentliche Aufrufe führen nicht zu neuen Erkenntnissen. Das K11 tappt im Dunkeln und stürzt sich daher erst einmal in einen neuen Fall. Eine Fernsehmoderatorin, die gerade an einem brisanten Thema arbeitete, wird brutal überwältigt und ähnlich schwer misshandelt, wie das aufgefundene Mädchen. handelt es sich etwa um denselben Täter?

Wie bereits erwähnt gibt es auch in dem aktuellen Band eine Vielzahl von Handlungssträngen und Personen. Das mag nicht jedem Leser gefallen, weil es eine gewisse Konzentration und im weiteren Verlauf Kombinationsgabe erfordert. Ich finde diese Form aber auch hier wieder sehr spannend, weil sie zum Mitdenken und Mitfiebern anregt. Wer das Ermittlerduo aber noch nicht kennt und Angst vor zu vielen Informationen hat, den kann ich trösten. Ganz sanft und irgendwie nebenbei bekommen die Leser wichtige Informationen serviert, die für die Handlungen relevant sind. Da dies eigentlich für alle Neuhaus-Bücher gilt, kann man auch immer irgendwo in die Reihe einsteigen. Hat man mehrere oder sogar alle Bände in der Reihenfolge der Erscheinung gelesen, kann man mit einer gewissen Freude feststellen, dass die Autorin ihren Stil immer wieder verbessert. Die Teilgeschichten werden raffinierter miteinander verstrickt und die sprachliche Qualität steigert sich von Buch zu Buch. Weiterhin habe ich den Eindruck gewonnen, dass auch die Satzstruktur positiv berarbeitet wurde. Hier haben sich anscheinend Autorin und Lektor(in) aufeinander zubewegt und gemeinsam bei jedem neuen Text Verbesserungen erarbeitet. Für den Leser bedeutet dies auch, dass der Lesefluss, welcher schon immer gut war, noch angenehmer wird. Alle Aspekte zusammen sorgen für eine gesteigerte Spannung und eine Geschichte, die sehr rund wirkt und den Leser rasch mitreißt.

Fazit: Absolute Leseempfehlung! Das Buch packt einen von der ersten Seite an, lässt einen während der ganzen Lesezeit nicht mehr los und die Geschichte wabert noch lange in dem Kopf des Lesers herum.

480 Seiten € 19,99 [D]

gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 27,90

ISBN-13: 9783550080166

Link zur Verlagsseite

Andrea Tillmanns, Tod im Wasser

– Diesmal war ich besser auf die Kälte vorbereitet. Um meinen Kreislauf zumindest für die erste Zeit des Wartens in Schwung zu bringen, hatte ich vor dem Fernseher Turnübungen gemacht und war fleißig auf der Stelle gehüpft, bis ich den Mann unter mir etwas von „Unverschämtheit“ und „Ruhestörung“ brüllen hörte. –
Sirka Ehrenpreis hat eigentlich nur aus Spaß an der Freude ein Detektivseminar besucht, während ihr Mann als Rechtsanwalt gearbeitet hat. Doch nachdem dieser sich nun lieber mit seinen Studentinnen vergnügt und die Scheidung vollzogen wurde, muss Sirka für sich selbst sorgen. Daher macht sie kurzerhand aus ihrem Hobby einen Beruf und versucht als selbständige Detektivin auf eigenen Beinen zu stehen. Leider handelte es sich bei den ersten Fällen um entlaufene Tiere, die zwar schnell aufgefunden wurden, aber keine gute Einnahmequelle darstellen. Ist das liebste Tiere erst einmal wieder zurückgebracht, werden die Besitzer recht knauserig. Außerdem scheint sich die Nachricht über Sirkas „Talent“ unter den Tierliebhabern wie Feuer auszubreiten. An Aufträge aus anderen Bereichen ist gar nicht mehr zu denken. Das ändert sich schlagartig, als eine Nachbarin abends bei der Privatdetektivin klingelt und von einer sonderbaren Beobachtung spricht. Der im benachbarten Park befindliche Geldbrunnen soll durch eine männliche Leiche erweitert worden sein. Sirka verständigt natürlich sofort die Polizei und glaubt nicht, dass sie selbst solch einen Fall übernehmen könnte. Die Nachbarin ermutigt sie jedoch dazu und so beginnen, neben der eigentlichen Polizeiarbeit, die eigenwilligen Ermittlungen der Detektivin.
Andrea Tillmanns erzählt eine sehr ruhige Kriminalgeschichte, die teilweise wirklich nur leise plätschert und nicht durch schnelle Analysen oder rasante Verfolgungen besticht. Dies ist auch eine Art Spiegelung der Charaktereigenschaften, die die Protagonisten aufweist. Sie ist ein wenig langsamer und braucht erst eine gewisse Anlaufzeit bis ihre Arbeitstemperatur erreicht ist. Zudem ist sie sehr unbedarft in Bezug auf Ermittlungen und wirkt teilweise etwas tollpatschig. Aber gerade diese naive Art und Weise, das Denken in ungewohnten Bahnen und die nicht vorhandenen Denkmuster, die bei den Kommissaren zum Einsatz kommen,  ermöglichen ihr eine klare Sicht auf die Tatsachen. In einigen Situationen kommen hingegen ein gewisser Humor und eine Leichtigkeit ansatzweise zum Vorschein. Leider werden diese Eigenschaften nur knapp beschrieben oder tauchen mal zwischen den Zeilen auf. Gerade hier liegt aus meiner Sicht aber ein enormes Potenzial, dass die Arbeit der Detektivin für den Leser noch spannender und unterhaltsamer machen kann. Dieses Gefühl der Unvollkommenheit zieht sich latent durch das gesamte Buch. Immer wieder kommen Szenen, die einen guten Ansatz zeigen und dann ohne Wirkung verpuffen. Besonders stark fällt dies am Ende ins Gewicht. Die Wendungen sind sehr überraschend und gleichzeitig im Nachhinein für den Leser erklärbar. Sie erfolgen aber so plötzlich und werden so schnell abgehandelt, dass sie schon fast wie willkürlich aneinandergereihte Ereignisse wirken, die schnell noch untergebracht werden wollten. Und das ist so schade, weil wirklich eine hervorragende gedankliche Arbeit erkennbar ist, die aus irgendeinem Grund nicht ihre Wirkung entfalten kann. 
Trotz aller Kritikpunkte hat mir das Lesen sehr viel Spaß bereitet und das Ende lässt darauf hoffen, dass man noch mehr von Sirka Ehrenpreis hören wird.
Drei von fünf
Fazit: Die Ideen der Autorin sind hervorragend, aber die Umsetzung weißt hier und da noch Ecken und Kanten auf, die geschliffen werden müssen.
192 Seiten
Maße: 120 x 190 mm
Broschur
ISBN: 978-3-8313-2048-6 
Erschienen: 01.07.2009 
Preis: 9,95€

Christine Sylvester, Muschebubu

– „Nö.“ Lale schüttelte energisch den Kopf. Dann warf sie einen Blick auf den Zettel. „Das macht Inge.“ „Inge?“ fragte Mandy. „Wer ist Inge?“ „Ein Akronym“, erklärte Lale. „Das steht für ‚Interne gewisse Ermittlungen‘ oder so.“ Sie kniff die Augen zusammen. Wenn sie ihre Schrift doch nur hätte lesen können. „Klar, Inge – ‚Indärne Gorrubtions-Ermittlungen‘.“ Mandy kicherte. –
In den letzten Jahren erreichte die Literaturwelt eine Art Schwemme von Lokalkrimis, die sprachliche und charakterliche Besonderheiten einer Region besonders herausstellten. Ganz subjektiv hatte man den Eindruck, dass die Kriminalität südlich des so genannten Weißwurstäquators häufiger einen Anlass zum Schreiben bietet. Oder ist es eher umgekehrt und die Ruhe bringt die Autoren zum Fantasieren? Genau klären lässt sich diese Frage wahrscheinlich nicht. Aber auch Mitteldeutschland bietet wahre Begebenheiten, die Krimiautoren anregen. 
Bereits im Oktober 2008 erschien von Christine Sylvester der Roman „Muschebubu“, dessen Handlung in Dresden angesiedelt ist und einen schönen Schuss Lokalkolorit enthält.
Inhalt
Die Polizeikommissarin Lale Petersen musste notgedrungen an einem Seminar zum Thema Korruption teilnehmen. Der Ausdruck „öde“ kann nicht ansatzweise beschreiben, wie das Seminar ausgesehen hat. Nun geht es endlich mit dem Zug zurück nach Dresden. Doch die Freude währt nicht lang. Lale sitzt eine Frau gegenüber, die ohne Punkt und Komma über ihr Leben und ihre Familie spricht. Wenn sie doch nur für ein paar Minuten den Mund halten würde! Da bleibt der Polizistin nichts anderes übrig als ganz dezent in den Schlaf zu entschwinden. Ruhe. Entspannung. „Fahrkartenkontrolle!“ Das war es mit den schönen Träumen und der kuscheligen Wärme. Chaotisch wie Lale ist, findet sie natürlich ihre Fahrkarte nicht sofort und der Kontrolleur will auch noch wissen, was mit ihrer Begleitung ist. Na, die Dame ist wohl durch ihre eigene Erzählung eingeschlafen. Als Lale sie wecken will, stellt sie allerdings fest, dass die Frau nicht nur kurzfristig verstummt ist. Sie ist eindeutig tot. Ein Mord oder ein Herzinfarkt? Und das direkt neben der Kommissarin!
Somit ist Lale noch nicht einmal zurück in der Heimat und hat schon den ersten neuen Fall auf dem Tisch. So einfach ist die ganze Geschichte aber nicht. Ist sie nicht befangen oder vielleicht sogar selbst verdächtig? Die taffe Frau schlägt sich durch und beginnt zu ermitteln. Dabei stößt sie schnell auf Stasi-Verbrechen, Prostitution, Drogenhandel und Korruption, die nicht nur in die Dresdner Gesellschaft hineinwirken.
Sprache, Charaktere, Handlung
Lale Petersen ist dem Leser sofort sympathisch. Sie hat einen sehr direkten Humor, der durch ihr Leben in Hamburg gekennzeichnet ist. Zudem ist Sarkasmus so etwas wie ihr zweiter Vorname. Für jeden Gesprächspartner und für jede Situation hat sie eine leicht schnippische Antwort parat, die beim Lesen ein Lächeln erzwingt. Nach einer bestimmten Zeit fragt man sich allerdings, ob die Figur dieses Verhalten durchhalten kann oder ob sie irgendwann zusammenbricht. Und vor allen Dingen stellt sich die Frage auch in gewisser Weise dem Leser. Kann er diese Art und Weise durchhalten oder bricht er irgendwann zusammen, weil er diese ständige gute Laune nicht mehr ertragen kann? Ich habe durchgehalten und ich muss sagen, dass ich mit Lales Eigenarten sehr gut ausgekommen bin. Meine ersten leisen Zweifel wurden mit jeder Seite kleiner. Die Figur entwickelt sich ganz nebenbei mit der Geschichte. Sie ist mit ihrer Sprache und ihrer Haltung so gut in das Beziehungsgeflecht und die Handlungen eingebunden, dass man keine Ecken und Kanten erkennen kann. Es passt einfach alles. Genauso ist es mit den anderen Charakteren und der Handlung. Jede Wendung und jedes Auftauchen einer neuen Persönlichkeit passt in den Handlungsrahmen und man fragt sich nicht einmal, wie es jetzt zu diesem Konflikt oder jener Lösung kommen konnte. Gleichzeitig ist die Geschichte aber weder langweilig noch altbacken. Manche Leser denken vielleicht, dass gerade mit dem Thema Stasi-Verbrechen Stereotype angesprochen werden und eine immer wieder gleiche Geschichte erzählt wird. Christine Sylvester hat es aber geschafft ganz offensichtliche und historisch bedingte Aspekte in aktuelle Themen und reale Verbrechen einzubetten. Dieses Zusammenspiel entwickelt in der fiktiven Handlung eine ganz eigene Dynamik, die Spannung erzeugt und ein leichtes Lesen ermöglicht. Letztendlich ist aber auch die Sprache sehr angenehm und nicht zu stark von lokalen Gepflogenheiten geprägt. Die meisten Figuren verfallen eher selten in ihre lokale Sprache. Häufig ist dies der Fall, wenn sie selbst nervös sind und unter Anspannung stehen. Und dies ist doch eine Situation, die wir alle kennen. Man benötigt also kein Handbuch der sächsischen Sprache, um die Handlung komplett nachvollziehen zu können. Auch abseits der Besonderheiten ist die Geschichte sehr leicht verständlich und in einem eher freundschaftlichen Ton geschrieben. Es geht nicht so sehr darum die Grausamkeiten der einzelnen Verbrechen hervorzuheben. Der Leser wird eher gemütlich in die Umgebung eingebettet, in dem er freundschaftlich empfangen wird und man auf einer Ebene kommuniziert. Wer also in hohen sprachlichen Sphären schweben will oder blutige Details liebt, sollte die Finger von dem Roman lassen. Wer sich gut amüsieren will und Spaß am miträtseln hat, der ist hier genau richtig.

Fazit
Ein Roman, dem aus meiner Sicht viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde und wird. Schließlich handelt es sich hierbei um eine wunderbare Kriminalgeschichte mit einem kleinen Hauch von Lokalkolorit, die zum Verschlingen einlädt. Absolut empfehlenswert!

P.S.: „Muschebubu“ steht übrigens eigentlich für ein eher schummriges Licht, das eine heimelige Atmosphäre erzeugt. Aber auch Situationen, die man nicht ganz überblicken kann oder Beziehungen, die nur in einem diffusen Licht erscheinen, werden damit umschrieben.

Nachtrag (geändert): Ich sehe gerade, dass Lale Petersen in einem neuen Roman ermittelt! Mehr erfahrt ihr hier.
Und da ich einen Hinweis bekommen habe: Muschebubu ist schon der zweite Fall für die Kommissarin. In „Barocke Engel“ gibt sie ihren Dresdner Einstand. Mehr Information bekommt ihr hier.

352 Seiten
Format 11,5 x 18,7 cm | Paperback
10,90 Eur
ISBN 978-3-938916-13-1

Link zur Verlagsseite