Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

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ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag

Ich stelle vor: Mark Benecke

Der Herr der Maden. Ob das wohl ein guter Spitzname ist? Sicherlich sammelt man damit eher ungewöhnliche Anhänger. Aber Mark Benecke dürfte das nicht stören. Denn gewöhnlich ist dieser Mann auf gar keinen Fall.
Schon rein optisch gibt er sich nicht dem Mainstream hin: Schwarze Kleidung, Schmuck, der der Gothic-Szene zuzuordnen ist, sowie zahlreiche Tätowierungen prägen sein Erscheinungsbild.
Und der Name „Herr der Maden“ kommt nicht von ungefähr. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Forensische Biologie. In diesem Arbeitsfeld geht es um die Todeszeitbestimmungen, die damit in Verbindung stehende Insektenkunde, DNA-Analysen, Analyse verschiedener Gifte etc. pp.
Bevor er einer der bekanntesten forensischen Biologen wurde, absolvierte zunächst ein Biologiestudium in Köln und ging nach seiner Dissertation in die USA, um sich dort mit Spurensicherung und ganz besonders Insekten auf Leichen zu beschäftigen.
Sein Bekanntheitsgrad mag auch damit zusammenhängen, dass er, im Gegensatz zu einer Vielzahl seiner an Universitäten tätigen Kollegen, nicht die Öffentlichkeit scheut. Das wird von vielen als „unwissenschaftlich“ angesehen. Diese Ansicht kann ich allerdings nicht teilen. Er schafft es Wissenschaft interessant zu gestalten und verständlich zu vermitteln. Er erklärt wie die Welt der Kriminalistik jenseits von C.S.I. aussieht und beschäftigt sich mit Alltagsphänomenen. Und letztendlich ist er nicht wie ein Professor verbeamtet, sondern arbeitet freiberuflich. Das kann man jedoch nicht mit einer unwissenscahftlichen Arbeitsweise gleichsetzen.
Neben dieser täglichen Arbeit und den vielen Vorträgen ist er unter anderem noch Mitherausgeber der „Annals of Improbable Research“ und verleiht mit seinen Kollegen jährlich den IgNobelpreis. Weiterhin hat er eine eigene kleine Rubrik bei den Profis auf Radio Eins, ist Vorsitzender der Dracula-Gesellschaft, beschäftigt sich folglich mit Vampiren…. Um alle Tätigkeiten aufzuzählen reicht der Platz nicht aus. Ihr könnt euch aber umfangreich auf seiner Seite www.benecke.com informieren.

Seine Bücher:
Mark Benecke beschäftigt sich ja wie beschrieben mit vielen Themen. Genauso vielfältig ist auch sein literarisches Programm. Vom Lehrbuch bis zum Kinderbuch über den Tod ist alles dabei.
Ich habe bisher drei Bücher gelesen, die dem kriminalistischen Bereich zugeordnet werden können und zwei Bücher über den Ig-Nobelpreis bzw. die Forschungsarbeiten mit denen sich der Preisausschuss beschäftigt hat.
Zunächst einige Worte zu den eher humorvollen Büchern, die sich mit den Forschungsarbeiten beschäftigen. Der IgNobelpreis wird von der Harvard University vergeben. Seit Anfang der 90er Jahre erhalten Einzelpersonen oder Forschergruppen diesen Preis, wenn sie sich mit besonders skurrilen Themen beschäftigt haben. Teilweise sind die Arbeiten auch einfach unnütz oder unwichtig. Also eigentlich völlig umsonst. Mark Benecke stellt in den Büchern „Lachende Wissenschaft“ und „Warum man Spaghetti nicht durch Zwei teilen kann“ eine Auswahl der Forschungen vor. Er hebt die humorvollen Aspekte der Arbeiten hervor, prüft aber auch genau den wissenschaftlichen Gehalt und erklärt ausführlich die Zusammenhänge. Gespickt ist das ganze mit bissigen Kommentaren und eigenen Ideen. Die Sprache ist dabei sehr verständlich und macht die Bücher auch für einen Laien zum Lesevergnügen. Nach dem Lesen kann man seine Bekannten dann mit dem Wissen über Grizzly-Abwehr, Fremdgehverhalten und Spaghetti-Bruch aufklären.
Ebenso verständlich sind auch die Bücher geschrieben, die sich mit Kriminalfällen beschäftigen. Natürlich haben sie ein eher ernstes Thema, doch schafft es Benecke auch hier den Humor nicht zu verlieren. An verschiedenen Beispielen erklärt er seine Arbeitsmethoden sowie Chancen und Grenzen der forensischen Biologie. Es geht um DNA-Analysen, Liegezeiten von Leichen, Klärung von Todesursachen und um psychologische Komponenten. Das Vorgehen der Täter wird teilweise sehr explizit beschrieben und ist an manchen Stellen nichts für schwache Nerven. Er schaut aber auch hinter die Kulissen. Wie sah das Leben der Täter und Opfer aus? Wie wurden Opfer ausgewählt? Was bedeuteten die Straftaten und letztendlich die Aufklärung für Familien oder ganze Orte. Man merkt dabei häufig, dass Mark Benecke ein Perfektionist ist. Dass Beschreibungen daher manchmal etwas ausufern, mag manche Leser stören. Ich finde es immer wieder spannend und zudem ist dadurch alles nachvollziehba – es fehlt kein Puzzleteil.
Wer einen guten Einstieg in das Thema und der Benecke-Welt sucht, dem empfehle ich Mordmethoden. In diesem Buch befindet sich auch ein Abschnitt über die Body Farm, der für jeden Kathy Reichs-Fan interessant ist und noch mehr Informationen über Forschungen bzgl. Leichenverwesung enthält.


EUR 8,99
Bastei Lübbe
Taschenbuch, 352 Seiten
Ersterscheinung: 23.11.2004
ISBN: 978-3-404-60545-3

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