Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen

Ökologisch gesehen leben wir weit über unsere Verhältnisse. Wir verschmutzen nicht nur Meere mit unserem Plastikmüll oder verpesten die Luft durch unsere Fahrzeuge. Nein, wir vernichten auch Lebensräume für Kleinstlebewesen durch Monokulturen und rotten ganze Arten durch die Verwendung von Pestiziden aus. Den meisten Menschen ist nicht unbedingt bewusst, dass gerade Bienen in unser aller Leben eine entscheidende Rolle spielen. Doch wenn man nur einmal ganz kurz darüber nachdenkt, welche Rolle diese keinen Geschöpfe in unserer Umwelt spielen, sollte eigentlich klar sein, dass wir sie unbedingt schützen müssen. Denn wer ist schließlich hauptsächlich für die Bestäubung der Pflanzen zuständig? Wer sorgt dafür, dass wir jedes Jahr leckere Früchte genießen dürfen und dass sich Pflanzen ausbreiten können? Natürlich genießen wir auch den leckeren Honig, den die Bienen produzieren. Aber das ist eher eine Art Nebenprodukt.

Diverse Umweltschutzorganisationen weisen seit Jahren auf die oben genannte Problematik hin, doch kaum etwas passiert. Konzernriesen sind taub und produzieren weiter Pestizide, die sich leicht verflüchtigen und Anbaufläche oder Wildwuchs schädigen. Gleichzeitig gibt es kaum noch die alten Hecken- oder Strauchbereiche in der Nähe von Feldern. Auch unsere Balkonbepflanzung ist nicht gerade bienenfreundlich. Doch was ist, wenn wir nicht nur auf der Straße oder in Mails auf dieses Problem angesprochen werden? Was ist, wenn wir einmal in einem Roman die Auswirkungen kennen lernen, die unser Verhalten haben kann?

Maja Lunde stellt uns auf drei verschiedenen Zeitachsen Menschen vor, die in irgendeiner Weise mit Bienen zu tun haben. Dabei nimmt sie uns nicht nur in unterschiedliche Zeiten, sondern auch verschiedene Regionen mit. Zunächst lernen wir Tao kennen, die im Jahr 2098 in China lebt. In ihrer Welt gibt es keine Bienen mehr und die Weltbevölkerung wurde stark dezimiert. Die Nahrung ist sehr knapp und daher stark rationiert. Die Menschen sind hauptsächlich mit der Bestäubung von Pflanzen beschäftigt, da irgendjemand die Arbeit der Bienen übernehmen muss. Man kennt diese kleinen Tiere eigentlich nur noch aus Büchern oder alten Fernsehaufnahmen. Da die Kinder auch schon sehr früh diese anstrengende Arbeit machen müssen, versucht Tao ihren Sohn Wei-Wen so zu fördern, dass er aufgrund seiner schulischen Leistungen eventuell diesem Trott entkommen kann. Doch dann hat Wei-Wen einen Unfall, der Taos gesamte Welt zusammenbrechen lässt und sie muss sich entscheiden, ob sie weiter ein Rädchen in dem strengen System bleibt oder für ihre Zukunft kämpft.

Während Tao das zeitliche Ende der Geschichte darstellt, steht William am Anfang. Er lebt mit seiner Familie in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England, wo er Biologie und erfolgreicher Samenhändler ist. Doch aufgrund einer Depression ist er momentan ans Bett gefesselt und weder seine Forschungen noch sein Laden sind sonderlich erfolgreich. Damit hängt natürlich auch eine Art wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Niedergang der Familie zusammen, da der Ernährer sich nur noch im Bett befindet, kaum wäscht und die Kommunikation mit ihm sehr eingeschränkt verläuft. Doch dann schafft es sein Sohn Edmund, die Lebensgeister in ihm zu erwecken. Und so beginnt er sich mit dem Thema Bienen und dem Bau eines Bienenstocks zu beschäftigen.

Zwischen den beiden Erzählsträngen befindet sich George, der mit seiner Frau im Jahr 2007 in Ohio lebt. Er hat eine kleine Farm, auf der er Honig produziert. Zudem fährt er mit seinen Bienen ein bisschen durchs Land und verleiht sie sozusagen zeitweise an andere Farmer, die so ihre Pflanzen bestäuben lassen. Da George nicht mehr der Jüngste ist, plant er seinen Hof so umzugestalten, dass er ihn zukunftsfähig an seinen Sohn Tom übergeben kann. Doch Tom hat an der Universität eine ganz andere Leidenschaft entdeckt. Er möchte Schriftsteller werden und hat nur wenig Interesse an den Bienen. Doch dann kündigt sich eine große Veränderung an und die beiden Männer sind gezwungen zusammenzuarbeiten.

Maja Lunde schafft es die drei recht unterschiedlichen Erzählstränge so zu verknüpfen, dass die Beziehungen zwischen ihnen nur als lockere Fäden angedeutet werden und sich erst im Verlauf des Buches enger ziehen. Gleichzeitig ist aber auch jeder Teil so spannend, dass man unbedingt weiterlesen will. Man möchte dabei aber nicht einen der drei Teile auslassen, sondern jeden für sich weiterhin verfolgen. Zudem ist der Inhalt der einzelnen Abschnitte so konstruiert, dass beim Lesen ein sehr ambivalentes Gefühl aufkommt. Wenn es für den einen Protagonisten gerade aufwärts zu gehen scheint, ist in der anderen Zeitschiene ein Niedergang zu spüren und im dritten Teil steht man zwischen den Stühlen. Dabei werden die Figuren so wunderbar dargestellt, dass man eine unglaubliche Nähe spürt. Man steht neben George bei seinen Bienen, man kann Williams Enttäuschung fast körperlich wahrnehmen und man kann das leid Taos nachempfinden. So wächst man mit ihnen und ihren Familien im Laufe der Lektüre zusammen, obwohl sie sich doch alle an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiten befinden.

Dabei lernt man die wichtige Rolle der Bienen für diese Menschen und ihr eigenes Leben kennen, entdeckt aber auch den Wert der Tiere für unser aller Leben. Lunde nutzt hierfür selbst in drastischen Momenten eine eher leise Sprache, die aber tief in den Leser eindringt. Sie ist nahezu frei von Oberflächlichkeiten, lässt sich aber hervorragend lesen. Man kann alle Gedankengänge sofort nachvollziehen und versteht auch die technischen Aspekte ohne ein bestimmtes Hintergrundwissen. Die Autorin schafft es einerseits das Herz der LeserInnen zu erwärmen, ohne das sie dabei in die kitschige Ecke gerät. Und gleichzeitig schafft sie es zu mahnen, ohne den Zeigefinger zu erheben. Dass sie dadurch zu einem eher seichten Ende gelangt, mag ihr verziehen sein.

Fazit: Ein fantastisch runder und wunderbar zu lesender Roman, der die LeserInnen sanft wachrüttelt und beseelt, aber auch nachdenklich zurücklässt.

 

Recht herzlichen DANK an buecher.de für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

 

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-442-75684-1
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