Regina Stürickow: Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Mordkommission befasst und historische Aspekte nicht außer Acht lässt oder gut recherchierte historische Kriminalromane mag, stolpert unfreiwillig irgendwann über den dicken Kommissar aus Berlin. Auch in diversen Filmen taucht er immer wieder auf und wer 2015 den Film „Mordkommission Berlin 1“ sowie die dazugehörige Dokumentation gesehen hat, weiß schon einige Dinge über Ernst Gennat.

Bereits 1998 hatte Regina Stürickow mit „Der Kommissar vom Alexanderplatz“ eine fundierte Biografie über Gennat vorgelegt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist praktisch eine überarbeitete und erweiterte Version des ersten Buches.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel, die sich an den drei historischen Epochen orientieren, die der Kommissar miterlebt hat. Im ersten Kapitel geht es um seinen Aufstieg während des Kaiserreiches, anschließend wird seine beste Zeit während der Weimarer Republik dargestellt und anschließend geht es um die eher letzten Jahre im Nationalsozialismus. Obwohl Gennat natürlich im Mittelpunkt steht, wird auf den knapp 200 Seiten nicht nur über seine Persönlichkeit berichtet. Es geht eher um interessante und spektakuläre Fälle, an denen er gearbeitet hat. Ganz nebenbei werden dann seine Methoden und persönliche Aspekte dargelegt. So lernt man das Arbeitsschema kennen, das der Kommissar für Todesermittlungen entwickelt hat, und welches heute noch fast genauso angewendet wird. Aber man erhält auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen und erfährt wie Gennat gelebt hat und dass die Arbeit in gewisser Weise eine Familie ersetzt hat. Zudem werden die historischen Umstände ausreichend, aber nicht zu ausufernd eingearbeitet. So können Umstände für Taten und der Umgang mit Straftätern besser verstanden werden. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass Gennat eine Einstellung zu Verbrechen und Tätern hatte, die unbewusst stark vom Humanismus geprägt und ihrer Zeit ein wenig voraus war. Grundlage hierfür waren seine Beobachtungen und Erfahrungen, die er in seiner Jugend und während der Dienstjahre machte. Erstaunlich ist allerdings, dass er diese innere Haltung nicht in politischer Hinsicht anwendete. Politik war ihm eher gleichgültig. Er wollte seine Arbeit machen und orientierte sich dabei an seinen Wertmaßstäben. Wenn diese nicht mit der politischen Führung übereinstimmten, versuchte er trotzdem einfach weiterzumachen. Und aufgrund seines Rufes gelang ihm dies auch überwiegend. Politisch aktiv engagiert hat er sich allerdings nie.

Die Autorin berichtet über die Fälle und den Kommissar in einer angenehmen und gut zu lesenden Sprache. Sie erklärt wichtige Begriffe und rechtliche Hintergründe auf eine verständliche Art und Weise. Man merkt, dass sie umfangreich recherchiert hat und über die damalige Polizeiarbeit einen großen Wissensschatz angehäuft hat. Untermauert werden die Geschichten mit Originalaufnahmen der damaligen Zeit und vielen Archivalien. Diese werden gut in den Text eingebettet. Allerdings fand ich die Farbgebung, die sich an dem Rot des Umschlages orientiert nicht gut gelungen. In vielen Fotos wurden Details rot hervorgehoben. Dies empfand ich als unnötig und teilweise auch als nicht gelungen. Ebenso empfand ich beim Lesen die roten Einschübe (mit weißer Schrift) als störend.

Grundsätzlich habe ich die einzelnen Kapitel mit sehr viel Interesse und ziemlich schnell gelesen. Daher bin ich von dem Buch auch angetan. Einzig das fiktive Interview mit Ernst Gennat passt nicht in den restlichen Zusammenhang. Hier hat man den Eindruck, dass die Autorin unbedingt zeigen wollte, dass sie viel über den Kommissar weiß und sogar in der Lage ist ein fiktives Interview zu erstellen. Mich hat dies aber eher gelangweilt. Schade finde ich auch, dass viele Fälle umfangreich und wirklich spannend dargestellt werden, dann aber mit dem Hinweis enden, dass man über die Verurteilung bzw. das Strafmaß nicht sin den Akten findet. Hier würde ich mir wünschen, dass man zumindest auf ähnliche Fälle verweist. Diesbezüglich lädt die Autorin aber indirekt zu eigenen Recherchen ein, da sie ein wirklich gutes und umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis an das Ende ihres Werkes stellt.

Fazit: Obwohl ich einige Aspekte nicht so ganz gelungen finde, ist das Buch im Ganzen empfehlenswert. Wer mehr über Kommissar Gennat und die Kriminalgeschichte der damaligen Zeit wissen will, sollte zu dem Buch greifen. Es ist sehr gut lesbar und spannend geschrieben, bestückt mit vielen Fotos und zahlreichen Quellen.

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ca. 208 Seiten
17 x 24 cm
rund 100 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag

Axel Petermann, Der Profiler. Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet

Der Mensch ist sicherlich schon immer daran interessiert das Böse zu erkennen und sich davor zu schützen. Und gerade in unserer Zeit spielt die Vorhersage eine wichtige Rolle. Kann man einen Täter schon vor der Tat erkennen? Gibt es DAS Böse überhaupt? Natürlich ist es nicht so einfach. In allen Menschen steckt in gewisser Weise das Böse. Unter bestimmten Bedingungen kann daher auch jeder zum Mörder werden. Viele Menschen schieben diesen Gedanken aber fort und sehen in den Straftätern Personen, die anders ticken müssen als sie selbst. Darin liegt in gewisser Weise auch eine Faszination, die sich in den letzten Jahren in der Medienlandschaft widerspiegelt. Bücher über die Psychologie des Bösen, Berichte von Forensikern und Serien über die Verfolgung von Straftätern haben Hochkonjunktur. In diversen Werken tauchen auch immer wieder so genannte Profiler auf. Sonderbar ist allerdings, dass sie meist in den Werken amerikanischer Autoren auftauchen. Erst langsam spielen sie auch eine Rolle in deutschen Werken.

Erstaunlich ist dies aus meiner Sicht, weil bereits 1987 die erste Fallanalyse in Deutschland durchgeführt wurde (Quelle: BKA). Allerdings muss man natürlich bei dieser Bewertung berücksichtigen, dass erst 1999 die eigentliche Einführung in den Polizeialltag erfolgte. Bereits seit 1989 setzte sich Axel Petermann mit dem Thema auseinander. Er war Mordkommissionsleiter und stellvertretender Leiter im Kommissariat für Gewaltverbrechen. Im Jahr 2000 baute er die Dienststelle „Operative Fallanalyse“ auf, die er bis zur Pensionierung (2014) leitete. In den letzten Jahren seiner Amtszeit schrieb er zwei Bücher, die sich mit dem Profiling beschäftigen und sich längere Zeit in den Bestsellerlisten behaupten konnten.

Wer sich mit Hilfe der Bücher und/oder diverser Fernseh- sowie Radiobeiträge ein wenig mit der Arbeit von Axel Petermann beschäftigt hat, ahnte natürlich schon, dass nach der Pensionierung noch lange nicht mit dem Lösen von Mordfällen Schluss sein wird. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass nun ein neues Buch auf den Markt gekommen ist.

In diesem Buch beschreibt Axel Petermann in vier Kapiteln seine Arbeit als Profiler. Die verschiedenen Fälle handeln von ganz unterschiedlichen Personen und Delikten. Allen Fällen ist aber gemein, dass sie Petermann anscheinend sehr nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Teilweise waren sie sogar wegweisend für seine berufliche Laufbahn. Die Darstellung der Taten und des Profiling erfolgt schonungslos, aber in einer sehr angenehmen und leicht verständlichen Sprache. Wichtige Begriffe werden im Verlauf erklärt, das jeweilige Vorgehen wird immer erläutert und die Entscheidungen werden begründet. So ergibt sich ein sehr umfangreiches Bild, dass aufgrund der Spannungsbögen nicht langweilig wird.  Es handelt sich natürlich trotzdem nicht um einen Thriller, aber die einzelnen Fälle sind so interessant, dass sie selbst als Vorlage für diverse fiktionale Texte dienen könnten. Wer also Interesse an der Arbeit eines Profilers hat, wird dieses Buch verschlingen und anschließend gleich zu den älteren Werken greifen.

Ich möchte gar nicht mehr verraten, sondern einfach sagen: Lesen!

351_60359_160333_xxlTaschenbuch
Broschur
304 Seiten
ISBN: 978-3-453-60359-2
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90
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Peer Meter & David von Bassewitz, Vasmers Bruder

Inhalt

Martin Vasmer sitzt im polnischen Ziebice im Gefängnis. In den Befragungen, die regelmäßig durchgeführt werden, erzählt er seine Geschichte, die mit der Geschichte seines Bruders und dem Leben des Serienmörders Karl Denke eng verknüpft ist.

Karl Denke hat in den ersten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über 40 Menschen getötet. Über 30 seiner Opfer führte er genau Buch. Er notierte zum Beispiel ihre Namen, ihr Geschlecht und ihr Gewicht bei der Ermordung. Dies geschah vornehmlich in seiner Wohnung in der Stadt Münsterberg (heute: Ziebice). Dabei kamen die Taten nur durch einen Zufall ans Licht. In den anschließenden Ermittlungen fand man heraus, dass der Serienmörder seine Opfer gekocht hat und teilweise das Fleisch auf dem Markt verkaufte. Er bastelte aber auch Haushaltsgegenstände aus verschiedenen Körperteilen.

Hans-Georg Vasmer arbeitet für einen privaten Fernsehsender und möchte die Spuren Denkes nachzeichnen. Dafür begibt er sich nach Ziebice. Doch bald meldet er sich nicht mehr und sein Bruder begibt sich auf die Suche nach ihm. Dabei trifft Martin Vasmer auf Hanna Jablonska, die ein Treffen mit Adam Sadowski engagiert. Sadowski soll mit Hans-Georg Vasmer zusammengearbeitet haben. Doch anstatt Aufklärung in die verworrene Situation zu bringen, zieht Sadowski seinen Gesprächspartner immer stärker in die Geschichte von Karl Denke hinein. Martin Vasmer kann gar nicht anders. Er muss sich genauer mit dem Fall beschäftigen. Doch je tiefer er in die Welt des Serienmörders eindringt, desto stärker beeinflusst sie seine eigene Geschichte.

Meinung

Peer Meter hat als Comicszenarist bereits zwei andere Graphic Novels über Serienmörder verfasst. Vasmers Bruder stellt nach „Gift“ und „Haarmann“ das Ende der Trilogie dar. Gemeinsam mit David von Bassewitz hat er eine düstere Geschichte erschaffen, die trotz weniger Worte sehr vielschichtig ist. In großformatigen Einzelbildern und Seiten mit bis zu fünf Panels wird die Handlung ausschließlich in Schwarzweißbildern erzählt. Die sehr düster gehaltenen Bilder sind für erfahrene Leser von Graphic Novels ein bekanntes Instrument für dir Erzeugung von einer Stimmung, die im Einklang mit eher gefährlichen Situationen und zwielichtigen Personen steht. Aber auch Kenner der Bassewitz-Werke haben mit dieser Stilform bereits Berührung gehabt. Von Bassewitz ist ja eigentlich ein sehr vielschichtiger Illustrator, der viele verschiedene Techniken anwendet. Dabei stellt er immer eine gute Beziehung zwischen Textinhalt und Illustrationstechnik her. Trotzdem gefallen mir seine Zeichnungen, die auf den ersten Blick sehr ungenau und dunkel wirken, aber auf den zweiten Blick eine unglaubliche Detailliertheit aufweisen, immer wieder am besten. Da ich mittlerweile einige Graphic Novels gelesen habe und wie gesagt auch von Bassewitz vorher kannte, hatte ich keine Probleme in die Geschichte einzusteigen. Unerfahrene Leser des Genres könnten zunächst ein wenig Probleme mit der Darstellungsform haben. Aber auch sie werden ziemlich schnell von der Geschichte gefangen sein. Und spätestens wenn man die ersten wunderbaren Detail sin den Bildern entdeckt hat, blättert man auch noch einmal zurück und sieht das Werk mit anderen Augen.

Peer Meter sind die Geschichte des Serienmörders und die Verknüpfung mit der heutigen Zeit gut gelungen. Er schafft es die wichtigsten Aspekte mit wenigen Worten klar und deutlich darzustellen. Gleichzeitig wird eine Spannung erzeugt, die sich bis zu den letzten Seiten steigert. Auch die Vermischung der polnischen und deutschen Sprache fand ich sinnvoll. An manchen Stellen mag man sich zunächst eine Übersetzung wünschen. Doch dann fällt einem wieder ein, dass der Protagonist auch kein Wort der polnischen Sprache versteht. Somit sorgen diese „unverständlichen“ Abschnitte auch dafür, dass man sich in die Rolle von Martin Vasmer stärker hineinversetzen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass von Bassewitz und Meter eine gute Arbeit abgeliefert haben, die spannend ist und sich nicht im Dschungel der Graphic Novels verstecken muss. Allerdings ist diese düstere Darstellungsart nicht für jeden Leser geeignet.

Vasmers BruderEinband: Hardcover
Größe: 17,50 x 24,60 cm
Seiten: 176
Alter: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-72969-9
Preis: 17,90€

 

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Wikipedia-Artikel über Karl Denke

 

 

Andrea Tillmanns, Tod im Wasser

– Diesmal war ich besser auf die Kälte vorbereitet. Um meinen Kreislauf zumindest für die erste Zeit des Wartens in Schwung zu bringen, hatte ich vor dem Fernseher Turnübungen gemacht und war fleißig auf der Stelle gehüpft, bis ich den Mann unter mir etwas von „Unverschämtheit“ und „Ruhestörung“ brüllen hörte. –
Sirka Ehrenpreis hat eigentlich nur aus Spaß an der Freude ein Detektivseminar besucht, während ihr Mann als Rechtsanwalt gearbeitet hat. Doch nachdem dieser sich nun lieber mit seinen Studentinnen vergnügt und die Scheidung vollzogen wurde, muss Sirka für sich selbst sorgen. Daher macht sie kurzerhand aus ihrem Hobby einen Beruf und versucht als selbständige Detektivin auf eigenen Beinen zu stehen. Leider handelte es sich bei den ersten Fällen um entlaufene Tiere, die zwar schnell aufgefunden wurden, aber keine gute Einnahmequelle darstellen. Ist das liebste Tiere erst einmal wieder zurückgebracht, werden die Besitzer recht knauserig. Außerdem scheint sich die Nachricht über Sirkas „Talent“ unter den Tierliebhabern wie Feuer auszubreiten. An Aufträge aus anderen Bereichen ist gar nicht mehr zu denken. Das ändert sich schlagartig, als eine Nachbarin abends bei der Privatdetektivin klingelt und von einer sonderbaren Beobachtung spricht. Der im benachbarten Park befindliche Geldbrunnen soll durch eine männliche Leiche erweitert worden sein. Sirka verständigt natürlich sofort die Polizei und glaubt nicht, dass sie selbst solch einen Fall übernehmen könnte. Die Nachbarin ermutigt sie jedoch dazu und so beginnen, neben der eigentlichen Polizeiarbeit, die eigenwilligen Ermittlungen der Detektivin.
Andrea Tillmanns erzählt eine sehr ruhige Kriminalgeschichte, die teilweise wirklich nur leise plätschert und nicht durch schnelle Analysen oder rasante Verfolgungen besticht. Dies ist auch eine Art Spiegelung der Charaktereigenschaften, die die Protagonisten aufweist. Sie ist ein wenig langsamer und braucht erst eine gewisse Anlaufzeit bis ihre Arbeitstemperatur erreicht ist. Zudem ist sie sehr unbedarft in Bezug auf Ermittlungen und wirkt teilweise etwas tollpatschig. Aber gerade diese naive Art und Weise, das Denken in ungewohnten Bahnen und die nicht vorhandenen Denkmuster, die bei den Kommissaren zum Einsatz kommen,  ermöglichen ihr eine klare Sicht auf die Tatsachen. In einigen Situationen kommen hingegen ein gewisser Humor und eine Leichtigkeit ansatzweise zum Vorschein. Leider werden diese Eigenschaften nur knapp beschrieben oder tauchen mal zwischen den Zeilen auf. Gerade hier liegt aus meiner Sicht aber ein enormes Potenzial, dass die Arbeit der Detektivin für den Leser noch spannender und unterhaltsamer machen kann. Dieses Gefühl der Unvollkommenheit zieht sich latent durch das gesamte Buch. Immer wieder kommen Szenen, die einen guten Ansatz zeigen und dann ohne Wirkung verpuffen. Besonders stark fällt dies am Ende ins Gewicht. Die Wendungen sind sehr überraschend und gleichzeitig im Nachhinein für den Leser erklärbar. Sie erfolgen aber so plötzlich und werden so schnell abgehandelt, dass sie schon fast wie willkürlich aneinandergereihte Ereignisse wirken, die schnell noch untergebracht werden wollten. Und das ist so schade, weil wirklich eine hervorragende gedankliche Arbeit erkennbar ist, die aus irgendeinem Grund nicht ihre Wirkung entfalten kann. 
Trotz aller Kritikpunkte hat mir das Lesen sehr viel Spaß bereitet und das Ende lässt darauf hoffen, dass man noch mehr von Sirka Ehrenpreis hören wird.
Drei von fünf
Fazit: Die Ideen der Autorin sind hervorragend, aber die Umsetzung weißt hier und da noch Ecken und Kanten auf, die geschliffen werden müssen.
192 Seiten
Maße: 120 x 190 mm
Broschur
ISBN: 978-3-8313-2048-6 
Erschienen: 01.07.2009 
Preis: 9,95€

Michael Tsokos, Der Totenleser

– Zunächst einmal kann ich sie beruhigen: Die Tatsache, dass Sie dieses Buch gelesen haben, spricht statistisch gesehen dagegen, dass Sie irgendwann als Verbrechensopfer auf meinem Obduktionstisch oder dem eines Kollegen landen werden. –
(Aus dem Abschlusskapitel)
Selbstmörder, Vergewaltigungsopfer, verhungerte Kinder und Wasserleichen. Michael Tsokos hat als Leiter der Rechtsmedizin in der Charité Berlin schon einiges gesehen und erlebt. Doch sieht der Alltag eines Rechtsmediziners wirklich so aus, wie es uns häufig im Fernsehen berichtet wird? 
Tsokos beschreibt in seinem Buch Fälle, die sich wirklich so zugetragen haben und schildert dem Leser an entsprechenden Stellen die angewandten Methoden und Möglichkeiten der Rechtsmedizin. Dadurch erfährt man zum Beispiel wie genau die Todeszeit bestimmt werden kann und wann mikroskopische Untersuchungen hilfreich sein können. Gleichzeitig gewährt er auch an manchen Stellen einen kleinen Einblick in die Medizingeschichte.
Zweifellos hat Michael Tsokos ein umfangreiches medizinisches Wissen angesammelt. Und der geneigte Leser möchte das ein oder andere Häppchen davon mitgeteilt bekommen. Doch dies in einen 250 Seiten langen Text zu pressen, der auch noch in einer relativ großen Schrift gesetzt ist, scheitert an manchen Stellen. Man kann förmlich nachvollziehen wie dem Autor bei einer Fallbeschreibung noch eingefallen ist, was man alles erklären kann und teilweise auch muss. So kommt es zu Gedankensprüngen, die zwar einen Sinnzusammenhang haben, vom Leser aber teilweise als uninteressant eingestuft werden. Es ist ein hehres Ziel der lesenden Bevölkerung zu zeigen wie wichtig die Rechtsmedizin ist und wie sie wirklich funktioniert. Aber auch diese Art von Leser ist zum großen Teil „sensationslüstern“ und mehr an den Fällen interessiert, als an der Theorie.
Daher müssten die Grundlagen noch geschickter in den Text eingebunden werden. Diesbezüglich wirkt die Sprache von Michael Tsokos auch noch zu hölzern und enthält zu viele Mehrfachnennungen.
Fazit: Ein für mich interessantes Buch, das allerdings sprachlich nicht überzeugen kann.
Der wissenschaftlich weniger interessierte Leser wird damit wahrscheinlich kein Vergnügen haben.
 

Kartoniert
€ 8,95 [D], € 9,20 [A], sFr 14,90
ISBN-10: 3548373429
ISBN-13: 9783548373423

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Ich stelle vor: Mark Benecke

Der Herr der Maden. Ob das wohl ein guter Spitzname ist? Sicherlich sammelt man damit eher ungewöhnliche Anhänger. Aber Mark Benecke dürfte das nicht stören. Denn gewöhnlich ist dieser Mann auf gar keinen Fall.
Schon rein optisch gibt er sich nicht dem Mainstream hin: Schwarze Kleidung, Schmuck, der der Gothic-Szene zuzuordnen ist, sowie zahlreiche Tätowierungen prägen sein Erscheinungsbild.
Und der Name „Herr der Maden“ kommt nicht von ungefähr. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Forensische Biologie. In diesem Arbeitsfeld geht es um die Todeszeitbestimmungen, die damit in Verbindung stehende Insektenkunde, DNA-Analysen, Analyse verschiedener Gifte etc. pp.
Bevor er einer der bekanntesten forensischen Biologen wurde, absolvierte zunächst ein Biologiestudium in Köln und ging nach seiner Dissertation in die USA, um sich dort mit Spurensicherung und ganz besonders Insekten auf Leichen zu beschäftigen.
Sein Bekanntheitsgrad mag auch damit zusammenhängen, dass er, im Gegensatz zu einer Vielzahl seiner an Universitäten tätigen Kollegen, nicht die Öffentlichkeit scheut. Das wird von vielen als „unwissenschaftlich“ angesehen. Diese Ansicht kann ich allerdings nicht teilen. Er schafft es Wissenschaft interessant zu gestalten und verständlich zu vermitteln. Er erklärt wie die Welt der Kriminalistik jenseits von C.S.I. aussieht und beschäftigt sich mit Alltagsphänomenen. Und letztendlich ist er nicht wie ein Professor verbeamtet, sondern arbeitet freiberuflich. Das kann man jedoch nicht mit einer unwissenscahftlichen Arbeitsweise gleichsetzen.
Neben dieser täglichen Arbeit und den vielen Vorträgen ist er unter anderem noch Mitherausgeber der „Annals of Improbable Research“ und verleiht mit seinen Kollegen jährlich den IgNobelpreis. Weiterhin hat er eine eigene kleine Rubrik bei den Profis auf Radio Eins, ist Vorsitzender der Dracula-Gesellschaft, beschäftigt sich folglich mit Vampiren…. Um alle Tätigkeiten aufzuzählen reicht der Platz nicht aus. Ihr könnt euch aber umfangreich auf seiner Seite www.benecke.com informieren.

Seine Bücher:
Mark Benecke beschäftigt sich ja wie beschrieben mit vielen Themen. Genauso vielfältig ist auch sein literarisches Programm. Vom Lehrbuch bis zum Kinderbuch über den Tod ist alles dabei.
Ich habe bisher drei Bücher gelesen, die dem kriminalistischen Bereich zugeordnet werden können und zwei Bücher über den Ig-Nobelpreis bzw. die Forschungsarbeiten mit denen sich der Preisausschuss beschäftigt hat.
Zunächst einige Worte zu den eher humorvollen Büchern, die sich mit den Forschungsarbeiten beschäftigen. Der IgNobelpreis wird von der Harvard University vergeben. Seit Anfang der 90er Jahre erhalten Einzelpersonen oder Forschergruppen diesen Preis, wenn sie sich mit besonders skurrilen Themen beschäftigt haben. Teilweise sind die Arbeiten auch einfach unnütz oder unwichtig. Also eigentlich völlig umsonst. Mark Benecke stellt in den Büchern „Lachende Wissenschaft“ und „Warum man Spaghetti nicht durch Zwei teilen kann“ eine Auswahl der Forschungen vor. Er hebt die humorvollen Aspekte der Arbeiten hervor, prüft aber auch genau den wissenschaftlichen Gehalt und erklärt ausführlich die Zusammenhänge. Gespickt ist das ganze mit bissigen Kommentaren und eigenen Ideen. Die Sprache ist dabei sehr verständlich und macht die Bücher auch für einen Laien zum Lesevergnügen. Nach dem Lesen kann man seine Bekannten dann mit dem Wissen über Grizzly-Abwehr, Fremdgehverhalten und Spaghetti-Bruch aufklären.
Ebenso verständlich sind auch die Bücher geschrieben, die sich mit Kriminalfällen beschäftigen. Natürlich haben sie ein eher ernstes Thema, doch schafft es Benecke auch hier den Humor nicht zu verlieren. An verschiedenen Beispielen erklärt er seine Arbeitsmethoden sowie Chancen und Grenzen der forensischen Biologie. Es geht um DNA-Analysen, Liegezeiten von Leichen, Klärung von Todesursachen und um psychologische Komponenten. Das Vorgehen der Täter wird teilweise sehr explizit beschrieben und ist an manchen Stellen nichts für schwache Nerven. Er schaut aber auch hinter die Kulissen. Wie sah das Leben der Täter und Opfer aus? Wie wurden Opfer ausgewählt? Was bedeuteten die Straftaten und letztendlich die Aufklärung für Familien oder ganze Orte. Man merkt dabei häufig, dass Mark Benecke ein Perfektionist ist. Dass Beschreibungen daher manchmal etwas ausufern, mag manche Leser stören. Ich finde es immer wieder spannend und zudem ist dadurch alles nachvollziehba – es fehlt kein Puzzleteil.
Wer einen guten Einstieg in das Thema und der Benecke-Welt sucht, dem empfehle ich Mordmethoden. In diesem Buch befindet sich auch ein Abschnitt über die Body Farm, der für jeden Kathy Reichs-Fan interessant ist und noch mehr Informationen über Forschungen bzgl. Leichenverwesung enthält.


EUR 8,99
Bastei Lübbe
Taschenbuch, 352 Seiten
Ersterscheinung: 23.11.2004
ISBN: 978-3-404-60545-3

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Ullrich Wegerich, Berliner Macht

„Naja, angeblich ist Deutschland ja eine Überflussgesellschaft. 
Nur hier am Gesundbrunnen kommt dieser Überfluss halt schon lange nicht mehr an.“

Vergleicht man die bekanntesten Ecken der beiden Berliner Bezirke Prenzlauer Berg und Wedding miteinander, wird man nur sehr wenige Gemeinsamkeiten finden: Im Prenzl‘ Berg lebt die immer gut gekleidete, „hippe“ und aufstrebende Umhängetaschen-Generation. Sie treffen sich zu jeder beliebigen Zeit mit ihren Freunden in einem Café, das zwar alternativ aussieht, in Wirklichkeit aber von einem angesagten Architekturbüro designt wurde. Die Mieten sind für einen durchschnittlich verdienenden Menschen kaum noch zu zahlen, haben aber gleichzeitig noch nicht die Obergrenze erreicht. Hier lebt man also, wenn man es geschafft hat. Oder wenn die Eltern ihr Vermögen in eine Eigentumswohnung investiert haben.
Der ehemalige Arbeiterbezirk Wedding ist in einigen Ecken weit weniger gemütlich. Ein Großteil der Bevölkerung ist entweder arbeitslos oder versucht seine Familie mit Jobs im Niedriglohnsektor zu ernähren. Es gibt auch schöne und aufstrebende Ecken, die allerdings nicht prägend auf den Bezirk wirken.
Auch Markus Kappel, Hartz-IV-Empfänger und sozial isolierte Seele, lebt im Wedding. Seine Mutter hatte bis zu ihrem Tod die volle Kontrolle über sein Leben. Sie übernahm alles für ihn und verhinderte so, dass er ein selbstbestimmtes Leben führen konnte. Da er seinen erlernten Beruf (Rundfunk- und Fernsehtechniker) nicht ausüben kann, erhält er mehrfach von seinem Job-Center so genannte 1€-Jobs in sozialen Einrichtungen vermittelt. Weil er sich generell mit Elektrizität gut auskennt, erhält er ab und an auch das Angebot kleine Aufträge zu erledigen. Eines Tages schafft er es sogar an einen sehr lukrativen Detektivauftrag zu gelangen. Dies kommt allerdings erst heraus, als Markus‘ Leiche stark verwest in seiner Wohnung aufgefunden wird und der zuständige Kommissar Mannheim mit seinen Ermittlungen beginnt.
Mannheim entdeckt sehr schnell Spuren, die in den Prenzlauer Berg und direkt in einen politischen Machtkampf führen, der zu weiteren Mordopfern führt.

Ullrich Wegerich hat sich in seinem zweiten Roman an ein sehr spannendes und interessantes Thema gewagt. Leider ist es im nicht durchgängig gelungen mich als Leser zu packen. Mehrmals habe ich längere Passagen gelesen, die wirklich wundervoll geschrieben waren und mich begeisterten. Sie beinhalteten ausreichend Spannung, die Wortwahl war hervorragend und man konnte den Text sehr flüssig lesen.
Dann gab es wiederum Abschnitte, in denen einige Aspekte mehrfach erwähnt wurden (z.B. Beschreibung eines Politikers) oder eine Sache ganz unterschiedlich beschrieben wurde. Auch die Einführung von neuen Personen und Orten war mir etwas zu hölzern. Allerdings bessert sich dies im Laufe des Buches enorm.
Diese Kritikpunkte sollen auch auf keinen Fall die Gesamtleistung des Autors schmälern. Ich denke, dass er ein ziemliches Potential hat. Allerdings fehlt noch ein bisschen Raffinesse für den großen Durchbruch. Doch das macht in gewisser Weise auch die Übung.
Daher werde ich seine zukünftigen Werke auf jeden Fall auch unter die Lupe nehmen.

ISBN: 978-3-8260-3985-0
Erscheinungsjahr: 2009 
Seitenanzahl: 228 
Sprache: deutsch
18€ 

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